• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 06:35 Uhr Morgenandacht
StartseiteBüchermarktMachtvakuum im Wüstenreich08.03.2009

Machtvakuum im Wüstenreich

Buch der Woche: Jamal Mahjoub: "Die Stunde der Zeichen"

Knapp 20 Jahre umfasst der Zeitraum, den Jamal Mahjoubs Roman "Die Stunde der Zeichen" beschreibt. Es sind die Jahre eines Machtvakuums im Gebiet des heutigen Sudan, die Zeit, in der die osmanisch-ägyptische Vorherrschaft zusammenbricht, um dann Ende der 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts durch das Kondominium von Briten und Ägyptern ersetzt zu werden.

Vorgestellt von Michael Schmitt

Die Tempelreste von Meroe im heutigen Sudan (Iris Völlnagel)
Die Tempelreste von Meroe im heutigen Sudan (Iris Völlnagel)

Das sind zwischen 1881 und 1898 aber auch die Jahre, in denen der sogenannte "Mahdi" im Namen Allahs und des Islam zunächst ein altertümliches Heer von Lanzenreitern und Schwertkämpfern von Sieg zu Sieg gegen die Vorherrschaft der "Türken" führt, um dann im Sudan ein Reich auf der Grundlage des Koran zu errichten, das erst von den Briten wieder hinweg gefegt werden wird.

Es gibt eine wahre Gärung von zeitgenössischen Berichten aus dieser Zeit; aufgesetzt von britischen Soldaten und Gouverneuren oder von Priestern, die in Gefangenschaft gerieten und später niederschrieben, was sie erlebt hatten. Diese Bücher wurden viel gelesen, denn der Kampf gegen den Mahdi machte Furore, so wie auf der anderen Seite des Atlantiks im Nordosten Brasiliens ungefähr zeitgleich auch der Kampf gegen die verarmten Landarbeiter und Mischlinge, die sich als sektiererische Christen um den sogenannten "Ratgeber" in dem Ort Canudos sammelten, seit sie durch die Modernisierung der jungen Republik Brasilien unter die Räder gekommen waren. Euclides da Cunha hat davon 1902 in einem gewaltigen Essay "Der Krieg im Sertao" berichtet, und Mario Vargas Llosa hat daraus den Roman "Der Krieg am Ende der Welt" gemacht. Beide Orte - der Sudan und Canudos -, boten schon den Zeitgenossen reiches Anschauungsmaterial in Sachen "Fortschritt und Zerstörung".

Der bekannteste der Berichte aus dem Sudan ist Winston S. Churchills Schilderung "The River War" von 1899, in welcher der junge Offizier und Journalist schon ein Jahr nach dem Sieg der Briten deren Vorgehen patriotisch verherrlichte. Dieses Buch ist seither immer wieder aufgelegt worden - mittlerweile auch in einer gekürzten deutschen Fassung, im Frühjahr 2008 unter dem Titel "Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi".

Mit dem Reich des Mahdi aber verhält es sich, ungeachtet der vielen Quellen, so wie mit den meisten Dramen der Kolonialzeit. Man weiß viel darüber, aber üblicherweise kommen die Kolonisierten selbst kaum zu Wort; sie bleiben stumm, denn keiner hat sie gefragt, und die Sieger haben die Historiographie besorgt. Nicht immer ohne Mitgefühl, aber eben doch mit dem Blick von außen auf Menschen und Umstände, die zu Projektionen einluden oder schlicht zur Unterwerfung.

Jamal Mahjoub, 1960 als Sohn eines britischen Vaters und einer sudanesischen Mutter geboren, hat seinen Roman "Die Stunde der Zeichen"
ganz anders angelegt. Er folgt einer Handvoll unterschiedlicher Figuren, die jede auf eigene Weise von diesen Ereignissen betroffen werden. Das sind beispielsweise der Stammesführer und Kalif Abdullahi, der im Dienst des Mahdi aufsteigen wird, und der britische Nachrichtenoffizier Ellesworth; es sind der Pferdeknecht Kadaro und die junge epileptische Noon; es sind ein alter Koch und ein islamkundiger Gelehrter, Hawi genannt, der sich mit den traditionellen Hütern des Korans überworfen hat und nun die Wege des Mahdi beobachtet. Die Perspektiven wechseln ständig, sprunghaft schreitet der Roman voran - aber all diesen Figuren begegnet man in den unterschiedlichsten Situationen und Konstellationen immer wieder, so dass die Geschichte niemals auseinander fällt. Dadurch kommen die zu Wort, die vom Wirken des Mahdi direkt angesprochen waren - der Roman als Ganzes aber legt sich trotzdem nicht auf eine Deutung der Ereignisse fest, macht sich nicht zum Sprachrohr einer Partei.

Der Mahdi wird als einfacher Mann eingeführt, als Mohammed Ahmed, Sohn eines Bootsbauers; er wandert über staubtrockene Ebenen, beglückt die Menschen durch Worte und Ausstrahlung - und bringt etwas in Bewegung, was den ägyptischen Gouverneuren, ihren Stellvertretern und Offizieren Anfang der 80er-Jahre in seinen Dimensionen lange verborgen bleibt. Der Stammesführer Abdullahi aber wird sich stets daran erinnern, wie er von jenem Mann erfuhr, an dessen Seite er dann später in den Krieg ziehen wird:

"In nah und fern flüsterte man in ehrfurchtsvollem Ton von seinen Reisen und seinen Predigten, auf Märkten, an deren Namen sich niemand mehr erinnerte, an glühenden Dungfeuern, im warmen Schoß ausgetrockneter Flussbetten. Er selbst hatte von Fremden, die Trost im Erzählen von Wundern fanden, von diesem Mann erfahren. Er hatte gehört, dass Engel diesen Sohn eines Bootsbauers, aus dessen Augen fromme Hingabe leuchtete, auf seinen Wegen begleiteten. Und dass Worte ihm wie Honig aus dem Mund flossen.
Man erzählte sich, ihm sei ein Lichtschleier vorausgegangen, und man hätte allüberall beobachten können, wie sich ein neuer Stern einen Weg durch den Himmel brannte, um das nahende Ende zu verkünden. (...) 'Herr', hörte er sich sagen. 'ich habe es in meinen Träumen gesehen, Ihr seid der Erwartete.' Und der andere Mann lächelte dieses einfache Lächeln, an dem ihn alle Menschen erkannten und dessentwegen sie ihm vertrauten, und er nickte kurz und sagte schlicht: 'Ja'."


Endzeitliche Überzeugungen treiben diesen Menschen an, er wird sogleich zur Projektionsfläche für die Hoffnungen jener, deren Nöten er eine Sprache und einen Sinn zuweist. Und er avanciert zu einer Figur, die sich für machtpolitische Interessen vereinnahmen lassen kann. Abdullahi ahnt das, als er dem Mahdi zum ersten Mal begegnet, die ägyptische Verwaltung aber unterschätzt die Rebellion, die sich seit 1881 langsam unter Hirten und Bauern ausbreitet.

Erste kleine Strafexpeditionen enden dann in Desastern, die wenigen Soldaten werden von den Aufständischen mit Knüppeln erschlagen oder zwischen die Krokodile in die Flüsse getrieben. Der stellvertretende Gouverneur, ein ehemaliger Sklavenhändler, und damit eine typische Figur für die Zeit der ägyptischen Vorherrschaft, weiß, dass er seinem obersten Dienstherrn die Dringlichkeit der Lage nicht wird klar machen können. Und die islamischen Eliten blicken nur mit Geringschätzung auf den Mahdi - genauso wie auf jenen abtrünnigen Gelehrten Hawi, der spürt, dass etwas Neuartiges seinen Anfang nimmt.

"Stück für Stück, als die Tage zu Wochen wurden, und der Mond wechselte, und die Monate sich reihten, entstand ein Bild. Das Bild eines Mannes, der still daherkam, ohne viel Aufsehen, lediglich um Brosamen für seine Bettelschale bat und um einen Platz, der ihn vor dem Regen der Nacht barg.
(...) Eine Schar weißer Tauben tanzte über ihm und bildete dort, wo er gerade ging, einen Schattenkreis. Vielleicht geschah es erst im Nachhinein, aber überall sah es so aus, als wäre er von allen sofort erkannt worden. Es war fast so, als hätten sie auf sein Erscheinen gewartet. (...) Das hier, dachte Hawi, das hier ist der Anfang. Er spürte es in seinen Knochen, spürte den Geist dieses Mannes, den er verfolgte, in jedem Rascheln der Dornbüsche. Wie die Spur kleiner Insekten, die durch den Sand kriechen, hatte sich hier etwas geregt, das die ruhige Oberfläche der Welt störte.
Und zum erstenmal in seinem Leben als Gelehrter (...) fühlte er deutlich, wie es am Anfang gewesen sein musste, in eben dem Augenblick des Übergangs, in dem die Religion geboren wurde, in dem Gottes Wort den Menschen offenbart wurde."


Der Gouverneur in Khartum ist derweil in einer verzwickten Lage. Der osmanische Vizekönig von Ägypten ist 1879 vertrieben worden; zudem haben die Briten die ägyptische Armee zusammengeschossen - mit Hilfe aus Kairo kann er also nicht rechnen. Während der Mahdi sich 1883 vorläufig in der Stadt El Obeid einrichtet und dort so etwas wie eine neue Gemeinschaft bildet, die durch Pilger starken Zuzug erhält, geht man in Khartum dennoch daran, eine Strafexpedition zu planen, um diese Bewegung zu vernichten. Die zur Verfügung stehenden Soldaten aber sind unmotiviert und schlecht ausgebildet und nur wenige britische Offiziere gehören zu der Truppe.
Angeführt werden die 7000 Mann vom Generalgouverneur persönlich und von dem britischen General Hicks. Man verfügt über Maschinengewehre, aber die Soldaten ziehen durch eine Landschaft, die sich zum Verbündeten ihrer Gegner macht. Die wenigen Wasserlöcher sind zugeschüttet oder vergiftet, die ohnehin geringe Kampfmoral ist bald zerrüttet.

"Je weiter sie vorrückten, desto mehr schien sich die Landschaft zu verändern. Jeden Morgen tat sich eine neue Landschaft vor ihnen auf, die darauf wartete, dass die Männer ihr Geheimnis lüfteten. Es schien, als bewegten sie sich durch ein Gebiet, das den Zustand der Welt widerspiegelte. Jeder Schritt war von der Furcht erfüllt, im nächsten Augenblick mit dem eigenen Selbst konfrontiert zu werden. (...) Langsam nagte sich die Angst in die Herzen der Männer. Das Land selbst begann ihnen zuzusetzen. Die Formation wurde nur verlassen, wenn dies absolut unumgänglich war, denn der Feind war ein Meister darin, sich hinter den Dornenbüschen, in den Spalten und Ritzen des Erdbodens zu verstecken, sodass einem einhundert Männer auf der flachsten, unscheinbarsten Felsebene direkt vor der Nase liegen konnten, und man sie nicht entdeckte. Die Lage hatte sich derart aufgeheizt, dass man sich erzählte, der Gegner schlüpfe nachts, während die Männer schliefen, zwischen den Wachtposten hindurch und wandere ungehindert durch das Lager."

Als es dann bei Shaykan zur entscheidenden Schlacht kommt und Zehntausende Feinde über diese Soldaten herfallen, gibt es über den Ausgang keinen Zweifel. Die Truppen des Mahdi kommen wie eine Naturgewalt über das geschwächte Heer, die "primitiven" Kämpfer scheinen keine Angst zu kennen, und wenn die Pistolen der Soldaten leer geschossen sind, dann schlägt die Stunde der rostigen Schwerter und Lanzen, denen sich schließlich auch der Generalgouverneur gegenübersieht.

"Wohin er auch blickte, sah er Männer fallen - ob sie sofort tot waren oder nur verwundet, vermochte er nicht zu sagen. Neben ihm lag ein Kamel, dem unerklärlicherweise der Kopf gespalten war. Er hörte Schreie, und eine ganze Weile war ihm nicht bewusst, dass er es war, der da aus vollem Halse brüllte. Auch den Feind konnte er sehen. Verblüffend, wie schlicht sie
aussahen: alte Männer, groß gewachsene , dünne Männer, junge Burschen, alle mit den gleichen rostigen Schwertern und hoffnungslos veralteten Gewehren bewaffnet, barfuss in dünne geflickte Kleidungsstücke gehüllt. Er sah, wie sich die Soldaten zu Linien formierten und versuchten, ein sinnvolles Feuerschema zu finden. Neben ihnen brüllte ein barhäuptiger Offizier seine Befehle, bis auch er in diesem Durcheinander aus Rauch und Körpern fiel.
Die feindlichen Krieger waren überall. Sie brachen einfach aus dem Boden hervor."


Der Gouverneur und General Hicks fallen, und der Mahdi fühlt sich am Beginn eines langen Weges, den er von Sieg zu Sieg weiter schreiten will, von El Obeid über Shaykan nach Khartum und von da aus weiter bis Kairo.

Diese Schlacht von Shaykan und die darauf folgenden zwei Jahre bis zur Eroberung von Khartum stehen im Zentrum des Romans von Jamal Mahjoub. Er schildert nicht nur die Truppenbewegungen und die Gemetzel, sondern ausführlicher noch die Odysseen all der Figuren, die sich nur im näheren oder weiteren Umfeld des Kriegsgeschehens bewegen. Die des Pferdeknechtes Kadaro etwa, der sich von seiner versprengten Kavallerieeinheit trennt und gemeinsam mit einer epileptischen jungen Frau durch das Land zieht; die des britischen Nachrichtenoffiziers Ellesworth, der Pferdediebe einfangen will, sich dabei verirrt und ein Jahr lang als vermisst gilt, ehe er wieder nach Khartum zurückfindet. Und nicht zuletzt die des Gelehrten Hawi, der dort, wo der Mahdi seine Herrschaft errichtet, nicht nur die neuen Energien registriert, sondern mit unbestechlichem Blick auch den Rückfall auf eine frühere Kulturstufe.

"Die Stunde der Zeichen" vermittelt durch diese Erzählweise ein Gefühl dafür, was ein Mann wie der Mahdi für die Sudanesen bedeutet - und erzählt gleichzeitig, wie wenig Staat sich damit machen lässt, wie archaisch die Lebensumstände, wie instabil die Strukturen in einer solchen neugegründeten Gesellschaft dann sind. Wenn man das heute liest, vorgeprägt durch die aktuellen kontinuierlichen Debatten um den Krieg gegen den weltweiten islamistischen Terrorismus, sollte man bedenken, dass dieser Roman im Original schon 1996 erschienen ist. Er bedient also nicht unsere gewohnten Reflexe - sondern er gestattet eher schon eine Korrektur unseres Blicks, denn Mahjoub nimmt sich die Freiheit, dem Mahdi und seinen Gefolgsleuten Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen.

Vergleicht man "Die Stunde der Zeichen" dann auch noch mit dem Bericht von Winston Churchill, wird das noch deutlicher: Churchill schrieb seinerzeit aus der Sicht des Machtmenschen, der dieses Land dem britischen Weltreich angliedern wollte und keinen Zweifel daran hegte, dazu auch berechtigt zu sein. Churchill war sehr klarsichtig, wenn es darum ging, die Rolle der Religion in diesen Auseinandersetzungen einzugrenzen: sie sei nur die einigende Formel für die ganz anderen Interessen der Unterdrückten und Ausgebeuteten gewesen, sagt er. Als solche aber interessiert sie ihn dann nur noch wenig.

Jamal Mahjoub gibt ihr demgegenüber ein erhebliches Eigenrecht. Er stellt sich nicht auf die Seite des Mahdi, aber er nimmt dessen Motive und die seiner Leute ernst; und er kontrastiert das mit den Selbstzweifeln der Vertreter der überlegenen Kulturnation. Die verkörpert vor allem der legendäre General Charles George Gordon, der 1884 zum zweiten Mal nach Khartum abkommandiert wird. Er hatte zehn Jahre zuvor die Sklavenhändler bekämpft und zwischen 1877 und 1879 erstmals als Generalgouverneur in Khartum gedient; nun kehrt er zurück, soll Bericht erstatten und die Garnisonen aus Khartum evakuieren. In Großbritannien wird in diesen Monaten über niemand anderen mehr geredet - nur hilft ihm das nicht.
Im Roman ist er der hellsichtigste, wenn auch zynische Analytiker der Rolle seiner Landsleute - und schockt den jungen Nachrichtenoffizier Ellesworth:

"Gordon verdrehte die Augen. 'Die königliche Armee', seufzte er. 'Das alles hat sehr wenig mit der Königin zu tun, meinen Sie nicht auch? Was sich hier abspielt, ist ein schmutziger Hinterhofstreit zwischen zwei gleichgesinnten Brüdern, in den wir ... Abenteurer hineingezogen worden sind. (...) Und so werden wir in die Geschichte eingehen, Ellesworth: als Abenteurer, Briganten, Söldner ... Banditen.'"

General Gordon ist die Gegenfigur zum Mahdi - darauf beruht, ungeachtet der vielen anderen Figuren, die Konstruktion des Romans. Der eine wäre nichts ohne den anderen, beide gemeinsam werden gewissermaßen überlebensgroß.
Nicht unbedingt als handelnde Protagonisten, sondern mehr noch als Katalysatoren für etwas, das sonst vielleicht nicht in Gang gekommen wäre.
Das Sendungsbewusstsein und das Offenbarungspathos des einen korrespondieren mit der Einsicht des anderen in die fatale innere Leere der Europäer, die hier eigentlich nicht hin gehören. Erst an einem Ort wie Khartum findet ein so abgeklärter Mensch wie Gordon sich wieder auf die Frage nach dem Glauben zurückgeworfen - nur leider unter Umständen, die er als Europäer lange schon hinter sich gelassen hat.

"' Wir sind jener stumme Augenblick, der den Mittelpunkt der menschlichen Moral kennzeichnet.' Er nahm die Haltung eines Mannes ein, der im Alleingang den Kampf gegen die Mächte der Finsternis ficht, die sich anschicken, ihn mit den Gezeiten der Jahrhunderte fortzuspülen. (...) 'Ich habe immer gewusst, dass dieser Augenblick kommen wird. Tief in meinem Inneren war mir klar, dass ich eines Tages mit der Frage nach der Glaubensgesinnung konfrontiert sein würde und zwar an einem so urzeitlichen Ort wie diesem, an dem die Elemente und die Menschen erbärmlich sind, primitiv ... und man vollkommen allein ist. Auf diese Weise betreten wir die Welt, und auf diese Weise müssen wir sie wieder verlassen.'"

Damals wie heute verschaffe vor allem der Verfall jeder anderen stabilen, legitimen Form politischer Herrschaft dem Islam seine Autorität und diesen Zuwachs an Macht - er fülle eine Lücke, sei dann aber für den Missbrauch dieser Macht genauso anfällig wie jede andere Ideologie auch. General Gordon durchschaut in Mahjoubs Roman zudem auch noch einen anderen Aspekt seiner Rolle vor den Augen der Welt und in einem Spiel, bei dem es in der Heimat, in Großbritannien, nicht mehr um wirkliche Ereignisse, sondern nur mehr um Aufmerksamkeit und um Popularität geht. Er sieht sich selbst als "Medienphänomen" in einem modernen Sinne.

"'Sie würden gern kommen und mich retten. Ich bin wichtiger als das Bataillon, wichtiger als das Land. Um uns herum ist eine Kultur der Berühmtheiten entstanden. Die Worte sind bedeutungsleer geworden und werden von den Schreiberlingen der täglichen Sudelblätter dazu verwendet, ihre ausgestopften Götterbilder zu errichten, wie Vogelscheuchen, die zu gegebener Zeit ins Freudenfeuer geworfen werden. Wir leben in einer neuen Zeit des Götzendienstes. Man empfindet eine gewisse Sympathie für Mohamet, der sich weigerte, auch nur ein einziges Bild von sich malen zu lassen.
(...) Die Anhänger des Mahdi kämpfen dafür, den wahren Glauben wieder einzusetzen, und wir in unserer Unwissenheit versuchen, sie daran zu hindern, wo es doch nur zu wahr ist, dass wir unser Verständnis des Glaubens längst eingebüsst haben.'"


Spätestens mit dieser Wendung erhält der Roman eine gegenwartsdiagnostische Dimension, die über die bloße Schilderung einer brisanten alten Geschichte hinausweist. Der Mahdi, genauso wie Gordon, sind Figuren in einem Spiel, das sie nicht beherrschen können. Der Brite fällt schließlich bei der Eroberung von Khartum, und der Mahdi stirbt wenig später an einer Krankheit und hinterlässt sein Erbe den verschiedenen Stammesführern, die ihm gefolgt sind. Das ist der Wendepunkt des Romans und das Ende aller Illusionen. Denn von da an geht es bergab mit dem Reich, das der Mahdi begründet hat.
Historisch verbürgt sind die Machtkämpfe unter den Nachfolgern, unter denen sich Kalif Abdullahi durchsetzt, indem er die anderen gegeneinander ausspielt und sie teilweise auch als Heerführer in Kriegen gegen angrenzende Länder verheizt. Verbürgt ist auch, dass im Inneren des Sudans ein wahres Terrorregime entsteht. "Wie konnte der Islam sich so vergessen?", wird gegen Ende des Romans eine der zentralen Figuren fragen - zu einem Zeitpunkt, zu dem alles verloren ist, nach dem Ende der britischen Rückeroberung des Sudans, die mit dem Bau einer Eisenbahn zur Versorgung der Truppen, mit dem Einsatz modernster Kanonenboote und neuester Maschinengewehre einhergeht. Zwischen 1896 und 1898 geht das Reich des Mahdi unter, nachdem es in den Jahren zuvor schon ausgeblutet ist. Die Worte Allahs werden durch die Machtansprüche der Briten ersetzt, die ihre Achse von Kairo bis zum Kap der Guten Hoffnung quer durch Afrika stabilisieren wollen - und zugleich so etwas wie ein Versprechen von Fortschritt und Wohlstand abliefern.

Hier werden bald zahllose Eisenbahnen fahren und es werden Ingenieure, Bremser und Schaffner gebraucht werden, erklärt man etwa dem ehemaligen Pferdeknecht Kadaro - man könne dabei sein, oder in der Steinzeit stehen bleiben. Das ist ein Deal mit der Zukunft, ein Angebot, das Kadaro dann tatsächlich nicht abschlagen wird. Anfangs arbeitet er nur als Gefangener beim Bau jener Eisenbahnlinie, mit der die Briten die Rückeroberung des Sudan seit 1896 vorbereiten. Nach dem Ende des Krieges wird er es dann aber zum Stationsvorsteher bringen - und als Mann mit Amtsgewalt dafür verantwortlich sein, dass der alte Gelehrte Hawi von einem Mob gelyncht wird. Denn diesem Korankundigen, der im Reich des Mahdi eine Druckerei geleitet hat, ist nicht verborgen geblieben, wie schnell aus der Botschaft eines Bettlers die Legitimation für irdische Gier herausdestilliert worden ist, wie viel Schuld die Jünger des Mahdi an ihrer eigenen Niederlage haben.

"'Der Islam begann als Fremder, und er wird als Fremder wiederkehren. Wir haben etwas erlebt, was man als Letzte Stunde bezeichnen könnte. (...) Haben wir das etwa nicht erlebt in den letzten Jahren der Herrschaft des Kalifen Abdullahi? Sind die, die ihn umgaben nicht langsam reich und fett geworden, und was waren sie den anderes als einfache Rinder- und Ziegenhirten? Ich bin dort gewesen, ich habe es gesehen. (...) Die Geschichte wiederholt sich, doch nie auf die gleiche Weise. Der Raum ist nicht kugelförmig, noch ist es die Zeit. Beide sind spiralförmige Gebilde, wie die Früchte eines Tamarindenbaums.' Er bewegte die erhobenen Hände in Spiralen. Die Kinder waren von seinen Beschwörungen bezaubert. 'Das Ende des Kreises ähnelt dem Anfang ... und ist doch deutlich von ihm geschieden.'"

Aber wer will so etwas schon hören, nachdem alle so viel verloren haben?
Hawi stirbt am Galgen, schlimmer als der Tod ist für ihn jedoch, dass er ganz am Ende feststellt, dass auch er, der immer nach dem Sinn des Korans gesucht hat, den Glauben verloren hat. Hawi findet sich am Ende da, wo General Gordon schon Jahre vorher angekommen war, und im Roman heißt
das: Es beginnt eine seelenlose Zeit, in der für Glauben und Illusionen kein Platz mehr sein wird. Sie beginnt mit dem mechanischen Abschlachten der sudanesischen Heere in der Schlacht bei Omdurman 1898; und sie setzt sich fort, wenn die Gedemütigten sich in den Dienst der Herren dieses Fortschritts stellen und ihre Hoffnungen genauso wie ihre Enttäuschungen vergessen. "Hütet Euch vor falschen Propheten", ruft der Stationsvorsteher Kadaro, der einmal dem Mahdi gefolgt ist, und lebt fortan auf der Seite derer, die keinen anderen Propheten mehr kennen als macht- und geldwerte Interessen.

Jamal Mahjoub: Die Stunde der Zeichen. Roman.
Aus dem Englischen von Thomas Brückner,
Edition Büchergilde,
Frankfurt/M. 2008, 368 Seiten
(Weltlese Bd.1 - herausgegeben von Ilija Trojanow)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk