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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteInterview"Machen Sie es gut, ich werde Sie vermissen"03.08.2007

"Machen Sie es gut, ich werde Sie vermissen"

Siegfried Buschschlüter blickt auf 13 Jahre als Washington-Korrespondent zurück

Nach 13 Jahren als Auslandskorrespondent des Deutschlandradios in den USA verabschiedet sich Siegfried Buschschlüter von diesem Posten. Er hat über die große Politik aus Washington berichtet, über die Präsidenten Clinton und Bush, über Terroranschläge, Kriege und Wirbelstürme. Besonders in Erinnerung sind ihm aber die einfachen Menschen geblieben, die nicht die Schlagzeilen bestimmt haben, sondern sich im bitteren Alltag für andere eingesetzt haben.

Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Siegfried Buschschlüter war 13 Jahre lang USA-Korrespondent des Deutschlandradios. (privat)
Siegfried Buschschlüter war 13 Jahre lang USA-Korrespondent des Deutschlandradios. (privat)

Dirk-Oliver Heckmann: Herr Buschschlüter, es ist unmöglich, innerhalb von wenigen Minuten Sendezeit 13 Jahre Revue passieren zu lassen, wir wollen es trotzdem - ansatzweise zumindest - versuchen. Was wird Ihnen denn besonders in Erinnerung bleiben?

Siegfried Buschschlüter: Also, weniger die große Politik, weniger die beiden Präsidenten und die Präsidentschaftswahlen, Dutzende von Präsidentschaftsbewerbern, Kongresswahlen - das war alles spannend, das war alles interessant, aber ich glaube, was mir in Erinnerung bleiben wird, sind vor allem die Begegnungen mit den Menschen dieses Landes, und eine vielleicht stellvertretend für alle - sie liegt zehn Jahre zurück -, da begrüßte mich ein freundlicher alter Herr an seiner Wohnungstür in Washington in akzentfreiem Deutsch mit den Worten: "Guten Tag, kommen Sie doch rein." Der Mann hieß Meredith Gardner, und er war damals 84, und er war eine Legende, und mein Weg zu ihm hatte weniger mich geführt wegen seine Sprachkenntnisse - er konnte Deutsch, er konnte Mittelhochdeutsch, er konnte Althochdeutsch, Altisländisch, Litauisch, Sanskrit -, ich hatte den Weg zu ihm gefunden, Herr Heckmann, weil er eine Legende war, weil er es war, der den Code geknackt hatte, den die Sowjets Anfang der 40er Jahre verwendet hatten, um ihre Nachrichten an ihre Spione in den USA zu verschlüsseln. Das Entschlüsselungsprogramm hieß VENONA, und dieses Programm führte zur Enttarnung von Spionen wie Klaus Fuchs, Kim Philby und Julius Rosenberg. Und von der Schlüsselrolle - oder besser, der Entschlüsselungsrolle - Gardners erfuhr die Öffentlichkeit erst Ende 1996 durch die Freigabe der VENONA-Akten. Und als ich dann kurz darauf mit ihm sprach, ja, was hat mich da beeindruckt, was ist mir in Erinnerung geblieben? Sein Wissen natürlich, seine Bescheidenheit, seine, ich würde sagen, seine gelassene Souveränität und die Tatsache - und das eher als Anekdote -, dass ich ihm beim Rezitieren der Nibelungensage, die er mir zuliebe aufsagte, nur helfen musste, weil er nach unserem langen Gespräch, und es war ein langes Gespräch, etwas müde wurde. Nächste Woche Donnerstag, Herr Heckmann, jährt sich zum fünften Mal sein Todestag und ich habe ihn nicht vergessen.

Heckmann: Sie haben mir im Vorgespräch erzählt von einer Begegnung in einem Gefängnis, die Sie hatten und die Sie auch nicht vergessen werden.

Buschschlüter: Das waren zwei Besuche in Angola. Angola ist das größte Hochsicherheitsgefängnis der USA, liegt im Norden Louisianas, und Angola ist so etwas wie eine Endstation für viele Strafgefangene, weil sie entweder zu lebenslänglich verurteilt werden oder zu so langen Freiheitsstrafen, dass sie das Ende nur da erleben. Angola hat einen eigenen Friedhof, Point Lookout, und als ich den beim ersten Mal sah, da standen auf den kleinen weißen Kreuzen auf diesem Friedhof nur Nummern. Beim zweiten Mal, sieben Jahre später, waren sie durch Namen ersetzt worden. Das war so etwas wie eine Geste der Menschlichkeit in einem Regime, das keine Gnade kennt. Geändert war bei meinem zweiten Besuch auch, dass nicht mehr Billigmaterial für die Herstellung der Särge verwandt wurde, sondern Holz, und dass die Särge von ausgebildeten Sargschreinern gebaut wurden - aber Sargschreiner, die selber in der Haftanstalt einsaßen. Und als ich einen von ihnen fragte, warum er denn einsitze, sagte er halblaut: Murder, Mord. Seine Strafe sei lebenslänglich, also ohne Hoffnung auf Begnadigung oder vorzeitige Freilassung. Er war seit 30 Jahren da in Haft. Und dann zeigte er mir die Särge, unterschiedliche Farben, aber alle gleiche Größe, und dann sagte er: Und damit wissen Sie, dass einer von diesen für mich bestimmt ist. So Szenen vergisst man nicht.

Heckmann: Szenen, die man nicht vergisst - das dürfte auch zutreffen auf andere Ereignisse, die stärker in den Medien Verbreitung gefunden haben wie beispielsweise die Anschläge vom 11. September.

Buschschlüter: Die sind natürlich für uns alle unvergesslich und, ich glaube, jeder hat seine eigenen Erinnerungen. Woran ich mich erinnere, heute noch, ist die unheimliche Ruhe in Washington an den ersten drei Tagen nach den Anschlägen. Es gab kaum Straßenverkehr, es gab wenig Menschen auf den Straßen, aber das war es im Grunde nicht, es war die Ruhe in der Luft. Kein Flugzeug am Himmel. Absolute Stille. Und das erste Flugzeug, das ich am vierten Tag sah, das habe ich begrüßt wie die Berliner die Rosinenbomber. Aber bis heute habe ich immer noch das Bild im Kopf von den entführten Maschinen, wie sie in die Türme des World Trade Center rasten. Diese Bilder sind wie auf der Netzhaut eingebrannt, das heißt, immer, auch heute noch, wenn ich Flugzeuge sehe, legt sich darüber diese Erinnerung an die Ereignisse vom 11. September 2001.

Heckmann: Ist es auch so, Siegfried Buschschlüter, dass durch die Berichterstattung darüber solche Ereignisse auch verarbeitet werden können?

Buschschlüter: Ja. Bei jedem Jahrestag, bei jedem neuen Jahrestag überlegt man natürlich, was sich geändert hat im Lande, ob sich die Menschen geändert haben. Ich glaube, das Urteil müssen später dann Historiker finden, was übrig geblieben ist, was sich wirklich geändert hat. Es hat sich natürlich Entscheidendes geändert, aber das Urteil steht vielleicht eher den Amerikanern zu als einem Auslandskorrespondenten.

Heckmann: Es hat sich vieles verändert, in der Tat, in Deutschland wie auch in den USA, das betrifft auch die Medienlandschaft selbst. Das Fernsehen ist fast übermächtig geworden, war sowieso schon stark in den USA natürlich, das Internet hat neue Möglichkeiten erschlossen. Wie hat das Ihre Arbeit verändert?

Buschschlüter: Informationsbeschaffung war früher mal eine der wichtigsten Aufgaben des Journalisten, und im Zeitalter des Internets, Sie haben es erwähnt, ist das kein Problem mehr. Informationen gibt es in Hülle und Fülle. Um so wichtiger ist natürlich, dass man die Informationen checkt, dass man sie überprüft. Ein Beispiel. Wenn Sie bei Wikipedia auf der Internetadresse unter "Meredith Gardner" nachschauen, den alten Mann, den ich eben erwähnte, dann finden Sie den 20. August 2002 als seinen Todestag. Er starb am 9. August. Wenn Sie das nicht gegengecheckt hätten, hätten Sie gleich einen fundamentalen Fehler begangen. Die Informationsflut führt natürlich auch dazu, dass die journalistischen Produkte so etwas wie verwechselbar werden. Jeder hat die gleichen Informationen. Um so wichtiger ist es dann natürlich für den Korrespondenten zu fragen, was kann ich daraus machen, wo liegt meine journalistische Eigenleistung. Und dann kommt natürlich dazu, als Hörfunkjournalist, Herr Heckmann, man muss die Besonderheit des Mediums mit berücksichtigen. Radio ist eben nicht nur für Kopfhörer, Radio ist, ich würde sagen, eine Art Ganzheitstherapie. Radio spricht den ganzen Menschen an, wenn es erfolgreich sein will. Und da glaube ich nicht, dass die Meinung des Mitarbeiters oder des Korrespondenten das Wichtige ist, nicht der Kommentar ist die Krone der Radioschöpfung. Kommentare kann man viel besser in Zeitungen nachlesen. Das Besondere am Radiojournalismus ist die Unmittelbarkeit, auch die Schnelligkeit, aber der direkte Weg zum Hörer, die Glaubwürdigkeit, die man natürlich erst gewinnen muss, das Vertrauensverhältnis zwischen Hörern und Machern. Als Hörer höre ich einer Stimme an, ob ich ernst genommen werde, mit anderen Worten: Der falsche Ton im Funk, der ist fatal.

Heckmann: Wie schwer, Siegfried Buschschlüter, wird es Ihnen fallen, jetzt in den nächsten Tagen und Wochen nicht mehr tagtäglich aus den USA zu berichten?

Buschschlüter: Also, ich werde es einmal so formulieren, Herr Heckmann. Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass die Hörer in diesen frühen Morgenstunden die treuesten sind. Und bei ihnen möchte ich mich jetzt an dieser Stelle besonders bedanken und ihnen allen möchte ich sagen: Machen Sie es gut, ich werde Sie vermissen. Das wird mir schwer fallen.

Heckmann: Siegfried Buschschlüter war das, unsere Brücke sozusagen nach Washington, heute beendet er seine Korrespondententätigkeit. Im Namen aller Kollegen und vieler, vieler Hörer, Siegfried Buschschlüter, besten Dank für Ihre Berichterstattung über 13 Jahre USA und auch Ihnen alles Gute.

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