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StartseiteBüchermarktLuftbeben14.02.2003

Luftbeben

Suhrkamp, 110 S., EUR 7

Peter Sloterdijk kann man sicherlich zu denjenigen Philosophen rechnen, die mit einem gewissen Kulturpessimismus die Nachtseite der menschlichen Vernunft auszuloten versuchen. Wie weit dabei allerdings seine Komplizenschaft mit dem Diagnostizierten geht, bleibt meist in einer dunkel gehaltenen Ambivalenz. So wiederholte er in seinem heftig diskutierten Essay "Regeln für den Menschenpark" im Grunde lediglich Nietzsches These, dass der neuzeitliche Humanismus im Bildungsstaat des neunzehnten Jahrhunderts nicht nur eine zivilisatorische Zähmung des Menschen entfalte, sondern in seinem Kern eine Züchtung sei. Nietzsches radikale Analyse der modernen biopolitischen Mächte inspirierte vor allem Michel Foucault und mit ihm eine ganze Schule dazu, nach den humanwissenschaftlichen Herstellungstechniken dieses Menschen zu fragen.

Leander Scholz

Bei Sloterdijk scheint dieselbe Inspiration eher eine Faszination zu sein. Der Skandal, den der Denker der raunenden Sätze mit seinen "Regeln für den Menschenpark" auslöste, bestand nicht in der schon häufiger geschehenen Verabschiedung des Humanismus, sondern in der Verknüpfung dieser Frage mit der aktuellen Debatte zur Gentechnik. Aber auch hier deutete Sloterdijk nur an, was sein Meister Heidegger schon mit Klarheit ausgesprochen hat. Nämlich dass es trotz der scheinbaren Wiederauflage des Humanismus nach dem Ende des Nationalsozialismus eine versteckte Kontinuität der faschistischen Biopolitik gab, die Heidegger etwa in der industriellen Mas sentierhaltung am Werk sah. Inzwischen ist es ein alter wissenschaftsgeschichtlicher Hut, dass die Erkenntnisse, die in den Konzentrationslagern auf grausamste Weise über den menschlichen Körper gewonnen wurden, nicht wertlos geblieben sind für das Fortschreiten des wissenschaftlichen Fortschritts.

Was Nietzsche schon anhand der Pädagogik des 19. Jahrhunderts analysierte und Jakob Taubes für das dritte Reich als rassistische Theozoologie beschrieb, sieht Sloterdijk in der Gentechnik einem weiteren Explikationsschritt ausgesetzt. Soweit gaben seine Thesen keinen Anlass zu einem Skandal, sieht man einmal von dem diffusen Faschismusverdacht ab, der zumindest für die deutsche Öffentlichkeit die Bedingung für jede Ökonomie der Aufmerksamkeit schlechthin zu sein scheint, in diesem Fall aber ebenso haltlos wie Sloterdijks weitere Argumentation war. Will man die quasi zoologische Selektion der Biopolitik nicht vollständig industriellen Interessen überlassen, so ist es laut Sloterdijk zwingend geboten, die Flucht nach vorne anzutreten und einen "Codex der Anthropotechnik" zu formulieren. Dass ein solcher Codex naturgemäß nicht von denen formuliert wird, die unter seine Anwendung fallen, ist für Sloterdijk keine Frage von politischer Brisanz. Stattdessen enden seine Ausführungen mit einer Referenz auf Pla-tons elitärem Staatsmodell, das von einem naturalisiertem Kastenwesen ausgeht, bei dem eine kleine Anzahl von Weisen die große Herde führt. Kein Zufall ist es, dass Platons zoologische Begrifflichkeit für Sloterdijk deshalb so wichtig ist, weil sie die Trennung von Führern und Geführten unhintergehbar erscheinen lässt. Auch wenn Sloterdijk zum Abschluss seines Essays beklagt, unseren Zeiten seien nicht nur die Götter sondern auch solche weisen Führer abhanden gekommen, darf man annehmen, dass diese Klage letztlich dazu dient, den seherischen Philosophen, wie Sloterdijk selbst einer sein will, wieder zu seinem Recht kommen zu lassen. Das eigentliche Skandalen besteht deshalb in dem Status, den Sloterdijk dem philosophischen Argumentieren zuweist. Und beinahe naturgemäß, könnte man sagen, richten sich seine Angriffe deshalb vor allem gegen Jürgen Habermas wohl als dem stellvertretenden Sachwalter der historischen Aurklärung schlechthin. Fast ist man mit einer Formulierung Hegels geneigt zu sagen, dass in der Figur Sloterdijk das allenthalben angekündigte Wassermannzeitalter zu sich selbst kommt.

In seinem Essay mit dem Titel Luftbeben wendet sich der Philosoph erneut einer Interpretation des 20. Jahrhunderts zu. Der zentrale Terminus, den er dazu erfindet, heißt "Atmoterronsmus" und führt das Projekt einer Sphärenanalyse fort, das Sloterdijk schon in früheren Schriften beschäftigt hat. Kurz zusammengefasst lautet seine These, dass sich die Originalität des 20. Jahrhundert erstens durch die neue Praxis des Terrorismus, zweitens durch die Idee des Produktdesigns und drittens durch das Aufkommen des Umweltgedankens verstehen lässt. Wobei die totalitäre Qualität der terroristischen zwischenstaatlichen Kriegführung die beiden anderen Merkmale nach sich zieht.

Im ersten Teil seines Essays zeichnet Sloterdijk die Entwicklung der deutschen Gasangriffe im ersten Weltkrieg nach, in denen sich erstmals die Umstellung von der Vernichtung des Feindes auf die Vernichtung dessen Lebensbedingungen vollzieht. Krieg wird nicht mehr als Kampf zwischen personifizierten Feinden verstanden, verbildlicht etwa im ehrenhaften Duell oder im ritterlichen Luftkampf, sondern als Vernichtung einer fremden Umwelt. Ernst Jünger hat das in seinem Roman "In Stahlgewittern" beschrieben als Verschwinden der Konstellation "Auge in Auge mit dem Feind". Mit dieser Umstellung dehnt sich die militärische Gewalt auch auf die Zivilbevölkerung und deren Lebensbedingungen bis hin zum nationalsozialistischen Programm des totalen Kriegs oder der verbrannten Erde aus. Aus der Tatsache, dass es eine personelle Kontinuität von den Strategen der Gaskriege zu den technischen Erfindern der Gaskammern und damit zum faschistischen Genozid gab, schlussfolgert Sloterdijk, dass auch der nationalsozialistische Staatsterror im Grunde ein "Atmoterronsmus" sei, weil sich das "In-der-Welt-sein" de facto als ein "In-Atembarem-Sein" zeige. In die Reihe solcher Explikationen des Atemraums fallen für Sloterdijk deshalb ebenfalls die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. All diese Phänomene entfalten aller erst ein Bewusstsein für die Atmosphäre. In dem, was Sloterdijk dabei Explikation nennt, zeigt er sich als treuer Schüler von Heidegger, der im Wesen des Technischen ein bisher ungeahntes "Entbergen" und eine unabschätzbare "Herausforderung" des Seins sah. Den Grund dafür, dass die mitunter grausamen Explikation der menschlichen Umwelt in einer ambivalenten ontologischen Faszination und ohne jede gesellschaftsanalytische Dimension nachgezeichnet werden, darf man in dieser Schülerschaft begründet sehen.

Als andere Seite des "Atmoterronsmus" beschreibt der Essay in einem weiteren Kapitel das zivile Design von Atemräumen etwa anhand von Klimaanlagen oder anderen Regelungstechniken, mit denen die Atmosphäre von menschlichen Räumen kontrollierbar wird. Die atembare Luft erscheint dabei nicht mehr als ein frei verfügbares Naturgut, sondern als etwas, das einer potentiellen Vergiftung ausgesetzt ist. Umwelt wird im 20. Jahrhundert zu einem Gegenstand des Misstrauens. Folge davon ist, dass sich das menschliche Leben, wie Sloterdijk sagt, durch "Selbstschließung und selektive Teilhabeverweigerung" stabilisiert. Die präventive Verwaltung von Körpergrenzen, und nicht nur der Atemorgane, rückt zunehmend in einen allumfassenden Immunitätsdiskurs. Schutz ist nur durch neue Körperformen der Abschottung gewährleistet, zuweilen auch vor dem eigenen Körper. Bestätigt kann man diese These durch das allerneuste Projekt des MIT sehen: Um den perfekten Soldaten auszurüsten, soll ein nanotechnischer Kampfanzug entwickelt werden, durch den der soldatische Körper von seinem Einsatzgebiet unabhängig wird. Man fühlt sich an den Roman Der Wüstenplanet von Frank Herbert erinnert, in dem eine High-Tech-Garderobe stinkenden Körperschweiß in kostbares Trinkwasser verwandeln kann.

So recht Sloterdijk mit dieser Genealogie des Umweltgedankens im 20. Jahrhundert hat, so fragwürdig sind die Schlüsse, die er daraus zieht. Denn die Wahrheit der zunehmenden Explikation der Umwelt durch den Menschen besteht nicht in einer Auslegung seines "In-der-Welt-seins", sondern in der Form seiner Vergesellschaftung. Die derzeitige Wende in den Kulturwissenschaften vom gesellschaftskritischen Diskurs zum anthropologischen zeigt sich ein weiteres Mal als eine Verkürzung der Perspektive. Vergeblich sucht man in Sloterdijks Studie nach der Beziehung des modernen ökonomischen Steigerungsimperativs und dem Austesten immer neuer Ressourcen der Verwertung, unter denen eben auch die atembare Luft sein kann. Aufgrund der rein anthropologischen Parameter liest sich der Essay Luftbeben wie die nachgelieferte naturgeschichtliche Begründung der zoologischen Thesen aus den Regeln für den Menschenpark.

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