• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:05 Uhr Gottesdienst
StartseiteEuropa heuteRussischer Einfluss trifft auf französischen Antiamerikanismus02.06.2017

Macron und die russischen MedienRussischer Einfluss trifft auf französischen Antiamerikanismus

Kreml-treue Medien sollen den französischen Wahlkampf manipuliert haben - das sagte Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron Anfang der Woche. Russland weist diesen Vorwurf zurück. Doch russische Medien haben durchaus Einfluss in Frankreich. Woran das liegt, erklärte der Publizist Pierre Verluise im Dlf.

Ursula Welter im Gespräch mit Pierre Verluise

Nahaufnahme von Putins Kopf von der Seite, dahinter unscharf der Kopf Macrons vor einem dunklen Hintergrund. (AFP / STEPHANE DE SAKUTIN)
In Frankreich, so meint Pierre Verluise, treffe der russische Einfluss durchaus auch auf traditionelle, antiamerikanische Einstellungen. (AFP / STEPHANE DE SAKUTIN)
Mehr zum Thema

US-Geheimdienste Putin soll Hackerangriffe auf US-Ziele angeordnet haben

Beeinflussung der US-Wahl US-Geheimdienste beschuldigen Putin persönlich

Ursula Welter: Zu Beginn dieser Woche gab es in Frankreich im Schloss Versailles eine denkwürdige Szene. Der französische Staatspräsident stand neben dem russischen Präsidenten Putin und sagte: "Wenn Presseorgane ehrenrührige Unwahrheiten verbreiten, dann sind das keine Journalisten mehr". Emmanuel Macron beklagte, dass die russischen Medien "RT" und "Sputnik" im Wahlkampf die Wahrheit manipuliert hätten. Ein schwieriger Moment für seinen Gast im Saal, Wladimir Putin selbst. Putin erklärte dann gestern, wieder daheim in Moskau, die russische Regierung beauftrage keine Computerhacker, um sich in fremde Wahlkämpfe einzumischen. Wie es um die Einmischung durch Kreml-treue Presseorgane bestellt ist, sagte Putin nicht. Über die Schlüsselszene im Schloss Versailles Anfang dieser Woche habe ich mit dem Direktor des Internet-Magazins für Geopolitik "Diploweb", Pierre Verluise, gesprochen und ihn gefragt, warum Macron sich in der Pressekonferenz zu einer offenen Kritik an russischen Medien veranlasst sah. 

Pierre Verluise: Der französische Präsident hat auf die Frage einer russischen Journalistin geantwortet. Nicht er selbst hat das Thema aufgebracht, sondern er beantwortete die Frage der Journalistin, die es bedauerte, dass "Sputnik" keinen Zugang zum Wahlkampf Macrons bekommen habe, darauf reagierte er, um eben "Sputnik" und "RT", einen Ableger von "Russia Today", zu bezichtigen, Einflussmedien Russlands zu sein, die sich nicht an die Spielregeln hielten. So hätten sie insbesondere verleumderische Behauptungen über ihn in Umlauf gebracht. Und das brachte er als Rechtfertigung für die Zugangsverweigerung gegenüber "Sputnik" und "RT" an, während andere russische Medien durchaus Zugang zu seinem Wahlkampf gehabt hätten.

Welter: Es ging dabei um Gerüchte, die besagten, Macron besitze womöglich ein Offshore-Konto und es war nicht zuletzt der Front National und Marine Le Pen, die das Gerücht im Wahlkampf gestreut haben.

Verluise: Was den Präsidenten stört, ist, dass diese Medien, "Sputnik" und "RT" insbesondere, zu 100 Prozent vom Kreml finanziert werden, also Medien des russischen Staates sind und durch das Verbreiten von Gerüchten durch gezielte Falschinformationen insbesondere zum Thema Migration und zu Fragen des Lebenswandels von Herrn Macron versucht haben, die Öffentlichkeit bewusst irrezuführen. Das reiht sich ein in eine sowjetische Tradition der Zersetzung der öffentlichen Meinung, wo es darum geht, die Öffentlichkeit Europas zu teilen, insbesondere zu Fragen der Migration. Man versucht, eine Distanz zum europäischen Aufbauwerk herzustellen und auch zum Euro.

Das russische Narrativ im französischen Wahlkampf

Welter: Heißt das, Pierre Verluise, dass man auch in Frankreich eine russische Lesart von Politik erleben kann?

Verluise: Ja, durchaus. Das gilt für Frankreich wie andere Länder ebenfalls. Es ist ein russisches Narrativ - dieses Erklärungsmuster, wie man auch sagen könnte, beansprucht, gegenüber einer multipolaren Weltordnung Sympathie zu empfinden. Einer Welt, die nicht von den USA dominiert sein soll, sondern in der andere Mächte, insbesondere Russland, ebenfalls einen Platz hätten. Dieses Erklärungsmuster wird sehr geschickt verbreitet und findet auch günstige Aufnahme in Frankreich, insbesondere bei der äußersten Rechten und bei der Linken. Zum Teil erklärt sich das mit einem Erbe aus dem antiamerikanischen Jahrzehnt Frankreichs, also von 1958 bis 1969, zur Zeit De Gaulles, als Frankreich sich gegen die US-Hegemonie wandte. Eine solche Idee einer multipolaren Welt kann ja auch durchaus betrachtet werden, warum nicht. Wenn aber dieses Narrativ zu einem Echoraum russischer Propaganda werden soll, dann ist das etwas ganz anderes.

Antiamerikanische Tradition in Frankreich

Welter: Weil Sie den Antiamerikanismus in Frankreich angesprochen haben - kann man also sagen, dass die russischen Medien gleichsam auf altem Gelände agieren, dass also dieses Phänomen keineswegs neu ist?

Verluise: Genau so ist es. Der russische oder der ehemals sowjetische Einfluss in Frankreich ist keineswegs etwas Neues. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die KP Frankreichs, die durch die Sowjetunion finanziert wurde, einen Stimmenanteil von etwa 25 Prozent. Sie war also eine sehr mächtige Partei. Nach und nach, nach dem Ende der Sowjetunion ging dann der Einfluss der KPF beträchtlich zurück. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war die kommunistische Glaubwürdigkeit in Frankreich und anderen Ländern zusätzlich untergraben. Aber Russland hat es mittlerweile vermocht, neue Anknüpfungspunkte zu finden, insbesondere bei der äußersten Rechten, dem Front National, und auch bei der äußersten Linken, den Unbeugsamen dieser Bewegung von Mélenchon. Sie haben jetzt einen Staffelstab gefunden.

Ein hochinteressanter Autor, der seit ein bis zwei Jahrzehnten diesen Antiamerikanismus aufgearbeitet hat, ist Jean-François Revel, ein Philosoph, ein Journalist, der neben dem Gaullismus, den ich gerade schon besprochen habe, eine weitere Ursache anführt, nämlich den Anspruch Frankreichs, ein Vertreter universaler Rechte zu sein, ein Anspruch, der für Nicht-Franzosen selbstverständlich bestreitbar erscheint. Und er sagte, die USA verträten ebenfalls diesen universalistischen Anspruch, was ebenfalls von anderen in Zweifel gezogen werden kann. Aber es sind eben zwei Mächte, die jeweils für sich beanspruchen, der große Träger universaler Werte zu sein. Das ist ganz schön viel für einen einzigen Planeten. Es erklärt eben aber auch, warum Teile der französischen Öffentlichkeit so leicht auf den Antiamerikanismus einschwenken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk