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StartseiteForschung aktuellEigenständige Gebilde, die eigene Interessen verfolgen16.04.2018

Mächtige MikroorganismenEigenständige Gebilde, die eigene Interessen verfolgen

Ohne die kleinsten Lebewesen, die Bakterien, wäre der Mensch und mit ihm die gesamte Ökologie der Erde aufgeschmissen. Das zeigt der Wissenschaftsjournalist Ed Yong auf unterhaltsame Weise in seinem Buch "Winzige Gefährten". Wir leben mit ihnen symbiotisch - und irgendwann werden sie uns auffressen.

Von Michael Lange

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Darmbakterien Escherichia coli unter dem Elektronenmikroskop, grün eingefärbte Aufnahme (Imago / Dennis Kunkel)
Darmbakterien Escherichia coli unter dem Elektronenmikroskop, grün eingefärbte Aufnahme (Imago / Dennis Kunkel)

Bakterien sind mindestens so vielfältig, so spannend und bewundernswert wie Tiere oder Pflanzen. Wer das nicht glaubt, hat das Buch "Winzige Gefährten" von Ed Yong noch nicht gelesen. Er präsentiert darin eine faszinierende Welt, die unseren Sinnen normalerweise verborgen bleibt.

"Kugelförmige Perlen, würstchenähnliche Stäbchen und kommaförmige Bohnen, allesamt nur wenige Tausendstelmillimeter groß. Ein Dutzend oder mehr von ihnen könnte sich auf dem Durchmesser eines menschlichen Haares gemütlich nebeneinander legen."  

Ohne die Kleinsten wäre der Mensch und mit ihm die gesamte Ökologie der Erde aufgeschmissen. Die Botschaft ist nicht neu, aber keiner verkündet sie so unterhaltsam wie der Wissenschaftsjournalist und Video-Blogger Ed Young: 

"Orson Welles sagte: Wir werden allein geboren, wir leben allein, und wir sterben allein. Aber Orson, du liegst falsch. Selbst, wenn wir denken, wir wären allein, sind wir es nicht. Wir leben gemeinsam mit Mikroben."

"Sie leben auf uns. Sie leben in uns. Sie sind überall." 

Sie verdauen unser Essen, sie schützen unsere Haut, sie trainieren unser Immunsystem. Und irgendwann werden sie uns auffressen. Denn auch wenn manche Mikroben-Versteher meinen, Bakterien seien lieb und nett; sie sind es nicht. Selbst wenn sie als Symbionten mit uns zusammenleben, machen sie stets ihr eigenes Ding.

Für die Fans der kleinsten Lebewesen

"Symbiontische Mikroorganismen sind immer noch eigenständige Gebilde, die eigene Interessen verfolgen und ihre eigenen Evolutionskämpfe führen. Sie können unsere Partner sein, aber unsere Freunde sind sie nicht. Selbst in der einträchtigsten Symbiose bleibt immer noch Spielraum für Konflikt, Egoismus und Betrug."

Was Mikroorganismen auszeichnet ist: Sie sind viele, und gemeinsam sind sie mächtig. Wenn wir sie ignorieren, ist das zu unserem eigenen Schaden. Sie zu bekämpfen, mag im Einzelfall angebracht sein, aber selbst im Krankenhaus sollten wir es mit der Hygiene nicht übertreiben, empfiehlt Ed Yong. Antibiotika und Desinfektionsmittel kommen seiner Ansicht nach viel zu oft zum Einsatz. 

"Wir attackieren Mikroorganismen schon viel zu lange, und die Welt, die wir damit geschaffen haben, ist eben auch unwirtlich für diejenigen unter ihnen, die wir brauchen." 

Den Kampf gegen Krankheitserreger gewinnen wir nicht gegen die Billionen Mikroorganismen, sondern nur mit ihnen. Denn die Winzlinge sind ein Teil von uns. 

Zielgruppe: Für die Fans der kleinsten Lebewesen. Aber auch für alle, die bisher dachten, sie kämen gut ohne Mikroorganismen aus. 

Erkenntnisgewinn: Die Welt steckt voller Ökosysteme – und jeder Mensch ist eines davon. 

Spaßfaktor: Selten ist Erkenntnisgewinn so unterhaltsam. 

Ed Yong: "Winzige Gefährten" (Verlag Antje Kunstmann/imago/Science Photo Library)Ed Yong: "Winzige Gefährten" (Verlag Antje Kunstmann/imago/Science Photo Library)

Ed Yong: "Winzige Gefährten - Wie Mikroben uns eine umfassendere Ansicht vom Leben vermitteln", Verlag Antje Kunstmann, 480 Seiten, 28 Euro

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