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StartseiteBüchermarktGedichte mit doppeltem Boden30.11.2016

Lyrik von Rolf PerschGedichte mit doppeltem Boden

Lakonische Alltagsbeobachtung, knappe Form, pointiertes Sprachspiel, hintergründiger, zuweilen abgründiger Humor: Das ist charakteristisch für Rolf Perschs Gedichte. Der Schriftsteller Norbert Hummelt, selbst Lyriker, hat sich nach dem Tod von Rolf Persch um dessen Werk gekümmert und nun einen Gedichtszyklus aus dem Nachlass veröffentlicht.

Von Christel Wester

Der Schriftsteller Norbert Hummelt. (imago/gezett)
Der Schriftsteller Norbert Hummelt hat Gedichte aus dem Nachlass von Rolf Persch herausgegeben. (imago/gezett)
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Ein Text von Norbert Hummelt Auf einen Sprung zu Gottfried Benn

"die natur
stört
nicht nur"

Ein typischer Persch, dieser Dreizeiler: minimalistisch, kein Wort zu viel. Perfekt beherrschte der Autor die Kunst der Reduktion. Sparsam setzte er sein Material ein und erzielte doch maximale Wirkung. Gern schürte er Erwartungen, um sie gezielt zu unterlaufen. Und vor allem das konnte Rolf Persch aus dem Effeff: Zivilisationskritischen Impetus vorgeben und ihn dann ganz schnöde ins Banale abkippen lassen.

"rar ist nicht nur gutes brot.
meines bestelle ich telefonisch bei herrn köhler,
seiner dreistelligen telefonnummer wegen."

Lakonische Alltagsbeobachtung, knappe Form, pointiertes Sprachspiel, hintergründiger, zuweilen abgründiger Humor: Das ist charakteristisch für Rolf Perschs Gedichte. Auch so ein typischer Persch-Satz: "Man wird mir nicht nachsagen können, nichts dazugelärmt zu haben." Mit diesem Satz ist nun auch ein Gedichtzyklus in dem Nachlassband überschrieben, den der Schriftsteller Norbert Hummelt im Kölner Sprungturm-Verlag herausgegeben hat.

"Es geht eigentlich immer in die Richtung auch einer Selbstironie oder auch einer freundlich, aber doch illusionslos das Leben betrachtenden Haltung."

Rolf Persch war ein leidenschaftlicher Spaziergänger 

Norbert Hummelt, selbst Lyriker und Autor des Luchterhand-Verlags, kannte den älteren Kollegen seit 1988. 

"Ich hab Rolf Persch ein paar Tage, bevor er gestorben ist, noch in der Eifel besucht. Und wir standen gerade in den letzten Monaten seines Lebens, als er auch schon wusste, dass er krank war, in engem Kontakt. Ich habe ihm auch versprochen, dass ich mich um sein Werk kümmere." 

Der von Norbert Hummelt herausgegebene Nachlassband ist in enger Zusammenarbeit mit Rolf Persch entstanden. Er enthält zwei bislang unveröffentlichte Gedichtzyklen, die Persch noch eigenhändig zusammengestellt hat. Einer der beiden Zyklen trägt den Titel "Gehgend". Ein programmatisches Wortspiel: "Gehgend" ist hier mit h geschrieben, sodass sich Gehen und Gegend verbinden. Was viel über die Produktionsweise des leidenschaftlichen Spaziergängers Rolf Persch aussagt, die er selbst einmal ebenso kurz wie lyrisch auf den Punkt brachte:  

"laden gehen

während des
gehens drängt
text in den
lauf"
 
Durch die Gegend gehen: Das war eine wichtige Inspirationsquelle für Rolf Persch, wobei man von ihm keine Landschaftsidyllen erwarten durfte. 

"einfache rechnung

tannenzapfen
und hundehaufen
allgegenwärtige wegbegleiter
mit jeweils vier silben
seid ihr dabei.
nacktschnecke und sonnenschein
kommen aus mit dreien."

Persch bot Privatleuten ein exklusives Lyrikabonnement an

Rolf Persch ist 1949 in Bonn geboren und 65 Jahre alt geworden. Er hat ein bewegtes Leben gelebt: Nach dem frühen Tod seines Vaters, einem Buchdruckermeister, brach er mit knapp 20 aus dem bürgerlichen Leben aus, reiste per Anhalter und mit dem Fahrrad gen Süden, oft nach Marokko. Ein paar Jahre lebte Persch als "Gammler", wie er es selbst nannte, auf der Straße, konsumierte harte Drogen. Anfang der 80er ließ er sich dann in Köln nieder, mit dem Entzug begann er zu schreiben. Zunächst schlug er sich noch mit Jobs durch, u. a. beim Zirkus Roncalli und als Kleindarsteller in Fernsehserien. Er liebäugelte mit einer Schauspielkarriere, konzentrierte sich dann aber auf die Literatur. Bald wurde er als origineller Lyrikperformer bekannt – nicht nur in der Literatur-, auch in der Kunstszene. Mit dem Jazzmusiker Frank Köllges und seinem Ensemble Adam Noidlt Intermission trat er 1987 auf der Documenta 8 auf. Und 2010 lud ihn Kasper König zu einer Poesieaktion ins Foyer des Museum Ludwig in Köln. Denn auch als Rolf Persch zur Jahrtausendwende in ein abgelegenes Eifeldorf zog, ließ seine Lust am Bühnenauftritt nicht nach. Regelmäßig bot er nun auch Wanderlesungen in der Eifel an.

"Es steht ja auch auf dem Buch hinten drauf: "Vom Wanderdichterdieb zum Betteldichtermönch in nur 25 Jahren." Also auch das eine typisch selbstironische Etikettierung, die aber auf Rollenmodelle hinweist, die nun einfach gar nichts mit Karriere zu tun haben."

Doch auch wenn Rolf Persch keine Karriere im üblichen Sinne machte, so konnte er doch – anders als die meisten Lyriker – von seinen Gedichten leben. Und zwar dank einer genialen Idee, die ihm Ende der 1990er-Jahre während eines Stipendiums im Künstlerdorf Schöppingen kam: Er bot Privatleuten ein exklusives Lyrikabonnement an, das ihm eine finanzielle Lebensbasis sicherte. Diesen Abonnement-Gedichten ist ein zentrales Kapitel des Nachlassbandes gewidmet. Herausgeber Norbert Hummelt:

"Rolf Persch, der die letzten 15, 16, 17 Jahre seines Lebens sehr zurückgezogen in der Eifel lebte, war ja eben auch immer ein Überlebenskünstler. Er hat für seine Freunde und Hörer und Leser, die größtenteils in Köln und Umgebung ansässig waren, jeden Monat ein Gedicht geschrieben."

Ausgeprägtes Gespür für die Ambivalenzen der bürgerlichen Gesellschaft

Die rund 20 Persch-Abonnenten erhielten also Monat für Monat ein Gedicht als Erstveröffentlichung. Und zwar vom Dichter eigenhändig getippt, nummeriert, signiert und auf Wunsch sogar persönlich überbracht und vorgetragen. Der Preis für dieses Gedicht-Abo betrug zwischen 33 und 55 Euro, je nachdem, wie viel ein Abonnent zahlen wollte oder konnte. Hier eine Kostprobe: Perschs Abo-Gedicht vom 30. Mai 2008.

"mittier

ich bremse wenn irgend möglich, mittier, für dich
frosch, specht, hirsch, mensch, frischfisch, eberesche,
kragenbär oder was sonst du genötigt bist
zu sein, zu sein vorgibst, zu sein scheinst."
 
Im Nachlassband sticht das Kapitel mit den Abo-Gedichten optisch heraus. Die Texte sind im Faksimile gedruckt, sodass ihr eigenwilliger Charakter erkennbar wird. Denn Rolf Persch hat seinen Abonnenten keineswegs einfach nur mit Buchstaben bedruckte Papierbögen ausgehändigt. Stattdessen belieferte er sie mit Gedichten, die auch äußerlich kleine Kunstwerke waren. Der Lyriker fertigte außergewöhnliche Schreibmaschinentyposkripte mit Durchschlagpapier an und tackerte Kopie und Original übereinander. Unwillkürlich fährt man mit den Fingerkuppen zwischen die beiden von den Metallbuchstaben durchlöcherten Blätter. Und das soll man auch: Rolf Persch hatte sein stilles Vergnügen an den haptischen Reizen, die diese Papierobjekte auslösten. 

"Da bekommt das so etwas  – ja  ein bisschen Anrüchiges sogar, weil man öffnet das dann natürlich. Man stellt sich vor, dass derjenige, der das bekommt – jetzt in der Post hat, zumindest anfänglich, ein neuer Abonnent – dann das auch so auseinanderzieht wie so’n paar Schenkel."

Rolf Persch hatte ein ausgeprägtes Gespür für die Ambivalenzen der bürgerlichen Gesellschaft: die – oft verklemmte – Lust am Obszönen, die verklärende Natursehnsucht bei gleichzeitigem Raubbau, die Selbstbetrügereien, mit denen man seine moralischen Ansprüche gegen die Widrigkeiten des Alltags verteidigt. Norbert Hummelt hat auch eine große Auswahl bereits veröffentlichter Gedichte in den Nachlassband aufgenommen, und zwar chronologisch geordnet, die ältesten stammen aus den 1980er-Jahren. Ein biografischer Essay der Schriftstellerin Sabine Schiffner gewährt Einblick in eine bewegte Künstlerexistenz, die sich jenseits bürgerlicher Sicherheiten produktiv behauptete. So kann man in diesem Buch die Entwicklung eines Autors nachvollziehen, den Norbert Hummelt in seinem Nachwort zu Recht einen der originellsten deutschen Dichter der letzten 30 Jahre nennt.

Ein Autor, der auch mal sang

"Ich wollte den typischen Rolf Persch präsentieren, möglichst keine Hits vergessen. Denn dafür, dass er ja ein Dichter war, den sehr viele nicht kannten, hatte er sehr viele Hits. Er war ja ein großartiger Auftrittsdichter."

Der manchmal sogar sang.

"usambaraveilchen
surabaya johnny
frag nicht wieso"

"Und wer ihn einmal gehört hat, der hat nicht nur ihn nicht vergessen, sondern auch viele seiner Gedichte nicht vergessen. Und auch darin ähnelt er Ernst Jandl, der ja früher auch ein Vorbild von ihm war." 

Von dem er sich dann aber emanzipiert und seinen eigenen, sehr besonderen Stil entfaltet hat. Gleichwohl kann man Rolf Persch auch in die Tradition eines Morgenstern, Ringelnatz oder auch Robert Gernhardt einordnen. Norbert Hummelt weiß einige Persch-Hits auswendig.

"sehet die tiere
sie nähen nicht
sie kaufen nicht ein
sind aber verdammt gut gekleidet"

Mit einer Anspielung auf einen Vers aus dem Matthäus-Evangelium nimmt Rolf Persch auch hier die sentimentale Sehnsucht nach einem ungebrochenen Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Natur auf die Schippe. Eines seiner zentralen Themen. Dabei konnte er ganz schön erbarmungslos sein.

"eine scheibe brot,
darauf fleisch,
dem der tod
nicht mehr
droht."

Natürlich ist das witzig. Aber Rolf Persch war nie auf oberflächliche Pointen aus, sondern hat in seine Gedichte einen existenziellen Subtext wie einen doppelten Boden eingebaut. Vergänglichkeit und Tod lugen überall hervor, wenn auch oft humoristisch überspielt. Nicht umsonst trägt der Nachlassband den treffenden Titel "Abschied nehme ich schon immer".

Rolf Persch: "Abschied nehme ich schon immer" 
Ausgewählte und nachgelassene Gedichte.
Hg. von Norbert Hummelt, mit biografischem Essay von Sabine Schiffner.

Sprungturm Verlag, 287 Seiten, Euro 24,90 

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