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StartseiteLyrixlyrix-Preisträger 201021.03.2011

lyrix-Preisträger 2010

Zwölf Nachwuchsdichter aus dem Inland fahren zur Schreibwerkstatt nach Berlin.

Lyrix-Logo (dradio.de)
Lyrix-Logo (dradio.de)

Die Preisträger 2010 des internationalen Schülerlyrikwettbewerbs lyrix stehen fest. Zwölf Schülerinnen und Schüler aus Deutschland wurden von den Juroren ausgewählt. Damit zeichnet der Wettbewerb nun zum dritten Mal junge Nachwuchsdichter aus aller Welt aus. Die Preisträger aus dem Ausland werden in den kommenden Tagen bekannt gegeben. Ziel der lyrix-Initiative ist es, den Dialog zwischen internationalen Nachwuchstalenten zu fördern. Als Preis erwartet die in- und ausländischen Jahresgewinner ein gemeinsamer Berlin-Aufenthalt mit Schreibwerkstatt und Preisverleihung im Juni 2011. Durch zahlreiche Preisträgerlesungen und bundesweite Schreibwerkstätten hat sich lyrix mittlerweile als bedeutsamer Literaturwettbewerb etabliert. Auch in diesem Jahr haben lyrix-Preisträger auf der Leipziger Buchmesse gelesen.

Wir freuen uns sehr über die positive Resonanz auf lyrix und möchten uns an dieser Stelle bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern herzlich für die vielen beeindruckenden Beiträge bedanken. Übrigens: Auch in der aktuellen und vierten Runde von lyrix, die in Zusammenarbeit mit deutschen Museen stattfindet, ist der Preis für die Jahresgewinner wieder ein verlängertes Wochenende in Berlin.


Der lyrix-Jury 2010 gehörten an:
Die Lyriker Uljana Wolf und Norbert Hummelt, der Hauptabteilungsleiter Kultur des Deutschlandfunks, Dr. Matthias Sträßner, der Literaturkritiker Michael Braun, der Verleger Manfred Metzner (Das Wunderhorn), der Geschäftsleiter des Literarischen Colloquiums Berlin, Dr. Ulrich Janetzki, sowie Malte Blümke für den Deutschen Philologenverband.



Die lyrix-Preisträger 2010 in alphabetischer Reihenfolge:


Josefine Berkholz aus Berlin
Romain Rolland Oberschule, Jahrgangsstufe 10
"lyrix"-Monat: Juli
Leitmotiv: Gespräche im Sommer

Puls

Dieses Gefühl von Regen auf Asphalt, lauwarm, dampfend,
Wir haben Staub gefressen, Love,
Wir haben Regen getrunken
Wir haben den Beat vom Kopfsteinpflaster geleckt
Als unsere Füße längst blutige Blasen hatten, als
Unsere Schuhe längst den Landwehrkanal hinunter trieben
Und sich zu größeren Helden
Ins Spreeschlammbett gesellten
Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal
Müde gewesen bin, ich weiß nicht,
Wann ich jemals geschlafen habe
Aber im Morgengrauen
Hatte ich Worte und Glasscherben zwischen den Zähnen
Und ich weiß nicht,
Was wir acht Stunden lang gesprochen haben, aber
Kurz vor der Dämmerung
Habe ich dir zugeflüstert, dass alles möglich ist.




Johanna Fugmann aus Memmelsdorf
Dientzenhofer-Gymnasium Bamberg, Jahrgangsstufe 7
"lyrix"-Monat: Juni
Leitmotiv: Verfehlungen

Mustermensch

immer gelächelt
fröhlich getan.
immer gelernt
fleißig getan.
immer gehorcht
vernünftig getan.
immer gesprungen
höflich getan.
immer getan
immer gemacht
immer vorgetäuscht
immer das
Idealbild gewesen.
immer nur geträumt
vom Ameisen zertreten
vom Steine werfen
vom Schule schwänzen
vom Stress mit Eltern
vom dreckigen Lachen
von Zigarettenqualm
von Entnüchterungszellen
von Drogen
von Sex
vom abschreckenden Beispiel
vom "dagegen sein"
nur geträumt
nicht das Gefühl zu haben nur so dahin zu leben.
nur geträumt
die Hülle "Mustermensch" irgendwann abzustreifen und zu vergessen.
nur geträumt
sich selbst je verzeihen zu können.




Sophie Garbe aus Tübingen
Uhland-Gymnasium, Jahrgangsstufe 11
"lyrix"-Monat: September
Leitmotiv: Familienalbum

Familienurlaub

Aufgeklebtes Lachen
Aus den Sommerseiten
Gehalten von unserer Erinnerung
Ans weite Meer
Wo wir klein waren
Geschmolzene Eislippen
Zerflossen in Sonnenstrahlen
Die unsere Herzen verbrannten
Und deren fransige Enden wir fingen
Obwohl nie einer gewann

Verzogen und verstummt
Sind die Worte
Mit denen wir uns malten
Zusammen vor Wasserlinien
Die kichernd nach Zehen griffen
Deren Spuren sie verwischen
Schnell und gierig
Den hellen Geschmack kostend
Der auf unseren Zungen lag

Der Wind trug Gerüche vorbei
Nach salzigen Zitronenbäumen
Und er spülte Sandkörner
Zwischen das blasse Papier

So verblichen einsam
Sie den Boden nun bedecken




Judith Gerten aus Pulheim
Geschwister Scholl Gymnasium, Jahrgangsstufe 12
"lyrix"-Monat: Januar
Leitmotiv: Erklär mir, Liebe

Bitte gib mir

Gib mir Worte, zu beschreiben, was ich fühle
Silben, Verse, zu umreißen, was ich will
Gib mir Metren zum Vertreiben dieser Kühle
Die ich einsam denkend spüre, beißend, still.
Gib mir Federn, um dir Briefe zuzusenden
Tinte, Farben, zu skizzieren, wer wir sind
Gib mir Messer, um die Fesseln zwischen Händen
zu zerfasern, gib mir Freiheit wie der Wind.
Gib mir Löwenzahn, um Zukunft auszustreuen
Rosen, Tulpen, zu erkennen, was vergeht
Gib mir Buße, meine Taten zu bereuen
Leid, Erfahrung, um zu schätzen, was besteht.
Gib mir Wurzeln, meinen Weg nicht zu verlieren
Äste, Blätter, zu entfalten meinen Geist
Gib mir Flügel, meinen Pfad zu variieren
Sei das Feuer, wenn mein Innerstes vereist.
Gib mir Liebe, wenn ich glaube, zu erblinden
Sei das Wasser, wenn mein Blütenwerk verwelkt
Gib mir Kraft, den Weg zu dir zurückzufinden
Bitte gib mir. Sei der Inhalt meiner Selbst.




Kai Gutacker aus Niddatal
Sankt-Lioba-Schule, Bad Nauheim, Jahrgangsstufe 13
"lyrix"-Monat: Januar
Leitmotiv: Erklär mir, Liebe

Gewittersturm

In meiner Stirn gewittern die Gedanken
Und kreisen um verblasste Zärtlichkeiten,
Darin wir einst als Lichterpaar versanken.

Ein Tanz auf einem Grat aus Unklarheiten,
In filigranen, dornbesetzten Ranken,
Wenn körperlose Blitze durch mich gleiten.

So wie die Wahngesichte eines Kranken
Verzerren sich die Bilder alter Zeiten,
Und alle Wirklichkeit gerät ins Wanken.

Fortuna spielt auf geisterhaften Saiten,
Der bleiche Himmel tritt aus seinen Schranken
- In Wind und Donner eingefasste Weiten.

Ein Kalkrubin erhebt sich in den blanken
Gestirnen aus verfälschten Zärtlichkeiten ...
Und über mir gewittern die Gedanken.




Christiane Heidrich aus Vaihingen/Enz
Friedrich-Abel-Gymnasium, Jahrgangsstufe 9
"lyrix"-Monat: Mai
Leitmotiv: Wie immer

wie immer

barfuß am morgen
der spiegel im bad
hält sorgen verborgen
schickt dich in den tag
monoton gehst du schwer
nichts besser nichts schlimmer
grau kalt und leer
bleibt alles wie immer

verwundet am abend
die maske fällt ab
hat dir nichts zu sagen
schickt dich in die nacht
monoton stellt der tisch
dir ein stuhlbein im zimmer
du fällst bis du schläfst
bleibt alles wie immer

friedlich die nacht
du atmest ganz leise
träumst mutig bedacht
schickst dich auf die reise
monoton wirst du farbig
bist kurz der gewinner
von dem grau das dich bricht
- bleibt alles wie immer




Jonas Kohnen aus Ludwigshafen
Heinrich-Böll-Gymnasium, Jahrgangsstufe 11
"lyrix"-Monat: Juli
Leitmotiv: Gespräche im Sommer

Dem Sommer gesagt

Der Wind liest mir die Worte von den Lippen
Der Tag löst sich
Und ich bin glücklich
Dass die Wellen des Sees
Nichts an mich herantragen wollen

Der Laut des Steins der
Ins Wasser eintaucht -
Von sinnleerer Schönheit

Wortlos die Redekunst der Natur

Man möchte ihr Worte geben -
Flaschenpost die keinem Menschen gilt
Liebesbriefe ohne Empfänger

Zurück käme nur ein
Frisches Rauschen der Blätter
Und das lautlose Mund-Öffnen
Mund-Schließen der Fische
synchronisiert
Vom aufkeimenden Verkehrslärm der Stadt




Martin Piekar aus Bad Soden
Friedrich-Dessauer-Gymnasium, Jahrgangsstufe 13
"lyrix"-Monat: Februar
Leitmotiv: Was es ist

Mimikry

Ich steche mir Nadeln in Augen,
um genau so zu sehen wie ihr.
Verstopfe den Mund und die Ohren,
um das selbe zu wissen wie ihr.
Ich schneide mein Fleisch um zu narben,
um das Leiden zu spüren wie ihr.
Ich breche mir Beine, behindere
mich selbst, denn ich will faul sein wie ihr.
Danach fessel ich mir die Hände,
um genauso zu handeln wie ihr.
Dann frier ich Gefühl ein in Tiefe,
um genauso zu fühlen wie ihr.
Versuche das Denken zu stoppen,
um so viel zu erreichen wie ihr.
Versuch zu erahnen doch kann ich
nicht versteh'n, dass man handelt wie ihr.




Viktor Reier aus Bremen
Gymnasium Vegesack, Jahrgangsstufe 13
"lyrix"-Monat: Juli
Leitmotiv: Gespräche im Sommer

wondering if

dein kuss schmeckt
nach mangoeis mit
streuseln, wenn wir rio &
paris zusammenflüstern
den sommerschweiß aus
unserer haut kämmen, wie
verlauste affen im savannenmond

ich schäle kippenschachteln & zähle
die simultanen bässe unserer herzen
du schläfst deinen orgasmus aus,
mein arm verschwindet in deinem haselnusshaar

atem auf atem, schlafe auch ich nun ein
zwischen deinen ausgeklappten lidern.




Oliver Riedmüller aus Fürth
Heinrich-Schliemann-Gymnasium Fürth, Jahrgangsstufe 12
"lyrix"-Monat: April
Leimotiv: Kinderfragen

Wohin?

"Wohin ist Mäxchen gegangen?"
- Dein Bruder spielt oben im Zimmer -
"Wohin ist Oma gegangen?"
- Zum Arzt, ihr Husten wurd' schlimmer –

"Wohin ist Opa gegangen?"
- In den Keller, er holt sich ein Bier -
"Wohin ist Mama gegangen?"
- Zu den Engeln, sie lächelt zu dir –

"Papa, wohin musst du gehen?"
- Zur Arbeit, die Pause ist aus -
"Wenn du die Mama siehst, sag ihr,
ich warte auf sie hinterm Haus."




Benita Salomon aus Schriesheim
Kurpfalzgymnasium Schriesheim, Jahrgangsstufe 12
"lyrix"-Monat: Dezember
Leitmotiv: Erfindungen, die die Welt (nicht) braucht

Totalschaden

Einst ritten Liebespaare
Bei Sonnenuntergang
die Allee entlang
Doch heute ist die Straße
Nur noch Schauplatz
eines Schönheitswettbewerbes
Blecherner Männerträume
Als Hauptpreis gibt es einen Ehekrach
Scheidungspapiere und Tränen
Vor Freude über den neuen Schatz
Putz- statt Kuschelstunden
Und am Ende krepiert das junge Glück
An einem Totalschaden
Durch einen umstürzenden Baum
Als Antwort auf den Klimawandel




Eva Wohlfarth aus Jena
Christliches Gymnasium Jena, Jahrgangsstufe 12
"lyrix"-Monat: Februar
Leitmotiv: Was es ist

Meine Liebe.
Hypothetisch.

I.
Aufwachen.
Dein Arm, mein Rücken, deine Nase, mein Nacken, dein Schlüsselbein,
meine Fingerkuppen.

II.
Atmen.
Schweiß. Dann meer.
Aber nur Ostsee. Salz in den Lungenflügeln. Hindert am fort fliegen.

III.
Schmecken.
Wieder Salz. Auf deinen Schultern, in deinem Haar, an deinen Schenkeln
Und auf meinem Brustkorb. Salz macht durstig.
Wir trinken uns. Langsam.

IV.
Hören.
Pulsierende Venen.
Ich brauche kein Meer.
Mein Ohr an dein Ohr. Das ist Muschel genug.
Und keine Kreuzfahrtschiffe auf deinem Wasser.

V.
Festhalten.
Dein Blick in meinem.
Ein Zyklop am Meer, die Vertikale zum Horizont.
Sucht den Fluchtpunkt im Wasser. Doch die Mittagssonne will nicht
untergehen.
Wir sind dreidimensional, obwohl wir zwei
Eins sind.

VI.
Einschlafen.
Schattenhaft.

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