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StartseiteLyrixMai 2016: Die Lautheit der Zweibeiner01.05.2016

Mai 2016: Die Lautheit der Zweibeiner

Läuten die „lauten Spuren“, die der Mensch auf der Erde hinterlässt ein neues Zeitalter ein, das „Zeitalter des Menschen“? Diese Frage stellt sich »lyrix« im Mai mit dem Text „Die Menschenzeit geht vorbei“ von Karin Fellner und einer Addiermaschine aus der Ausstellung „Willkommen im Anthropozän“ des Deutschen Museums München. Wir freuen uns auf eure Texte zum Thema „Die Lautheit der Zweibeiner“!

Luftbild des ehemaligen Atomkraftwerks THTR Hamm bei Sonnenaufgang (imago/Hans Blossey)
Die Menschen hinterlassen Spuren auf der Welt - sind wir damit in ein neues Zeitalter eingetreten, das Anthropozän? (imago/Hans Blossey)

Die Menschenzeit geht vorbei
morst der Tauber so weiß
so wissend mit seinem linken
Auge: die dunklen Motoren-
Wälder werden bald fallen
und nur mehr Phantomschmerz sein

Lässt der Asphalt sich denken
als Vergangenheit, als
Hartriegel? Hörst du es knacken?

Die Lautheit der Zweibeiner
umgekehrt proportional
zur Lauterkeit des Wassers
wird gewesen sein ein
fernes Getrommel (*draum-a)

Text: Karin Fellner

Unberührte Natur gibt es kaum noch. Die "Lautheit der Zweibeiner" ist allgegenwärtig. Der Mensch verändert die Erde und hinterlässt auf ihr seine Spuren: Städte, Straßen, Felder, Verkehr, Industrie und vieles mehr führen dazu, dass sich so gut wie keine Wildnis mehr auf unserem Planeten findet. Wir verwandeln die Natur, oft zerstörerisch, sind aber gleichzeitig von ihr abhängig und untrennbar mit ihr verbunden. Paradoxerweise sehnen wir uns umso mehr nach ihr, je weniger von ihr da ist, obwohl es doch wir sind, die maßgeblich für ihr Verschwinden verantwortlich sind.

Welche Folgen werden Klimawandel und Co für uns als Menschen haben? Mit dieser Frage beschäftigen sich zahlreiche Wissenschaften. Diskutiert wird auch, ob wir uns in einem neuen Zeitalter unser 4,5 Milliarden alten Erdgeschichte befinden. Viele Forscher sind sich einig, dass der Fingerabdruck des Menschen auf der Erde so stark ist, dass man vom "Zeitalter des Menschen" sprechen kann. Dieses Menschenzeitalter nennen sie Anthropozän. Ausgerufen wurde es von dem Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen, der die Entwicklung des Menschen zum wichtigsten Faktor mit diesem Begriff auf den Punkt brachte. Ob das Anthropozän als neue Erdepoche offiziell in Schul- und Geschichtsbücher aufgenommen wird, ist noch ungewiss, wir befinden uns noch ganz am Anfang der Diskussionen um den Begriff und der Veränderungen, die der Mensch auf der Erde auslöst.

Die Idee vom Anthropozän hat auch eine sehr beunruhigende Seite, denn jedes Zeitalter geht irgendwann zu Ende. Was dann? Was wird von uns Menschen bleiben? Um mit Karin Fellners Worten zu sprechen: Geht die Menschenzeit vorbei und der Mensch ist bald nur noch "fernes Getrommel"? Müssen wir für unseren wenig nachhaltigen Lebensstil bezahlen? Wer trägt dafür die Kosten, im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn? Wie sieht der menschliche Einfluss auf die Erde in 10.000 oder 100.000 Jahren aus? Sind wir eurer Meinung nach überhaupt auf dem Weg in ein neues Erdzeitalter? Und welche lauten Menschenspuren auf der Erde beschäftigen euch?

Schickt uns eure Texte zum Thema "Die Lautheit der Zweibeiner"! Wir freuen uns auf eure Gedichte!

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Die Unterrichtsmaterialien zum Download findet ihr HIER.

Karin Fellner auf dem Schamrock-Festival 2014 (Martin Richartz)Karin Fellner auf dem Schamrock-Festival 2014 (Martin Richartz)
Karin Fellner

1970 in München geboren, Literaturwissenschaftlerin (M.A.), Autorin und Schreibcoach. Sie moderiert Lyriklesungen und leitet Schreibworkshops, u.a. für das Lyrik Kabinett und das Literaturhaus München. Mitglied der Autorengruppe Reimfrei.

Auszeichnungen:

  • Förderpreis beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb in Darmstadt (2005),
  • Förderpreis für Lyrik der Internationalen Bodenseekonferenz (2006),
  • Bayerischer Kunstförderpreis in der Sparte Literatur (2008),
  • RAI-Medienpreis beim Lyrikwettbewerb Meran (2012).

Einzelbände:

  • "Begehren und Aufbegehren. Das Geschlechterverhältnis bei Robert Walser", Tectum Verlag (2003),
  • "avantgarde des schocks. Gedichte", parasitenpresse, Köln (2005),
  • "in belichteten wänden. Gedichte", yedermann Verlag, München (2007),
  • "hangab zur kehle. Gedichte", yedermann Verlag, München (2010),
  • "Ohne Kosmonautenanzug", parasitenpresse, Köln (2015).

Daneben zahlreiche Gedichtveröffentlichungen im Internet, in Anthologien und Zeitschriften.

www.karinfellner.de

Jeden Monat ist »lyrix« zu Gast in einem deutschen, österreichischen oder Schweizer Museum und lässt Lyrik auf Kunst treffen. Angelehnt an das aktuelle Monatsthema findet dort eine Schreibwerkstatt oder eine Autorenbegegnung mit der Autorin/dem Autor unseres Monatsthemas statt. Wer sich für diese Werkstätten und Begegnungen interessiert, schreibt einfach eine Mail an info-lyrix@deutschlandradio.de.

Im Mai 2016 besuchen wir mit Karin Fellner das Deutsche Museum in München. Dort läuft aktuell die Ausstellung "Willkommen im Anthropozän", aus der das Museum als Inspiration für unser Mai-Thema eine Addiermaschine der US-amerikanischen Firma Burroughs von 1908 ausgewählt hat.

Addiermaschine, ca. 1908, Inv.-Nr. 75900 (© Deutsches Museum)Addiermaschine, ca. 1908, Inv.-Nr. 75900 (© Deutsches Museum)
Addiermaschine der Firma Burroughs

Das Anthropozän wird von Geld geprägt. Die Burroughs Adding Machine Company versorgte Anfang des Jahrhunderts die globalen Finanzzentren mit Rechenmaschinen. Heute ist das Finanzsystem hochgradig computerisiert, auch wenn wir noch immer mit Banknoten und Münzen zahlen.

Virtuellen Transaktionen und digitalen Geldeinheiten wie dem Bitcoin stehen informelle Netzwerke von 213 Millionen Arbeitsmigranten und -migrantinnen gegenüber, die nach Aussage der Weltbank im Jahr 2013 über 410 Milliarden $ in ihre Heimatländer vornehmlich des Globalen Südens schickten.

Die Rechenmaschine steht aber auch für die "Kosten" des Anthropozäns im übertragenen Sinne. Viele der Veränderungen, die wir unserem Heimatplaneten durch Industrialisierung, Technisierung und Globalisierung zugefügt haben, bedrohen Öko- und Sozialsysteme und nicht zuletzt unsere Zukunft als Menschheit auf der Erde. Die Kosten – sowohl in ökonomischer als auch sozialer, kultureller und ethischer Sicht – sind dabei häufig ungleich verteilt. Können wir sie tragen?

Das 1903 gegründete Deutsche Museum ist mit ca. 73.000 qm Ausstellungsfläche das größte naturwissenschaftlich-technische Museum der Welt. (© Deutsches Museum)Das 1903 gegründete Deutsche Museum ist mit ca. 73.000 qm Ausstellungsfläche das größte naturwissenschaftlich-technische Museum der Welt. (© Deutsches Museum)
Das Deutsche Museum

Das 1903 gegründete Deutsche Museum ist mit ca. 73.000 qm Ausstellungsfläche das größte naturwissenschaftlich-technische Museum der Welt.

Die mehr als 100.000 Objekte umfassenden Sammlungen reichen vom Bergbau bis zur Atomphysik, von der Altamira-Höhle bis zum Nachbau einer menschlichen Zelle. Die Dauerausstellungen präsentieren eine Vielzahl von Naturwissenschaften und Technikdisziplinen von ihren jeweiligen Anfängen bis zur Gegenwart und Zukunft. Historische Originale wie die Magdeburger Halbkugeln oder der erste Dieselmotor sowie Modelle, Experimente und interaktive Demonstrationen vermitteln naturwissenschaftliche Phänomene, technische Anwendungen und ihre kulturelle Bedeutung. In seinen Sonderausstellungen wie der bis September 2016 laufenden Ausstellung "Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde" nimmt sich das Museum aktuellen Themen an der Schnittstelle von Naturwissenschaft, Technik und Gesellschaft an und bietet ein Forum zur Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Bis 2025 erfindet sich das Deutsche Museum im Rahmen seiner Zukunftsinitiative neu: Die über 50 Ausstellungen des Hauptgebäudes auf der Insel werden aktualisiert und zum größten Teil neu gestaltet; das Ausstellungsgebäude wird auf den neuesten technischen Stand gebracht. Während der Modernisierung bleibt das Museum geöffnet.

www.deutsches-museum.de
aufzu.deutsches-museum.de

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