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StartseiteBüchermarktMagie der Musik18.10.2004

Magie der Musik

Tim Winton: "Der singende Baum"

<em> Ich war zehn, als ich mich auf die Idee versteifte, ausschließlich schreiben zu wollen. Mein Vater war Polizist. Ich habe keinen literarischen Hintergrund. Meine Eltern haben nie die Schule abgeschlossen. Meine Großeltern sind überhaupt nicht zur Schule gegangen, waren arme Bauern. Ich liebte Bücher und das Lesen. Ein Buch zu öffnen und an einen ganz anderen Ort zu gelangen, in irgendeinen anderen Kopf zu schlüpfen, das hatte etwas Magisches an sich und ich glaube, eben diese Magie wollte ich als Leser und als Schriftsteller aufspüren. Ich schrieb viel, veröffentlichte ab und an etwas und erhielt dafür nur Pfennige, aber irgendwie überlebten wir. Mir gefiel die Herausforderung, das Unmögliche daran. In meiner Natur steckt etwas Eigensinniges. Wenn jemand sagt, das geht nicht, dann versuche ich es trotzdem. Meine Mutter hat mich daran erinnert, wie sinnlos es war, mir als Kind zu sagen, das kannst du nicht, denn ich sah das eher als Herausforderung und beschloss, es zu tun. </em>

von Johannes Kaiser

Tim Winton: "Der singende Baum" (Luchterhand Verlag)
Tim Winton: "Der singende Baum" (Luchterhand Verlag)

So hat sich der australische Schriftsteller Tim Winton nie um irgendwelche literarischen Moden oder Trends gekümmert, ist allein seinem Kopf und dessen Phantasien gefolgt und hat sich damit letztendlich durchgebissen, denn inzwischen ist der 44jährige in Australien ein literarischer Star. Allerdings ist ihm die jugendliche Unbekümmertheit abhanden gekommen, mit der er in den ersten Jahren einfach drauflos schrieb, egal ob er seine Sachen unterbrachte oder zurückgeschickt bekam.

Es fällt schwerer, sich selbst zufrieden zu stellen. Ich schreibe jetzt schon seit über 20 Jahren. Ich weiß, was ich getan habe. Man möchte sich nicht wiederholen. Man wird ungeduldiger, vielleicht auch kritischer dem gegenüber, was man macht. So habe ich für dieses Roman sieben Jahre und 55 Tage gebraucht. Es gab einen Abgabetermin, ich hatte das Manuskript auch rechtzeitig fertig und war dabei, es einzupacken. Meine Frau ging morgens um 8 aus dem Haus und als sie um 4 Uhr nachmittags wiederkam, war ich immer noch dabei, es zu verpacken. Tief in mir drin wusste ich, dass der Roman noch nicht fertig war. Das Buch war schon angekündigt, sein Preis stand fest, der Veröffentlichungstermin ebenfalls. Also rief ich den Verleger an und sagte ihm, auch wenn ich es versprochen hätte, ich würde es nicht schicken und er antwortete: Wir können es ein paar Wochen aufschieben.

Daraufhin ging ich ins Bett, wachte dann aber mitten in der Nacht auf, packte dieses Riesenpaket auf mein Fahrrad, fuhr zu meinen Büro am Hafen und fing noch mal von vorne an. Ich fing in der Dunkelheit an und schrieb noch, als es schon wieder dunkel war. Ich verlor jedes Zeitgefühl, schlief nur noch 4 Stunden. Und das machte ich 55 Tage und Nächte lang. Mir war so, als wollte ich den Bibelspruch umsetzen, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel findet. Ich habe herausgefunden, wie man das macht: als erstes erschießt man das Kamel, dann zündet man ein Feuer an, beschafft sich einen wirklich großen Topf und kocht das Kamel da drin. Dann nimmt man sich einen Strohhalm und pustet die Kamelsuppe durch das Nadelöhr. Etwas ähnliches habe ich unternommen: ich habe den Roman buchstäblich wie das Kamel eingekocht und dann durch’s Nadelöhr geblasen. Ich musste ihn von Anfang an komplett umzuschreiben. Es war verrückt.


Auch wenn sich Tim Winton geschworen hat, so etwas nie wieder zu machen, es hat sich offenkundig gelohnt. ‚Der singende Baum’ wurde wie schon seine Vorgänger in Australien ein literarischer Bestseller und das liegt sicherlich auch daran, dass sich das Land in diesem Roman wiedererkennt. Die Härte und Schönheit des roten Kontinents, seine eigenartige Natur und seine eigensinnigen Bewohner spielen eine Hauptrolle in der dramatischen Geschichte, die im Wasser anfängt und endet, jenem Wasser, das die Nation fasziniert, bedroht und schützt. 80 Prozent aller Australier leben in Küstennähe.

Und so beginnt Tim Wintons Roman am Meer und zwar in dem kleinen fiktiven Städtchen White Point, einem ehemals armen Fischerdorf, dass durch den Hummerfang zu beträchtlichem Wohlstand gekommen ist. Unumstrittener Führer der rauen Fischertruppe ist Jim Buckridge, ein wortkarger, hart anpackender, kräftiger Fünfundvierzigjähriger, dem Sonne und Meer tiefe Krähenfüße ins Gesicht gegerbt haben. Jim ist allerdings viel verletzlicher, als er sich gibt. Der nach dem Tod seiner Frau alleinerziehende Vater zweier Söhne hat sich mit Georgie zusammengetan, Ex-Krankenschwester und Tochter aus besserem Hause. Hier haben sich zwei gefunden, die außer ihrem Verlorensein wenig miteinander verbindet. Die Söhne zeigen ihr deutlich, dass sie nur ein mangelhafter Ersatz für deren tote Mutter ist.

Georgie lebt am falschen Ort mit dem falschen Mann zusammen. Sie weiß das auch, ist aber zu starrköpfig, um es aufzugeben, vielleicht auch zu faul. Sie gleicht einem Schiff, dass die Segel gesetzt hat, aber es geht kein Wind. Sie treibt einfach. Sie hat sich eher aus Neugier denn aus Liebe in diesen Mann verguckt. Seine Trauer hat sie angezogen. Er hatte kurz zuvor seine Frau verloren und sie hat diesen Rettungstrieb, diesen Impuls einer Krankenschwester, sich um ihn zu kümmern und das ist die Grundlage ihrer Beziehung, die aber im Verlaufe Zeit erodiert zu sein scheint.

Ihre Unzufriedenheit ist so groß, dass sie beschließt, Jim zu verlassen. Doch der Ausbruch misslingt. Ihr Auto bleibt mitten auf der Landstraße stehen. Der Mann, der ihr zur Hilfe eilt, ist ihr nicht ganz unbekannt. Sie hat mehrfach im Morgengrauen beobachtet, wie er mit seinem Boot aus dem Meer auftauchte – ein illegaler Fischer, der in den Jagdgründen ihres Freundes wildert. Eigentlich hätte sie ihn den Fischern melden müssen. Jetzt ist sie froh, dass sie es nicht getan hat, denn Hals über Kopf verliebt sie sich in den Fremden, der allein auf einer abgelegenen Farm lebt.

Ihr vorsichtiges Verhältnis ist jedoch bald zuende. Unbekannte zerstören das Boot und dann den Lastwagen von Luther Fox, dem Wilderer. Daraufhin beschließt der, alle Brücken zu seinem bisherigen Leben hinter sich abzubrechen, die Farm zu verlassen und einige tausend Kilometer weiter nördlich auf einer der Kimberley Inseln unterzutauchen. Die Zerstörung seiner Lebensbasis ist aber nur ein letzter Anlass, alles aufzugeben. Luther Fox ist seit dem Tod seines Bruders und dessen Familie ein gebrochener Mann. So folgt er gewissermaßen dem Ruf seiner Naturleidenschaft, flieht vor allem in die Wildnis, ohne zu begreifen, wie gefährlich die ihm werden kann, denn die australische Natur ist zwar grandios anzuschauen, aber im hautnahen Erleben unerbittlich grausam.

Lu hat die Vorstellung, er könne mit der Natur in größerer Harmonie leben. Aber er begreift dabei nicht, dass es unmöglich ist, nach dieser deutschen romantischen Tradition des Erhabenen zu leben. Die hat Natur in etwas Pittoreskes und Harmloses verwandelt. Aber in den nördlichen Regionen Australiens hat die Natur Zähne und es ist unmöglich, auf sich selbst gestellt zu überleben. Er hätte das aus 60 000 Jahren Aborigines Kultur lernen können. Lu zieht in den Norden und beginnt sich gewissermaßen langsam zu Tode zu hungern.

Luthers Flucht in die Natur ist auch ein Versuch, der Musik zu entkommen, die bis dahin sein Leben geprägt hatte, denn sein toter Bruder und dessen Frau waren begeisterte Musiker. Die Tage auf der Farm waren von Gesang und Musik erfüllt. Gemeinsam war man aufgetreten, bis beim letzten Mal bei einem Unfall alle bis auf Lu starben.

Musik ist etwas, das man im Leben nicht kontrollieren kann. Sie weckt Gefühle. Jedes Mal, wenn er Musik hört, bricht er zusammen. Er ist auch vor der Musik in die Wildnis geflohen, denn Musik transportiert sehr viel Trauer. Er geht ihr, wo immer er kann, aus dem Weg, aber als es schließlich nicht mehr genug zu essen gibt, er krank wird, Fieber bekommt, spürt er, wie die Musik wieder in ihm hoch kriecht. Er hört die Musik der Natur, hört das Meer, den Wind, die Tiere. Schließlich spannt er ein Stück Angelschnur zwischen zwei Baumzweige und macht daraus ein primitives Instrument. In gewisser Weise besingt er seine eigene Vergangenheit, singt sich seine Trauer vom Leib. Er singt sich gewissermaßen von der Erde weg. Er sieht noch mal sein gesamtes Leben vor sich. Es ist, als ob er sich ins Leben zurück sänge.

Dass Musik eine große Macht hat, dass weiß Tim Winton aus eigener Erfahrung.

Wenn ich verreise, nehme ich keine CD’s mit, höre keine Musik, denn sonst würde ich mich elend fühlen. Ich weiß, dass ich weit weg von Zuhause bin und ein Fremder. Musik zu hören würde nur noch viel intensiver bestätigen, dass ich einsam bin und weit weg. Das könnte ich nicht ertragen.

So ist Tim Wintons Roman auch ein Buch über die Magie der Musik. Aber vor allem feiert es die Hartnäckigkeit der Liebe, die Schönheit des Verzeihens, den Großmut des Verlierers und natürlich die grandiosen Landschaften Australiens.

Tim Winton
"Der singende Baum"
Luchterhand Verlag, 477 S., EUR 24,-

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