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StartseiteBüchermarktTagebuch einer Dissidentin07.08.2015

Lydia Tschukowskaja: "Untertauchen"Tagebuch einer Dissidentin

Lydia Tschukowskaja gelingt es in ihrem Roman "Untertauchen", mit menschlicher Wärme und Einfühlungsvermögen das Funktionieren eines totalitären Systems - aber auch den unerschrockenen Widerstand dagegen - am Verhältnis der Menschen zur Sprache zu zeigen. Das macht ihr Buch unvergänglich aktuell.

Von Karla Hielscher

Die Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und unbeugsame Dissidentin Lydia Tschukowskaja ist in die russische Literaturgeschichte der Sowjetzeit eingegangen als Vertreterin einer Kultur des Widerstands, als "Gewissen" ihres Volkes. Unvergessen bleibt ihr mutiges öffentliches Eintreten für verfolgte Schriftsteller, ihr offener Brief an Scholochow, für dessen Verhalten verurteilten Literaten gegenüber sie sich schämt, ihre stolze Rede als sie 1974 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Lydia Tschukowskaja verkörpert mit ihrem lebenslangen Kampf gegen ein scheinbar unbesiegbares staatliches System von Lüge und Propaganda die besten Traditionen der russischen Literatur.

Ihr Roman "Untertauchen" entstand bereits in den 50er Jahren, konnte in Russland aber erst zur Zeit der Perestrojka erscheinen. In diesem Buch hat sie eigene Erfahrungen bewegend und überzeugend literarisch verarbeitet. Die Handlung spielt 1949 in einem Erholungsheim für Schriftsteller, eine Zeit, als das Land durch die antisemitische Kampagne gegen den sogenannten "Kosmopolitismus" von einer neuen Welle stalinistischer Repression erfasst wurde.

Es sind die Tagebuchaufzeichnungen einer Schriftstellerin und Übersetzerin, die im Winter dieses Jahres ein paar Wochen in diesem idyllisch gelegenen Haus verbringt und so dem Lärm und ewigen Streit ihrer großstädtischen Kommunalwohnung entfliehen kann. Hier sucht sie Ruhe, um durch "die Begegnung von Stille und Erinnerung" im Schreiben unterzutauchen. Erzählt wird also ganz aus der Innenperspektive der Ich-Erzählerin Nina Sergejewna, die deutlich autobiografische Züge trägt. In Gesprächen mit den anderen Gästen, den Angestellten des Heims und Bewohnern des nahen Dorfes entfalten sich tragische menschliche Schicksale, entsteht ein detailliertes Bild der geistigen Atmosphäre dieser bedrückenden Zeit. Dem privilegierten Dasein der Schriftsteller in ihrem luxuriösen Sanatorium wird die bittere Armut der Dorfbewohner gegenübergestellt. Und die Soldatengräber im Wald erinnern daran, dass die Schrecken des Krieges noch ganz nahe sind.

Auf den inneren Wesenskern des Buches verweist das Motto von Tolstoj, das dem Roman vorangestellt ist:

"Die Moralität des Menschen zeigt sich in seinem Verhältnis zum Wort."

Das eigentliche Thema nämlich ist der Umgang mit der Sprache. Der ganze Text lebt von der Konfrontation der sensiblen, emotionalen Sprache der Autorin, mit der Natur beschrieben oder echte Dichtung zitiert und erlebt wird, und der offiziellen Sprache der politischen Lüge.

Atmosphäre voller Angst

Ninas Trost und Halt in dieser Zeit ist die klassische russische Lyrik, die sie auf ihren täglichen Spaziergängen durch die Winterlandschaft immer wieder beschwört:

"Im Wald ist es heute grau, grau und matschig. Unter den Füßen bläulicher Schneebrei. Aber hier, in der freien Natur, ist auch der Matsch schön – silbern, und es ist schade, ihn zu zertreten. Als ich mich umsah und mich überzeugte, dass ich allein war, begann ich Gedichte zu sprechen, die Laute an diesen Birken, an diesem unbeständigen Schnee auszuprobieren. Ich versuchte es mit Puschkin, Pasternak, Nekrasow, mit Achmatowa. Ja, es stimmt, alles ist hier zu Hause. Alles gehört hierher. Alle Worte sind auf dieser Erde gewachsen und strecken sich zum Himmel wie diese Birken."

Aber aus Radio und Presse tönen aufdringlich und bedrohlich die Worthülsen und Sprachklischees, mit denen die neuen "Volksfeinde" angeschuldigt und "entlarvt" werden:

"Kosmopolitische Abweichungen. Antipatriotisches Wesen. Verbindungen mit Amerika. Volksfeindliche Umtriebe. Die tiefen Wurzeln des Zionismus. (.... ) An Fäulnisprozessen interessierte Taschenspieler."

Wie diese angstgesättigte Atmosphäre die Menschen verkrüppelt, wird an ihrer Sprache deutlich. Ninas Tischnachbar, ein junger Journalist der "Literaturzeitung", der im privaten Gespräch ganz normal und freundlich redet, denunziert auf einer Konferenz seine Kollegen in einer vorgestanzten Schablonensprache als "Formalisten, Kosmopoliten, fanatische Anhänger alles Ausländischen".

Und der jüdische Schriftsteller, dessen Frau und zwei seiner Kinder im Getto von Minsk verbrannt sind, erzählt Nina, dass sein Sohn Jascha in der Schule wegen seiner jiddischen Aussprache verspottet wird. Aber – da das jüdische Thema absolut tabuisiert ist – gebraucht er nicht etwa das Wort Antisemitismus, sondern sagt über die Schule verklausuliert:

"Sie achten bei der Erziehung zu wenig auf die internationalen Aspekte."

Die Hauptlinie der Handlung entfaltet Ninas Beziehung zu ihrem Schriftstellerkollegen Bilibin, der auf einem Waldspaziergang das Schweigetabu bricht und ihr gesteht, dass er im Lager war. Er beginnt "mit der gleichen Unersättlichkeit" darüber zu reden, mit der sie ihm zuhört. Denn auch ihr Mann ist im Terrorjahr 1937 verhaftet worden und nie zurückgekommen. Zum ersten Mal hört sie Fakten, Einzelheiten über das Lagerleben von einem, der es selbst durchlebt hat. Dadurch wächst in ihr eine große seelische Nähe, ja fast Liebe zu diesem Mann, die jedoch bitter enttäuscht wird. Als sie nämlich das Manuskript des Buches, das Bilibin in diesen Wochen verfasst hat, liest, muss sie schockiert feststellen, dass er die Details seiner entsetzlichen Lagererfahrungen zu einem linientreuen sozialistisch realistischen Produktionsroman umgeschrieben hat.

Lydia Tschukowskaja gelingt es, mit menschlicher Wärme und Einfühlungsvermögen das Funktionieren eines totalitären Systems - aber auch den unerschrockenen Widerstand dagegen - am Verhältnis der Menschen zur Sprache zu zeigen. Darin liegt die unvergängliche Aktualität dieses Buches.

Lydia Tschukowskaja: "Untertauchen", Roman. Aus dem Russischen von Swetlana Geier mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes; Dörlemann Verlag AG, Zürich  2015,  255 Seiten, 18,90 Euro.

 

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