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StartseiteInterview"Man interessiert sich sehr"29.10.2009

"Man interessiert sich sehr"

Al-Dschasira-Korrespondent zum Prozess gegen den Mörder von Marwa El-Sherbini

Aktham Suliman, Deutschlandkorrespondent von Al-Dschasira, hofft auf die höchstmögliche Strafe für den Mörder der Ägypterin Marwa El-Sherbini. In der arabischen Welt beobachte man den Prozess gespannt. Fatal wäre es, wenn der Mörder als psychisch krank eingestuft würde. Das komme nach Ansicht vieler Muslime einer fehlenden Verurteilung gleich.

Aktham Suliman im Gespräch mit Friedbert Meurer

Der Angeklagte Alex W. wird in den Verhandlungssaal des Landgerichts Dresden  gebracht. (AP)
Der Angeklagte Alex W. wird in den Verhandlungssaal des Landgerichts Dresden gebracht. (AP)

Friedbert Meurer: Am 1. Juli wurde in einem Saal des Landgerichts Dresden die Ägypterin Marwa El-Sherbini ermordet, vor den Augen eines entsetzten Richters, Staatsanwalts, Verteidigers, der Polizei und vor allen Dingen vor den Augen des Ehemanns. Der versuchte noch, seiner sterbenden Frau zu helfen, und wurde dann von einem Polizisten angeschossen, der ihn mit dem Täter verwechselt hat. Der Täter ist ein junger Russlanddeutscher. Gestern, am dritten Verhandlungstag in Dresden, hat der Angeklagte randaliert, und was die Vertretung der Nebenklage gesagt hat, hören wir dazu jetzt.

"Spontan habe ich mir gedacht, Zirkus. Warum stellt er sich nicht hin und nimmt einfach die Verantwortung auf sich und stellt sich dem Verfahren. Aber so ist er eben nicht gestrickt. Er ist extrem uneinsichtig. Er hat ganz verquaste Ansichten über seine Welt um sich herum und er reagiert überhaupt nicht auf Ansprache. Er benimmt sich überhaupt nicht wie jemand, der normal sozialisiert ist."

Meurer: Der Angeklagte ist ein junger Russlanddeutscher. 16 Messerstiche hat er wie im Wahnsinn auf die Ägypterin eingestochen, die dann gestorben ist. Der Prozess wird sehr aufmerksam in der arabischen Welt verfolgt. Auch Al Dschasira berichtet aus Dresden, mit Hilfe des Deutschlandkorrespondenten Aktham Suliman. Guten Morgen, Herr Suliman.

Aktham Suliman: Guten Morgen.

Meurer: Wie sehr interessieren sich Ihre Zuschauer von Al Dschasira für den Prozess?

Suliman: Man interessiert sich sehr, und zwar insofern, als das damals, Anfang Juli, sehr missverständlich auf das Publikum wirkte, wieso so ein Mord stattfindet und trotzdem das Echo in der Presse und in der Politik in Deutschland nicht entsprechend nach der Meinung dieses Publikums war. Inzwischen haben sich die Gemüter ein bisschen beruhigt, aber man beobachtet sehr genau, was daraus wird: Wieso konnte eine Frau umgebracht werden, nur weil sie ein Kopftuch trägt, weil sie Muslime ist, und zwar in einem Gerichtssaal. Das ist immer noch nicht so ganz klar, wie so etwas vonstattengehen konnte.

Meurer: Sie waren an den ersten beiden Prozesstagen als Korrespondent dabei. Wie haben Sie den Prozess erlebt?

Suliman: Es ist schon einmalig, wie dieser Prozess verläuft. Da ist der Ehemann und der Bruder der Verstorbenen, einmal fünf Meter, einmal, glaube ich, zehn Meter entfernt von dem Täter auf der anderen Seite sitzend. Ich hätte gedacht, in dem Moment, wo dieser Täter den Saal betreten würde, würden die beiden schreien oder aufstehen oder irgendeine Reaktion zeigen. Das Bild war ganz anders. Die waren die Abgeklärten, Ruhigen, ruhig Sitzenden, sachlich argumentierend, und der Täter kam mit einer Gestalt, die wirklich kaum zu beschreiben ist: mit Kapuze, mit Mütze, mit Sonnenbrille. Fast ein Phantombild und nicht ein normaler Mensch setzte sich mit dem Rücken zu den Journalisten und anderem Publikum. Er reagierte nicht auf die Ansprache der Richterin. Das war eine ganz komische Situation, wo man richtig merkt: Der Mann ignoriert offensichtlich das Gericht und ist überhaupt nicht einsichtig.

Meurer: Wie kommen diese Bilder eines vermummten Angeklagten bei Ihren Fernsehzuschauern an?

Suliman: Wie soll man das sagen? Das zeigt auf jeden Fall eine Gestalt, die sehr düster im Inneren ist. Mehr kann man dazu nicht sagen. Das kommt wahrscheinlich beim arabischen Publikum genauso wie beim deutschen Publikum an. Am Anfang dachte man, das trifft die Journalisten, er will nicht aufgenommen werden, was man noch hätte verstehen können. Aber als die Journalisten den Saal verlassen haben, die Kameras den Saal verlassen haben, blieb er immer noch mit einer schwarzen Brille und am nächsten Tag, als er sie wegmachte, guckte er immer nach unten und versteckte sich vor dem Publikum, aber nicht vor dem Ehemann. Man hätte gedacht, er hat Schamgefühle gegenüber den Angehörigen der Verstorbenen. Überhaupt nicht! Es ging hier um das Publikum. Er will nicht anerkannt werden. Offensichtlich ist seiner Meinung nach eine Milliarde Menschen auf der Suche nach ihm. Das sind die Muslime. Es ist kein Wunder, wenn er das Bild vom Islam so hat, wie das bei ihm der Fall ist, dass er so eine Befürchtung hat.

Meurer: Sie haben eben gesagt, Herr Suliman, die Gemüter in der arabischen Welt haben sich nach diesem furchtbaren Mord in Dresden etwas beruhigt. Liegt kein Schatten mehr auf dem Deutschland-Bild?

Suliman: Damit ist das natürlich nicht gesagt. Man wartet auf das Urteil und das wird auch eine Rolle spielen. Wenn man natürlich das Gefühl hat, dieser Mensch hat die höchstmögliche Strafe in Deutschland bekommen – ich betone in Deutschland natürlich und nicht woanders -, weil er das höchstmögliche Verbrechen, das schlimmste Verbrechen vollbracht hat, und zwar Mord, dann wird man natürlich vieles revidieren. Man hat Befürchtungen in der arabischen Welt, dass er für verrückt erklärt wird, für psychisch krank und so weiter, und das ist auch eine extra Spezialität in den Beziehungen zwischen der arabischen Welt und Deutschland. In der arabischen Welt, wenn jemand für verrückt erklärt wird, dann ist das eher ein Hilfeversuch, damit er die Strafe praktisch nicht antritt und so weiter.

Hier in Deutschland ist klar: Wenn man psychisch gestört ist, dann landet man in einer geschlossenen Anstalt und es unterscheidet sich nicht viel von einem normalen Gefängnis. Aber das Bild muss noch mehr auch von uns Journalisten erklärt werden. Psychisch krank heißt nicht automatisch unschuldig, außer natürlich im juristischen Sinne, vor dem Gesetz, aber an sich macht das die Tat nicht anders.

Meurer: Noch kurz, Herr Suliman. Wie berichten Sie darüber, ob es in Deutschland Islam-Feindlichkeit gibt? Wie beantworten Sie die Frage?

Suliman: Die Frage ist ganz leicht zu beantworten, indem man die Realität beschreibt, die Realität natürlich, wie wir sie wahrnehmen. Auf der einen Seite gibt es ja einen solchen Alex W. in Dresden, der auf die Frau 16 Mal gestochen hatte, übrigens auch in Anwesenheit eines dreijährigen Kindes, ihres Kindes. Aber es gibt auch die Hunderte, die zur Trauerfeier kamen, die Dresdener, die kamen und Blumen niederlegten, in Erinnerung an Marwa El-Sherbini, weil sie das ablehnen. Also es gibt natürlich auch Islam-Feindlichkeit, aber um Gottes Willen: diese Islam-Feindlichkeit ist nicht alles, was es in Deutschland gibt, und sie füllt nicht die geistige Fläche in Deutschland. Aber das gibt es wirklich, in Deutschland, aber auch anderswo auf der Welt.

Meurer: Aktham Suliman, der Deutschlandkorrespondent des arabischen TV-Senders Al Dschasira, bei uns im Deutschlandfunk heute Morgen. Schönen Dank und auf Wiederhören, Herr Suliman.

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