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StartseiteInterview"Man muss gerade mit den schlimmsten Gegnern verhandeln"06.05.2011

"Man muss gerade mit den schlimmsten Gegnern verhandeln"

Grünen-Politiker Tom Koenigs für Gespräche mit Taliban

Die Waffen habe nicht mehr viel zu sagen in Afghanistan, meint Tom Koenigs, Ex-Leiter der UN-Friedensmission im Land der Taliban. 2014 sei daher das richtige Datum für den geordneten Abzug der amerikanischen und deutschen Truppen. Schon jetzt müsse die zivile Hilfe verstärkt werden.

Tom Koenigs im Gespräch mit Gerd Breker

Tom Koenigs (Grüne) war Sonderbeauftragter der UN-Hilfsmission in Afghanistan. (AP Archiv)
Tom Koenigs (Grüne) war Sonderbeauftragter der UN-Hilfsmission in Afghanistan. (AP Archiv)

Gerd Breker: Am Telefon sind wir nun verbunden mit Tom Koenigs, für die Grünen im Verteidigungsausschuss und ehemaliger Leiter der Friedensmission der Vereinten Nationen in Afghanistan. Guten Tag, Herr Koenigs!

Tom Koenigs: Tag, Herr Breker!

Breker: Es war die Jagd auf Osama Bin Laden und Al Kaida, die den damaligen Präsidenten George Bush zum Angriff auf Afghanistan bewegt hat, nun ist Bin Laden tot - was soll da eigentlich der Afghanistaneinsatz noch?

Koenigs: Zunächst mal ist natürlich durch die jüngsten Ereignisse das Abzugsdatum, das Obama gesetzt hat, nämlich 2014, bestärkt worden. Ich finde es auch richtig für die Truppen der Bundesrepublik Deutschland, bis 2014 die Kämpfe einzustellen und die Kampftruppen abzuziehen. Das ist bestärkt. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch, dass man in der Region eine viel aktivere Politik, vor allem Diplomatie machen muss, denn der Gefahrenherd Pakistan, den man ja schon lange erkannt hat, aber nicht wirklich behandelt, besteht nach wie vor, auch bezüglich Al Kaida - da geht es nicht um die Einzelperson. Deshalb glaube ich, wir sollten uns verstärkt darum bemühen, bis 2014 mit den Kampftruppen in Afghanistan abzuziehen und bis dahin alles tun, um die afghanischen Sicherheitskräfte zu stärken.

Breker: Deutschland und die NATO sind ja eigentlich nur aus Solidarität zu den USA dabei in Afghanistan. Unsere Freiheit sollte am Hindukusch verteidigt werden gegen den internationalen Terrorismus - und Sie haben es gerade angedeutet, Herr Koenigs - da wären die Truppen fast besser in Pakistan.

Koenigs: Ja, aber Pakistan ist vor allem eine diplomatische Aufgabe, da haben die Amerikaner einen großen Einfluss, aber natürlich auch die Europäer, da muss man zu einer gemeinsamen Zusammenarbeit gegen den Terrorismus, der ja auch die Regierung in Pakistan bedroht, kommen. Hier sind diplomatische und Entwicklungsmaßnahmen notwendig, da geht es nicht um Krieg, sondern da geht es um eine gemeinsame Initiative. Ich hoffe, dass es gelingt, in Afghanistan so viel Stabilität zu hinterlassen, dass auch bei einem unsicheren Pakistan man dort von einem Friedensprozess sprechen kann.

Breker: Die Militäraktion in Afghanistan, Herr Koenigs, dabei ging es ja immer um Al Kaida, es ging eigentlich gar nicht um die Taliban. Nun ist die Al Kaida enthauptet, was soll die Militäraktion noch?

Koenigs: Die Militäraktion hatte drei Gründe: Das Eine war in der Tat, Al Kaida, aber nicht nur die eine Person, das Zweite war der Versuch, demokratische Verhältnisse herzustellen und eine demokratisch gewählte Regierung mit allen Schwierigkeiten zu stützen, und das Dritte war, den Wiederaufbau und die Zivilgesellschaft zu stützen. Die beiden letzteren Aufgaben sind noch so schwierig wie am Anfang, die erste Aufgabe ist vielleicht etwas leichter geworden. Ich fand es richtig, dass sowohl der afghanische Staat als auch der amerikanische Präsident gesagt haben, bis 2014 werden wir das hinkriegen, danach werden wir uns an Kämpfen nicht mehr beteiligen. Dem sollte die Bundesrepublik auch folgen, jetzt mehr denn je.

Breker: Das Interesse der Amerikaner an Afghanistan wird, nachdem Bin Laden tot ist, sicherlich sinken. Laufen die Partner der USA nicht Gefahr, dass sie übrig bleiben und die Amerikaner sind weg?

Koenigs: Die Partner sollten das zusammen mit den Amerikanern machen, und ich freue mich, dass das, was ja auch von der Bundesregierung schon gesagt worden ist und was dann selbst von der Opposition immer wieder bestärkt wurde, dass das Datum 2014 steht, und daran sollte man sich halten. Man sollte jetzt viel mehr auf zivile Hilfe in Afghanistan setzen, für die Hochschulen, für die Schulen, für die Armen, für die Zivilgesellschaft. Das ist der Schwerpunkt und das muss der Schwerpunkt sein, und das sollte man nicht erst 2014 machen, sondern schon jetzt beginnen.

Breker: Sollte der Rückzug, der militärische Rückzug, Herr Koenigs, sollte oder könnte der nicht vorgezogen werden, muss der 2014 sein, kann er nicht schon im nächsten Jahr beginnen?

Koenigs: Es ist ja versprochen worden, dass man schon jetzt beginnt - die Amerikaner haben gesagt, schon in diesem Jahr, auch die Bundesregierung hat das gesagt, das muss man Schritt für Schritt machen. 2014 ist ja das Enddatum. Wovon ich nichts halte, ist jetzt Hals über Kopf abzuziehen und zu sagen, eine Person ist ausgeschaltet, das Problem ist erledigt. Das stimmt einfach nicht. Sondern man muss das geordnet machen, so wie es angekündigt worden ist, das gehört auch zur Seriosität gegenüber dem afghanischen Volk und denen, mit denen wir ja intensiv zusammengearbeitet haben. Da muss man vertrauenswürdig und zuverlässig sein, deshalb wird es schon noch bis 2014 dauern.

Breker: Nach dem Tod von Osama Bin Laden erwarten Experten mehr Anschläge von Al Kaida, sozusagen Racheakte. Sind da nicht die NATO-Truppen in Afghanistan ein vornehmes Ziel?

Koenigs: Das ist zu befürchten, dass die sicher schwer angeschlagene Organisation Al Kaida jetzt versucht, um zu zeigen, dass es sie noch gibt, Anschläge zu machen. Da muss man wachsam sein, da muss man sich gegen schützen - übrigens nicht nur in Afghanistan, sondern die Bedrohung geht ja um die ganze Welt.

Breker: Herr Koenigs, die Taliban, sind die im Moment, wo Al Kaida enthauptet ist, nicht gesprächsbereiter? Wäre es jetzt nicht an der Zeit, dass man offensiv auf die Taliban zugeht und versucht, mit ihnen über Verhandlungen zum Waffenstillstand in Afghanistan zu kommen?

Koenigs: Diese Linie verfolge ich seit 2006, und ich bin froh, dass man inzwischen überall zu der Überzeugung gekommen ist, dass man den Konflikt politisch lösen muss und deshalb auch mit den Taliban verhandeln. Man muss gerade mit den schlimmsten Gegnern verhandeln, wenn man nicht die Waffen sprechen lassen will, und ich glaube, die Waffen haben nicht mehr so viel zu sagen.

Breker: Herr Koenigs, der Drogenhandel gilt als einer der wichtigen finanziellen Ressourcen auch von Al Kaida - müsste nicht mehr geschehen, um den Drogenhandel in Afghanistan und den Drogenanbau und dann den anschließenden Handel zu unterbinden?

Koenigs: Der Drogenhandel ist ein globales Problem. Das hat eine Nachfrageseite, die liegt bei uns, das hat eine Handelsseite, die liegt bei allen Ländern, die zwischen Afghanistan und anderen Produktionsländern und uns liegen, und das hat eine Anbauseite. Da muss auf allen Seiten meines Erachtens gemeinsam, am besten über die Vereinten Nationen, nach Lösungen gesucht werden, es gibt da aber keine Patentlösung.

Breker: Herr Koenigs, wenn wir jetzt zusammenfassen, dann glauben Sie, dass der Afghanistaneinsatz weiterhin nötig ist und es beim Rückzugszeitplan 2014 bleiben kann - ist das korrekt?

Koenigs: Ich glaube, es soll einen geordneten Abzug geben und nicht einen chaotischen, und auf den muss man sich jetzt vorbereiten und jetzt auf die zivilen Maßnahmen mehr denn je konzentrieren.

Breker: Im Deutschlandfunk war das Tom Koenigs. Er sitzt für die Grünen im Verteidigungsausschuss des Bundestages, und er ist der ehemalige Leiter der Friedensmission der Vereinten Nationen in Afghanistan. Herr Koenigs, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

Koenigs: Ich danke Ihnen auch!

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