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StartseiteCampus & KarriereMänner als Mangelware04.06.2013

Männer als Mangelware

An Grundschulen sollen mehr Lehrer unterrichten

Nur noch gut zehn Prozent des Lehrpersonals an Grundschulen sind Männer. Jetzt versuchen Hochschulen, mit gezielten Kampagnen gegenzusteuern und männliche Studienanfänger für diesen Beruf zu motivieren.

Von Thomas Gesterkamp

An vielen Grundschulen unterrichten nur Frauen. (picture alliance / dpa)
An vielen Grundschulen unterrichten nur Frauen. (picture alliance / dpa)
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Männer verzweifelt gesucht

Andreas Scholten ist Fachlehrer an einer städtischen Grundschule im westfälischen Münster. Das Kollegium ist, wie überall, weiblich geprägt: Der Pädagoge ist einer von drei Männern, neben ihm gibt es noch den Schulleiter und einen Sozialarbeiter. Alle neun Klassen der Schule werden von Frauen geführt. Für Scholten ist das kein Problem.

"Ich fühl mich eigentlich im Kollegium total wohl, bin praktisch schon aufgewachsen mit so vielen Frauen. Während des Studiums ist das ja schon so. Ich war an verschiedenen Schulen, man kann sagen, dass das für uns dazu gehört, zu dem Alltag als Grundschullehrer.”"

Der Anteil männlicher Lehrer in der Primarstufe sinkt rapide. Vor drei Jahrzehnten lag er noch bei vierzig, inzwischen bei zwölf Prozent. Die geringe Zahl männlicher Studienanfänger im Grundschullehramt signalisiert keine Trendwende. Was hält junge Männer davon ab, diesen Beruf zu wählen? Andreas Scholten vermutet: Sie ziehen eine sachbezogene Fachlichkeit der Gefühlsebene vor.

""Ein Grund könnte sein, dass da auch viel Beziehungsarbeit geleistet wird, gerade mit jüngeren Kindern, die einen engeren Kontakt suchen. Es ist vielleicht einfacher, etwas distanzierter arbeiten zu können, wenn die Kinder größer sind. In Kindertagesstätten arbeiten ja auch weniger Männer, da sind die Kinder noch anhänglicher, brauchen mehr Körperkontakt und Zuneigung.”"

Die Debatte um sexuellen Missbrauch, die männliche Pädagogen in jüngster Zeit manchmal pauschal mit Pädokriminellen in Verbindung brachte, schreckt zusätzlich ab, glaubt Scholten. Ein weiteres Hindernis sieht er in den vergleichsweise schlechten Gehältern. Pädagogen an weiterführenden Schulen erhalten mehr Geld.

""Das stuft sich ja ab bei uns in Deutschland, die elementaren Bereiche, da ist es am preiswertesten, und die Oberstufenschüler sind am teuersten, da wird auch das Personal am höchsten bezahlt. Da gibt es auch Aufstiegschancen, da kann man Karriere machen in Anführungsstrichen, dass man vom einfachen Lehrer zum Studienrat gehen kann, diese Möglichkeiten sind in der Grundschule weitaus begrenzter. Ich denke, dass sich das annähert und die Gewichtung sich verlagert, dass auch die Bezahlung sich verändert, wenn die Ausbildung anerkannter wird.”"

Projekte an den Universitäten Hildesheim und Bremen wollen mehr Männer für das Lehramt an Grundschulen gewinnen. Gemeinsamer Ausgangspunkt ist, dass das fehlende Interesse männlicher Studienanfänger nicht nur an der Bezahlung liegt. Immerhin haben Lehrer eine sichere Berufsperspektive und relativ familienfreundliche Arbeitszeiten. Identitätsprobleme und Imagefragen unter Gleichaltrigen spielen eine wichtigere Rolle: Die Berufswahl junger Männer sei immer noch von Rollenstereotypen geprägt. Autos zu entwickeln oder Maschinen zu warten gelte in der Clique meist mehr als die Arbeit mit Menschen. Um hier einen Wertewandel zu befördern, gibt es in Bremen die Initiative "Rent a teacherman". Projektleiter Christoph Fantini beschreibt, wie sie funktioniert.

""Es ist ja nicht so, dass 1,3 Lehrer in jeder Grundschule sind, sondern es gibt Grundschulen mit fünf männlichen Lehrkräften und 15 allein in Bremen, wo keine einzige männliche Lehrkraft ist. Deswegen habe ich durch meine guten Kontakte zu Studierenden dann die Idee entwickelt, männliche Studierende, also Studenten, in solche männerfreien Grundschulen zu schicken. Das läuft jetzt seit anderthalb Jahren sehr erfolgreich. Acht Lehramtsstudenten sind an solche männerfreien Grundschulen ‘ausgeliehen’, das wird über Honorarmittel der Bildungssenatorin finanziert."

Eine bundesweite Kampagne allerdings - wie sie das Familienministerium im Projekt "Mehr Männer in Kitas” für den Erzieherberuf unterstützt - ist für das Lehramt bislang nicht in Sicht. Die wünscht sich Christoph Fantini.

""Ich würde mich über eine bundesweite Kampagne freuen. In meinem eigenen Projekt merke ich, wie müßig und nervig es ist, immer wieder neuen Projektmittelchen hinterherzulaufen, um so spannende Sachen überhaupt machen zu können. Das ist eigentlich ein Unding und ich wünsche mir genau dasselbe wie im Kita-Bereich, so was brauchen wir unbedingt auch für das Grundschullehramt.”"

Nähere Informationen

Universität Bremen, Projekt "Männer in die Grundschule”, Dr. Christoph Fantini, Telefon: 0421-21869123, E-Mail: cfantini@uni-bremen.de

Universität Hildesheim, Projekt "Männer und Grundschullehramt”, Sabine Hastedt, Telefon 05121-883-195, www.uni-hildesheim.de

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