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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Die Reformation steht noch aus"31.10.2016

Luther-Jubiläum"Die Reformation steht noch aus"

Luther hat vor 500 Jahren den Buchdruck massiv angekurbelt - und zum Reformationsjubiläum tut er es wieder. Aus der Fülle der Bücher ragt das Werk des evangelischen Theologen und Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann heraus. Seine Geschichte der Reformation ist ein Buch, das glücklich machen kann.

Von Andreas Main

Denkmal für den deutschen Reformator Martin Luther auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg (dpa / picture alliance / Jens Wolf)
Denkmal für den deutschen Reformator Martin Luther auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg (dpa / picture alliance / Jens Wolf)
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Irgendwo auf den 500 Seiten seiner fulminanten Reformationsgeschichte schreibt Thomas Kaufmann: "Eine 'deutschere' Gestalt als Luther hat es schwerlich gegeben." Dennoch: Mit deutschem Lutherkult, wie er bei den meisten Lutherjubiläen der vergangenen 500 Jahre gepflegt wurde, hat der Göttinger Kirchenhistoriker nichts am Hut. Das zeigt der Paukenschlag gleich am Anfang seines lesenswerten Buches. Schon im ersten Satz von "Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation" schlägt Kaufmann einen Ton an, der sich bis zur letzten Seite durchzieht - ein Satz, der die Nüchternheit und die Gelehrsamkeit des Autors widerspiegelt. Dieser erste Satz von Thomas Kaufmann lautet:

"Wittenberg, 'am Rande der Zivilisation'. Von diesem traditionslosen deutschen Universitätsstädtchen ausgehend, wurde die Reformation binnen kürzester Zeit zu einem europäischen Ereignis."

Ein europäisches Ereignis, ein extrem dynamischer Kommunikationsprozess, der weit über deutsche Lande hinausgeht - das ist für Kaufmann die Reformation. Es ist ausgerechnet ein evangelischer Theologie-Professor, der das große Bild im Auge behält: Europa, die Welt. Während Feuilletonisten, Schriftsteller und andere Edelfedern Luther anlässlich des Reformationsjubiläums hochjubeln und stilisieren, bewahrt der evangelische Kirchenhistoriker Distanz. Ihm gelingt es, sich von dieser Überfigur zu befreien, ihn in die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, in die Denkaufbrüche seiner Zeit, ja, in die Weltgeschichte einzubinden. Kaufmann hat einen freien Blick - und eröffnet neue freie Blicke. "Erlöste und Verdammte" von Thomas Kaufmann ist für mich das wichtigste Buch zum Reformationsjubiläum.

Europa bekommt ein neues Gesicht

Kaufmann liefert auch Merksätze wie diesen, die zeigen: Wir haben es hier mit einem eminent politischen Buch zu tun:

"Im Zeitalter der Reformation erhielt Lateineuropa ein neues Gesicht. Nicht mehr die Einheit der 'Christianitas' mit dem Papst als sichtbarem Haupt, der in der alten Kapitale des Imperiums, Rom, residierte, sondern eine Vielzahl einzelner Länder prägte den Geschichts- und Kulturraum. Dieses Europa der Nationen ist nicht durch die Reformation entstanden, aber befördert worden."

Die Reformation und der Modernitätsschub

Am Anfang war Luther. Das sagt auch Kaufmann. Und doch setzt er auf den ersten 80 Seiten seines Buches ganz auf den Weitwinkel: Er nimmt die gesamte europäische Christenheit um 1500 in den Blick. Dann zoomt er näher ran. Sehr nah. Auch nach Wittenberg. Aber zum Beispiel auch nach Zürich: zu Zwingli. Er analysiert die frühe Reformation im Reich bis 1530. Dann wieder der Panoramablick: ein Parforce-Ritt durchs "reformatorische Europa bis 1600". Hier im zweiten Drittel kann dem Leser schon mal der Überblick verloren gehen, sofern er keine Vorkenntnisse hat. Doch dann macht Kaufmann den Sack zu und reflektiert, wie die Reformationsjubiläen in den vergangenen 500 Jahren wahrgenommen wurden und werden, etwa das erste, 1617 oder das jüngste: 2017.

Dass Kaufmann die Langzeitwirkungen der Reformation im Auge behält, macht die Lektüre zu einem Gewinn. Denn was in dem Wirbel jener Jahre entstand, wirkt sich bis heute aus. Thomas Kaufmann: 

"Nie zuvor hatte die lateineuropäische 'Christianitas' Grundfragen des christlichen Glaubens in so kurzer Zeit und mit einer solchen Intensität so kontrovers überdacht wie in dem Jahrzehnt zwischen 1520 und 1530. In dieser medien- und kommunikationsgeschichtlichen Dynamik der Reformation einen 'modernen' Zug zu sehen, ist angemessen und unabweisbar."

Der Modernitätsschub, der von der Reformation ausgeht, ist auch für Kaufmann ohne das Printmedium nicht denkbar. In seinen Worten:

"Ohne Gutenbergs Erfindung wäre Luther nicht möglich gewesen; ohne Luthers Sprachkraft aber wären die geschichtsverändernden Potentiale, die der Erfindung des Mainzer Meisters innewohnten, bis auf weiteres unentdeckt geblieben."

"Notorische Staatsnähe protestantischer Kirchen"

Kaufmann bleibt aber kritisch. Er spricht von einer "notorischen Staatsnähe des kirchlichen Protestantismus" - besonders in Skandinavien und England, aber auch hierzulande, wo Luther und andere Reformatoren ihr Werk mit Hilfe der Obrigkeit durchsetzten. Kaufmanns Kommentar:

"In dem Maße, in dem die Reformation 'verstaatlicht' wurde, wurde sie restaurativ. Nach einer heißen Phase beschleunigten Wandels verlangsamte sich das Tempo der Veränderung; bald dominierte die Ordnung."

Ein Buch, das glücklich machen kann

Kaufmanns Buch kann Leser glücklich machen, die eine innere Bindung an die Kirchen haben. Nach der Lektüre werden sie besser verstehen, warum ihre Kirche ist, wie sie ist. Es kann auch Theologen und Historiker glücklich machen. Denn - soweit das zu überblicken ist - hat Kaufmann alles zusammengetragen und neu durchdacht, was Reformationshistoriker bisher gedacht haben. Dieses Buch kann aber auch jene glücklich machen, die beim Stichwort Luther oder Reformation in Deckung gehen. Denn Thomas Kaufmann zeigt, wie Geschichtsschreibung sein kann: spannend, unterhaltsam und intelligent zugleich. Er lässt einerseits Luther oder seine Kontrahenten poltern, agitieren, zuspitzen - andererseits erzählt er in aller Ruhe und analysiert multiperspektivisch.

Dieser Professor aus Göttingen will verstehen - alle Kontrahenten. Er stellt sich neben oder über seine Protagonisten und ausgerechnet durch diese Distanz entsteht eine große Nähe. Diese Nüchternheit beim Betrachten eines auch religiösen Großkonflikts könnte in unseren aufgeheizten, teils sehr schlichten Debatten rund um einen neuen auch religiösen Großkonflikt unserer Tage hilfreich sein - wenn nicht erlösend.

Unvollendete Reformation?

Und dann die Ausstattung: Dieses Buches ist nicht einfach bebildert. Die üppigen, edlen Illustrationen sollen das im Text Gesagte unterstützen und transzendieren. Einfach wunderbar, dieser Tiefgang und Beleg eines umfassenden Überblicks über die Kunstgeschichte im Wechselspiel mit Politik- und Geistesgeschichte.

Ich habe mit den ersten Worten dieses Buches begonnen. Ich ende mit den letzten. Was dieser Satz meint, soll hier nicht verraten werden. Lesen Sie selbst! Sie werden bereichert. Der letzte Satz lautet: "Die Reformation steht noch aus."

Thomas Kaufmann: "Erlöste und Verdammte: Eine Geschichte der Reformation"
C.H. Beck 2016, 508 Seiten, 26,95 Euro

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