Mittwoch, 22.11.2017
StartseiteCorsoIn den Geschichten ist alles drin08.03.2014

MärchenIn den Geschichten ist alles drin

In den Märchen der Gebrüder Grimm tauchen allerlei Psychopathen auf: Menschenfresser, Sadisten und massiv Komplexbehaftete. Die Gruppe The Ministry Of Wolves hat die Musik zum Theaterstück "Republik der Wölfe" gemacht, das derzeit in Dortmund gespielt wird. Es transportiert Grimms Märchen ins Jetzt.

Danielle De Picciotto und Alexander Hacke im Corso-Gespräch mit Dennis Kastrup

Verschiedene Ausgaben von Grimms Märchen liegen auf einem Tisch (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Das Theaterstück "Republik der Wölfe" transportiert die Märchen der Gebrüder Grimm in die Gegenwart. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Dennis Kastrup: Was war ihr erster Gedanke bei dem Gedanken an Grimms Märchen?

Danielle De Picciotto: Märchen sind ein Thema, das mich schon lange beschäftigt, also eigentlich schon ewig, weil ich als Kind Märchen furchtbar fand. Die haben mir immer Angst gemacht und ich fand die vor allem komplett unlogisch. Märchen waren für mich immer irgendetwas, was ich nicht verstanden habe. Ich dachte immer: 'Warum passiert das jetzt? Das macht doch überhaupt keinen Sinn!' Deswegen habe ich mich über die Jahre immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven damit auseinandergesetzt. Es gibt ja alle möglichen und unterschiedlichen Herangehensweisen. Es gibt manche Leute, die sagen, das waren ursprünglich gar keine Geschichten, sondern Zauberformeln. Oder andere, die sagen, das waren ursprünglich psychologische Geschichten, um Kinder auf eine bestimmten Art und Weise zu erziehen. Ich fand eigentlich alle Aspekte interessant. Deswegen war das für mich super, als ich gefragt wurde, auch gerade wegen Anne Sexton, weil ich seit Jahren ein Fan von Sexton bin, so wie Paul Wallfisch auch. Das ist jetzt noch einmal eine neue Perspektive auf Märchen an sich. Ich finde, das ist ein Endlosthema, deswegen ist es für mich sehr interessant gewesen mitzumachen.

Kastrup: Wenn man den Charakter von Anne Sexton miteinbezieht: Glauben Sie, dass dieser Charakter auch die Märchen dazu gebracht hat, dass sie total umgedreht wurden?

De Picciotto: Ich glaube, dass Anne Sextons Versionen schon sehr persönlich sind. Ich habe daraufhin auch noch einmal ihre Biografie gelesen. Ich habe das ganze Transgressions-Buch gelesen und auch ihre anderen Gedichte. In der Biografie wird schon erklärt, inwiefern viele der Sachen mit ihr selbst oder mit ihrer Tochter oder mit ihrem Leben, mit den ganzen Schwierigkeiten und ganzen Kontroversen zu tun haben. Aber ich finde das interessant. Zum Beispiel Rapunzel wird als eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen gesehen. Der Prinz hat da irgendwie relativ wenig zu suchen, aus irgendeinem Grund. Ich finde das schon interessant. Ich habe mir auch zur gleichen Zeit das Buch "Women who run with the wolves" geholt - ich weiß gerade nicht wie es auf Deutsch heißt - weil da auch was Ähnliches ist, wo Märchen eben auf diesen Frauenaspekt untersucht werden. Und das ist bei ihr auch so. Es ist schon eine sehr feminine Interpretation von ihr, was ich auch gut finde, weil es eigentlich ungewöhnlich ist, und weil sie auch relativ unbekannt ist in Deutschland.

Kastrup: Hat sich für Sie durch die Herangehensweise an die Märchen die Sichtweise der Personen auch in verschiedenen Songs, die Sie jetzt eingespielt haben, verändert?

Alexander Hacke: Naja, also ich glaube, ich hatte da eben auch schon immer eine andere Auffassung. Ich habe es immer mit der Addams Family gehalten, wo die Kinder dann fragen: ‚Mama, warum schieben die beiden die arme alte Frau in den Ofen?’ Also meine persönliche Sichtweise ist eh andersrum. Ich versuche immer das Gute im Bösen und das Böse im Guten zu sehen, insofern macht das dann auch Spaß.

Kastrup: Die Texte sind ja auch gemischt mit den originalen Grimms Märchen. Sehe ich das richtig?

De Picciotto: Ja, und es ist auch ganz schön interessant, weil dadurch, dass Anne Sexton so ganz klare Interpretation von den Märchen hat. Ich hab dann gemerkt, dass ich teilweise ganz anderer Meinung bin. Dornröschen zum Beispiel: Das ist bei ihr ein Text über Inzest, also Vater-Tochter, was mir überhaupt nicht eingeleuchtet hat. Für mich ist Dornröschen nicht ein Inzest-Ding. Es ist eigentlich eher irgendwas, was für mich so eine Betäubung ist, die man sich vielleicht selber antut, in Angesicht von bestimmten Problemen. Bei mir ging es eigentlich um Betäubung. Deswegen habe ich dann einen Text darüber geschrieben, weil mir das mit dem König überhaupt nicht eingeleuchtet hat. So ist es dann ganz anders geworden als bei ihr oder was das eigentliche Grimm Märchen angeht. Da kommt auch kein Prinz vor bei mir.

Hacke: Wir wollten zwölf Stücke bearbeiten, sodass jeder drei Stücke hat, bei denen derjenige als Hauptstimme quasi vorkommt und sich um den Text kümmert. Mir wurde zugeteilt, beziehungsweise ich habe es mir ausgesucht: Schneewittchen und die 7 Zwerge, wobei es mich natürlich überhaupt nicht interessiert hat, dieses Märchen noch einmal zu erzählen, sondern ich habe mich dann komplett um die Symbolik der Zahl 7 gekümmert. Ich habe eine Woche recherchiert, was es alles für 7er-Zusammenhänge gibt und habe darauf aufbauend einen Text geschrieben. Der heißt "Heptagon" und kümmert sich nur um 7er-Zusammenhänge. So haben wir natürlich auch frei assoziiert und uns einfach von den Märchen inspirieren lassen, um dann wiederum ganz andere Sachen zu erfinden.

Kastrup: Wie muss man sich das genau vorstellen? Wie verschwimmen oder verschmelzen dann die Musik mit Bildern oder den Personen auf der Bühne?

Hacke: Man muss sich das so vorstellen: Die haben auf die Drehbühne eine Art Wohnblock des sozialen Wohnungsbaus hingebaut, also wie so kleine Zwei-Zimmerwohnungen oder solche Sachen, wo sich alle möglichen Dinge abspielen, die man heutzutage in den Schlagzeilen lesen könnte, wie "Mutter vergiftet Tochter (14), weil sie zu schön war". Also dieses Sensationelle, Reißerische war ein Ansatz vom Theater, das zu übertragen, also quasi Bildzeitungsschlagzeilen in diesen Märchen zu suchen. Man sieht die Akteure in dieser oft beweglichen Bühne, wie sie unglaubliche Dinge miteinander tun. Als Charaktere in dem Stück gibt es auch noch die Gebrüder Grimm selber, die sich ja auch im wirkliche Leben recht uneinig waren, wie diese Märchen nun zu interpretieren seien, also ob dann Rotkäppchen am Ende gerettet werden soll oder nicht, oder ob sie eben tatsächlich vom Wolf verschlungen bleiben soll. Das sind alles Entscheidungen gewesen und die werden dann quasi auf der Bühne nachgespielt. Und wir übernehmen teilweise die Rolle des Erzählers, teilweise kommentieren wir und teilweise sind wir so etwas wie ein Filmscore, also wie ein Soundtrack.

Kastrup: Worin liegt der große Erfolg der Grimm Brüder, dass sie jetzt immer noch so aktuell sind? Ich wüsste nicht, in den letzten 100, 200 Jahren, jemanden, der so viel Erfolg mit Märchen hat.

De Picciotto: Das ist eine gute Frage. Meine sehr simple Antwort wäre, dass sie einfach im Prinzip Geschichten aufgegriffen und wiedergegeben haben auf eine gewisse Art und Weise, die im Prinzip wirklich so offen sind, dass man eben so viele unterschiedliche Interpretationen da rein tun kann. Also sie sprechen eigentlich jeden an. Jeder Mensch kann da eine andere Sicht drauf haben und es spricht jeden einzelnen Menschen direkt an. Das ist ja eigentlich das Geheimnis von großen Werken, dass die eben allgemeingültig sind, so, dass wirklich jeder sich damit auseinandersetzen oder identifizieren kann. Das sieht man auch bei dem Theaterstück. Das finde ich ganz gut, weil genau das auch gezeigt wird. Das sind unsere Geschichten. Das sind wir. Das sind wir Menschen mit unseren ganzen Widersprüchen, mit unseren ganzen Schwächen, mit unseren ganzen Stärken, mit den Träumen. Da ist alles da drin - das ist irre - in diesen ganz einfachen Geschichten. Ich glaube, dass man sich da endlos mit beschäftigen kann und man wird nie zu einem Schluss kommen, weil es einfach immer noch eine Interpretation gibt, die möglich ist.

Kastrup: Ich habe quasi nur den Soundtrack zum Theaterstück gehört. Ich denke mir, dass es total anders wirkt, wenn man nur die Musik hört und das Theaterstück gar nicht kennt. Würden sie dem zustimmen?

De Picciotto: Im Theaterstück ist es ja auch so, dass die Stücke nicht so an sich durchgespielt werden, sondern die werden auch teilweise nur stückchenweise zu einer bestimmten Szene unterlegt oder vermischt. Wir mussten natürlich zusammen arbeiten mit der Regie und mit den Schauspielern. Von daher ist es eine viel offenere Sache. Da gibt es auch ganz viele Soundscapes, wo keine Stimme ist, wo wir Spannungen aufbauen müssen. Es sind natürlich alle Songs drin, aber es ist ganz anders zusammengestellt.

Kastrup: Ich habe mich gefragt, wer sind denn die modernen Märchenerzähler heutzutage? Wer erzählt denn Geschichten, die so absurd, offen und interpretierbar sind, wie kein anderer das macht. Und ich habe gesagt, das sind die Politiker.

De Picciotto: Die Politiker. Aber da gibt es doch nie ein Happy End.

Kastrup: Das ist richtig, es sind aber trotzdem Märchen.

Hacke: Das Ding ist ja, dass diese Märchen Volksgeschichten waren. Das waren ja Legenden, die von den Grimm Brüdern zusammen getragen wurden und eben interpretiert wurden für diese Sammlung, die sie da herausgebracht haben. Also so könnte man das auch sehen, dass die Politiker möglicherweise... aber ich will gar nicht mal sagen sie Politiker, sondern eher die Medien. Im heutige Zeitalter würde ich sagen nehmen die Medien die Rolle der Grimm Brüder ein, indem sie die Information oder die Geschichten und die Wahrheiten, die dem Volk eigentlich bekannt sind, interpretieren und neu verpacken, so wie sie glauben, dass das Volk sie verstehen muss.

Kastrup: Ich habe verstanden, was sie meinen (lachen). Vielen Dank.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk