• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteBüchermarktMachadi vive - anlässlich des 100. Todestages von Joaquim María Machado de Assis29.09.2008

Machadi vive - anlässlich des 100. Todestages von Joaquim María Machado de Assis

"Tagebuch des Abschieds", Friedenauer Presse, Berlin 2008, 19,90

JOAQUIM MARIA MACHADO DE ASSIS wurde am 21. Juni 1839 in Rio de Janeiro geboren und starb dort am 29.September 1908. Er kam aus armen Verhältnissen, seine Mutter stammte von den Azoren, sein Vater war Maler und Nachfahre afrikanischer Sklaven. Machado de Assis war Autodidakt, er war ein disziplinierter Vielschreiber, der Literaturkritiken, Chroniken, Gedichte und Theaterstücke verfasste und sich als meisterhafter Erzähler und Romancier von Weltrang profilierte. Weltberühmt wurde er mit dem Roman DIE NACHTRÄGLICHEN MEMOIREN DES BRAS CUBAS (1880). Sein letzter Roman TAGEBUCH DES ABSCHIEDS (1908) erscheint in diesem Herbst auf Deutsch.

Rezensiert von Margrit Klingler-Clavijo

"Machado vive", Machado lebt, heißt es in Brasilien im Machado-Jahr, wo der größte portugiesischsprachige Schriftsteller des 19. Jahrhunderts mit Lesungen, Symposien, Filmvorführungen und Fernsehadaptionen geehrt wird. Dabei fällt auf, dass Machados Einfluss groß ist und zeitgenössische Schriftsteller wie Ana Maria Machado, Milton Hatoum oder Alberto Mussa von ihm inspiriert wurden. Essays von Literaturkritikern wie Roberto Schwarz führen zu neuen Sichtweisen auf sein umfangreiches Werk, das sich auf die politische und soziale Entwicklung Brasiliens bezieht und eine Elite im Visier hat, die nach Europa blickte, sich für zivilisiert hielt und von Sklaverei und Vetternwirtschaft profitierte.

"Machado de Assis war im 19. Jahrhundert der bedeutendste Schriftsteller Lateinamerikas, kein spanischsprachiger Autor des 19. Jahrhunderts hat je Machados Größe erreicht."

Dieser Ansicht ist Milton Hatoum, der seinen viel beachteten Roman Zwei Brüder schrieb, indem er von Machados Roman Esau und Jacob ausging.

"Er kam aus armen Verhältnissen, war Mulatte, Epileptiker und stotterte. Das sprach gegen eine glänzende Karriere, trotzdem wurde er allseits geachtet. Er war der erste Präsident der brasilianischen Literaturakademie, der Academia Brasileira das Letras und außerdem ihr Mitbegründer."

So beschreibt die Schriftstellerin Ana Maria Machado einen Autor, der nach einem längeren Kuraufenthalt in Friburgo im Hinterland von Rio mit Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas einen außergewöhnlichen Roman vorlegte, allein schon wegen der Erzählperspektive. Bras Cubas hält nach seinem Tod Rückblick auf sein gescheitertes Leben und widmet seine Memoiren "Dem Wurm, der zuerst an meinem kalten Leichnam nagt."

Diese posthumen Reminiszenzen in Ich-Form wurden jahrzehntelang als skurriler Roman eines Melancholikers gelesen, den Machado, wie er gesteht "mit der Feder des Lachens und der Tinte der Melancholie" geschrieben hatte. Roberto Schwarz, der große Literaturkritiker Brasiliens und ausgewiesene Machado - Koryphäe hat jedoch in mehreren Essays nachgewiesen. dass Machados Art zu schreiben nur auf dem Hintergrund der brasilianischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu verstehen ist.

"Wenn wir uns Machados ersten großen Roman Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas vornehmen, haben wir es mit einem gebildeten und höflichen, aufgeklärten und humorvollen Erzähler zu tun. Wenn wir jedoch die sozialen Verhältnisse untersuchen, stellen wir fest, dass sie von Sklaverei und Vetternwirtschaft geprägt sind. Der ganze Panzer bürgerlicher Zivilisation nimmt somit groteske Züge an und das zeigt er mit schwarzem Humor. Allerdings hat man das relativ spät gemerkt, da die brasilianische Gesellschaft so sehr nach Zivilisation strebte, dass man sich lieber mit dieser zivilisatorischen Hülle identifizierte, statt zu registrieren, dass die sozialen Verhältnisse überhaupt nichts Zivilisatorisches hatten."

Machado de Assis ist kein sozialkritischer Schriftsteller, der sich für eine bestimmte Sache engagiert wie etwa die Abschaffung der Sklaverei. Als Erzähler kultiviert er die Ambivalenz, verbirgt sich gern hinter der Maske der weißen Elite, um im Kontrast zu anderen sozialen Schichten deren Arroganz zu desavouieren.

"Machados Stärke besteht darin, die Dinge so zu zeigen, wie sie sind und nicht bloß über sie zu reden. Er macht das über die Konfiguration, ohne Autorenkommentar ( ... ) Der ist Teil der Komödie. Der Autor erzählt zwar lang und breit, doch sollte man das nicht wortwörtlich nehmen. Nie gibt es ein objektives Wort des Autors, es geht ständig um einen Pseudoautor - oft imitiert Machado Lawrence Sterne, diesen englischen Schriftsteller aus dem 17. Jahrhundert."

Ana Maria Machado zufolge ist Machado de Assis ein moderner Erzähler, der den Dialog mit dem Leser sucht und dessen Mitarbeit verlangt.

"Er schafft sich seinen Leser. Er wendet sich an einen Leser, den es vor seinem Text überhaupt nicht gab. Er gibt ständig Anweisungen; wie sich der Leser verhalten soll - und das macht er verdammt gut, mit viel Spannung. ( ... ) Nach seinem Tod ging das Volk auf die Straße, war bei der Beerdigung dabei. Die einfachen Leute schätzten und liebten ihn, da mehrere seiner Romane zunächst als Fortsetzungsserie im Feuilleton, in Zeitungen und Zeitschriften, Kapitel weise abgedruckt worden waren."

"Wer ist Capitú?" steht in weißen Buchstaben auf schwarzen T-Shirts. Die finden reißenden Absatz auf dem Literaturfestival in Paraty, das alljährlich Anfang Juli stattfindet und 2008 Machado de Assis ehrt.
Capitu ist die weibliche Hauptfigur von Machados Roman Dom Casmurro. Capitu betört mit Augen, die, wie Machado schreibt "schräg und hinterhältig wie die einer Zigeunerin sind." Dom Casmurro ist ein vereinsamter und in sich gekehrter Alter, der sich an seine leidenschaftliche Liebe zur unwiderstehlichen Capitu erinnert. Wegen ihr lässt er das Priesterseminar sausen und heiratet. Eigentlich hätten die beiden ein glückliches Paar sein können, hätte ihn nicht die Eifersucht zernagt, die Eifersucht auf einen verstorbenen Freund, der Capitu schöne Augen gemacht haben soll. Dom Casmurro, der damals noch Bentinho hieß, gebärdete sich wie ein rasender Othello, machte Capitu das Leben zur Hölle. Das Paar trennte sich, und Capitu ging mit dem gemeinsamen Sohn in die Schweiz.

"Mich fasziniert DOM CASMURRO vor allem wegen Capitu, die eine der großen weiblichen Romanfiguren der brasilianischen Literatur, eine ambivalente Romanfigur ist. Es wurde viel über die rätselhafte Capitu geredet, ob sie den Ehemann verraten und Ehebruch begangen hat oder nicht. Der Ehemann ist der Erzähler der Geschichte, daher geht es um seine Zweifel nebst vielen Anspielungen. Er hält sie für schuldig und versucht, den Leser davon zu überzeugen."

Ana Maria Machado zufolge wurde Capitu in Brasilien lang als die verräterische Ehebrecherin gesehen. Sie selbst hat daher eine Capitu geschaffen, die nach der Trennung von dem krankhaft eifersüchtigen Ehemann in der Schweiz ein neues Leben anfängt und erfolgreich eine Pension führt.

"Meine Capitu ist eine Frau, die studieren will. Mein Roman DER WAGEMUT DIESER FRAU spielt in der heutigen Zeit und handelt von einer Gruppe, die sich zusammengetan hat, um die Geschichte des XIX: Jahrhunderts zu erforschen, da sie gemeinsam am Drehbuch einer Telenovela - einer Seifenoper - schreibt. Ein Eifersuchtsdrama. Bei ihren Recherchen stoßen sie auf ein Kochbuch und die Aufzeichnungen eines jungen Mädchens. Erst am Ende des Romans stellt sich heraus, dass dieses Mädchen Capitu war. ( ... ) Wahrscheinlich ist DOM CASMURRO wegen der Liebesgeschichte, die zwei Drittel des Romans ausmacht, in Brasilien Machados bekanntester und beliebtester Roman."

"Wie konnte ich mein Leben lang mit einem Wahnsinnigen leben? Einem sich abkapselnden, ungeselligen und feigen Mann, der sich selbst nicht im Spiegel zu sehen vermochte?"

Diese Frage stellt sich Capitu in Alberto Mussas in der Schweiz spielenden Erzählung Das binäre Prinzip.

"Ich wollte aufzeigen, dass der Roman auf reale Begebenheiten zurückgeht, auf Notizen, die Capitu im Schweizer Exil macht, wobei der real existierende Bibliothekar Albert von Brunn, ihre weit verstreuten Aufzeichnungen ordnet, so dass man die Geschichte lesen kann."

In diesem Herbst erscheint Machados letzter Roman das Tagebuch des Abschieds auf Deutsch. Nach Jahren im Diplomatischen Dienst in Europa kehrt Aires nach Rio zurück. Er versucht, sich ins gesellschaftliche Leben zu integrieren, was anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1888 bis 1889 beschrieben wird.

"Das Tagebuch des Abschieds ist ein großer Roman. Es passiert nicht viel, es gibt keine Handlung, sondern nur die Bewegung der Romanfiguren. Aires, ein Mann fortgeschrittenen Alters, verhält sich wie ein großer Zuschauer des Lebens und des menschlichen Verhaltens. Er analysiert, besucht Leute und macht sich seine Gedanken über die menschliche Existenz.
Die Sklaverei wird zwar erwähnt, ist jedoch nicht das Hauptthema des Romans. Machado bezieht sich mit viel Ironie darauf, weil das, was man für eine Großtat von Prinzessin Isabel hielt, eigentlich der pure Schwachsinn war, da sich die Lebensverhältnisse der Sklaven durch die Abschaffung der Sklaverei nicht tatsächlich veränderten."

In Lateinamerika war Brasilien das letzte Land, in dem die Sklaverei abschafft wurde und zwar am 13. Mai 1888 von der Prinzessin Isabel. In den unter Pseudonym veröffentlichten Zeitungschroniken Bons Dias hat Machado de Assis darüber mit Sachkenntnis und Skepsis geschrieben. Literaturwissenschaftler wie John Gledson und Sidney Chalhoub haben die weitgehend unbeachteten Chroniken eingehend untersucht und nachgewiesen, dass Machado de Assis sich sehr wohl für die Belange der Schwarzen eingesetzt hatte.
Vertreter der Movimentos Negros, der politischen Bewegungen der Schwarzen, hatten das jahrelang bestritten und ihn für einen ehrgeizigen auf sein persönliches Fortkommen bedachten Schriftsteller gehalten, der Hautfarbe und Herkunft verleugnete.
Machado de Assis ist ein hervorragender Romancier und ein Meister der Erzählung, der über Egoismus und Machtstreben, Eitelkeit und Wahnsinn schreibt, dabei stets die politischen und sozialen Verhältnisse Brasiliens vor Augen hat, wie in der 1880 veröffentlichten Erzählung Der Spiegel, die Milton Hatoum besonders schätzt.

"Völlig verrückt ist die Erzählung Der Spiegel. Da besucht ein Soldat seine Tante auf ihrem Landsitz. Die Tante vergöttert ihn, weil er eine Uniform trägt und der Nationalgarde angehört, sogar die Sklaven zollen ihm Anerkennung wegen dieser Uniform. Irgendwann wird die Tante zu einem ihrer schwerkranken Brüder gerufen. Sie macht sich sofort zu ihm auf und lässt den Neffen auf dem Landsitz zurück. Eigentlich wollte sie bald zurück sein, was jedoch nicht der Fall ist. Unterdessen fliehen die Sklaven von dem Landsitz, und der Soldat bleibt allein zurück vor einem Spiegel, den die Tante in seinem Zimmer aufgehängt hatte, einem Spiegel des Kaiserreichs. Und der Soldat verliert den Verstand beim Anblick der Uniform im Spiegel, wobei er sich sagt, der Mensch hat zwei Seelen, eine innere und eine äußere Seele, wie eine Orange, die man in zwei Hälften teilt. Prestige verleiht die Uniform, die Ausdruck der sozialen Stellung ist, allerdings nur, wenn der Andere hinschaut. Wenn er allein ist, ist die Uniform überflüssig. Und da erkennt er beim Blick in den Spiegel den Wert der Uniform. Eine wunderbare Erzählung über die soziale Stellung, den schönen Schein, den Wahnsinn und den Blick des Anderen."

In Europa und den USA ist Machado de Assis noch immer der große Unbekannte, obwohl der nordamerikanische Literaturkritiker Harold Bloom ihn zu den 100 literarischen Genies der Weltliteratur zählt. Carlos Fuentes hat ihn "Machado de la Mancha" genannt und zu den Autoren gezählt, die wie Miguel de Cervantes die Territorien der Imagination neu vermessen und ihre ureigene Sprache schaffen.

BIBLIOGRAPHIE:

Joaquim Maria Machado de Assis: Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas
Nachwort von Susan Sontag, Übersetzung. Wolfgang Kayser, Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich, 2003

Joaqum Maria Machado de Assis: Dom Casmurro, Frankfurt, Suhrkamp Verlag, 2008
Übersetzung: Harry Kaufmann

Joaquim Maria Machado de Assis: Tagebuch des Abschieds, Friedenauer Presse,
Berlin 2008, Übersetzung: Berthold Zilly

Bloom, Harold: Genie, die 100 bedeutendsten Autoren der Weltliteratur, Knaus,
München, 2004

Chalhoub, Sidney: Machado de Assis, Historiador, Sao Paulo, 2007

Ana Maria Machado: A audácia dessa mulher Rio de Janeiro, 1999, Editora Nova Fronteira

Alberto Manguel: Tagebuch eines Lesers, Frankfurt, Fischer Verlag, 2005
Um homem célebre. Machado recriado, Sao Paulo, Publifolha, 2008

Carlos Fuentes: Machado de la Mancha, Essay

50 contos de Machado de Assis, selecionados por John Gledson, Sao Paulo, Companhia
das Letras, 2007

Roberto Schwarz : Ao vencedor as batatas, Sao Paulo, 1988 3. Auflage

Roberto Schwarz. Um mestre na periferia do capitalismo, Machado de Assis, Sao Paulo, 1990

John Gledson: Por un novo Machado de Assis, Sao Paulo, 2006

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk