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StartseiteBüchermarkt"Man muss in seinen Romanen den Figuren gegenüber generöser sein"18.04.2012

"Man muss in seinen Romanen den Figuren gegenüber generöser sein"

Michael Ondaatje: "Katzentisch". Hanser Verlag

Weltweit bekannt geworden ist der mit 19 Jahren nach Kanada eingewanderte Schriftsteller Michael Ondaatje mit seinem erfolgreich verfilmten Roman "Der englische Patient", für den er 1992 Englands renommierteste Auszeichnung, den Booker Prize verliehen bekam. 1943 in Sri Lanka geboren, wurde er als Elfjähriger 1954 von seinem Vater auf eine dreiwöchige Schiffsreise nach England geschickt, um dort ein Internat zu besuchen. Diese Reise, die ihn später ohne Rückkehr in die Heimat nach Kanada brachte, ist in seinen bisherigen Romanen nie aufgetaucht. Das hat sich jetzt mit seinen neuen Roman "Katzentisch" geändert.

Von Johannes Kaiser

Der Schriftsteller Michael Ondaatje (picture alliance / dpa /Bruno-Garcin-Gasser)
Der Schriftsteller Michael Ondaatje (picture alliance / dpa /Bruno-Garcin-Gasser)
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"Ich habe niemals wirklich über Kindheit geschrieben. Es ist interessant: Wenn ich die Erinnerungen von jemandem lese, versuche ich die ersten 30 oder 40 Seiten dieser Kindheit auszulassen. Ich finde es normalerweise entsetzlich langweilig, selbst bei jemandem wie Charlie Chaplin. Die ersten Seiten wirken immer wie ein falscher Dickens. Und dann passierte es, dass ich mich mit meinen Kindern unterhielt, die jetzt Erwachsene sind, und ihnen erzählte, wie ich nach England gekommen bin. Und die waren erschrocken darüber, dass dieser kleine Junge 21 Tage lang ohne irgendeine elterliche Begleitung unterwegs war. Ich dachte daraufhin, das ist wirklich ziemlich schlimm, und dann sah ich es als Chance, eine Geschichte zu erfinden. Ich hatte eine Handlung geschenkt bekommen: Einen Junge 21 Tage lang ganz allein auf ein Schiff zu setzen. Das schien mir eine interessante Geschichte zu sein."

Der 68-jährige kanadische Schriftsteller Michael Ondaatje bestreitet denn auch jede Ähnlichkeit mit dem elfjährigen Michael, der da Anfang der 50er-Jahre ganz allein mit einem Schiff nach England fährt, um dort seine Mutter zu treffen und auf ein Internat zu gehen. Zwar unternahm auch er 1954 die gleiche Reise, aber damit hören die Gemeinsamkeiten mit dem Jungen auch schon auf. Dem gibt er im Roman den Spitznamen Mynah, eine Anspielung auf den stimmbegabten asiatischen Vogel Mynah oder Beo, der wie ein Papagei gerne alles nachplappert.

"Mynah ist wie der Vogel: Er hört Geschichten und Sätze und dann wiederholt er sie. Was für ein Mensch ist er? Er ist vollkommen unschuldig und naiv. Interessanterweise wurde er zu einer fiktiven Figur, als ich ihm den Namen Michael gab. Wenn ich ihn nicht so benannt hätte und der Erzähler wäre namenlos geblieben, dann hätte es noch viel eher nach einem autobiografischen Buch ausgesehen. Obwohl ich ihm meinen Namen gab, Michael, wurde er durch die Benennung zu einer Figur wie die anderen. Er wurde zu jemandem, den ich mir vorurteilsfrei angucken konnte: Ein kleiner Junge mit diesem Namen, die die Komplexität der Dinge, die da stattfinden, nicht wirklich begreift. Die sind einfach so. Ich denke, dass Kinder eines bestimmten Alters, in diesem Alter überhaupt, Informationen aufnehmen, Anweisungen folgen, Dinge tun, die ihnen aufgetragen werden, einfach alles akzeptieren. Spring vom Sprungbrett, also springt man vom Sprungbrett. Man diskutiert darüber nicht. Kinder in diesem Alter tendieren so wie Hunde dazu, ohne zu werten, zu begreifen, wer im Raum Macht besitzt."

Das Schiff, Michaels Freunde und die Passagiere sind also alles Ausgeburten der blühenden Fantasie des Schriftstellers, die uns in Intrigen, Geheimnisse, Verbrechen und Liebesaffären einweiht. So ein Schiff hat den großen Vorteil, dass niemand einfach verschwinden kann. Es ist ein genau begrenzter Raum und das hat Michael Ondaatje angezogen:

"Das war wunderbar. Erst dachte ich, dass es mich begrenzen würde, aber es hat mir einfach alle Möglichkeiten eröffnet. Es gab mir die Freiheit einer französischen Farce: Tür auf, Tür zu, jemand kommt zur falschen Zeit rein oder geht raus und verschwindet komplett. Jemand wie Mr. Mazappa verschwindet nach der Hälfte des Buches oder Miss Lasqueti, die erst im Hintergrund ist, kommt plötzlich nach vorne und wird zu einer zentralen Figur. Ich liebe einfach dieses Bühnenbild des Schiffes. Es hat mir sehr viel Freiheit gegeben, aus dem Schiff möglichst viel Drama zu schlagen."

An kleinen oder etwas größeren Dramen fehlt es nicht. Es gibt sogar eine gefährliche Befreiung eines Verbrechers und einen schweren Taifun, bei dem der junge Michael zusammen mit seinen Freunden leichtfertig sein Leben aufs Spiel setzt.

Doch bevor es dazu kommt, muss der einsame Junge erst einmal Freunde finden und die setzt ihm sein großer Bruder Michael Ondaatje mit an den Katzentisch, an den der Kapitän all jene verbannt hat, die ihm am Unbedeutendsten unter seinen Passagieren erscheinen. Dort lernt er die beiden anderen Elfjährigen kennen, die wie er nach England aufs Internat geschickt werden. Das ist zum einen der draufgängerische, großspurige Cassius und zum anderen der stille, nachdenkliche und kluge Ramadhin. Bekannt miteinander macht die drei der Jazzpianist Mr. Mazappa, der den Passagieren allabendlich aufspielt, eine Menge schlüpfriger Bemerkungen und sexuell anspielungsreicher Liedtexte von sich gibt. Auch er sitzt am Katzentisch, am - so der Romantitel - "The Cat's Table", übrigens eine Metapher, die es im Englischen bislang nicht gab:

"Seltsamerweise kam ich durch meine Lektorin in Deutschland auf den Titel. Die erwähnte einmal, dass sie einen Traum gehabt hätte, in dem sie am Katzentisch gesessen hätte und ich fragte sie, was zum Teufel ist der Katzentisch und sie sagte, das wäre der unbedeutendste Tisch bei einem Bankett oder etwas Ähnlichem. In gewisser Weise half das dem Buch, denn ich dachte anfangs, es würde nur von Mynah handeln und den beiden Freunden, aber nun erlaubte es mir, neun Leute rund um den Tisch zu setzen. Es ist also ein Zusammentreffen von Menschen, die alle in Anführungszeichen unbedeutend sind. Sie sind zwar die interessantesten Leute auf dem Schiff, aber sie sind nicht wichtig genug für den Tisch des Kapitäns. Dadurch konnte ich für die Handlung einen größeren Kontext schaffen. Es geht also nicht nur darum, dass der Junge in England landet, sondern wie alle von ihnen in ein neues Land unterwegs ist und sich damit auseinandersetzen muss."

Mit am Katzentisch sitzt zum Beispiel eine weiß gewandete, etwas ältere Dame, die Tauben in den Taschen ihres Kostüms mit sich führt; ein ehemaliger Schiffsabwracker, der Zugang zum Maschinenraum hat und die Jungs in die Schiffsunterwelt einführt; ein Botaniker, der im Laderaum Tropengewächse, Heilkräuter und Giftpflanzen hütet und den Jungs Betel zum Kauen schenkt.

Neugierig und unternehmenslustig schlüpfen die Jungs in 1. Klasse Abteile, treiben sich in sämtlichen Decks herum, verstecken sich Nächtens in den Rettungsbooten, um mitzuerleben, wie ein Gefangener Ausgang bekommt, schnüffeln allen hinterher, spüren Geheimnissen auf, schnappen Gerüchte auf. Naiv wie er ist, hilft Mynah sogar einem Dieb, die Passagiere zu berauben.

Wir erfahren, warum in einer 1.Klasse-Kabine ein Millionär aufgrund eines Fluches im Sterben liegt, warum das halb taube Mädchen einer Komödiantentruppe mit an Bord ist, welches Verbrechen der Gefangene begangen hat. Und Mynah trifft immer wieder auf seine Cousine Emily, an der er seit seiner Jugend sehr hängt. Eingeschoben finden sich zudem Erinnerungen an seine Kindheit im alten kolonialen Sri Lanka.

Es ist erstaunlich und spricht für Ondaatjes Kunst, dass nichts übertrieben oder fantastisch wirkt, obwohl sich der Schriftsteller durchaus ein kurioses, buntscheckiges Figuren-Tableau ausgedacht hat. Die Erinnerungen des Jungen wirken glaubwürdig und das liegt auch daran, dass eine erwachsene Erzählerstimme hinzukommt, die die Ereignisse kommentiert und berichtet, was aus Michael, seinen beiden Freunden und einigen der Passagiere geworden ist.

"Als ich begann, hatte ich vor, alles nur vom Blickwinkel des Jungen aus zu erzählen. Aber nach und nach wollte ich nicht mehr nur seine Wahrnehmung zeigen, sondern auch die Wahrnehmung eines Erwachsenen, die über allem schwebt, selbst in den Szenen, die aus der Perspektive des Jungen gesehen werden. Ich wollte, dass diese Erwachsenenstimme hinzukommt und zum Bespiel über die Figur Mr. Fonsecas sagt: Viele Jahre später bin ich in Bibliotheken gegangen und habe nach ihm gesucht. Ich brauchte diese Ausweitung der Reise, sodass es nicht nur die Reise eines Kindes ist. Als ich dann durch den Suezkanal fuhr, geschah etwas, das dem Blick durch eine Linse ähnelt: Ich fing plötzlich an, Michael als Erwachsenen zu sehen. Es gibt also zwei Stimmen, die im Roman nebeneinander herlaufen."

Das erlaubt es Michael Ondaatje, Erkenntnisse mit in den Roman zu nehmen, die ein Elfjähriger eben noch nicht besitzen kann. Da heißt es zum Beispiel zum Katzentisch:

"Was interessant und wichtig ist, ereignet sich in der Regel im Verborgenen, an machtfernen Orten. Nichts von bleibendem Wert ereignet sich je am Tisch der Mächtigen, wo altvertraute Phrasen Kontinuität garantieren. Diejenigen, die Macht besitzen, bleiben in der vertrauten Fahrtrinne, die sie sich ausgebaggert haben."

Man kann das durchaus als Motto über alle Romane Ondaatjes setzen. Er ist ein Schriftsteller, der schon immer den Abenteuern derjenigen nachgespürt hat, die im übertragenen Sinne am Katzentisch sitzen, ohne Macht sind, aber nicht ohnmächtig, nicht reich an Geld, aber an Geschichten. Es ist denn wohl auch kein Zufall, dass aus Michael im Roman ein Schriftsteller wird. Der Junge hat aus seiner Freude am Erzählen einen Beruf gemacht und da lässt sich die Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer denn doch nicht leugnen. Allerdings betont Michael Ondaatje ausdrücklich einen wesentlichen Unterschied zu seiner Romanfigur, von der es an einer Stelle heißt, sie habe ein kaltes Herz:

"Ich hoffe, das trifft für mich nicht zu. Was ich damit ausdrücken wollte, ist die Tatsache, dass viele der Jugendlichen im Buch versehrt sind. Es ist nicht einfach eine Romanze oder ein Abenteuer. Sie sind auf der Hut, glauben nicht, was man ihnen sagt. Es ist ein bisschen die Wahrnehmung eines jeden Immigranten in einem neuen Land. Sie sind wie eine Katze, suchen immer nach einer Fluchtmöglichkeit. Ich denke, es ist wichtig, dass Mynah bzw. Michael nicht einfach ein unschuldiger Junge ist, der unbekümmert durch das Leben geht. Selbst im letzten Teil, als er versucht, Emily zu begreifen, strahlt er Kälte aus, denn hinter seinem Wunsch steckt nur die Neugierde des Schriftstellers."

Michael Ondaatje verweigert allerdings jegliches Urteil über seine Figuren und er begründet das im Buch mit einem Hinweis seines erwachsenen Erzählers auf den belgischen Filmemacher Luc Dardenne.

"Er erklärte, die Zuschauer seiner Filme sollten nicht denken, sie wüssten alles über die Personen. Wir, das Publikum, sollten uns nicht für klüger halten als die Figuren; wir hätten nicht mehr Einsicht in die Figuren als sie selbst. Wir sollten uns nicht einbilden, über ihre Motive Bescheid zu wissen, und wir sollten uns nicht überlegen vorkommen. Das glaube ich auch. Für mich offenbart sich darin ein Grundprinzip der Kunst."

Da spricht eindeutig und unmissverständlich Michael Ondaatje selbst, wie er auch sofort zugibt:

"Für mich schauen sehr viele Schriftsteller auf ihre Figuren hinunter. Sie werden zu Puppen, Symbole für dieses oder jenes, gut oder böse, für gewisse Eitelkeiten und Laster und so weiter. Was mich an den Figuren interessiert, die ich zu erfinden versuche, ist, dass sie größer sind, als ich es bin. Sie sind komplizierter als ich. Man muss in seinen Romanen den Figuren gegenüber generöser sein. Ich hasse dieses urteilende Element bei manchen Schriftstellern, wenn sie Figuren ablehnen, weil sie etwas falsch gemacht haben. Die sind alles Erfindungen, aber Sie möchten, dass sie lebendig wirken, nicht einfach nur fiktiv bleiben. Sie sollten wie das wirkliche Leben sein. Was wird am Ende sein? Wir wissen nicht, was mit Mynah passieren wird oder Emily. Wir wissen es auch in meinen anderen Büchern nicht. Es gibt, ein schreckliches Wort, keinen Schluss."

Diese Offenheit bewahrt dem Roman eine gewissermaßen geheimnisvolle Atmosphäre, entlässt ihn ins Leben und verführt den Leser dazu, die Geschichten für wahr zu halten. Die erfundene Wirklichkeit wird zur vorstellbaren betörenden Realität - ein Kunststück, wie es wohl nur Michael Ondaatje zustande bringt.

Michael Ondaatje: "Katzentisch". Aus dem Englischen Melanie Walz, Hanser Verlag München 2012, 301 Seiten, 19,90 Euro

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