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Mamma mia, Frauen in der Mafia!

Die Männerdomäne bröckelt zunehmends

Von Kirstin Hausen

Corleone, Sizilien
Corleone, Sizilien (AP Archiv)

Wegen der Verfolgung von Mafiamitgliedern auf Sizilien gehen der Organisation langsam die führenden männlichen Köpfe aus. So findet das Undenkbare statt: Die Frauen besetzen nach und nach die Schalthebel der Mafiamacht - und erweisen sich als nicht minder skrupellos.

"Wir sind diese Prozesse leid", sagt eine ältere Frau mit einem Protestplakat vor dem Gerichtsgebäude in Cosenza. Hier am Fuße des Sila-Gebirges in der süditalienischen Region Kalabrien wurden alle männlichen Mitglieder eines mächtigen 'Ndrangheta-Clans verhaftet. Sie stehen derzeit vor Gericht. Die 'Ndrangheta ist die Mafia Kalabriens und klar patriarchalisch organisiert. Doch die Frauen des Clans demonstrieren gegen das Verfahren und geben selbstbewusst Interviews.

"Wir protestieren gegen diese gelenkten Prozesse, die bereits entschieden sind, bevor sie beginnen. Wer verhaftet wird, wird automatisch auch verurteilt. Wo bleibt da die Unschuldsvermutung, die uns die Justiz garantieren müsste?"

Die Frauen verteidigen ihre Männer, alles vorbestrafte Mafiosi. Ob sie ihnen auch helfen, die kriminellen Geschäfte weiterzuführen? Der Soziologe Nando dalla Chiesa, der die Machtstrukturen innerhalb des organisierten Verbrechens erforscht, ist davon überzeugt.

"Solange die Mafiosi nur selten und wenn, dann nur für kurze Zeit, ins Gefängnis wanderten, war es nicht nötig, ihre Frauen in die Geschäfte einzubeziehen. Früher durften die weiblichen Mitglieder der Familie nichts wissen von den Geschäften der Cosa Nostra, das war ein internes Gesetz. Und wenn sie etwas wussten, mussten sie so tun, als wüssten sie nichts. Aber wenn erst der Boss verhaftet wird, dann der Sohn vom Boss, dann der Bruder und der Cousin, dann ist die Mafiafamilie plötzlich auf die Ehefrau angewiesen."

Und die scheint manchmal nur auf ihre Gelegenheit zum Karrieresprung innerhalb der Mafia gewartet zu haben. So werden in kürzester Zeit aus biederen Hausfrauen Entscheidungsträgerinnen mit enormer Macht. Sie organisieren Drogenhandel, Waffenschmuggel und Schutzgelderpressung. Nicht weniger brutal als die Männer. Ein Kinderspiel – schließlich haben sie jahrelang zugeschaut. Und einen Familiennamen, der Angst macht.

"Und dann gehen sie auch noch über diese direkte Beteiligung an den, sagen wir mal, 'Aktivitäten der Firma' hinaus. Neuerdings arbeiten sie nicht nur auf der mittleren Managementebene mit, sondern ersetzen die Männer an der Spitze. In der Mafia passiert das, was in der übrigen Gesellschaft passiert, die Frauen bahnen sich ihren Weg nach oben, übernehmen mehr Verantwortung. Unterstützt wird diese Entwicklung durch die Justizbehörden, die eher die Männer bestrafen als die Frauen."

Denn Frauen als Bosse gab es früher nicht und das italienische Strafgesetzbuch bietet Ehefrauen, Schwestern und Töchtern von Mafiosi Straffreiheit, wenn sie nicht gegen ihre Verwandten aussagen. Sie wissen ja eh nichts, dachte man bis vor Kurzem. Doch das ist falsch.

"Verschiedene Staatsanwälte haben mir bestätigt, dass die Ehefrauen innerhalb der Mafia immer mehr Verantwortung übernehmen. Nach außen zeigen sie das nicht. Sie drängen auf längere Besuchszeiten bei ihren inhaftierten Ehemännern oder Brüdern, weil ihnen angeblich das Herz vor Sehnsucht blute, aber in Wahrheit besprechen sie bei diesen Besuchen Geschäftliches und planen Verbrechen. Die Frauen führen sie vielleicht nicht aus, aber sie geben sie in Auftrag."

Grundrechte wie das Besuchsrecht und ein Minimum an Privatsphäre zwischen Eheleuten werden ausgenutzt, um die Interessen der Organisation voranzutreiben. Auch deshalb ist die Mafia eine Familienangelegenheit. Außenstehende könnten sich niemals auf den Schutz der Familie, der die italienische Gesetzgebung durchzieht, berufen. Doch inzwischen findet innerhalb der Justiz ein Umdenken statt. Der Straftatbestand der Mitwisserschaft wird strenger ausgelegt und auch auf die weiblichen Angehörigen von Mafiabossen angewendet. So konnten die Ehefrauen und Schwestern der Männer, die im August 2007 in einer Pizzeria in Duisburg sechs Mitglieder eines verfeindeten Clans töteten, festgenommen und vor Gericht gestellt werden. Sie erklärten, sie wüssten von nichts und ihre Männer seien vollkommen unschuldig. So wie die Frauen vor dem Gerichtsgebäude in Cosenza.

"Mein Sohn ist zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt worden, ohne Beweise" empört sich die ältere Signora in Kalabrien und reckt ihr Plakat in die Höhe. Freiheit und Gerechtigkeit, steht darauf.

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