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StartseiteBüchermarktSchweizer Normalität im Wanken23.09.2016

Lukas Hartmann: "Ein passender Mieter"Schweizer Normalität im Wanken

Gerhard und Margret Sandmaier führen eine gutbürgerliche, aber ereignislose Ehe. Als ihr Sohn von Zuhause auszieht, bricht eine Welt für sie zusammen. In ihrem neuen Mieter findet Margret einen Ersatzsohn. Doch der Schein trügt. Christoph Schröder hat Lukas Hartmanns neuen Roman gelesen. Begeistert ist er allerdings nicht.

Von Christoph Schröder

Lukas Hartmann , aufgenommen am 10.10.2013 auf der 65. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen). (picture alliance/ dpa/ Uwe Zucchi)
Der neue Roman von Lukas Hartmann ist recht vorhersehbar, findet Christoph Schröder. (picture alliance/ dpa/ Uwe Zucchi)
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Die große Krise beginnt für Gerhard und Margret Sandmaier an jenem Tag, an dem ihr 22-jähriger Sohn Sebastian auszieht. Von einem Augenblick auf den anderen scheint dem Paar der Lebensinhalt abhandengekommen zu sein. Dabei sieht nach außen hin alles bestens aus: Zwei Menschen Mitte fünfzig, er Hochschullehrer, sie Aushilfsbuchhändlerin, die in ihrer Freizeit Flüchtlingen Deutsch beibringt. Dazu ein schönes Haus in solider Wohnlage und ein Sohn, der Theologie studieren will.

"Eine Ehe, die in Lieblosigkeit erstickt"

Der Schweizer Bestsellerautor Lukas Hartmann zeigt in seinem neuen Roman ein Paar, dessen Ehe in Routine und Lieblosigkeit erstickt ist und das sich in dem Versuch, die Leere zu füllen, einer noch größeren Katastrophe ausgesetzt sieht. Gerhard und Margret vermieten die kleine Einliegerwohnung, in der zuvor der Sohn gelebt hat, an Beat, einen unauffälligen und höflichen, nur etwas verklemmt wirkenden jungen Fahrradmechaniker. Doch schon nach kurzer Zeit ergreift Margret ein Unbehagen. Heimlich dringt sie in Beats Zimmer ein und stößt dort auf Zeichnungen, die sie beunruhigen.

"Erst erkannte ich nicht, was die leicht verwischten Striche darstellten, dann wurde es mir klar: zwei gespreizte Beine mit einem dunklen Schamhaardreieck, nur dies. Harmlos eigentlich, und doch schockierte mich dieser Anblick so sehr, dass ich an der Wand nach Halt suchte. Hatte ER das gezeichnet? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen, nicht diese rohe Form von sexuellem Interesse."

Hartmanns Roman plätschert einfach so dahin

Ein Gewalttäter hält die Stadt in Atem. Er überfällt junge Frauen und verletzt sie mit einem Messer. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis es die erste Tote gibt. Und es ist so unplausibel wie wenig überraschend, dass sich herausstellt, dass es sich bei diesem Verbrecher tatsächlich, wie von Margret vermutet, um Beat handelt. Plätscherte der Roman bis zu dieser Entdeckung wenigstens nur in einer von Hartmanns umständlicher Sprache getragenen gepflegten Langeweile dahin, wird er ab dem Zeitpunkt von Beats Verhaftung komplett hanebüchen.

In gröbster psychologischer Vereinfachung entwickelt Hartmann ein Modell, bei dem er den vermeintlichen Verlust des Sohnes Sebastian – der sich in Wahrheit nur deswegen so selten meldet, weil er seine nervtötende Mutter schwer ertragen kann; man kann das gut verstehen – und die Verhaftung Beats parallelisiert. Beat wird zu Margrets fixer Idee. Sie beginnt, ihm Postkarten zu schreiben und knüpft enge Kontakte zu dessen Mutter. Darüber wird ihr Zustand schlechter und schlechter, man möchte gerne begreifen, warum eigentlich, und das Verhältnis zu ihrem emotional verkümmerten Mann steuert auf einen neuen Tiefpunkt zu.

"Woran litten wir eigentlich? Tatsächlich an der Sache mit Beat? Oder an uns?"

Margret besucht Beat im Gefägnis und dreht durch

In bester Vorhersehbarkeit läuft dieser an Klischees und Stereotypen reiche Roman auf eine dramatische Begegnung zu: Nach einem dreiwöchigen Kuraufenthalt besucht Margret Beat, den ehemaligen und vermeintlich so passenden Mieter, im Gefängnis und fühlt sich dort von ihm nicht Ernst genommen in ihrem Helfersyndrom. Die Hoffnung, Beat würde sie von ihren Schuldgefühlen, nicht rechtzeitig eingegriffen zu haben, lossprechen, erfüllt sich nicht. Stattdessen glaubt Margret, von dem jungen Mann verspottet zu werden– und dreht durch. 
 
"Etwas in ihr zerbarst: "Du Schwein! Du Schwein!" Das war nicht sie, die aufsprang, sich weit über den Tisch beugte, das war nicht sie, die ausholte, das war nicht sie, die ihm eine brutale Ohrfeige versetzte, es war nicht sie, die ihn am Jackenkragen packte und zu würgen begann, bis er sie mit einem Wehlaut zurückstieß, Kinobilder, verstörende, alles in beschleunigter Zeit."

"Es gibt ein seifiges Happy End"

"Ein passender Mieter" ist ein Roman von jener Sorte, bei dem schon relativ früh zu bemerken ist, dass etwas schiefläuft. Man fragt sich, wie einem routinierten Autor wie Lukas Hartmann ein so quälend langweiliges, in der Figurenzeichnung schematisches und in der Sprache altbackenes Buch unterlaufen konnte. Dass wir es schließlich auch noch mit einem seifigen Happy End zu tun bekommen, in dem sich plötzlich alle komplizierten Seelenverknotungen glatt auflösen, passt ins Bild.

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