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Startseite@mediasresDenen kannst du dein Mindstyling anvertrauen13.12.2017

Männermagazin "Cord"Denen kannst du dein Mindstyling anvertrauen

"Cord" will Männer für sein, "die mehr Zeit für das Wesentliche im Leben brauchen und zwischen Arbeit, Freunden und Familie auch auf sich selbst achten". Arno Orzessek hat das neue Magazin für uns gelesen.

Von Arno Orzessek

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Ein Skateboardfahrer in Cordhose steht auf seinem Board. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Stellen wir uns "Cord" als Hose vor - haben wir da nicht zugleich auch deren Träger vor Augen? (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
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Sprechen wir über das Verhalten des analogen Medien-Junkies am Kiosk. Zuerst erledigt er das Alltägliche. Er greift nach einer ordentlichen Tageszeitung – Fakten, Fakten, Fakten. Danach kommt die süße Kür: Er sucht sich eine der verlockenden Zeitschriften aus. Was seine Lebensqualität besonders hebt, wenn die Wahl auf ein Mindstyle-Magazin fällt.

Kurze Aufklärung für alle, die den Schuss nicht gehört haben, weil sie immer nur nach Men's Health oder Cosmopolitan greifen: Mindstyle-Magazine verhalten sich zu Lifestyle-Magazinen wie der Dalai Lama zu Donald Trump. Oder um es mit dem Vokabular Erich Fromms auszudrücken: Lifestyle-Magazine handeln vom Haben, Mindstyle-Magazine vom Sein.

Siehe die Musterexemplare der Gattung: Happinez, Flow und Bewusster leben, Letzteres auch bekannt als "Mindstyle-Magazin für Spiritualität, Gesundheit, Psychologie und Lebenskunst". Mindstyle-Magazine sind im zynischen Medien-Dschungel also das, was der Weihrauch in der katholischen Liturgie ist – eine Verheißung höheren Lebens.

Das Problem: Trotz ihres ethischen Adels sind die meisten Mindstyle-Magazine politisch bedenklich inkorrekt, denn sie sind nullkommanull gegendert. Schon die Titelseiten, gern mit bekleideter Frau an Landschaft und Blütenknospe, zielen meilenweit am Mann vorbei. Als ob der kein Seelchen hätte, das der Entschleunigung und Pflege mit semantischem Wohlfühlschaum bedarf.

Die Gepeinigten mit guten Aussichten erquicken

Da kann man nur dankbar sein, dass die Deutsche Medien-Manufaktur DMM jetzt "Cord" auf den Markt gebracht hat, das "Männer-Magazin fürs Wesentliche", und gewiss bald die neue Ikone des "Slow Journalism". Nebenbei: DMM ist eine feine Kollaboration zwischen dem hanseatischen Verlag Gruner + Jahr und dem urig-westfälischen Landwirtschaftsverlag Münster. Mit Titeln  hat sich DMM quasi zum "Manufactum" der Magazin-Szene gemausert.

Nun also "Cord". Bitteschön, das ist nicht irgendein Name! "Cord" gilt als Kurzform von Conrad - und Conrad bedeutet so viel wie 'kühn an Rat'. Da denkst du gleich: Ja, sapperlot, die haben kulturell sensible Cleverle am Start! Denen kannst du dein Mindstyling anvertrauen.

Und wie zärtlich der Titel das Publikum einbezieht! "Cord" ist ja auch das sympathische Gewebe mit den samtartigen Längsrippen. Stellen wir uns "Cord" als Hose vor - haben wir da nicht zugleich auch deren Träger vor Augen? Vielleicht jenen freundlich-depressiven Lateinlehrer, Passat-Fahrer, Tee-Trinker mit Familie und Eigenheim im Speckgürtel? Ihm wird gewiss "Wie wir wieder anfingen uns zu lieben" helfen, der Artikel, in dem erklärt wird, wie "Matthias und Anna den Sex aus den Augen verloren" – aber natürlich wiedergefunden haben.

Denn "Cord" will all die Gepeinigten und Beladenen des Anthropozäns mit guten Aussichten und praktischen Lösungen erquicken. Deshalb gleicht in der Rubrik "Verbunden" – faustischer Untertitel: "Was die Welt zusammenhält" – die zentrale Empfehlung einem Ausbruch sokratischer Weisheit: "Jeden Tag eine gute Tat." Unter "Verstanden" erfährt der Cord-Leser, was dem strikt empfohlenen "Leben im Moment" dient, nicht zuletzt dank des Artikels "Entspannter Leben mit dem Smartphone".

Wäre die Männer-Welt voller "Cord"-Leser…

Wohlgemerkt: nicht entspannter leben ohne. Denn mit 8,50 Euro Verkaufspreis wendet sich Cord nur sehr bedingt an geschäftsuntüchtige Total-Aussteiger in der Uckermark. Philologen werden sagen, der Smartphone-Artikel hätte sich auch in der erwähnten Rubrik "Verbunden" super gemacht. Aber in puncto inhaltliche Konsistenz ist "Cord" so tiefenentspannt, wie es seine Leser qua Lektüre erst noch werden wollen.

Auf die Rubriken "Verbunden" und "Verstanden" folgen "Verdient" und "Vereinfacht". Denn fürwahr, "Cord" pflegt die kindliche Einfalt, die immer schon – vergleiche Dostojewskis "Idiot" – ein Ausweis gehobener Spiritualität war. Und um die geht es ja!

Übrigens, die erste Ausgabe von Cord im letzten Jahr hieß noch Wolf. Und auch wenn damit eher so etwas wie 'der liebe Wolfgang' gemeint war, klang "Wolf" aufgrund stabiler Sprachklischees doch nach Wildheit, nach Schweifen bei Nacht und blutiger Fleischeslust. Und damit, so hat DMM herausgefunden, hat der moderne Mann nichts am Hut. Deshalb bekommt er jetzt "Cord" – was unbedingt als gutes Zeichen zu verstehen ist.

Denn eines scheint klar: Wenn die Männer-Welt voller "Cord"-Leser wäre, bräuchten die Frauen kein #MeToo. Aber, liebe Cordhosen-Träger, lesen Sie selbst!

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