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StartseiteGesichter EuropasMalta und seine Migranten - Europas Vorposten im Mittelmeer16.12.2006

Malta und seine Migranten - Europas Vorposten im Mittelmeer

Reportagen von Karl Hoffmann

Seine exponierte Lage im Mittelmeer hat Malta schon immer zu schaffen gemacht – sie ist geradezu prädestiniert dafür, um zwischen die Fronten zu geraten. Ob in der Antike zwischen Griechen im Osten und Karthagern im Westen. Oder im Mittelalter zwischen dem europäischen Norden und dem arabischen Süden. Immer wieder wurde die Insel zum Spielball der Mächte, wurde belagert, erobert, überrannt. Heute liegt Malta an der Schnittstelle zwischen Arm und Reich - und ist als europäischer Vorposten im Mittelmeer längst zum Schauplatz des afrikanischen Flüchtlingsdramas geworden.

Moderation: Thilo Kößler

Junge Malteser feiern den Ausgang des EU-Referendums in Valletta auf Malta (AP)
Junge Malteser feiern den Ausgang des EU-Referendums in Valletta auf Malta (AP)

7000 Migranten kamen in den letzten fünf Jahren - illegal. Ihr Ziel war eigentlich Italien, das europäische Festland. Aber viele verlieren auf See die Orientierung oder werden abgetrieben. Dann wird Malta zur Rettungsinsel. 1700 boat people allein in diesem Jahr – das ist nichts gemessen an den 27.000, die heuer auf den Kanarischen Inseln anlandeten.

Aber es sind zu viele, sagen die Malteser, und würden ihre Insel am liebsten wegen Überfüllung schließen: Kaum ein anderes Land der Erde ist so dicht besiedelt wie Malta.

Die Stimmung gegenüber den afrikanischen Zuwanderern wird immer aggressiver – es kam bereits zu üblen Angriffen auf Afrikaner. Eine Momentaufnahme aus der teuren Shopping-Mall der Republic Street in der Hauptstadt La Valetta.

Reportage 1: Legal, illegal, scheißegal: La Valetta und die zunehmende
Aggressivität gegenüber schwarzen Zuwanderern


Jeden Morgen von 8 bis 12 füllt sich die schmale und eher einförmige Market Street mit kleinen Ständen unter Zeltplanen. Links und rechts der Budenreihen drängen sich die Menschen. Die Republik Street ist das Paradies der Reichen, in der Market Street tummeln sich die Rentner, die Bewohner der ärmeren Stadtviertel und die Immigranten. Alexia kann sie von ihrem Arbeitsplatz aus gut sehen. Alexia findet es gar nicht gut, dass es in Malta Immigranten gibt:

"Also ich habe echte Probleme mit diesen Immigranten. Wenn ich meinen Laden um fünf Uhr abends zuschließe, dann ist es in dieser Jahreszeit schon ziemlich dunkel. Um zu meinem Auto zu kommen, muss ich an einer Bar vorbei, die von Immigranten bevölkert ist, schwarze, Araber, alle die hier herkommen, Immigranten, Flüchtlinge und all solche. Ich muss da genau aufpassen, muss mich ständig umsehen und immer rede ich mit jemandem am Handy, sodass sie sich nicht getrauen, mir zu nahe zu kommen. Der Mutter von meinem Freund haben sie die Handtasche geklaut, sie haben sie dieser 55jährigen Frau einfach aus der Hand gerissen, klar, die sind oft in einer schlimmen Lage, aber ich will nicht, dass mir irgendein verzweifelter Immigrant zu nahe kommt."

Alexia ist 19 Jahre alt, hat langes blondes Haar und dunkle Augen, ein gewinnendes Lächeln, sie trägt hautenge Jeans und einen eng sitzenden Pulli. Flink gleiten ihre manikürten Hände über die Computertastatur, mit der sie die sechs Bildschirme des Internetcafes kontrolliert und freigibt. Eigentlich wollte sie nicht über das Thema reden, und schon gar nicht ihren Namen sagen. Aber dann ist es doch aus ihr herausgeplatzt: Immigranten sind für die schicke junge Dame allesamt potentielle Kriminelle.

"Der Staat müsste jeden Einzelnen auf Herz und Nieren prüfen und dann entscheiden, ob sie gut genug für Malta sind. Wir müssen wissen, ob die Leute eine kriminelle Vergangenheit haben, hier brauchen wir jedenfalls keine Verbrecher. Und genau die kriegen wir aber. Immigranten fliehen doch nicht ohne Grund aus ihren Ländern. Die wissen schon, warum sie nach Malta kommen, aber wir wissen es nicht. Und wir müssen herausfinden, was mit ihnen los ist, das ist das Problem."

Die Tür geht auf, eine amerikanische Touristin kommt herein, kauft eine Stunde Internetzugang für ein Maltesisches Pfund und setzt sich an den Bildschirm. Alexia hat vor allem ausländische Touristen als Kunden, Leute von den Kreuzfahrtschiffen, und Globetrotter, die ab und zu mal ihre Mail kontrollieren wollen. Alexias Shop liegt gut sichtbar an einer Ecke der Market Street, ihr Lächeln ist freundlich, die Bedienung schnell und effizient. Alles wirkt sauber, ordentlich, perfekt, Alexias Parfum weht bis auf die Market Street hinaus.

"Ach, das Leben in Malta ist nicht schlecht, die Löhne sind zwar nicht berauschend, aber wir kommen damit zurecht. Aber der Beitritt zur Europäischen Union ist auch so ein Problem. Wenn wir erst mal den Euro kriegen, dann werden wir wahrscheinlich noch mehr zur Kasse gebeten. Das wird nicht leicht sein, aber die Immigranten sind noch viel schlimmer. Die Immigranten werden ein immer größeres Problem und Malta tut nicht genug dagegen. Man muss sie entweder eingliedern und aus ihnen gute Malteser machen oder wieder nach Hause schicken."

Alexia kennt sich nicht aus in Politik, Zahlen über Immigranten, über deportierte oder internierte sind ihr nicht geläufig. Für sie sind einzelne Vorkommnisse, eine geraubte Handtasche, eine belästigte Freundin, Grund genug, sich um ihre heile Welt Sorgen zu machen und prophylaktisch den Ausländern die Schuld zu geben, wenn dieses Weltbild demnächst zusammenbrechen sollte. Die Gründe, warum Boat People aus Afrika fliehen, sind der hübschen Alexia unverständlich, ihre Lage zuhause interessiert sie nicht.

"Warum kommen die in Booten? Warum bemühen die sich nicht um ein Visum und versuchen legal zu uns zu kommen? Die wissen doch ganz genau, dass sie gegen die Gesetze verstoßen, erzählen sie mir nicht, die wüssten das nicht! Ich weiß, dass die einen Haufen Geld bezahlen, um mit den Booten hierher zu kommen. Das ist keine Kleinigkeit. Also warum kommen sie mit den Booten? Weil sie keine offizielle Einreisegenehmigung bekämen, also sind sie entweder Kriminelle oder haben sonst welche Probleme zuhause. Und die bringen sie zu uns mit."

Welche Probleme genau das sind, weiß auch Alexia nicht, sie kann sich nicht vorstellen, was es bedeutet, sich auf den Weg zu machen, seine Heimat zu verlassen und irgendwo ganz neu anzufangen. Sie ist stolze Malteserin, wenn auch nur zur Hälfte. Ihr Akzent verrät sie, er ist nicht arabisch guttural wie bei den meisten ihrer Landsleute, sondern breit und Silben schluckend. Die Aussprache verdankt sie ihrer Mutter, die ebenfalls eine Immigrantin ist, allerdings aus den USA. Und sie ist katholisch. Alexia spielt mit dem Diamant- besetzten Kruzifix, das sie um ihren Hals trägt. Sie weiß nichts über die arabische Vergangenheit ihrer Insel und repräsentiert damit die allgemeine Meinung auf Malta. Muslime mag sie auch nicht.

"Wir sind kein arabisches Land. Keine Heimat für Moslems. Die können hier bei uns nicht mehr als eine Frau haben, so einfach ist das. Bei ihnen zuhause mag das ganz normal sein, aber hier müssen sie umerzogen werden. Damit sie begreifen, dass sie nicht so leben können wie bei sich zuhause. Unser Leben ist anders. Und das müssen wir ihnen beibringen."

Draußen ziehen die Kunden an den Marktständen vorbei, nehmen Kopftücher und Gürtel in die Hand, prüfen Stoffe und billige Kleidungsstücke, drei Unterhosen für ein Pfund, bunt gekleidete afrikanische Frauen, einige schwanger, stehen in Gruppen lachend und scherzend vor den Auslagen, die Mütter schieben ihre Kinderwägen vorsichtig durch die Menschenmenge. Ein Immigrantenidyll. Alexia ist hin und her gerissen:

"Ich liebe Malta. Ich liebe das Meer und die Sonne, wir haben eine wunderbare Kultur, eine unglaublich reiche Historie. Aber leider habe ich ein Problem mit den Immigranten und ich habe Angst. Ich habe Angst um die Zukunft der Kinder die ich mal haben werde, ich habe Angst um mich selbst, wenn ich Abends nach Hause gehe. Und ich habe Angst um meine Arbeit, weil die uns alle Jobs wegnehmen."

Migration ist ein Teil der Menschheitsgeschichte – dahinter steckt die ewige Suche nach einem besseren Leben, nach Frieden, nach Sicherheit, nach einem Auskommen für sich selbst und die Familie. Wer sich auf den Weg macht, hat dafür viele Gründe: Armut und Hunger. Dürre und Umweltkatastrophen. Kriege und Verfolgung. Migration wird von Verzweiflung ausgelöst und von Hoffnung getrieben. Das war schon immer so.

Als Bertolt Brecht vor dem Nationalsozialismus ins dänische Exil floh, standen ihm dort alle Türen offen. Für die Armutsflüchtlinge aus Afrika sind die Tore nach Europa verriegelt und verrammelt. Die EU schottet sich ab, "schützt ihre Außengrenzen", wie es im Schengen-Deutsch heißt, und hat praktisch alle legalen Zugangswege verstopft: So führt der Weg der Armutsflüchtlinge aus Afrika automatisch in die Illegalität - wenn sie denn die Überfahrt überlebt und den verheißungsvollen Kontinent überhaupt erreicht haben.

Was sie dort erwartet, hat mit dem paradiesischen Bild, das sie sich von Europa gemacht haben, nichts zu tun. Registrierung, Lager, Abschiebung, Duldung oder Abtauchen in den Untergrund, in die Illegalität. Und das bedeutet ein Leben in der ewigen Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden; ohne Papiere, ohne Rechte.

So gesehen hat Haile Mehenda noch Glück gehabt. Ihm wurde als Bürgerkriegsflüchtling aus Eritrea, den es mit seinem Boot nach Malta verschlagen hatte, ein Bleiberecht zugestanden. Jetzt ist er ein Geduldeter auf Zeit.

Reportage 2: Der Wunsch, sich nach der Rettung ins Meer zu stürzen: Ein eritreischer Bürgerkriegsflüchtling über sein Leben auf Malta


Züge gibt es nicht in Malta, nur die gelbrot lackierten Busse, die zum Teil ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben und schon längst zur Touristenattraktion geworden sind. Dass sie dicke Qualmwolken ausstoßen und die Luft verpesten, stört hier niemanden. Der Wind trägt die Abgase schon irgendwohin aufs Meer. So, wie er die Boat People, die von Afrika nach Europa gelangen wollen, nicht immer nach Lampedusa oder nach Sizilien schickt, sondern zurück an die afrikanische Küste treibt oder nach Malta. So geschah es auch sitzt auch Haile Dehenda, der wegen des Bürgerkriegs aus Eritrea fliehen musste.

"Ich lief erst mal weg aus Asmara Richtung Addis Abeba, dann weiter nach Khartum, dann marschierte ich 17 Tage lang zu Fuß durch die Wüste Sahara. Schauen sie hier die Narbe an meinem Bein, die ist von einem Schlangebiss in der Wüste. Dann blieb ich 6 Monate in Libyen. Habe als Autowäscher gearbeitet, aber oft haben sie mich um den Lohn betrogen, manchmal klauen sie dir sogar noch dein Geld, und die Polizei macht mit. Du arbeitest den ganzen Tag und am Ende stellen sie dich vor die Wahl: Entweder du verschwindest ohne Geld oder du wirst verprügelt und zur Polizei gebracht. Also gehst du freiwillig."

Nach sechs Monaten hatte Haile dann die üblichen tausend Dollar zusammen, mit denen er die Überfahrt nach Italien bezahlen konnte. Doch der Wind trieb sein Boot zu weit nach Osten und er strandete in Malta. Seit vier Jahren lebt er hier, der dünne dunkelhäutige Mann in seinem sauberen, aber sichtbar abgetragenen blauen Jackett. Was andernorts der Hauptbahnhof ist, das ist in Malta der Bus Terminal von La Valletta, und so kommen eben hier die Immigranten zusammen, wie andernorts an den großen Bahnhöfen. Sie trösten ihre Sehnsüchte nach dem Zuhause, das sie verlassen mussten oder nach dem Ziel, das sie eigentlich erreichen wollten, sehen den unablässig abfahrenden Bussen hinterher und vergessen so für eine Weile, dass sie in eine Falle geraten sind.

"Wir sind halbe Gefangene hier. Wir riechen die Abgase der Busse und der Lastwagen. Und manchmal riechen wir auch den Duft des Essens von reichen Leuten. Da hole ich dann tief Luft. Ich setze mich in die Nähe der Leute, die sich ein gutes Essen bestellt haben, und stelle mir vor, dass ich das gleiche esse, wenn ich den Duft rieche. Können Sie mir folgen? Ich kann mir nicht mal eine Cola leisten. In den vier Jahren, die ich hier bin, habe ich vielleicht zehnmal Cola getrunken. Ich habe kein Geld. Alle zehn Tage bekommen wir umgerechnet elf Euro zum Leben."

Theoretisch könnte Haile sich etwas Geld dazuverdienen, doch gerade die arbeitenden Immigranten steigern die Angst der Malteser vor der Invasion von billigen Arbeitskräften und den Verlust der eigenen Arbeitsplätze. Deshalb bleibt für Immigranten oft nur die Schwarzarbeit auf dem Bau zu Niedrigstlöhnen, und die ist für Haile, den ehemaligen kaufmännischen Angestellten aus Asmara, viel zu schwer. Aber auch seine jungen Landsleute finden nur selten Jobs, weil sie einfach nicht genug Kraft dafür haben.

"Frühmorgens essen sie ein Stück trockenes Brot, keinen Toast, sondern nur einfaches Brot, das mit Öl beträufelt wird. Abends gibt es zwei Scheiben Brot mit Öl und etwas Thunfisch aus der Dose. Das ist alles. Und eine Tasse Kaffee."

Kein Geld, mangelhafte Ernährung, keine menschenwürdige Unterkunft. Das ist der Teufelskreis für viele der etwa Tausend Immigranten, die derzeit auf Malta geduldet werden.

"Wir haben mehr Katzen und Mäuse als Menschen in dem Heim, in dem ich wohne. Überall trittst du auf Mäuse. Wir haben eine Toilette für 30 Bewohner. Aber ich habe keine andere Wahl. Außer ich stürze mich ins Meer oder diese Brüstung hinunter, das sind locker drei Stockwerke, da bin ich gleich tot."

Und schlägt zur Illustration des tödlichen Aufpralls zwei Wassergläser aneinander. Wer in Malta landet, wer das obligatorische Gefängnis für illegale Immigration hinter sich hat und ein humanitäres Aufenthaltsrecht genießt, ist zum endlosen Nichtstun verdammt. Schlafen, Essen, Aufstehen, zum Bus-Terminal laufen, stehen, sitzen, reden und wieder zurück in die Massenunterkunft. Diese Behandlung des Gastlandes Malta führt bei vielen zu tiefer Depression. Haile könnte durchaus ein Selbstmordkandidat sein. Er sieht aus wie weit über 50. Und er setzt auf den Schrecken seines Gegenübers, wenn er sein wahres Alter nennt: 37 Jahre und sieben Monate.

"In diesen letzten vier Jahren hat sich meine Gesundheit immer mehr verschlechtert. Mehr und mehr. Ich habe Probleme, die ich aber gar nicht richtig beschreiben kann. Würde ich anfangen zu reden, dann könnte ich Bände füllen."

Haile würde beginnen mit dem Tag, an dem sein Leben seinen Sinn verlor, sagt er, dem Tag, an dem seine Welt unterging. Damals vor sieben Jahren, eine Ewigkeit, die nie vergeht.

"Meine gesamte Familie wurde ermordet. Von den Kriegsherren. Meine Frau, meine drei Kinder. Meine Mutter, meine Schwester, mein Schwager, meine Neffen . Ich habe das vergessen. Ist schon sieben Jahre her.""

Eine Notlüge, dieses Vergessen. Die Erinnerung holt ihn immer wieder ein, besonders, seit Haile zur Untätigkeit verdammt ist.

Als die Cap Anamur im Juni 2004 im Mittelmeer vor der libyschen Küste 37 Männer von einem Schlauboot aufnahm, fanden die Helfer zwar weder Kompass noch Seekarte – aber ein Stück Papier mit arabischen Schriftzeichen.

Die Schiffbrüchigen, die die Cap Anamur aus Seenot gerettet hatte, wurden damals umgehend abgeschoben, die Besatzung noch im sizilianischen Hafen von Porto Empedocle festgenommen. Der Prozess dauert noch an: wegen angeblicher Schlepperei.

Dieser Prozess bettet sich ein in eine europäische Flüchtlingspolitik, die von Abwehr und Hilflosigkeit geprägt ist. Sie hat mittlerweile eine lange Geschichte – die Festungsmauern an der europäischen Außengrenze sind immer höher gezogen worden, je durchlässiger die Grenzen innerhalb Europas wurden.

Heute investiert die EU viel Geld in die Überwachung des Mittelmeers – eine Außenstelle der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die seit diesem Sommer im Atlantik tätig ist, soll einen Sitz auf Malta bekommen. Dennoch ist die Regierung in La Valetta enttäuscht über die mangelnde Solidarität der EU-Mitgliedstaaten – in einem symbolischen Akt übernahmen Deutschland und die Niederlande gerade mal 40 Flüchtlinge aus Malta. Und die gemeinsamen Patrouillen dauerten nur zwei Wochen und sollen erst im Frühjahr wieder aufgenommen werden, wenn das Wetter besser geworden ist.

Doch der Schutz der Außengrenzen ist nur das eine – das andere sind die immer schärferen Gesetze. Das Asylrecht wurde eingeschränkt und auf einen gemeinsamen europäischen Stand gebracht. In vielen Mitgliedstaaten wurde das Bleiberecht verschärft – und auch Malta hat sich entsprechend angepasst.

Dabei könnte just diese Insel zum positiven Beispiel für kulturelles Miteinander werden – bei den vielen Spuren, die die verschiedenen Besatzer im Lauf der Geschichte hinterlassen haben. Malti, die Sprache der Malteser, ist der einzige arabische Dialekt, der mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird.

Doch weit gefehlt: Die Malteser rücken zusammen. Sie wehren sich gegen alles Fremde. Die Insulaner fürchten um ihre Identität. Das war auch der Grund, weshalb der Beitritt zur Europäischen Union vor zweieinhalb Jahren so umstritten war – wäre damals beispielsweise die Jagd auf Zugvögel umgehend verboten worden, hätte es mit dem Beitritt womöglich nicht geklappt. Doch die EU gab sich kulant: Bis 2008 darf weiter Jagd auf Singvögel gemacht werden.


Reportage 3: Vom Vogelschutz zum Menschenschutz: Ein Menschenrechtsaktivist klagt an

Jean Pierre Gauci nimmt das zwitschernde Volk über ihm gelassen hin. Früher wollte er mal Vogelschützer werden, aber dann hat er sich einer ganz anderen Spezies zugewandt, um die sich Europa überhaupt nicht kümmert: den rechtlosen Menschen, die verfolgt und eingesperrt werden, den Flüchtlingen, den Boat People. Vor vier Jahren wollte er Amnesty International beitreten, doch weil es keine Vertretung dieser Menschenrechtsorganisation in Malta gab, musste er sie erst einmal gründen. Inzwischen hat sie 100 Mitglieder, davon 20 aktive, und Jean Pierre ist seit zwei Jahren ihr Präsident. Solange studiert er auch Jura und das ist schon eine Hilfe, wenn man als Präsident von Amnesty erst 21 Jahre alt ist und noch dazu mit einem völlig neuen Problem zu tun hat:

"Leider gibt seit vier fünf Jahren eine deutliche Zunahme von Rassismus und Furcht vor Immigranten. Ein Teil der Malteser macht sich über die Immigranten gar keine Gedanken. Nur ein kleiner Teil sieht sie als Bedürftige und versucht, ihnen zu helfen. Aber dann gibt es eine ganze Menge Malteser , die sagen, man soll sie einfach zurückschicken, ob sie dabei absaufen, ist doch völlig gleich. Und nur ganz wenige glauben, dass man Immigranten aufnehmen sollte, weil es Menschenrechte gibt, die es zu achten gilt. Meiner Meinung nach verstehen die allerwenigsten die Gründe, warum die Immigranten ihre Länder verlassen und nach Europa oder speziell nach Malta kommen, dass viele vor Krieg und Hunger fliehen. Was nicht bedeutet, das sie gleich Asyl bekommen, aber sie müssen unter humanitären Schutz gestellt werden."

Tatsächlich wird nur ein winziger Bruch der Ankömmlinge als Flüchtlinge anerkannt. Seit im Jahr 2002 die ersten Boat People ankamen wurde nur 180 Personen Asyl gewährt. Immerhin 1900 von den insgesamt etwa 7000 illegalen Immigranten erhielten ein Aufenthaltsrecht und sind geduldet. Die restlichen wurden abgeschoben oder – und da liegt der Haken: eingesperrt, inhaftiert wie Verbrecher:

"Heute ist die maximale Haftzeit von Immigranten auf eineinhalb Jahre begrenzt, aber bis vor zwei Jahren gab es diese Obergrenze noch nicht. Da kamen Flüchtlinge aus Eritrea, aus dem Kongo, aus dem Sudan oder Somalia – und es ja allgemein bekannt, was dort los ist – die wurden in einigen Fällen bis zu fünf Jahre eingekerkert. Der schlimmste Fall war ein Mann, der fünf Jahre und zwei Monate hinter Gittern saß. Nun hat die Regierung endlich ein Limit von 18 Monaten beschlossen, bei Asylbewerbern liegt es sogar bei nur zwölf Monaten. Abgelehnte Asylbewerber, die auf ihre Abschiebung warten können noch einmal 18 Monate lang inhaftiert werden.""

Eine brutale Abschreckungspolitik: Malta wird bei den Boat People, sofern sie von der kleinen Insel je gehört haben, regelrecht gefürchtet. Flüchtlingsboote die irrtümlich in die Nähe von Malta geraten, machen sich vor der kleinen Flotte von Grenzschutzbooten sofort aus dem Staub. Nur wer in der Nähe von Malta in Lebensgefahr schwebt, muss sich wohl oder übel retten lassen. Kaum an Land, marschieren die Pechvögel in eines der vier Inselgefängnisse, ausgenommen sind Schwangere und Mütter mit Kind. Dass die Höchststrafe für die Rettung nur noch eineinhalb Jahre beträgt, ist ein schwacher Trost. Meint Jean Pierre Gauci

"Das ist immer noch eine viel zu lange Zeit. Obwohl viele Immigranten in Haft dringend Beistand bräuchten, gibt es im Gefängnis praktisch keine Psychologen. Deshalb gibt es immer wieder Selbstmordversuche. Und es gibt eine Anzahl von Personen, die aus der Haft in eine Nervenklinik überstellt werden mussten, weil sie unter den Haftbedingungen zusammengebrochen sind. "

Nur wer halbtot ist, kann darauf hoffen, aus humanitären Gründen entlassen zu werden. Nach einer gewissen Zeit hinter Gittern, bitten manche Flüchtlinge flehentlich um die Abschiebung Richtung Libyen, wo sie dann ein zweites Mal für Monate oder Jahre als Sklaven arbeiten, um dann erneut die Überfahrt Richtung Europa zu wagen in der Hoffnung, nicht wieder in Malta zu landen. Der Besuch in den Haftanstalten ist Journalisten und selbst Menschenrechtsorganisationen strikt untersagt. Jean Pierre, der tapfere junge Mann, groß und mollig, der redet wie ein Buch und noch voller Ideale ist, schweigt erst auf die Frage, ob er ein Gefängnis schon mal von innen gesehen hat. Ja sagt er, aber da hat er sich gegen die Vorschriften eingeschmuggelt und deshalb will er zunächst lieber darüber reden, aber dann spricht er doch.

"Die Häftlinge können überhaupt nichts tun. Die sitzen nur so herum, tagein tagaus. Da gibt es einen Fernseher für 400 Häftlinge. Und lokale Zeitungen. Das ist alles womit sie sich beschäftigen können. Die Zeitungen sind noch dazu in Englisch und die meisten Immigranten können sie weder verstehen noch lesen. Sagen wir mal so: es ist nicht viel los im Knast. "

Viel mehr ist über die Haftbedingungen auf Malta, wo Verliese und Kerker hinter Festungsmauern eine Jahrhunderte lange Tradition haben. Zurzeit sitzen etwa 1200 Immigranten im Gefängnis, mehr ist vom zuständigen Innenministerium nicht zu erfahren. Im übrigen sei die illegale Immigration kein maltesisches, sondern ein europäisches Problem. Jean Pierre Gauci, der in zwei Jahren sein Studium beenden und dann auf jeden Fall ins Ausland, also emigrieren will, ist da ganz anderer Meinung. Malta habe ein großes Problem mit den Immigranten, vor allem ein ethisches. Verhalten sich die tief katholischen Malteser wirklich wie rechtgläubige Christen?

"Nein, ich glaube die meisten Malteser haben keine sehr katholische Einstellung zu den Immigranten. Das fängt damit an, dass die Leute sagen, das sind Moslems, die wollen uns erobern. Das christliche Prinzip der Nächstenliebe und Hilfe in der Not wird hier in Malta nicht besonders ernst genommen. Die Malteser sind durchaus bereit, einem sterbenden Kind in Äthiopien Hilfe zu schicken. Aber sie haben etwas dagegen, dass das Kind nach Malta kommt, statt in Äthiopien zu sterben. Das ist ziemlich traurig und entspricht wirklich nicht dem christlichen und speziell dem katholischen Glauben."

Der schlechte Ruf Maltas hat sich auch in Afrika herumgesprochen – wer es nicht aufs europäische Festland schaffte, sondern nur bis an die Festungsmauern Maltas, hat Pech gehabt. Weil er inhaftiert wird. Weil er keinen zweiten Asylantrag innerhalb der EU stellen kann. Weil er auf Malta - wenn er nicht abgeschoben wird - hängen bleibt.

Und dann gibt es nicht viel zu tun. Denn auf Malta können sich die dunklen Kräfte des schwarzen Arbeitsmarktes weit weniger entfalten wie etwa in Spanien, wo aus unerwünschten, illegalen Zuwanderern begehrte Arbeitskräfte werden – weil sie willig und billig jede Arbeit verrichten, die einheimische Arbeitslose niemals tun würden: Diese Arbeit in der Regel viel zu dreckig, viel zu gefährlich, viel zu entwürdigend, wie es in einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation heißt. Trotzdem gelten die illegalen Immigranten auch auf Malta als unerwünschte Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt.

Tatsächlich bleibt vielen Flüchtlingen dort nur das Nichtstun. Und das sorgt in der Enge der hektischen Insel für provozierende Kontraste.

Reportage 4: Ein Leben zwischen Heim und Straße: Waisenkinder aus Somalia und der Stress der Untätigkeit


Das Cafe Barakka ist ein beliebter Treffpunkt der Malteser. Leidenschaftliche Bingospieler sitzen an überfüllten Tischen mit Spielscheinen, auf denen Zahlen aufgedruckt sind. Der Spielleiter zieht immer neue Chips aus einem Säckchen und liest die Zahlen vor erst die einzelnen Ziffern und dann zur Sicherheit die Gesamtzahl.

Die Tische sind zum Bersten gefüllt. Neben die Spielscheine stellen eifrige Kellner gefüllte Tassen und Teller mit Bergen von Kuchen, ein aberwitziges Gemisch aus Schokolade und Teig, Cremes und Sahne, das sich die ganz auf ihre Zahlen konzentrierten Spieler zwischen den Rufen des Ansagers in großen Portionen in den Mund schieben. Das Cafe liegt im ersten Stock, eine kleine Wendeltreppe trennt es von dem Raum darunter, der einem völlig anderen Zweck dient.

Oben vergnügt man sich beim Glückspiel, einen Stock tiefer herrscht bitterer Ernst. Dort stehen schwarze Immigranten Schlange, um Fragebögen auszufüllen. Ihr ganz persönliches Roulettespiel im Ausländeramt: Abschiebung oder Aufenthalt. Jeden Morgen treffen sich hier Ali, Shafi, Daher und Kha mit ihren Landsleuten, aufgeregt schnattern sie durcheinander, aber meist ohne Grund. Sie sind nicht wegen irgendwelcher Papiere hier, sondern aus Langeweile. Die Bürokratie lässt sie vorläufig in Ruhe, denn sie sind Jugendliche. Alle vier sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. Alle kommen sie aus Somalia:

"Alles in Ordnung

Manchmal in Ordnung manchmal nicht

Kennen Sie Somalia? Da wird gekämpft, Bürgerkrieg.

In meinem Land herrscht Bürgerkrieg, deshalb bin jetzt hier in Malta

Ich wäre lieber nach Italien, oder nach London gegangen, in ein großes Land, hier ist alles so eng.

Seid ihr gerne in Malta?

Überhaupt nicht, warum soll es mir hier gefallen?

Um vier Uhr morgens mache ich mich auf den Weg hierher, außer herumlaufen hab ich nichts zu tun, keine Schule. Ab und zu suche ich mir etwas zu essen.

Wenn du kein Geld hast, kannst du nichts essen.

Mit gefällts hier nicht.""

Kha ist der jüngste, er hat dunkle Augen, hellbraune Haut und ein verschmitztes Lachen. Sein Englisch ist noch sehr holprig, aber er wirkt klug und schon fast erwachsen. Dabei ist er gerade mal 15 Jahre alt und seit 5 Monaten auf Malta. Er lebt mit seinen Schicksalsgefährten im Heim für minderjährige Immigranten in Santa Venera. Jeden Morgen laufen sie ziellos über die Insel, am frühen Nachmittag trotten sie wieder ins Lager, fünf sechs Stunden wandern sie auf und ab, jeden Tag, und träumen von einem Leben, das sie hier in Malta vergeblich suchen. Ali ist 17, spindeldürr und noch mitten im Stimmbruch. Er wirkt noch sehr unreif, und kichert schrill. Er wird früher oder später nach Frankfurt abhauen, sagt er.

"Ich will nach Frankfurt, weil dort meine Tante lebt. Und dann gehe nicht mehr nach Malta zurück sondern in irgendein anderes Land. Vielleicht nach Holland, oder Norwegen, irgendwohin bloß weg von hier. Und dann will ich Arzt werden."

Ali lacht immer wieder, im Grunde genommen ahnt er, dass er keine Chance hat, ein solch hochgestecktes Ziel zu erreichen. Er verliert die wertvollsten Jahre seines Lebens als Gefangener auf einer kleinen Insel, weitab von seiner Heimat. Eine Flucht wäre im übrigen aussichtslos sagt Kha. Die Drittstaatenregelung macht es unmöglich: wer einmal in einem europäischen Land abgelehnt wird, wird überall in der EU abgelehnt.

"Wenn wir anderswo hingehen, nach London zum Beispiel und sie erwischen uns, dann nehmen sie unsere Fingerabdrücke und sie schicken uns von London gleich wieder nach Malta zurück. Dabei gehören wir nicht hierher.

Da drehst du dann endgültig durch und machst deinem Leben ein Ende, indem du dich ins Meer stürzt!"

Die vier Freunde treten den vielstündigen Fußmarsch zurück ins Waisenlager von Santa Venera an . Dort wird das einzige tägliche Mal um vier Uhr nachmittags angeliefert, das dürfen sie sich nicht entgehen lassen, denn Geld haben sie keines und die nächste Mahlzeit kommt erst 24 Stunden später. Besucher gibt es hier nicht, Besuche sind verboten. 24 Jugendliche, leben in dem spartanisch eingerichteten Heim mit einer Toilette für die 19 Jungen und 5 Mädchen.

"Die sind sehr nett. So hübsche Mädchen gibt es bei euch garantiert nicht.

Und was ist mit den Maltesischen Mädchen? Sind die nicht auch nett?

Noooooo, ach das ist eine Frage des Geldes

Warum Geld?

Du musst sie zu Mineralwasser einladen , oder einen Kaffee bezahlen, solche Sachen. Kein Geld keine Liebe!

"Okay war nett Sie zu treffen, ich geh heim. Ins Waisenhaus. Wissen Sie: wenn sie nach Malta kommen und unter 18 sind, 17, oder 16 Jahre alt, dann ist es aus mit ihnen. Dann kommen sie ins Teenager Gefängnis.""

Mit immer härteren Gesetzen, mit immer perfekteren Abwehrmethoden an den europäischen Außengrenzen und mit bilateralen Abkommen zur mühelosen Abschiebung ist dieser humanitären Katastrophe nicht beizukommen. Im Gegenteil: Die Gewissheit wächst, dass diese Politik gescheitert ist. Das Flüchtlingselend wird immer schlimmer, weil Paragraphen und Patrouillenboote den Aufbruch um jeden Preis nicht verhindern können. Mehr noch: Europa gibt seine eigenen Werte preis, weil mit den Flüchtlingen auch die Menschenrechte untergehen.

Die schrecklichen Gesichter und die stummen Schreie, die Paul Zech in seinem argentinischen Exil beschrieb, nachdem er vor den Nazis geflohen war, sind jetzt unter anderen Vorzeichen wieder zu vernehmen.

Das Mittelmeer ist längst zum Massengrab geworden – und mit jedem Toten, der in diesem Sommer an Land gespült wurde, ist die Erkenntnis gewachsen: Nicht die Armutsflüchtlinge müssen bekämpft werden. Sondern die Ursachen und die Auswüchse der illegalen Migration.

Mittlerweile sind die Flüchtlingsdramen auf Mittelmeer und Atlantik zum Thema von Gipfeltreffen der europäischen Staats – und Regierungschefs geworden. Doch bis heute ist Migrationspolitik Sache der Nationalstaaten geblieben – bis heute gibt es keine gemeinsame europäische Migrationspolitik.

Seit der Konferenz von Rabat im Sommer dieses Jahres zielen die Vorschläge jedoch darauf ab, gemeinsam mit den Herkunftsländern nach Lösungsansätzen zu suchen und zum Beispiel Saisonarbeiter zuzulassen – zum Nutzen aller. Zum Nutzen der Mitgliedstaaten der EU und ihrer Partner in Afrika, zum Nutzen aber auch der Migranten und ihrer Familien in Afrika. Ein erster Versuch, den verhängnisvollen Kreislauf der Illegalität zu durchbrechen – weitere werden folgen.

Voraussetzung einer neuen, gemeinsamen Migrationspolitik ist
allerdings auch, dass sich das Bild von den Migranten in der europäischen Öffentlichkeit verändert – von einer Atmosphäre der Offenheit kann noch keine Rede sein.

Auch auf Malta nicht – obwohl der Kulturmix aus verschiedenen Identitäten dort ja seinen ganz besonderen Reiz hat. "Malteser sind
Süditaliener, die sich für Engländer halten, arabisch sprechen und katholischer sind als die römische Kurie", heißt es. Doch im Land der vielen Kirchen, in denen zu Allah gebetet wird, weil Gott auf maltesisch Allah heißt, herrscht tiefes Misstrauen - gegenüber dem Islam und allem Fremden.

So hat die Insel Malta ihre geographische Lage zwischen Europa und
Afrika, zwischen Orient und Okzident, zwischen Christentum und Islam
noch nicht zum kulturellen Brückenschlag nützen können.

Reportage 5: Priester und Imam: Das alltägliche Misstrauen im maltesischen Alltag


Es war im Jahr 1888, als die Näherin Carmela Girma einen Zuruf aus dem Inneren der kleinen Kirche von Ta Pinu hörte, hineinging und von der heiligen Maria aufgefordert wurde, zu beten, sie legte sich daraufhin ins Bett und war, wie von der Gottesmutter vorhergesagt, ein Jahr lang krank. Auch ein Nachbar wurde von der geheimnisvollen Stimme angerufen und betete, worauf seine Mutter gesundete. Und damit war der wichtigste Wallfahrtsort von Malta entstanden.

Die Ausstellung der inzwischen geleisteten Wunder der Gottesmutter von Ta Pinu im Inneren der heutigen Kirche, ein gewaltiger, vor 70 Jahren entstandener neoromanischer Bau, ist beeindruckend. Da hängen Krücken und Stützkorsette. Fotos von schrecklich verbeulten Autos, umgestürzten Motorrädern. Auch Bilder von Personen, Erwachsenen und Kindern, Gemälde von dramatischen Szenen auf Hoher See, einfache handgeschriebene Danksagungen, Kinderkleider, sauber gezeichnete Widmungen und handschriftliche Erzählungen von erlittenen Unglücken und glücklicher Rettung. Die Malteser sind stolz auf ihren Glauben, auf ihre Wunder und auf ihre Kirchen, 380, mehr als es Tage im Jahr gibt. Und an Priestern mangelt es auch nicht:

"Ich bin 36 Jahre alt, seit 21 Jahren bin ich im Franziskanerorden. Ich hatte mir damals überlegt, was ich wohl mit meinem Leben anfangen sollte. Ich hatte sogar schon eine Freundin, aber glücklich war ich nicht. Da fiel mir ein Buch über den Heiligen Franz von Assisi in die Hände und ich las von seiner Liebe für die Leprakranken und ich sagte mir: das musst du auch machen. Und so wurde ich Franziskaner."

Pater Leo trägt eine Brille kurze dunkle Haare, er legt alle Utensilien für die Abendmesse bereit. Die Kirchenglocken läuten zu einer Gedenkfeier für die Toten. Die ersten Gläubigen sitzen schon in den Bänken und murmeln leise Gebete. Pater Leo ist weit herumgekommen, immer wieder hat ihn sein Orden auf Mission geschickt. So hat er auch Afrika kennen gelernt.

"Dort habe ich mich erst um Leprakranke gekümmert. Und dann um Jugendliche, die Aids hatten. Das ist ein riesiges Problem in Kenia, wo täglich hunderte an diesen Krankheiten sterben. Trotzdem habe ich eine Menge von ihnen gelernt, wie man sein Leben meistert, wie man mit nichts auskommen kann. Wie man ohne jede Hoffnung lebt. Und dafür liebe ich sie. Man kann von den Menschen lernen. Im übrigen mache ich keinen Unterschied zwischen Schwarz und Weiß. Wir sind doch alle gleich, alle von Gott geschaffen, die Hautfarbe macht da keinen Unterschied." "

Pater Leo meint es gut mit allen. Mit den Afrikaner und den eigenen Landsleuten. Ob die wirklich genau wissen, wie es den Ärmsten in Afrika geht? Und warum sie übers Meer nach Malta kommen? Wie beurteilt er den latenten Rassismus, die Vorurteile, die Ablehnung alles Fremden?

" Die Malteser haben keine Angst vor Menschen mit dunkler Hautfarbe. Sie gehen so gut, wie sie können, mit ihnen um. Sie helfen ihnen. Sie sammeln Geld speziell um Weihnachten herum. Sie sind kein Problem für uns. Das Schicksal der Armen ist ja allgemein bekannt, so wird man sie auch um sie kümmern."

Die Ausländer sind also absolut kein Problem für Malta? Pater Leo nimmt den Kelch fürs Abendmahl in die Hand und geht langsam zum Altar. Das Thema Immigration ist dem Pater Leo sichtlich unangenehm. Jetzt muss der Toten gedacht werden:

"Wir haben einen Haufen Flüchtlinge hier, Und die sind tatsächlich ein großes Problem für uns. Mit denen können wir alleine nicht fertig werden. Dazu brauchen wir Gott."

Während Pater Leo in seiner prachtvollen Kirche den Segen erteilt, gibt Mohammed El Sadi seinen Schülern Koranunterricht, bevor er zum Freitagsgebet in seine Moschee ruft. Es ist einfacher grün-beige-weiß gestrichener Bau in dem Industrieort Paola, direkt an einer viel befahrenen vierspurigen Straße. Gestiftet wurden die Moschee und die Grundschule für die 100 Kinder der etwa 4000 Mitglieder umfassenden moslemischen Minderheit auf Malta in den 80er Jahren von Libyens Staatschef Muammar Al Ghaddafi persönlich. Damals unterhielten Libyen und Malta noch engste Beziehungen und Regierungschef Dom Mintoff geriet in den Verdacht, das libysche Regime zu unterstützen. Bis zum Beitritt Maltas zur EU vor zwei Jahren brauchten Libyer kein Visum für Malta, gab es sogar noch eine gemeinsame Radiostation. Imam El Sadi ist stolz auf seine Schule, die, so sagt er, einmalig ist in ganz Europa:

"In diesem islamischen Kulturzentrum arbeiten moslemische und christliche Lehrer eng zusammen. Unsere Schulleiterin ist Katholikin. So etwas gibt es kein zweites Mal in ganz Europa. Hier wird Toleranz praktiziert."

Muhammed El Sadi ist 57 Jahre alt, hat dunkles, dichtes Haar einen dunklen Bart und sieht sehr gemütlich aus in seinem grauen Anzug und dem blauen Hemd mit Krawatte. Auf seinem Schreibtisch herrscht ein ziemliches Durcheinander, langsam trinkt er aus einer hohen Tasse seinen Capuccino. Er spricht bedächtig, gerät nur selten in Fahrt und wägt all seine Worte genau ab. El Sadi ist gebürtiger Palästinenser, der seine Heimat nie gesehen hat und seit 35 Jahren in Malta lebt, wo er auf die Befreiung Palästinas wartet. In Malta wird er als Lehrer und Imam geachtet und geschätzt. Er und seine Familie sind gut integriert, und er kann die Sorgen der Malteser gut verstehen:

"Es kommt schon vor, dass manche Immigranten schlecht behandelt werden, aber normalerweise geben sich die Malteser alle Mühe mit ihnen, ob nun die Regierung, das Volk oder die Kirche. Die Malteser sind eigentlich sehr freigiebig. Aber sie ziehen es vor, den Armen fern ihrer Insel zu helfen. Und nicht hier. Die Malteser schicken Millionen von Lira in alle Welt, um den Armen zu helfen. Aber sie hier zu haben, das ist eine ganz andere Sache. "

Die Gründe liegen klar auf der Hand, meint der Imam und streckt erklärend seine Arme nach vorne:

"Sie haben einfach Angst. Angst um ihre Kultur, Angst um ihre Wirtschaft. Und letztere ist der bestimmende Faktor für den Hass auf die Fremden. Wären die Malteser reicher, dann würden sie die Immigranten schlicht vergessen."

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