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StartseiteBüchermarktLuftspiegelung eines fiktiven Landes05.01.2007

Luftspiegelung eines fiktiven Landes

Gianni Celati enttäuscht mit seinem neeun Roman "Fata Morgana"

Gianni Celati ist deutschen Lesern, speziell jenen, die ein Faible für die moderne italienische Literatur haben, als großer Erzähler kleiner Geschichten in Erinnerung: nämlich als der "Erzähler der Ebenen", wie sein erstes, auf deutsch erschienenes Buch hieß. Dessen geheimnisvolle, komische und absonderliche Geschichten merkwürdiger Helden und seltsamer Vorkommnisse der Po-Ebene verband er zu einem leuchtenden Kranz epischer Epiphanien.

Von Wolfram Schütte

Von einer Salzwüste geschützt ein phantastisches "Nowhereland" im nördlichen Afrika: Gamuna (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)
Von einer Salzwüste geschützt ein phantastisches "Nowhereland" im nördlichen Afrika: Gamuna (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)

Später dann hat er mit seinen Erzählungen "Der wahre Schein" oder "Cinema Naturale" deren Geschehnishorizont auf ganz Italien und darüber hinaus erweitert - wenn auch der 1937 geborene Celati jeglichen Regionalismus und die Bodenhaftigkeit des Neorealismus immer gemieden hat -. Selbst dort, wo er in vier kondensierten Reisetagebüchern im Po-Delta ganz nah und intensiv, wie er in "Landauswärts" schreibt, "vom Unterwegssein durch eine gottverlassene Öde erzählt, die aber gleichzeitig das normale alltägliche Leben ist".

Gianni Celatis Ästhetik setzt auf die Lakonie des Sichtbaren, das ihm als Reisenden vor Augen kommt. Er schreibt "Beobachtungsgeschichten: Jede Beobachtung muss sich von dem vertrauten Entzifferungskode, den sie bei sich hat, trennen, muss sich treiben lassen in mitten von allem, was sie nicht versteht, um eine Mündung erreichen zu können, wo sie sich verloren fühlen wird". Man geht wohl nicht fehl mit der Vermutung, es mit einem verschämten Metaphysiker zu tun zu haben.

Sein jüngster Roman - wie alle seine Bücher kundig von Marianne Schneider übersetzt - heißt "Fata Morgana" und ist auch eine: die Luftspiegelung eines fiktiven Landes Gamuna, seiner Bewohner und deren Sitten, Gebräuche, Mythologien & Eigenarten. Soweit ich sehe, hat "Fata Morgana" aber mit Celatis früheren Büchern nichts zu tun - außer, dass es vom selben Autor stammt, der heute im südenglischen Brighton lebt und sich mit "Fata Morgana" zwar nicht Tolkiens keltischer Märchenwelt, aber denn doch dem Genre der weltverrückenden Fantasy verschrieben hat. Oder hat sich der Italiener in England dorthin eher verstiegen?

Der Erzähler, dem wir diese romanhafte Kompilation aus Aufzeichnungen ehemaliger Besucher von Gamuna und dessen Hauptstadt Gamuna Valley verdanken, lebt einsam und isoliert in einem Dorf der Normandie und begibt sich ganz am Ende des Buchs über den Kanal in ein südenglisches Dorf, wo ihn eine seiner Zeugen, die vietnamesische Missionsschwester Tran, erwartet - "auf der Schwelle einer Nervenklinik".

Was möchte uns Celati mit diesem letzten Wort seiner "Fata Morgana" sagen? Es bleibt so rätselhaft, wie fast alles an dieser literarischen Luftnummer, deren einzelne Kapitel Monatsnamen tragen ohne narrativen Sinn; und auch die literarische Komposition zwischen der "Ankunft im Land der Gamuna" und dem "Ende von Gamuna Valley" schlägt weder aus dem Verhältnis von Erzähler und Erzähltem Funken, noch gewinnt der kleinteilige Bericht von dieser Fantasy-Gesellschaft scharfe Konturen.

An die Stelle des großen Erzählers kleiner Geschichten ist hier ein verwirrter, auch lustloser Sammler von fiktiven Fakten über eine exotische Gesellschaft getreten, die hinter einem Basaltmassiv verborgen und von einer Salzwüste geschützt als phantastisches "Nowhereland" im nördlichen Afrika existieren soll.

Vermutlich schwebte dem Anglisten Celati zuerst eine satirische Gegenutopie wie zum Beispiel Samuel Butlers "Erewhon oder Jenseits der Berge" vor; dann eine Parodie der kulturanthropologischen Literatur seit Margret Meads Südseestudien; schließlich noch eine Reflexion über das Verhältnis von Erster und Dritter Welt. In diesem Kuddelmuddel von möglichen literarischen Intentionen, die immer mal wieder hinter den berichteten Vagheiten aufscheinen, die Celati ohne Witz oder erzählerische Verve hier als Gesellschaftsporträt im Zustand seiner ermüdend weitläufigen Beschreibung versammelt, hat sein schwermütiger Bericht von einer heillosen Welt Antrieb, Ziel & Richtung verloren.

Gianni Celati: Fata Morgana. Roman. Aus dem Italienischen von Marianne Schneider. Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 2006, 221 Seiten, 19,50 Euro

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