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StartseiteDeutschland heuteStreit um "Euthanasie"-Denkmal 08.02.2018

MagdeburgStreit um "Euthanasie"-Denkmal

Magdeburg könnte das erste "Euthanasie"-Denkmal Deutschlands bekommen, an dem auch Menschen mit Behinderung mitgearbeitet haben. Doch in der Stadt ist man skeptisch. Man habe Stolpersteine verlegt, unternehme Gedenkstättenfahrten, heißt es. Das müsse reichen, ist unter anderem zu hören.

Von Christoph Richter

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Die Bildmontage zeigt den Künstler Bernd Morgenroth und seinen Entwurf eines Denkmals für die Euthanasie-Opfer des Nationalsozialismus. (Detuschlandradio / Christoph Richter)
Die Bildmontage zeigt den Künstler Bernd Morgenroth und seinen Entwurf eines Denkmals für die Euthanasie-Opfer des Nationalsozialismus. (Detuschlandradio / Christoph Richter)
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Im Atelier der Magdeburger Pfeifferschen Stiftung – einer großen Pflegeanstalt der evangelischen Diakonie – steht das 30 Zentimeter große Modell eines künftigen Denkmals für die NS-"Euthanasie"-Opfer. Das nun für einen heftigen Streit in der Stadt sorgt.

"Ich hab das Modell im Kulturausschuss des Stadtrates vorgestellt. Und da hat man mir das Zeichen gegeben, dass das nicht gewollt ist." 

Ideengeber ist der ursprünglich aus Dresden stammende Künstler Bernd Morgenroth. Zusammen mit sechs behinderten Künstlern arbeitet er an einer 2,50 Meter großen Skulptur, die einem Bienenkorb ähnelt. Und genau dieser Bienenkorb, erklärt Künstler Morgenroth, soll einen Schutzraum symbolisieren, der den Behinderten zu NS-Zeiten verwehrt wurde. Außen ist die Tonskulptur aus einzelnen orientalisch anmutenden Mosaik-Feldern zusammengesetzt.

"Also ich bau das hier auf. Das ist technisch ziemlich anspruchsvoll, so einen 2,50 Meter hohen Kubus herzustellen. Dann lass ich das lederhart trocknen, dann beschnitzen die Künstler das. Also ich lass die Behinderten zeichnen, dann suchen wir die besten Entwürfe aus. Dann übertragen wir die Entwürfe auf den Ton, die werden reingeschnitzt." 

Die Künstler der Pfeifferschen Anstalten sind Autodidakten, haben nie eine Kunstschule besucht. Sie schnitzen, töpfern oder malen. Betrachter erkennen schnell – in der Rohheit - eine Zerbrechlichkeit. 

Gestaltet von Menschen mit Behinderung

Der Magdeburger Künstler Morgenroth unterstreicht, dass das Denkmal ein echtes Alleinstellungsmerkmal hätte. Denn es gebe mit Berlin und Pirna bundesweit bisher nur zwei öffentliche Denkmäler für die Mord-Opfer der NS-"Euthanasie". In Magdeburg könnte demnächst das dritte Mahnmal stehen. Aber das Erste überhaupt, das von Behinderten gestaltet werden würde. Also von den Menschen, wären sie früher geboren, die von dem perfiden Massenmord der Nazis betroffen wären.

Doch das ganze Projekt stößt in Magdeburg auf massiven Widerstand. Denn das Denkmal soll genau an der Stelle stehen, wo früher das sogenannte "Braune Haus" stand, die Magdeburger Gestapozentrale. Heute gehört die Fläche zum Magdeburger Kunstmuseum. Da passe so ein Denkmal einfach nicht hin, sagt der in Magdeburg für Kunst und Kultur zuständige Beigeordnete Matthias Puhle. Denn die Fläche sei eine kuratierte Wiese, sagt er. Ein Skulpturenpark, der seine Anfänge noch aus DDR-Zeiten habe, heute ein moderner Kunstort sei.

"Das weiß eigentlich auch jeder hier in der Stadt, der sich mit Kunst beschäftigt, dass das, was auf der Freifläche ausgestellt wird, schon seit Jahrzehnten nach einem bestimmten künstlerischen Konzept erfolgt. Das muss jeder akzeptieren."

Die Museumsleitung des Magdeburger Kunstmuseums schweigt zu dem Fall. Für Künstler Morgenroth nicht überraschend, er unterstellt dem Museumsmachern ein elitäres Konzept, das lediglich für die Kunstbeflissenen da sei, sich aber nicht mit der NS-Geschichte des Ortes auseinandersetze.

"Ich denke, dass die Behinderten in der Öffentlichkeit eine ganz schlechte Lobby haben. Ja, das man die Augen zumacht."

Künstler will Mahnmal mitten Magdeburg stehen sehen

Magdeburgs Kulturchef Matthias Puhle versucht zu schlichten und schlägt nun einen Standort in der Nähe der Pfeifferschen Stiftungen am Rande der Stadt vor. Lieber sei ihm aber noch Bernburg, weil von dort kranke Menschen nach Bernburg deportiert wurden, wo sie anschließend in der Gaskammer starben. Denn das anhaltische Bernburg war eine der sechs "Euthanasie"-Anstalten zu NS-Zeiten. Magdeburg dagegen sei als Ort eines Denkmals für die Opfer der NS-"Euthanasie" nur bedingt geeignet, so Puhle weiter.

"Ich möchte in keiner Weise missverstanden werden. Aber es muss intelligent, überlegt und auch gerecht zugehen. Wir müssen auch überlegen, wie wir mit den anderen Opfergruppen in diesem Falle umgehen, wenn wir diesen Fall weiter betrachten."

Künstler Bernd Morgenroth kann mit diesen Überlegungen wenig anfangen. Und betont, dass man die Opfer der NS-Diktatur nicht gegenseitig aufrechnen dürfe. Und Morgenroth wiederholt die Forderung, dass das Mahnmal für die "Euthanasie"-Opfer mitten in der Magdeburger Innenstadt stehen müsse. Dort wo es für alle sichtbar sei.

Wie die Stadt Magdeburg kann sich auch die evangelischen Diakonieanstalt - die Pfeifferschen Stiftungen – nicht mit dem Gedanken eines "Euthanasie"-Denkmals anfreunden. Man habe Stolpersteine verlegt, unternehme Gedenkstättenfahrten, heißt es. Das müsse ausreichen, so sagte man uns in einem Telefonat. Ins Mikrofon wollte man jedoch dazu nichts sagen.

Das Thema eines "Euthanasie"-Denkmals, in Magdeburg hat es eine handfeste Kontroverse um Erinnerungspolitik ausgelöst. 

30.000 Euro soll das Denkmal kosten. Doch ob es dafür Geld gibt, auch das ist bis jetzt völlig ungeklärt. Künstler Bernd Morgenroth ist zäh. Er gebe nicht auf, er halte an seinem Anliegen fest, sagt er noch. 

"Ich denke, der Weg ist noch nicht zu Ende."

"Sie haben noch Hoffnung"

"Natürlich habe ich da noch Hoffnung."

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