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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Lutz Hachmeister; Friedemann Siering: Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945.09.12.2002

Lutz Hachmeister; Friedemann Siering: Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945.

C.H. Beck Verlag München (Beck'sche Reihe) 2002, 326 Seiten, Euro 14,90

<strong>Es war ein sonderbarer Leitartikel, der 1946 in der Weihnachtsausgabe der frisch gegründeten Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" erschien. Unter der Überschrift "Friede auf Erden" machte Richard Tüngel, Chefredakteur des Blattes, seinem Ärger über die politische Situation Luft. Die Lage der Deutschen am Ende des Krieges verglich er mit der der Juden zur Geburt Jesu Christi. Auch Deutschland sei besetzt, seine Bewohner hätten nur so viele Rechte, wie es die Besatzungsmächte für nötig hielten. Zu der inzwischen so renommierten liberalen Zeitung scheinen derartige Töne aus heutiger Sicht nicht so recht zu passen. Doch die "Zeit" der frühen Jahre – sie war mit einem Wort Ralf Dahrendorfs "weiter rechts als die CDU". Und wie in den meisten deutschen Zeitungen nach 1945 bot sie in ihren Anfangsjahren auch Journalisten mit einer braunen Vergangenheit eine neue berufliche Perspektive. Diese Geschichte der westdeutschen Presse nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentieren nun Lutz Hachmeister, langjähriger Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, und der Kölner Journalist Friedemann Siering in einem neuen Sammelband. Er trägt den Titel "Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945". Niels Beintker stellt Ihnen das Buch vor.</strong>

Niels Beintker

Deutschsprachige Unterhaltungskultur Anfang der 60er Jahre, ein wenig bieder und steif. Doch was die Macher dieses Schlagers in schmissigen Cha-Cha-Melodien zum Ausdruck brachten, das passt nicht nur zum Wirtschaftswunderland Bundesrepublik, sondern spiegelt auch ein Stück gesellschaftlicher Realität der frühen Jahre. Denn mit der Konjunktur gegangen sind auch viele Beamte, Juristen und Wissenschaftler, die bereits im Dritten Reich wichtige Positionen bekleideten und trotz ihrer braunen Vergangenheit in der Demokratie noch einmal Karriere machten. Eine wirklich radikale Stunde Null, sie gab es in den wenigsten Bereichen der deutschen Gesellschaft. Auch nicht im Journalismus, wie Lutz Hachmeister und Friedemann Siering in ihrem Sammelband zeigen. Herausgeber Friedemann Siering:

Die alten Zeitungen, die alten Zeitungstitel, durften erst einmal nicht erscheinen. Es gab Lizenzzeitungen, die sich doch zum Teil als sehr lebensfähig erwiesen haben. Es gab allerdings in den Redaktionen, in den einzelnen Besatzungszonen, durchaus unterschiedlich Kontinuitäten. Das heißt, dass Leute, die schon im Dritten Reich schon geschrieben hatten, dann wieder schreiben konnten.

Am Beispiel der heute führenden Tageszeitungen und politischen Magazine erforschen die Autoren, zumeist selbst in der tagesaktuell schreibenden Zunft zu Hause, die frühen Jahre der bundesrepublikanischen Presselandschaft. Ihr Befund: Die großen Medien haben sich zwar eifrig an den Debatten um die unbewältigte Vergangenheit in Deutschland beteiligt. Von der Lage im eigenen Haus aber, in den Verlagen und Redaktionsräumen haben sie bislang wenig berichtet. Zum Beispiel die FAZ. Zu ihrem 50. Jubiläum veröffentlichte die große Zeitung für Deutschland zwar einen Abdruck ihrer Erstausgabe vom 1. November 1949. Ihre Anfangsjahre kommentierte sie dagegen kaum. Doch gerade die sind besonders interessant, zeigt Friedemann Siering in seinem Aufsatz:

Es ist eine Gründung, an der beteiligt waren einerseits Emigranten und andererseits NS-Funktionäre. Zum Beispiel Otto Klepper. Otto Klepper war der letzte preußische Finanzminister, ein ausgesprochener Hitler-Gegner, der 1933 ins Exil gegangen ist, dann zurück gekommen ist und sich dann an der Gründung der FAZ beteiligt hat. Und zugleich waren in der FAZ-Geschäftsführung Funktionäre aus dem NS-Presseapparat. Einer der beiden, Viktor Muckel, hat in den 30er Jahren zum Beispiel von 'jüdischen Profitjägern’ geschrieben. Und das war derselbe Mann, der für die FAZ den Slogan erfunden hat: ,Dahinter steckt immer ein kluger Kopf’.

Neben Viktor Muckel gehörte Erwin Finkenzeller, seit 1926 Mitglied der NSDAP, zur Geschäftsführung der Frankfurter Allgemeinen. Otto Klepper, der Regimegegner und Emigrant, sah in beiden "durchaus anständige Leute", deren Kräfte es trotz ihrer unliebsamen Vergangenheit zu gewinnen gelte. Und nicht nur manch braver Parteigenosse fand in der jungen FAZ eine neue publizistische Heimat. Auch die konservativen Gegner der Republik von Weimar schrieben wieder eifrig drauflos, wie Friedrich Sieburg zum Beispiel, 1956 zum Chef des Literatur-Ressorts der FAZ gekürt. Für Lutz Hachmeister ein ehemaliger publizistischer Wegbereiter der Nazis, der nun wieder gegen die Demokratie wetterte.

Wir sind geboren für einen Verwaltungsstaat. Wir haben immer geglänzt durch Verwaltungsbeamte und niemals durch Großtaten des Parlamentes. Das Parlament hat sich in der Abwehr seiner Diffamierung durch seine Gegner als nicht sehr kräftig erwiesen. Dagegen ist diese Institution der Verwaltung, des Beamten, durch gekommen durch alle Katastrophen und hat sich im Großen und Ganzen als tüchtig und integer bewiesen.

Die FAZ war kein Einzelfall. Abgesehen von der Frankfurter Rundschau, deren Neugründung streng von der amerikanischen Militärverwaltung überwacht wurde, kamen die Kollegen mit brauner Vergangenheit bei nahezu allen Zeitungen unter. Auch bei dem großen deutschen Nachrichtenmagazin, das der junge Rudolf Augstein im Januar 1947 erstmals auf den Markt brachte:

Für alle war das eine Pionierzeit. Für alle. Für alle, die zum Zuge kamen. Natürlich auch für mich.

Trotzdem kamen auch sie in den fünfziger Jahren zum Zuge, wie Lutz Hachmeister in seinem Beitrag über den Spiegel zeigt: Horst Mahnke und Georg Wolff, beide SS-Offiziere und Mitarbeiter in Reinhard Heydrichs "Sicherheitsdienst", nun Ressortchefs für "Ausland" und "Internationales". Bernhard Wehner, Polizeireporter, vor 1945 Kriminalrat und SS-Hauptsturmführer. Paul Karl Schmidt, einst SS-Obersturmbannführer und Pressechef des Auswärtigen Amtes. Ihre Anstellung räumte Rudolf Augstein später ein. Und doch scheint sie nicht ganz so zu passen zum linksliberalen "Sturmgeschütz der Demokratie", als dass der Spiegel spätestens seit der nach ihm benannten Affäre von 1962 galt. Leo Brawand, Wirtschaftsredakteur der ersten Stunde:

Wenige hatten journalistische Erfahrung. Man darf nicht vergessen, die richtigen Redakteure waren ja alle in der Nazi-Partei gewesen und waren sofort alle von Berufsverbot betroffen. Das heißt, wir waren eine richtige Laienspielgruppe.

Die alten Kameraden lieferten wichtige Tipps und Informanten aus der untergegangenen Welt. Sie wurden bewusst von Rudolf Augstein und Hans-Detlef Becker eingestellt, so die These von Lutz Hachmeister. Kühl hätten der Herausgeber und der Redaktionsmanager mit den Insider-Kenntnissen ihrer Kollegen kalkuliert, um damit ein zentrales Thema des Spiegel, den Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, investigativ bearbeiten zu können. In der Tat hat das Magazin etliche NS-Delikte ausgegraben. Die wohl prominentesten Fälle dabei waren – freilich lange nach dem Ausscheiden der Kollegen mit Vergangenheit – der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger und Werner Höfer. Auch ein Journalist.

Guten Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren. Hier ist wieder der Internationale Frühschoppen mit sechs Journalisten aus fünf Ländern.

Werner Höfers gesellschaftspolitische Plauderstunde am Sonntagmittag war eine Institution in der Bundesrepublik. Fast 1.900 mal ging Höfer auf Sendung, ehe ihn Ende der 80er Jahre die Vergangenheit einholte. 1943 erschien unter seinem Namen ein Artikel im Berliner 12-Uhr-Blatt, in welchem Höfer die Hinrichtung des Pianisten Karlrobert Kreiten durch die Nazis rechtfertigte. Der prominente Moderator und Vertreter eines liberalen, demokratischen Journalismus bestritt: Der Bericht stamme in Teilen gar nicht aus seiner Feder, gerade die belastenden Passagen seien ihm von den Vorgesetzten hinein redigiert worden. Der Spiegel schrieb über den "Schreibtischtäter" Höfer und läutete damit seinen raschen Rückzug von der Mattscheibe ein. Rudolf Augsteins Trinkspruch an den telefonisch aus Sylt zugeschalteten Moderator, aufgezeichnet in einer besonders legendären Frühschoppen-Ausgabe, sollte nicht mehr in Erfüllung gehen:

Ad multos annos. Mögen Sie im Jahr 2000 hier noch den Frühschoppen machen, lieber Herr Werner Höfer. Prosit für Sie. – Ich bedanke mich und proste zurück mit Sylter Welle.

Ob und wie bei einzelnen Journalisten die Tätigkeit für die demokratischen Blätter nach 1945 zu einer bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in der braunen Diktatur führte – diese Frage kann freilich nur in einer genauen biographischen Analyse erfolgen. Doch darum geht es Lutz Hachmeister und Friedemann Siering nicht. Eine pauschale moralische Verurteilung liegt ihnen fern. Vielmehr wollen sie die strukturelle Entwicklung der frühen bundesrepublikanischen Presse aufzeigen und dabei das für diese Zeit zentrale Problem von Kontinuität und Neuanfang beleuchten.

Die Journalisten, die da geschrieben haben, die vorher gelernte Antidemokraten waren und sich dann in der Adenauerzeit als gelernte Demokraten gaben, die haben einfach sich angepasst, ganz simpel angepasst. Und ich finde das ganz interessant, was Claus-Heinrich Meier rückblickend geschrieben hat über seine Zeit als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Bonn, der diese Leute erlebt hat: Die ehemaligen NS-Schreiber, wie sie dann in den Pressekonferenzen saßen, wie sie dann mit Adenauer geredet haben, was das für ein Klima war. Und er hat geschrieben: ,Allmählich verdichtete sich der Verdacht, dass bestimmte Sprachverehrungsmelodien, Haltungen, Gesten, der ganze auf Adenauer konzentrierte Personenkult nichts anderes sein konnte als eine fortgesetzte Übertragung frisch vergangener Führerliebschaft durch gelernte publizistische Antidemokraten.

Ein kritischer, liberaler Journalismus – er entwickelte sich nach dem Krieg erst Stück für Stück. So gewohnt er heute scheint, so wichtig ist es auch, seine Anfänge nicht außer Acht zu lassen und über diese öffentlich zu diskutieren. Der Sammelband von Lutz Hachmeister und Friedemann Siering bietet dazu Gelegenheit. Er sollte freilich nicht verstanden werden als ein Steinwurf aus dem gläsernen Haus.

Niels Beintker über: Lutz Hachmeister und Friedemann Siering: "Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945." Erschienen in der Beck'schen Reihe des C.H. Beck Verlages, München, 326 Seiten für Euro 14,90.

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