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StartseiteKultur heuteBücher der Freiheit27.04.2014

Maidan-BibliothekBücher der Freiheit

Barrikaden, Decken, Tee und Butterbrote. Die sichtbaren Zeichen des Protests auf dem Maidan sind verschwunden. Andere Zeichen sind hingegen geblieben: Bücher, die die Demonstranten als Zeichen der Freiheit mitbrachten. Aus ihnen entstand die Maidan-Bibliothek. Der Leihausweis - ein Ehrenwort.

Von Mirko Schanitz und Ivan Gayvanovich

Der Maidan in Kiew. (picture alliance / dpa / Peter Klaunzer)
Der Maidan in Kiew. (picture alliance / dpa / Peter Klaunzer)
Weiterführende Information

Krise in der Ukraine: "Eine abstoßende Machtdemonstration" (Deutschlandfunk, Interview, 28.04.2014)

Ukraine: "Ein neuer politischer Raum" (DRadio Kultur, Thema, 05.02.2014)

Es ist kalt und dämmrig in der hohen Eingangshalle des "Ukrainischen Hauses" am Kiewer Europaplatz. Zu sowjetischen Zeiten beherbergte es ein Leninmuseum. Seit der ukrainischen Unabhängigkeit dient der riesige weiße Kubus als Kultur- und Konferenzzentrum. Gefühlte 100 Schritte sind es vom Eingang bis zu Kalyna Ponomarenko. Sie ist eine von vielen freiwilligen Helferinnen, die die vielleicht außergewöhnlichste Einrichtung der Kiewer Protestbewegung betreuen – die Maidanbibliothek.

"Dies hier sind alles sogenannte Ehrenerklärungen. Wenn jemand sich bei uns ein Buch ausleiht, dann gibt er sein Ehrenwort, das Buch auch wieder zurückzubringen. Wenn er das Buch dann wieder abgibt, bekommt er zum Dank ein Bonbon. "

Kalyna ist erkältet. An einem Schreibtisch vor mannshohen Regalen mit ein paar 1000 Büchern ordnet die junge Frau ganze Stapel von Ehrenerklärungen. Eigentlich studiert sie Psychologie und schreibt gerade ihre Masterarbeit über hochbegabte Kinder. Dass sie in ihrer knappen Freizeit als "Bibliothekarin" arbeitet, hat mit Facebook zu tun. Während der Kämpfe auf dem Maidan wurden die Bürger über das soziale Netzwerk aufgerufen, im "Ukrainischen Haus" Bücher für die Demonstranten abzugeben. Tausende Kiewer folgten dem Aufruf. Neben Kalyna auch Nastya Makarenko. Die Verlagsmitarbeiterin mit dem schmalen Gesicht und dem wippenden Pferdeschwanz war eine der ersten freiwilligen Mitarbeiterinnen in der rasch anwachsenden Bibliothek.

"Die Bibliothek entstand Ende Januar. Da demonstrierten die Menschen auf dem Maidan bereits seit zwei Monaten. Viele waren erschöpft, müde. Sie wollten einen Rückzugsraum, wo sie zur Ruhe kommen, so etwas wie Gemütlichkeit finden konnten. Und diesen Raum haben wir dann mit der Bibliothek geschaffen. Wir haben nie einfach nur mechanisch ein Buch ausgeliehen. Jeder Leser, der kam, erhielt von uns auch ein paar Minuten Aufmerksamkeit."

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen wurden hier jeden Tag fast 100 Bücher ausgeliehen. Schon nach einer Woche gab es eine Art Bestseller-Liste der beliebtesten Bücher des Maidan. Spitzenreiter war "Der schwarze Rabe", ein historischer Roman des ukrainischen Autors Wassyl Schklyar. Der Roman erzählt vom Kampf ukrainischer Rebellen gegen sowjetische Truppen in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Schnell war die Bibliothek auf rund 40 000 Bücher angewachsen. Die Freiwilligen fragten sich daher schon nach wenigen Tagen, was mit den Büchern nach der Revolution geschehen solle. Sie entsannen sich einer Initiative der Schriftstellerin Mila Iwanzowa. Die hatte bereits vor zwei Jahren eine Aktion zur Rettung der vielen Dorfbibliotheken gestartet, die seit dem Ende des Sozialismus einen langsamen Tod sterben, weder Geld noch neue Bücher bekommen.

"Im Laufe dieser zwei Jahre konnten wir im Rahmen meiner Aktion gerade einmal 80 Bibliotheken im ganzen Land mit neuen Büchern versorgen. Die Maidan-Bibliothek schaffte es, in nur zwei Monaten 125 Bibliotheken mit neuen Büchern auszustatten. Und heute sind es bereits 180 Bibliotheken."

Inzwischen wenden sich immer mehr Dörfer an die Maidan-Bibliothek und bitten um neue Bücher. Manche der Dorfbibliotheken kreierten sogar kleine Ausstellungen unter Titeln wie "Bibliothek des Euromaidan" oder "Die Bücher der Revolution". Die Ukraine ist ein großes Land und viele Menschen in der Provinz seien sich noch immer unsicher, was für eine Bewegung der Maidan eigentlich ist, erklärt Nastya Makarenko. Die Ausstellungen könnten das ändern.

"Diese Menschen haben den Maidan vielleicht nur im Fernsehen gesehen. Und nun bekommen sie in ihre Bibliothek wirkliche Zeugnisse dieses Kampfes - Bücher, deren Seiten nach Revolution und Freiheit riechen."

Tatsächlich trägt jedes dieser Bücher einen Stempel, der die Menschen im ganzen Land noch in Jahren an die Zeit des Maidan erinnern wird – es ist das Logo der Maidan-Bibliothek. Es zeigt einen kleinen Jungen, der auf einer Barrikade sitzt und ein Buch liest.

 

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