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StartseiteBüchermarktMagische Mathematik13.09.2009

Magische Mathematik

Buch der Woche: Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen, Blessing Verlag

In seinem Erstlingsroman schildert der 27-jährige Paolo Giordano die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens mit all ihren Unsicherheiten. Umso überraschender ist es, dass der Protagonist Mattia seelische Stabilität ausgerechnet dort findet, wo sie die wenigsten vermuten: in der Mathematik.

Vorgestellt von Katja Lückert

In Paolo Giordanos Roman macht sich ein junger Student auf die Suche - nach möglichst großen Primzahlen.  (Stock.XCHNG / Aleksandar Milosevic)
In Paolo Giordanos Roman macht sich ein junger Student auf die Suche - nach möglichst großen Primzahlen. (Stock.XCHNG / Aleksandar Milosevic)

Die Rechnung geht nicht auf, Mattia und Alice werden kein Paar und man ist fast ein bisschen enttäuscht, dass es einmal mehr für die Verletzten und Beschädigten auf dieser Welt kein Happy End gibt. Aber wie sollte es auch? Die beiden Jugendlichen erleben im norditalienischen Turin das volle Programm einer Schwerstpubertät mit Selbstverstümmelungen wie Ritzen, Brandmalen und Anorexie. Und so richtig scheint dieses "brutale Alter", wie Mattias' Vater es nennt, auch mit Ende 20 noch nicht zu Ende zu sein. Längst leben die beiden in verschiedenen Ländern und Städten, und noch immer befinden sie sich auf der Suche nach seelischer Stabilität. Der Physikstudent Mattia glaubt, zumindest ein wenig davon in der Mathematik gefunden zu haben.

"Im Laufe der Jahre war er stetig mehr zu der Überzeugung gelangt, außerhalb seines Elements, der geordneten, unendlichen Mengen der Mathematik, zu gar nichts zu taugen. Üblicherweise gewannen die Leute mit dem Lebensalter an Selbstsicherheit, während sie bei ihm zurückzugehen schien, als handelte es sich dabei um eine nicht erneuerbare Ressource."

Die Welt der Zahlen umgibt ein seltsamer Zauber, vielleicht weil sie von jeher nicht nur dem Reich der Rationalität zugehörig ist. Natürlich ist drei niemals etwas anderes als drei. Eine Primzahl, weil sie nur durch eins und sich selbst teilbar ist. Doch obwohl die Zahlen gewissermaßen Produkte reinen Denkens sind, korrespondieren sie mit gewissen Phänomenen der Natur und in allen Kulturen wird ihnen eine magische und metaphysische Macht zuerkannt. Glück und Pech werden durch sie bedingt, ihre Bedeutung strahlt weit über ihre arithmetische Funktion hinaus.

"Er schraubte die Kappe wieder auf und legte den Federhalter seitlich neben das Papier. Zweitausendsiebenhundertsechzigmilliardenachthundertneunundachtzig-millionenneunhundertsechsundsechzigtausendsechshundertneunundvierzig, las er mit lauter Stimme. Dann noch einmal, aber leiser, so als wolle er sich diesen Zungenbrecher einprägen. Dies sollte seine Zahl sein, beschloss er. Er war sich sicher, dass niemand sonst auf der Welt diese Zahl zum Gegenstand seiner Betrachtungen gemacht hatte."

Die Pythagoräer waren sogar der Ansicht, dass die Mathematik nichts anderes sei als der perfekte Ausdruck des Kosmos und umgekehrt. Auch sie dürften die geheimnisvollsten Objekte der Mathematik, die Primzahlen, bereits gekannt haben, aber erst bei Euklid werden sie ausdrücklich erwähnt. Und diese sogenannten ersten Zahlen, aus dem französischen 'Les nombres premiers' bilden noch immer eins der ungelösten Rätsel der Mathematik, weder ist ihre Zahl, noch ihre Verteilung letzten Endes bekannt.

Der Wettbewerb um die jeweils größte bekannte Primzahl wird derzeit von der University of California in Los Angeles angeführt. Je größere Zahlen man betrachtet, desto weniger Primzahlen findet man. Obwohl unendlich viele Primzahlen existieren, ist es ungewiss, ob es unendlich viele Primzahlzwillinge, also Paare aus zwei Primzahlen, deren Abstand zwei ist, gibt. Mattia Balossino hat gerade für diese Primzahlen eine besondere Leidenschaft entwickelt. Seine Doktorarbeit widmet er dem Mathematiker Bernhard Riemann, der sich mit der statistischen Vorhersagbarkeit von Primzahlen beschäftigte.

"Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlzwillinge, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können. Er hatte ihr diesen Gedanken noch niemals anvertraut, und wenn er sich vorstellte, wie er ihr davon erzählte, verdampfte die dünne Schweißschicht auf seinen Händen vollends, sodass er zehn Minuten lang keinerlei Gegenstände mehr berühren konnte."

Seine echte Zwillingsschwester hat Mattia durch einen tragischen Unfall in seiner Jugend verloren. Als er, der zwar hochbegabte, aber als Sonderling geltende Junge zum ersten mal zu einer Geburtstagsparty eines Freundes eingeladen war, hatte er seine geistig behinderte Schwester Michela aus Scham und auch aus dem Wunsch heraus, einmal ohne das lästige Anhängsel mit Gleichaltrigen feiern zu dürfen, in einem Park zurückgelassen. Als er nach dem Fest in den Park am Fluss zurückkehrte, war seine Schwester verschwunden.

"Den Blick auf die schwarze, glatte Oberfläche des Flusses gerichtet, versuchte er sich noch einmal an dessen Namen zu erinnern, aber er fiel ihm einfach nicht ein. Mit den Händen grub er in der kalten Erde, die hier am Ufer durch die Feuchtigkeit ganz weich war. Seine Finger stießen auf eine Glasscherbe, die wohl von einer nächtlichen Party zurückgeblieben war. Als er sie sich in die Hand stach, spürte er keinen Schmerz, ja, er merkte es kaum. Dann begann er den Glassplitter im Fleisch hin und her zu drehen, damit er noch tiefer eindrang. Dabei wandte er den Blick nicht ab vom Wasser, und während er wartete, dass Michela gleich dort auftauchte, fragte er sich, wieso manche Dinge auf dem Wasser trieben und andere untergingen."

Nicht nur der Name des Flusses – es ist vermutlich der Po oder die Stura, die bei Turin in den Po mündet, bleibt im Vagen in Paolo Giordanos Entwicklungsroman: "Die Einsamkeit der Primzahlen". Auch die Fortsetzung dieser so lebensbestimmenden schmerzlichen Kindheitserfahrung bleibt unerzählt. Im nächsten Kapitel haben sich seine Eltern schon mit seiner seltsamen Angewohnheit, sich mit Scherben und anderen spitzen Gegenständen die Hände blutig zu ritzen, abgefunden. Kein Wort von ihrer Wut auf den treulosen Sohn oder der Trauer über das verlorene Kind. Keine Besuche beim Jugendtherapeuten – immerhin spielt die Geschichte in den späten 80er-Jahren – nein, Vater und Mutter Balossino sind wie ihr Sohn von einer merkwürdigen Apathie und Sprachlosigkeit erfasst.

"Die Erwartung, seinen Sohn eines Tages mit dem Gesicht in einem blutgetränkten Kissen aufzufinden, hatte sich derart tief in seinem Kopf festgesetzt, dass er sich schon angewöhnt hatte, so zu denken, als wäre Mattia bereits nicht mehr bei ihnen, wie auch jetzt, obwohl er im Wagen auf dem Beifahrersitz neben ihm saß."

Auch bei Alice della Rocca, ein Mädchen aus besserem Hause, was nicht zuletzt ihr Name verrät, denn, die Via della Rocca ist eine Prachtstraße in Turin, hat sich ein sehr schmerzhaftes Erlebnis in ihre Kinderseele eingebrannt. Im Alter von sieben zwang sie ihr Vater zu einem verhassten Skikurs im italienischen Susatal, doch nie lies er ihr morgens die Zeit, den notwendigen Gang zur Toilette zu beenden, so dass es eines Tages zu einem demütigenden Zwischenfall kommt.

"Sie machte sich in die Hose. Kein Pipi. Oder genauer, nicht nur Pipi. Alice kackte sich in die Hose, um Punkt neun Uhr an einem Januarmorgen. Es ging in die Unterhose, ohne dass sie es recht bemerkte. Zumindest nicht bis zu dem Moment, da sie Erics Stimme hörte, der von irgendwoher in der dichten Nebelmasse nach ihr rief. Erst als sie aufsprang, spürte sie etwas Schweres im Schritt ihrer Unterhose, unwillkürlich griff sie sich an den Hintern, doch durch den dicken Handschuh ließ sich nichts ertasten. Aber das war auch nicht nötig, sie hatte es ohnehin schon begriffen."

Beschmutzt und beschämt versucht Alice die Abfahrt ohne den Skilehrer Eric und ihre Gruppe, sie stürzt im Nebel und verletzt sich ein Bein, das von nun an steif und unbeweglich bleiben wird. Doch auch diese Episode findet keine erzählerische Fortsetzung. Einmal wird Alice ihrem Vater vorwerfen, dass er ihr Leben zerstört habe, und dass es ihm doch ganz egal sei, wenn sie niemanden gefalle, aber all das geschieht erst sieben Jahre später, inzwischen ist Alice 15. In sieben Kapiteln erzählt Giordano ein Vierteljahrhundert aus dem Leben von Alice und Mattia, erratisch für sich stehende Geschichten, deren Ausgang meist offen bleibt.

Die besondere Sogwirkung dieses durchaus spannenden Romans liegt gerade in diesen Leerstellen, die die Fantasie des Lesers anregen, aber auch in der Tatsache, dass der Autor das Geschehen nicht kommentiert. Er schildert nur sehr eindrücklich und häufig auch ohne deutliche Überleitung, welchen Niederschlag die Ereignisse in den Seelenlandschaften seiner Figuren finden.

Die Stadt Turin bildet dabei immer fast eine beliebige Kulisse, die nur in Andeutungen beschrieben wird. Die soziale Realität dieser Arbeiter- und Immigrantenstadt, der Niedergang des Fiatimperiums, aber auch das literarische Leben, das durch das Verlagshaus Einaudi, die Zeitschrift L'indice und nicht zuletzt durch die turiner Buchmesse geprägt ist, finden keine Erwähnung. Dabei hat der 27-jährige Paolo Giordano während seines Physikstudiums selbst einige Schreibkurse an der Scuola Holden absolviert. Die Literatenschmiede, nach der Hauptfigur von Salingers "Fänger im Roggen" benannt, wurde 1994 von dem Schriftsteller Alessandro Baricco, gegründet.

Die Stadt selbst und besonders das wissenschaftlich-technische Gymnasiums Segré, zeigen sich jedoch stolz auf den jungen Schriftsteller, der im letzten Jahr als quasi Unbekannter mit seinem ersten Roman gleich den renommierten Premio Strega gewann. Auf der Webseite der Schule kann man die Geschichte von Paolo Giordanos Abiturprüfung nachlesen.

Für Mattia und Alice bedeutet die Schulzeit eine Reihe von gescheiterten Versuchen einer sexuellen Initiation näher zu kommen. Mit beklemmender Anschaulichkeit beschreibt Giordano den erbarmungslosen Zickenkrieg, dem Alice ausgesetzt ist, bis sie eines Tages in der Umkleidekabine der Sporthalle ein mit Dreck und Haaren verklebtes Fruchtbonbon herunterwürgen muss, nur um endlich aufgenommen zu werden in der Bande ihrer Widersacherin Viola.

"Fast unmerklich zitternd, streckte sie die Hand zu Viola aus, die ihr das schmutzige Bonbon auf die Handfläche fallen ließ. Langsam führte sie es zum Mund. Die anderen waren verstummt und schienen zu denken: Das macht sie nicht im ernst. Violas Miene war ungerührt. Alice legte sich das Fruchtgummi auf die Zunge und spürte, wie sich ihr Speichel um die Haare daran sammelte. Zwei Kaubewegungen, und etwas knirschte zwischen ihren Zähnen. Jetzt nur nicht kotzen, dachte sie. Du darfst bloß nicht kotzen."

Viola ist die Figur, der vermutlich jedes Mädchen in der Pubertät einmal begegnet. Sie kennt alle Geheimnisse bereits, hat vorgeblich von dem süßen Saft der Lust längst große Portionen gekostet und versteht vor allem, ausführlich darüber zu berichten.

"Viola Bai wusste, wie eine Geschichte gebaut sein musste. Sie wußte, dass die Faszination einer Story in einem einzigen präzise dargestellten Detail stecken konnte, beherrschte es Spannung aufzubauen, und sie hatte ein Gefühl für das richtige Timing, so dass es genau dann zur Stunde läutete, wenn der Barmann gerade mit dem Reißverschluss ihrer Markenjeans beschäftigt war. Ihr treues Publikum musste sich zerstreuen, langsam, mit vor Neid und Scham geröteten Wangen. Viola ließ sich zwar das Versprechen abringen, dass sie in der kleinen Pause weitererzählen würde, war aber zu intelligent, um sich daran zu halten. Es endete immer damit, dass sie die Angelegenheit mit einer Grimasse ihres perfekt geformten Mundes abtat, als wenn das, was sie da erlebt hatte, gar nichts Besonderes wäre. Also nicht mehr als eine beliebige Episode ihres wahninnig aufregenden Lebens, mit dem sie ihnen allen um Lichtjahre voraus war."

Erst viele Jahre später ergibt sich für Alice eine Gelegenheit der späten Rache an der ehemaligen Schulfreundin: Als Assistentin eines Fotografen taucht sie bei deren Hochzeitsfeier auf, um das Brautpaar zu fotografieren. Die Erstellung des 'Libro matrimoniale', des Fotoalbums, ist einer der wichtigsten Tagesordnungspunkte bei einer italienischen Hochzeit. Die Bücher werden höchst aufwendig gestaltet, man lässt sie sich gern etwas kosten und sie gehören später zum ganzen Stolz des Familienarchivs. Dabei ist es besonders wichtig, das Brautpaar nicht nur vor dem Altar, vor der Kirche oder beim Festmahl zu knipsen, sondern hier ist Fantasie gefragt und fast jede Inszenierung erlaubt. Das Paar küssend in einem Bad voller Rosen, oder beim Fangen spielen in einem Garten, die Braut am Strand oder in einem Cabriolet. Nur so ist es zu erklären, dass sich die Brautleute vor Alice bis zur völligen Auflösung von Frisur und Garderobe, zum Affen machen.

"Sie mussten so tun, als schleckten sie gemeinsam ihr Eis, indem sie die Arme verschränkten und dem andren vom eigenen anboten. Violas Lächeln wurde immer gequälter. Als Alice sie dann aber noch aufforderte, sich an der Laterne aufzustellen und sich, an ihr festhaltend, im Kreis zu drehen, war es um Violas Geduld geschehen. "Das ist doch Schwachsinn", rief sie. Ein wenig ängstlich blickte der Bräutigam sie an und schaute dann zu Alice, als wolle er sich entschuldigen. Sie lächelte.
"Das gehört aber zum klassischen Album, das ihr bestellt habt", sagte sie. "Aber wenn ihr nicht wollt, könnt ihr diesen Teil auch überspringen.""


Auch Alice heiratet schließlich, nicht Mattia, denn der ist weit weg in Kopenhagen, sondern Fabio, einen jungen Arzt, den sie am Sterbebett ihrer Mutter im Krankenhaus kennenlernt. Fabio lebt, wie Alice und die meisten jungen Erwachsenen in Italien, noch bei seinen Eltern. Das liegt oft daran, dass die Gehälter der Berufsanfänger sehr niedrig sind und die Lebenshaltungskosten in den Städten recht hoch. Aber häufig ist eine Trennung von der Familie auch aus traditionellen Gründen nur zu rechtfertigen, wenn man in eine weit entfernte Stadt oder ins Ausland zieht.

Die erste eigene Wohnung ist dann schon vielfach mit der Gründung einer neuen Familie verbunden. Fabio scheint unter dem vorhandenen Personal dieses Romans noch der seelisch stabilste Charakter zu sein. Er liebt Alice und fast scheint sich während der Zeit an seiner Seite auch für sie das Blatt zu wenden. Doch noch immer versucht sie, wie früher vor ihren Eltern, ihre Anorexie zu verbergen, bis er sich wünscht Vater zu werden.

"Sie wollte kein Kind. Oder vielleicht doch? So richtig hatte sie noch nie darüber nachgedacht. Denn die Frage stellte sich einfach nicht. Ihr Zyklus war ungefähr in jener Zeit zum Stillstand gekommen, als sie zum letzten Mal ein ganzes Schokoladentörtchen gegessen hatte. Nun war es aber so, dass Fabio ein Kind wollte und sie es ihm schenken musste. Sie musste, weil er wenn sie miteinander schliefen, nie verlangte, dass sie das Licht anließen, hatte es nie mehr getan seit jenem ersten Mal, damals bei ihm zu Hause. Sie musste, weil er, wenn er fertig war, mit seinem ganzen Gewicht auf ihr lag, und dieses Gewicht seines Körpers all ihre Ängste vertrieb, und weil er nicht redete, sondern nur tief atmete und einfach bei ihr war. Sie musste, weil sie ihn nicht liebte, seine Liebe aber für sie beide ausreichte und stark genug war, um ihnen beiden einen sicheren Unterschlupf zu gewähren."

Kinderlosigkeit ist im Land von "Mamma und Bambini" inzwischen sehr weit fortgeschritten, seit Jahren rangiert die Geburtenrate in Italien auf einem der letzten Plätze in Europa und die Kind-pro-Frau-Rate liegt zwischen 1,2 und 1,3. Magersucht ist dafür sicher ein seltener Grund, meist liegt es an der wirtschaftlichen Unsicherheit, den unzureichenden Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und an der Tatsache, dass die modernen jungen Frauen, eben nicht mehr sofort von der Tochter zur Mutter werden wollen.

Doch von allen diesen Dingen ist nie die Rede, der Leser bekommt die Hintergründe dieser sozialen Realität nicht entziffert. Nur Alices Eßstörung erscheint fast gravierender vor dem Hintergrund, dass wir uns in einem Land befinden, wo Kochkunst und Kulinarik ein überaus bedeutsames Thema sind, und wo es etwa üblich ist, zu jeder Tageszeit Bekannte auf der Straße nicht nur zu fragen, ob sie schon gegessen haben, sondern sich auch die genaue Speisenfolge durchdeklinieren zu lassen. Auch Mattía kämpft mit dem Essen, besonders mit dem fremden Kantinenfras seiner Universität in Kopenhagen und die italienischen Emigranten unter seinen Freunden sehnen sich nicht selten zumindest mit der Zunge zurück nach Hause.

"Alberto erzählte von den hausgemachten Ravioli seiner Mutter, als sie sich noch die Arbeit gemacht hatte. Seine Frau erinnerte sich wehmütig an den Meeresfrüchtesalat, den sie, in Studententagen, so gern gegessen hatten, in einem kleinen Restaurant. Und Nadia beschrieb die mit frischem Ricotta gefüllten und mit winzigen tiefschwarzen Schokoladensplittern besprenkelten Cannoli, wie man sie in der einzigen Konditorei ihres kleinen Heimatdorfs bekam."

Nicht aus Heimweh wird Mattia eines Tages nach Turin zurückkehren. Alice glaubt, seiner in der Kindheit verschwundenen Zwillingsschwester Michela zufällig begegnet zu sein und lässt ihm eine Nachricht zukommen. Noch einmal kommt Hoffnung auf, dass es für diese beiden, die durch einen Faden verbunden sind, wie er nur Menschen verbinden kann, die im jeweils anderen die eigenen Einsamkeit wiedererkannt haben, wie Giordano formuliert, ein Happy End geben könnte. Doch Alice bleibt stumm, sie berichtet nicht von ihrer möglichen Entdeckung und Mattia zieht sich wieder zurück in die verlässliche Welt seiner Zahlen.

"Einen Moment lang dachte Mattia an die Kreisbewegungen der Sterne und Planeten, an die Sonne, die abends in seinem Rücken unter - und morgens vor ihm aufging. Tag für Tag, unter und über dem Wasser, ob er das Schauspiel nun betrachtete oder nicht. Es war nicht mehr als Mechanik, Erhaltung der Energie und des Drehimpulses, nichts anderes als ein Zusammenspiel zentripetaler und zentrifugaler Schübe, nichts Geheimnisvolleres als eine Bahn, die nur so und nicht anders verlaufen konnte."

Die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens mit ihren Unsicherheiten und Verkrampftheiten hat Paolo Giordano in seinem ersten Roman auf kluge und sensible Weise geschildert.

Manchmal wünscht man sich, er würde den Blick noch weiter öffnen und die psychische Disposition einer magersüchtigen Fotografin und eines Physikstudenten verlassen, um den Leser teilhaben zu lassen an seiner hier nur zuweilen aufblitzenden Lebensklugheit. Aber vielleicht braucht es dazu bei dem 27-jährigen Giordano auch noch ein wenig eigenes gelebtes Leben.

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen, Blessing Verlag, 368 Seiten, 19,95 Euro

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