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Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteLyrixMai 2013: Archiv01.05.2013

Mai 2013: Archiv

Gedächtnis der Menschheit

Im Mai besucht »lyrix« das LWL-Museum für Archäologie in Herne. Exponate aus vergangenen Zeiten und ein Gedicht der Lyrikerin Nadja Küchenmeister dienen als Inspirationsquelle für das Monatsthema "Archiv – Gedächtnis der Menschheit".

Ein Archiv (Bundesbildstelle Bonn)
Ein Archiv (Bundesbildstelle Bonn)
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Unterrichtsmaterialien für lyrix im Mai 2013

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten und deshalb möchten wir unsere Erlebnisse am liebsten für die Zukunft archivieren. Das Sammeln von Erinnerungen und Erinnerungsstücken ist eine wesentliche Eigenschaft des Menschen. Doch was bewahren wir auf? An was denken wir zurück?

Forscherlabor im LWL-Museum Herne Das LWL-Museum für Archäologie in Herne dokumentiert die Geschichte unserer Vorfahren mittels zahlreicher Exponate, die in der Erde - dem Gedächtnis der Menschheit – gefunden wurden. Über 10.000 Funde erzählen ihre eigene Geschichte und zeugen von vergangenen Ereignissen. Als archäologisches Archiv macht das Museum in Herne die Vergangenheit erfahrbar.



Urne von Gevelinghausen Die "Urne von Gevelinghausen" zum Beispiel, die im Jahr 1961 bei Ausschachtungsarbeiten für eine Jauchegrube gefunden wurde, verrät uns etwas über die Bestattungssitten in der Bronzezeit. In der Urne befanden sich die Überreste eines 20- bis 40-jährigen Mannes, die Reste von Leinensäckchen und zwei verzierte Knochenplättchen. Der Erhaltungszustand der Urne und ihre handwerkliche Qualität sind hervorragend, was auf einen hohen Arbeitsaufwand und somit auf eine entsprechende Bedeutung von Bestattungsriten zur damaligen Zeit schließen lässt.

Archive finden wir aber nicht nur in Museen, viele Menschen sammeln Erinnerungen in ihren ganz privaten Archiven. Eine Auseinandersetzung mit der biografischen Vergangenheit finden wir im Gedicht "archiv" von Nadja Küchenmeister. Hier entstehen vor dem inneren Auge des Erzählenden und inspiriert durch Erinnerungsobjekte und Fotos sehr plastisch werdende Szenen aus der Kindheit und Jugend, die jedoch niemals ganz vollständig werden, "weil das archiv sich niemals öffnen lässt".

Mit dem Blick in die Archive ergeben sich für Eure Gedichte im Monat Mai viele unterschiedliche Ideen und Sichtweisen. Was hat Euch schon immer an dem Blick in die Vergangenheit fasziniert? Welche Erinnerungsstücke sollten wir für unsere Nachwelt archivieren? Habt ihr ein persönliches Archiv? Und – vielleicht auch ein interessanter Aspekt: Welches Bild werden sich wohl Archäologen und Wissenschaftler von unserer heutigen – digital und medial umfangreich dokumentierten – Gegenwart machen?

Wir freuen uns über eure Gedichte zum Thema "Archiv-Gedächtnis der Menschheit". Hier findet ihr unsere E-Mail Vorlage. Die aktuellen Wettbewerbsbedingungen könnt ihr online nachlesen.



archiv

der griff in die oblatenkiste, die tschechische
schon lange her: die strampler, fotos mit gezackten
rändern, alte karten; stauballergie. da sind die schuppen

die verbeulten räder, da ist die zinnowitzer gartenbank
die wäschestange mit dem klammerbeutel gänzlich
unspektakulär: der schäferhund in seinem zwinger

grünspan, rost, hier leckt er durch das gitter meine finger
auf einem andern foto gibt es ihn nicht mehr. hier reicht
mir meine tante einen teller, senf und ketchup ein gemisch

der onkel steht am grill und aus dem keller wird ein
ums andre bier gefischt. die dämmerstunde. blitzverkehr.
doch was geredet wurde, gibt das bild nicht her. und ich ging

abends noch für eine stunde und ging den immergleichen weg
zur affenschaukel, zu den brombeersträuchern, zur pferdekoppel
ohne pferd; und einmal hielt ich selbst den apparat am waldrand

wo der vater stand, er hielt den kinderwagen, sah mich an.
das alles gleitet wieder durch die hände, wie der waggon der
eisenbahn, darin wir schliefen tief und fest, doch ich bin traurig

von den vielen bildern, weil das archiv sich niemals öffnen lässt.


(aus: Nadja Küchemeister, Alle Lichter. Gedichte
© Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2010)
www.schoeffling.de


Nadja Küchenmeister Nadja Küchenmeister, geboren 1981 in Berlin, lebt dort. Studierte Germanistik und Soziologie an der Technischen Universität in Berlin sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie veröffentlichte Gedichte und Prosa in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien und arbeitet für den Rundfunk, für den sie auch Hörspiele und Feature schreibt. Ihr erster Gedichtband Alle Lichter, der 2010 bei Schöffling & Co. erschien, wurde im Juni desselben Jahres von der Darmstädter Jury zum "Buch des Monats" gewählt. Sie erhielt verschiedene Auszeichnungen, unter anderem das Hermann-Lenz-Stipendium, den Kunstpreis Literatur Berlin-Brandenburg, den Mondseer Lyrikpreis sowie den Ulla-Hahn-Preis.



Dauerausstellung LWL-Museum Herne (LWL/O.Kalus)Dauerausstellung im LWL-Museum Herne (LWL/O.Kalus) LWL-Museum für Archäologie Herne:
Herzlich Willkommen in der Erde – dem Gedächtnis der Menschheit. Im LWL-Museum für Archäologie eröffnet eine unterirdische Grabungslandschaft von 3000 Quadratmetern die Geschichte Westfalens auf den Spuren der Archäologen. Über 10.000 Funde enthüllen die Menschheitsgeschichte dieser Region: vom Faustkeil bis zum Bombenschutt des Zweiten Weltkrieges, von der Höhle des Neandertalers bis zur Ritterburg des Mittelalters, vom ersten Schriftstück bis zur E-Mail.
Wie auf einer richtigen Ausgrabung geht es auf einem Steg durch die Boden-Zeugnisse der Menschheitsgeschichte, vorbei an Gräbern der Bronzezeit und römischen Brunnen, durch ein Erdwerk der frühen Bauern und eine Kirche der ersten Christen, durch Höhlen der Neandertaler und eine mittelalterliche Stadt. Hier wird Vergangenheit hautnah erfahrbar: die Kälte der Eiszeit, das Kampfgetümmel der Kriege zwischen Franken und Sachsen, die Gerüche des Mittelalters. Mit allen Sinnen kann man hier an den spannendsten Entdeckungen teilhaben, welche die Archäologie in Westfalen zu bieten hat.


Hier finden Sie die Unterrichtsmaterialien zum kostenfreien Download.

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