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StartseiteBüchermarkt"Man müsste Erzählen malen können"16.02.2009

"Man müsste Erzählen malen können"

Isabella Huser: "Das Benefizium des Ettore Camelli"

Isabella Husers Film "Epoca – The making of History", für den sie auch Co-Autorin war, wurde bei den Berliner Filmfestspielen gezeigt. Jetzt hat die Tochter einer Italienerin und eines Schweizers mit ihrem Roman über die komplexe Geschichte einer italienischen Familie ein bemerkenswertes Debüt vorgelegt.

Eine Rezension von Bettina Hesse

Venedig bei Nacht (MOLINO STUCKY)
Venedig bei Nacht (MOLINO STUCKY)

Für die amerikanische Journalistin Heather Hughan ist ein Relief, das sie während ihres Sabbat-Aufenthalts in Venedig entdeckt, überraschender Anlass für eine Reise in die Vergangenheit. Das Relief auf einem Grabstein der Toteninsel San Michele zeigt ein fliegendes Gefährt, und genau die gleiche Skulptur besitzt Heather zu Hause in New York, ein Erbstück ihres geliebten Großvaters, eines holländischen Einwanderers. Welche Verbindung aber besteht zwischen dem Grabstein des 1875 gestorbenen Don Teodoro und ihrem Großvater Ted Hughan? Ihre Spurensuche beginnt in einem kleinen Ort im Trentino und ist der Anfang ihrer eigenen faszinierenden Familiengeschichte.
Versano heißt das Dorf im Trentino, Heimat von Ettore Camelli (1876–1944), der 1902 vor hat, während der großen Auswanderungswelle nach Amerika zu gehen. Doch als er mit dem Fahrschein in der Tasche noch einmal ins Dorf kommt, beschließt er, dort den Kolonialwarenladen zu übernehmen. So stellt er die Weichen in seinem Leben anders und wird als Soldat im Ersten Weltkrieg erst 1919 aus Russland zurückkehren. Dies ist der Beginn des zweiten Erzählstrangs, in dem es um Generationen von Camelli geht, um die Geschichte ihres Benefiziums und um die Legende eines jahrhundertealten Familienfluchs.
Heather sucht nach den Ursprüngen ihrer Skulptur und recherchiert in Archiven und Kirchenregistern. Immer mehr versenkt sie sich in die wechselvolle Geschichte des Benefiziums, ein von der Kirche eingerichtetes Maulbeer- und Weingut, das den Priestern in der Familie Camelli zufällt. Und sie erfährt den Grund des Fluchs: ein niederträchtiger Mord unter Brüdern im Jahre 1686. Dabei wird ihr klar, [w] "Wir alle stammen von ihnen beiden ab, von Laura und dem Mörder." Erst in der sechsten Generation gelingt es Heathers Großonkel Ettore, der neben seinem Geschäft das Gut verwaltet, den Familienfluch zu überwinden, allein indem er die Dinge in die Hand nimmt und verändert und so den Bann der sich selbst erfüllenden Prophezeiung bricht.
Und dann ist da noch Don Teodoro, der eigenwillige Kirchendiener, der nicht nur das fliegende Gefährt baute, das sein Grab ziert, sondern der mit Helena Hughan zusammenkommt, Heathers Urgroßmutter. Auf diese Weise bildet er die Schnittstelle zwischen den Camelli und Heathers Herkunft. In die atmosphärische Dichte, mit der sich Teodoro und Helena kennenlernen, sagt er beiläufig, warum er das Erzählen nicht liebt,

"denn erzählen lässt das eine auf das andere folgen, man muss die Dinge im Dienste des Erzählflusses gewichten, in einen abfolgenden Zusammenhang bringen, die Bilder zerpflücken, sie zu Formen schnipseln, die sich ineinanderfügen."

Die Ähnlichkeiten mit der Erzähltechnik der Autorin sind unverkennbar, nur dass sie sich von einer strengen Chronologie freimacht. Wiederum Teodoro legt sie den Wunsch in den Mund:

"Man müsste Erzählen malen können."

Die Handlung dieses spannenden Debüts ist komplex und reich an Details. Es ist bewundernswürdig, wie Isabella Huser die Szenen aus der verzweigten Familienchronik belebt – in ihrer ganz eigenen, poetischen Sprache, sehr literarisch und dennoch mit großem Gespür fürs Dokumentarische. Immer mehr lässt sie Heather in die verworrene Geschichte und Aktenlage eintauchen mit ihrem Bedürfnis, sich selbst einzuordnen. Dabei bewahrt die 'Entdeckerin' ihren journalistischen Abstand, hält sich genügend zurück, um die wesentlichen Momente im Leben der verschiedenen Camelli in Nahaufnahme zeigen zu können. Zugleich vermischen sich die Bruchstücke von Geschichten mit Heathers aktuellen Begegnungen und ihren Vorstellungen von den Charakteren, so dass sich die Ebenen gegenseitig beeinflussen. Die lebendige Konstruktion, in die Handlung jedes Mal situativ hineinzugehen, gibt dem Roman seine Tiefenstruktur. Und das ist so gelungen wie packend.
Auffallend schön ist das Buch aus dem verdienstvollen Schweizer Bilger Verlag gestaltet worden, mit Fotos vom 'Alimentari'-Laden vorne und San Michele hinten auf dem Vorsatzpapier, sowie dem hilfreichen Familien-Stammbaum. Das Cover bildet das Original-Schreiben der Zahlungsunfähigkeits-Erklärung des Geschäftsmannes Ettore Camelli ab, verziert mit Stempeln und den teuren Amtsmarken, der italienischen Staatseinnahme. Ein Dokument der trockenen Archiv-Welt, in der Heather ihrer Familiengeschichte nachgeht, aber es vermittelt auch die Aura des Authentischen, die Isabella Huser faszinierend in Szene setzt. Ihr gelingt es, die Geschichte der Camelli mit ihrem Benefizium und dem Familienfluch lebendig zu machen. So wie Heather es zusammenfasst:

"Eine junge Amerikanerin sucht verbissen nach den Ursprüngen einer Skulptur und entdeckt einen Fluch der alten Welt. Hat seinen Widerhall im Ohr. Und wie beim Echo vom Berg behauptet sich das unbeirrbare Gefühl, er sei für sie bestimmt, der Ruf vom Berg, und darin sei ein Geheimnis verborgen. Mehr als nur eines, und ich werde ihnen allen auf die Spur kommen."

Husers Nähe zum Medium Film ist im Roman deutlich spürbar: Wie Aufblenden wirken die vierzig Kapitel, für deren Lektüre Konzentration notwendig ist. Doch die von der ersten Seite an fesselnde Geschichte lässt den Leser nicht mehr los.

Isabella Huser, Das Benefizium des Ettore Camelli - Roman, HC, 325 Seiten, Zürich 2008, Bilger Verlag, 21Euro

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