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StartseiteBüchermarktMachtspiel um die junge Demokratie06.02.2013

Machtspiel um die junge Demokratie

Anila Wilms: "Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens"

Die 1971 in Tirana geborene Autorin Anila Wilms ist in Albanien eine mit Auszeichnungen bedachte Schriftstellerin. In Deutschland - wo die gelernte Historikerin seit 1994 lebt - muss sie noch entdeckt werden. Ihr neuer Roman basiert auf einer wahren Begebenheit, die in Albanien alle schockierte.

Von Claudia Kramatschek

Ein Generator sorgt für Strom in einem Café in Tirana, Albanien. (AP Archiv)
Ein Generator sorgt für Strom in einem Café in Tirana, Albanien. (AP Archiv)

Die Drojabrücke war von den Bewohnern des nahen Dorfes Mamurras in Fronarbeit ausgebessert worden. Sie hatten hastig ein paar ungehobelte Balken über die von Minen gerissenen Löcher geworfen. Die Brücke war noch immer schlecht passierbar.

Albanien im Jahr 1924: Der Norden des Landes, dessen Bewohner noch immer nach alt überlieferten Gewohnheitsrechten leben, führt schon seit einigen Jahren eine blutige Fehde mit der neu gegründeten und sich modern gebenden Hauptstadt Tirana.

Eben erst ist ein Aufstand des Berglandes niedergeschlagen worden, da erreicht den Rest des Landes eine unglaubliche Nachricht: Auf der Straße des Nordens, auf der nur selten ein Auto zu sehen ist, hat es Schüsse gegeben - zwei Amerikaner sterben, ihr albanischer Fahrer liegt schwer verwundet im Krankenhaus. Was bei Wilms jedoch wie eine wunderliche Schnurre anhebt, basiert auf einer wahren historischen Begebenheit, die man - so die Autorin - bis heute in ihrer Heimat Albanien schockierend findet:

"Dieses Ereignis wird immer wieder erwähnt, die Leute sind beschämt, die Leute sind erschrocken, sind entsetzt, und zwar in allen Epochen. Aber vor lauter Instrumentalisierung von allen Seiten und vor lauter Entsetzen und Emotionalisierung und Tabuisierung suchte man gar nicht erst nach den Begebenheiten - was ist wirklich passiert. Mir hat gefehlt, wirklich zu wissen: Moment mal, was ist passiert, und in welcher Reihenfolge? So habe ich angefangen."

Das klingt nach einer eigentlich banalen Feststellung - ist es aber nicht. Denn Wilms, die von Haus aus Historikerin ist und also die Wahrheit liebt, muss gerade deshalb eines Tages - lange bevor dieser Roman in Arbeit ist - eine schockierende Feststellung machen:

"Ich habe in Tirana Geschichte studiert und die Erfahrung war, nachdem ich nach Berlin kam mit meinen glänzenden Zeugnissen: Alles, worauf ich so stolz war, ist verdreht, lückenhaft, einfach falsch, einfach manipuliert. Und das war sehr schmerzhaft; zu erkennen, dass mein ganzes Wissen eigentlich nichts wert ist. Zwar stimmten die Daten, aber die kommunistische Geschichtsschreibung war so unglaublich willkürlich damit umgegangen. Also: Im Grunde bestand meine Aufgabe darin, dieses Ereignis richtig zu erforschen, richtig zu verstehen, und dann so objektiv wie möglich darzustellen. "

Sprich, Wilms macht sich das Handwerk der Historikerin zunutze, um mithilfe der Literatur zu überprüfen, was Bestandteil ihrer eigenen Geschichte ist. Sie beginnt zu recherchieren, trägt diplomatische Verlautbarungen, Zeitungsmeldungen, Berichte historischer Reisender zusammen. Es sind, so sagt sie, Krümel, die sich nach und nach zu einem detailreichen Gesamtbild fügen.

Der Roman, den man in Händen hält, wirkt dagegen erstaunlich entschlackt und kommt sprachlich so leichtfüßig daher, dass man die wie getupft wirkende Pointiertheit mit Harmlosigkeit verwechseln kann. Zumal Wilms auf einen historischen Panoramablick verzichtet und ihre Geschichte stattdessen multiperspektivisch vermittelt: Kapitel für Kapitel wird aus Sicht einer anderen, direkt oder indirekt in das damalige Geschehen verwickelten Person erzählt; mit dem Effekt, dass alle Parteien zu Wort kommen, die 1924 mitmischen im politischen Machtspiel um die noch junge Demokratie Albaniens.

"Das Jahr 1924 ist ein sehr besonderes Jahr. Es stellte sich heraus, dass dieses demokratische, parlamentarische System, das man nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Einfluss der Anglo-Amerikaner versucht hatte, sich als untauglich erwies. Die Demokratie, der Parlamentarismus ist ein sehr komplexes Spiel. Es verlangt so viel Übung, es verlangt so viel psychologische Vorbereitung, auch kollektive - und dafür braucht man wirklich Jahrhunderte, damit Völker dazu in der Lage sind. Und die Albaner haben es versucht in den Jahren zwischen 1920 und 1924 - und es ist ganz gründlich daneben gegangen. Und mein Roman beschreibt ganz konkret diesen Moment, wie es dann dazu kam, dass es auseinander brach."

Denn der Mord an den beiden Amerikanern - zwei unbedarfte Reisende übrigens - ist nur das letzte Zündholz an einem politischen Pulverfass, das schon länger in die Luft zu fliegen droht. In Rückblenden rollt Wilms die Vorgeschichte auf; als Leser erhält man so eine hoch kondensierte und ergo aufschlussreiche Geschichtslektion. Da sind einerseits die diversen politischen und kulturellen Gräben innerhalb des Landes: Hier das archaisch denkende Bergvolk, dort das nach Öffnung zum Westen hin strebende Stadtvolk, die Mehrzahl westlich geprägt, da heimgekehrt aus dem europäischen oder amerikanischen Exil. Hier die Feudalisten, dort die Föderalisten.

"Albanien, dieses für einen Fremden auf den ersten Blick so beschauliche Land, war durch den Machtkampf der beiden Kontrahenten Premierminister Fuad Herri und dem oppositionellen Bischof Dorotheus, innerlich zerrüttet. Fuad Herri, Haupt eines Bergstamms aus dem Norden, stützte sich auf eine Reihe alteingesessener Clanchefs, während Bischof Dorotheus die modernen Kräfte, im wesentlichen die Rückwanderer aus den westlichen Ländern, die meisten von ihnen aus Amerika, anführte."

Wie Herri und Dorotheus sich auf dem Höhepunkt ihrer Streitigkeiten in einer Kirche ein Duell mit Worten und Pistolenkugeln liefern: Das ist nebenbei erwähnt nur eine von diversen Szenen, die bei Wilms wie aus einem burlesken Theaterstück entsprungen scheinen.

Und dann fällt eines Tages auch noch ein magisches Wort: Man habe Erdöl in Albanien gefunden. Die Albaner erhoffen sich mehr Gehör auf der internationalen Bühne, nicht zuletzt für ihre ewigen Grenzstreitigkeiten mit den verhassten Serben und Griechen. Die westlichen Mächte hoffen aufs große Geschäft und dringen ins Land: Erst die Briten, dann die Amerikaner - letztere in Gestalt des zwar aufstrebenden, aber doch naiven, da noch an die Unschuld der erst jungen Diplomatie glaubenden Gesandten Julius Grant, der 1923 in Albanien eintrifft und sich nicht nur an seinem britischen Gegenspieler die Zähne ausbeißt.

"Nach unseren teuer erkauften Informationen haben die albanischen Autoritäten die Ölkonzessionen mehrfach unter der Hand verkauft, sich von allen Seiten Zuwendungen zusichern lassen. Niemand weiß natürlich, wie er aus diesem Teufelskreis ungeschoren wieder herauskommen soll, und alle haben sehr wohl Sorge, dass ihnen alles in Kürze um die Ohren fliegen wird."

Tatsächlich gerät das prekäre Gleichgewicht mit dem Mord an den Amerikanern aus den Fugen: Drei Männer werden als die mutmaßlichen Mörder gehenkt. Der Chef der Föderalisten wird erschossen. Der politische Machtkampf eskaliert. Das Land steht kurz vor einem Bürgerkrieg - und Grant fordert die Entsendung eines Zerstörers.

"Es ist so konzipiert gewesen: Weltgeschichte in einer Nussschale. Albanien im Jahre 1924 als einen exemplarischen Fall der Kräfte, die zu dieser Zeit in der ganzen Welt aktiv sind. Also: einmal England und Amerika. In Albanien genauso: durch zwei. Das Land war gespalten. Der Volksbund, eine globale Friedensbemühung, trifft gegen die Interessen der Ölkonzerne. Und Stadt und Land. Es treffen Welten aufeinander. Und letzten Endes explodiert das Ganze."

Zuvor aber gibt es noch einmal eine unerwartete, aber entscheidende Wende in diesem an Intrigen und Verschwörungen reichhaltigen Welttheater in nuce: Die Erdölvorkommen erweisen sich als Fata Morgana - und vor allem Grant muss erkennen, dass Amerika nicht aus politischer Moral, sondern aus purem wirtschaftlichen Kalkül heraus agiert. Parallelen zu heutiger Zeit liegen also auf der Hand.

Doch Wilms - die sich selbst als Chronistin sieht - enthält sich bewusst jeglicher Anspielung und jeglichen Urteils - noch dort, wo sie in Gestalt eines Forschungsreisenden die Archaik des Nordlandes gegen die anmaßende Fortschrittsgläubigkeit des Westens zu Felde führt.

In ihrem Roman - einem Roman der sich kreuzenden Blicke und Blickwinkel - sind alle beteiligten Stimmen nichts als Prismen, die der Leser selbst zu einem Bild zusammenfügen muss. Dass man das mit großer Freude tut, liegt nicht zuletzt an den so volkstümlichen wie plastischen Charakteren, aus deren Munde die Historikerin Wilms ihr eigentlich sperriges historisches Sujet in den wunderbaren Tonfall einer turbulenten Posse kleidet:

"Das ist dieser ganz typische Balkanhumor, aus allem ein Theater zu machen, eine Inszenierung. Es hat immer einen besonderen Stil, und zwar diesen Stil, den ich da verwendet habe. Das ist Albanien. Das ist, wie die Welt klingt."

Anila Wilms: "Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens"
Roman. Transit Verlag 2012. 170 Seiten. 18,80 Euro

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