Interview / Archiv /

 

"Man fängt ein bisschen an, die Gefahr zu unterschätzen"

Der Journalist Jim Amoss aus New Orleans über den Sturm "Isaac"

Das Gespräch führte Bettina Klein

Vor sieben Jahren: "Katrina" zerstört New Orleans in weiten Teilen (AP)
Vor sieben Jahren: "Katrina" zerstört New Orleans in weiten Teilen (AP)

Vor sieben Jahren ließ Hurrikan "Katrina" New Orleans in weiten Teilen untergehen, der schwächere "Isaac" bedroht heute die Stadt. Die Bürger fühlen sich jedoch dank Milliardeninvestitionen in Schutzvorrichtungen viel sicherer, sagt der Chefredakteur der "Times Picayune", Jim Amoss.

Bettina Klein: Markus Pindur hat es angedeutet: Hurrikan Isaac ist bereits in Louisiana eingetroffen, genau sieben Jahre nach dem Wirbelsturm Katrina. Wir blicken zurück auf die Zeit damals: empörte Bürger, Fernsehmoderatoren und ein Präsident, der selbst durch die Folgen des Hurrikans, vor allem durch sein Krisenmanagement, erheblich unter Druck geriet.

O-Ton-Collage:

Klein: Der damalige US-Präsident George W. Bush bittet hier um Geduld für einen langen Prozess der Erholung in der Stadt New Orleans, das war vor genau sieben Jahren. Auf den Tag genau kommt heute ein weiterer Hurrikan nach Louisiana, weitaus schwächer, aber die zeitliche Übereinstimmung ist schon denkwürdig. Ich freue mich umso mehr, dass es uns gelungen ist, eine Telefonverbindung direkt nach New Orleans aufzubauen. Wir begrüßen dort am Telefon Jim Amoss, der Chefredakteur der Zeitung "Times Picayune". Hallo, Mr. Amoss!

Jim Amoss: Ja, hallo! Guten Morgen!

Klein: Was spielt sich im Augenblick ab in New Orleans?

Amoss: Im Augenblick sitze ich in der Redaktion meiner Zeitung und wie genau vor sieben Jahren mit Katrina übernachten wir alle mit unseren Schlafsäcken und folgen der Berichterstattung unserer Reporter in New Orleans und der Umgebung. Es fängt jetzt gerade an. Die Stadt ist ja etwas entfernt von der Mündung des Mississippi, wo der Sturm jetzt gerade ankommt. Es herrscht schon starker Wind und viel Regen.

Klein: Was genau wird erwartet für die kommenden Stunden?

Amoss: Es wird erwartet, dass es noch 24 Stunden weiter andauert, aber es gibt doch erhebliche Gegensätze zu Katrina. Diesmal sind wir viel besser gewappnet und haben ein System von Dämmen und Deichen und Pumpen. Wir liegen ja unter dem Meeresspiegel und brauchen das alles und hatten das vor sieben Jahren nicht. Inzwischen hat die Bundesregierung der USA fast elf Milliarden Dollar in dieses System investiert. Es fühlen sich die Menschen viel, viel sicherer, würde ich sagen.

Klein: Und Sie würden auch sagen, die Stadt ist durch die neuen Schutzmaßnahmen zweifelsfrei geschützt vor einem weiteren Drama wie Katrina, oder gibt es eben doch noch Bedenken?

Amoss: Ich glaube, dass die Menschen sich im Allgemeinen sicherer fühlen. Unsere große Story war heute, dass es keinen Evakuierungsbefehl gegeben hat und dass die meisten Bewohner der Stadt hiergeblieben sind, während bei Katrina das nicht der Fall war.

Klein: Das heißt, es gab einen Evakuierungsplan?

Amoss: Es gab einen Evakuierungsplan und einen Befehl, die Stadt zu verlassen, und diesmal sind die meisten Menschen hier geblieben und ich glaube, sie fühlen sich geschützt vor einem Sturm wie Isaac, der eine schwache Kategorie 1 mit Windgeschwindigkeiten von ungefähr 120 Kilometern in der Stunde hat, während es bei Katrina über 200 waren.

Klein: Haben die Behörden denn aber dennoch Maßnahmen eingeleitet zum Schutz der Bevölkerung, oder ist das eigentlich gar nicht nötig, weil der Sturm nicht so gravierend ist?

Amoss: Die Bundesregierung hat uns und der Staat Louisiana ungefähr 1000 Reservisten, Soldaten geschickt, und da fühlt man sich auch etwas sicherer, und das ist auch ein Kontrast zu der Katrina-Zeit, wo die US-Bundesregierung total unvorbereitet war.

Klein: Wie würden Sie die Stimmung in der Stadt insofern beschreiben, als das ja wirklich zeitlich mit dem Ereignis damals auf den Tag genau zusammenfällt? Fühlen sich die Bürger dann eben doch auch irgendwie daran erinnert, was damals geschehen ist, oder ist das komplett verarbeitet nach Ihrem Eindruck?

Amoss: Nach sieben Jahren sitzt einem diese Hurrikan-Angst nicht so in den Knochen und man fängt ein bisschen an, die Gefahr zu unterschätzen, was natürlich auch gefährlich ist. Wenn Sie heute Abend durch die Stadt fahren würden, sie wirkt ganz öde und verlassen, weil die Menschen alle in ihren Häusern hocken. Sogar die Bourbon Street, wo normalerweise ein Gedränge von Menschen herrscht, da ist kein Mensch zu finden. Aber ich glaube, psychologisch geht es den Menschen viel besser als nach dem Disaster von 2005.

Klein: Und Sie würden sagen, alle Konsequenzen, die notwendig gewesen sind, wurden inzwischen gezogen? Da gibt es auch keinen Nachbesserungsbedarf mehr und nichts, was noch einen Wunsch übrig lassen würde?

Amoss: Ja das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, das zu sagen, und es kann auch sein, wenn dieser Sturm 24 Stunden dauert und wir diese Windböen bekommen, die vielleicht geschehen werden, und es könnte Verwüstungen geben und besonders in den Orten jenseits der Deiche, oder in der Nähe der Mündung des Mississippi. Aber ich glaube, was es an Deichen und Dämmen 2005 gab, war eigentlich kein System, sondern einzelne Dämme und Deiche, und jetzt ist es tatsächlich ein einziges verbundenes System und dadurch fühlen wir uns alle viel mehr geschützt.

Klein: Sie haben eingangs unseres Gespräches darauf hingewiesen, dass Sie und Ihre Kollegen in der Redaktion mit Schlafsäcken übernachten werden. Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie Sie in den nächsten Tagen berichten werden, wie das ablaufen wird?

Amoss: Unsere Reporter sind nicht alle in der Redaktion, sondern in verschiedenen Orten hier in der Umgebung und werden von da aus berichten, Fotografen, Reporter und so weiter, und durchs Internet natürlich mit Videos und so weiter. Aber ich glaube, es wird noch mindestens 24 Stunden dauern, bis wir das Ausmaß des Sturms und der möglichen Verwüstung genau wissen können.

Klein: Jim Amoss war das, der Chefredakteur der Zeitung "Times Picayune". Wir haben ihn direkt in New Orleans erreicht, wo der Hurrikan Isaac in diesen Stunden erwartet wird. Mr. Amoss, ich bedanke mich sehr für das Gespräch, ich wünsche Ihnen alles Gute für Sie und die Bürger Ihrer Stadt.

Amoss: Danke! Gerne geschehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Mehr zum Thema auf deutschlandradio.de:

2006: Bush: Wiederaufbau nach Katrina dauert noch Jahre

2006: Versagen rundum - Untersuchung zum US-Krisenmanagement nach dem Hurrikan Katrina

2005: Chaotische Zustände nach Hurrikan Katrina

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Sonderabgabe für Kohlekraftwerke Laschet: "Das ist nicht durchdacht"

Der Vorsitzende der CDU in Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet. (dpa/Martin Gerten)

Mit der von Sigmar Gabriel geplanten Sonderabgabe für alte Kohlekraftwerke missachte der Bundeswirtschaftsminister den Koalitionsvertrag, sagte Armin Laschet im Deutschlandfunk. Der CDU-Vorsitzende von Nordrhein-Westfalen prognostizierte, dass im Falle einer Umsetzung der Pläne der Erlös von RWE dahinschmelze - "mit allen Folgen für die Gesamtbevölkerung".

BND-Datenweitergabe an die NSASensburg wartet auf Aufklärung der Vorwürfe

Der Leiter des NSA-Untersuchungsausschusses, Patrick Sensburg (CDU), am Donnerstag (25.09.2014) vor der öffentlichen Sitzung.

Der Vorsitzende des NSA-Untersuchungsausschusses, Patrick Sensburg, lehnt personelle Konsequenzen aus der jüngsten NSA-Affäre ab. Der CDU-Politiker sagte im Deutschlandfunk, zuerst müssten alle Vorwürfe aufgeklärt werden. Entscheidend sei die Frage, welche Daten der Bundesnachrichtendienst an den US-Geheimdienst NSA übermittelt habe.

Ukraine"Wir haben weiterhin viele Tote zu beklagen"

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Die Waffenruhe in der Ukraine sei nicht hundertprozentig gesichert, sagte der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, im DLF. Um den politischen Prozess voranzubringen, sei jedoch nötig, dass Schüsse ausblieben und internationale Beobachter zugelassen werden.

 

Interview der Woche

Russland-Geschäft "Deutsche Exporte könnten leiden"

Der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes. (Imago / Müller-Stauffenberg)

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft hat vor einem weiteren Rückgang der Exporte nach Russland gewarnt. Der Ausschuss-Vorsitzende Eckhard Cordes sagte im Interview der Woche des Deutschlandfunks, man müsse davon ausgehen, dass die russische Wirtschaft im laufenden Jahr schrumpfen werde.

Familienministerin zu Flüchtlingen "Wir sind gut genug aufgestellt, um Schutz zu bieten"

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (dpa/Maurizio Gambarini)

Der Bund müsse sich stärker für Flüchtlinge einsetzen und mehr Geld für ihre Unterbringung bereitstellen, fordert Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig im Interview der Woche des Deutschlandfunk. Sie sehe nicht, dass Deutschland zu viele Flüchtlinge aufnehme. Schwesig verlangte aber eine bessere europaweite Lastenverteilung. Andere Länder müssten genauso viel machen wie Deutschland.

Käßmann zu Syrien-Flüchtlingen"Kompetente Menschen, die wir aufnehmen sollten"

Margot Käßmann besucht die Luthergedenkstätte. (picture alliance / dpa / Peter Endig)

Die evangelische Theologin Margot Käßmann hat dazu aufgerufen, syrische Flüchtlinge nicht abzuwehren, sondern "mit Würde" aufzunehmen. Es gebe unter ihnen "viele sehr kompetente Menschen, die wir nicht abschieben, sondern deren Ressourcen wir ernst nehmen" sollten, sagte Käßmann im DLF.