Interview / Archiv /

 

"Man sollte, was Menschen heilig ist, nicht unbedingt treten"

Leiter des Zentralinstituts Islam-Archiv sieht religiöse Gefühle verletzt

Muhammad Salim Abdullah im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Demonstranten gegen das Mohammed-Video stürmen US-Botschaft in Kairo
Demonstranten gegen das Mohammed-Video stürmen US-Botschaft in Kairo (picture alliance / dpa / Khaled Elfiqi)

Der Amateurfilm über den Propheten Mohammed hat eine Grenze überschritten, sagt Muhammad Salim Abdullah, Direktor beim Zentralinstitut Islam-Archiv Deutschland. Die Empörung der Muslime rechtfertige aber keine Gewalt.

Tobias Armbrüster: Ein umstrittener Mohammed-Film hat in der arabischen Welt zahlreiche streng gläubige Muslime zu Ausschreitungen provoziert. Ein Ausschnitt aus dem Film ist seit Wochen im Internet zu sehen. Das ganze wirkt, wenn man sich das mal anguckt, sehr amateurhaft zusammengesetzt, fast könnte man sagen dilettantisch. Und ganz klar: Mit der Figur des Propheten Mohammed wird in diesem Film wenig respektvoll umgegangen. Er wird als Frauenheld, Kinderschänder und Mörder dargestellt, definitiv eine Provokation also. – Am Telefon ist Salim Abdullah, Direktor beim Zentralinstitut Islam-Archiv Deutschland. Schönen guten Tag, Herr Abdullah.

Muhammad Salim Abdullah: Schönen guten Tag!

Armbrüster: Herr Abdullah, haben Sie den Film gesehen?

Abdullah: Ja, ich habe den Film gesehen.

Armbrüster: Was war Ihr Eindruck?

Abdullah: Ja, er ist dilettantisch natürlich und es kommt erschwerend hinzu, dass ihn ein Israeli gemacht hat.

Armbrüster: Bleiben wir mal zunächst beim Dilettantischen. Wieso verursacht ein so billiger, dilettantisch gemachter Film so viel Unruhe?

Abdullah: Gerade wohl deshalb! – Gerade wohl deshalb. – In dieser dilettantischen Art kann man etwas primitiv ausdrücken, und das wird auch so empfunden. Man geht mit dem Propheten anders um, sagt man, so was macht man einfach nicht.

Armbrüster: Warum nicht?

Abdullah: Nein! Zunächst einmal, weil wir selbst, wenn wir Bilder darstellen vom Propheten, ihm das Gesicht verhängen, das heißt wie wenn er verschleiert wäre, weil wir sein Gesicht nicht ansehen wollen, nicht mit unseren Blicken berühren wollen. Es ist für uns nach Gott der Mann, der diese Religion nicht nur gestiftet hat, sondern der sie gelebt hat, und für uns ist es eben ja eine fast heilige Figur, obwohl es im Islam Heilige eigentlich gar nicht gibt.

Armbrüster: Heißt das dann, Sie können verstehen, dass in der arabischen Welt jetzt massenweise US-Botschaftsgebäude gestürmt werden?

Abdullah: Nein, das kann ich nicht verstehen. Das ist ja das Gegenteil. Der Koran schreibt, lass dich durch die Ungerechtigkeit eines Volkes nicht dazu verleiten, anders denn gerecht zu sein. Und das ist meine Devise dann in solchen Fällen.

Armbrüster: Wie erklären Sie sich dann diese Unruhen?

Abdullah: … weil diese Menschen ganz einfache Menschen sind, die dort auf die Straße gehen. Ich habe das mal in Köln erlebt, nur als Beispiel. Da liefen lauter Türken einem grünen Spruchband nach, und ich habe gefragt, ob sie das denn lesen können. Das war dort in der Brüderstraße, oder so ähnlich heißt die dort, wo die Deutsche Welle früher war. Und da habe ich dann gefragt, wieso sie so einem Schild nachlaufen, ob sie das nicht lesen können. Nein, sagten sie, wir können das nicht lesen. Das waren lauter Türken, die liefen so einem arabischen Spruchband nach. Das heißt also, Grün ist etwas Heiliges, dem läuft man nach.

Armbrüster: Könnte diese Unruhen in der arabischen Welt jetzt auch ihre Ursache darin haben, dass einfach dort die Muslime besonders leicht reizbar sind?

Abdullah: Sie sind reizbar im Moment. Wir haben ja zunächst einmal das Phänomen eines Arabischen Frühlings gehabt. Wir haben dann erlebt, wie in vielen Staaten die ganze Sache nicht durchgeschlagen ist. Wir haben die Auseinandersetzung in Syrien, gleichzeitig haben wir, wie soll ich sagen, die Muslime fühlen sich von Europa schlecht behandelt. Man sagt, das waren die Kolonialherren, jetzt waren sie weg, jetzt sind sie aber zumindest wirtschaftlich uns weit überlegen.

Armbrüster: Sie haben schon Anfangs gesagt, dass Sie es für problematisch halten, dass hinter dem Film möglicherweise Geldgeber aus Israel stecken.

Abdullah: Ja.

Armbrüster: Warum ist das wichtig, woher dieser Film kommt?

Abdullah: Ja nun, wir haben ein Problem. Das Problem ist Israel. Israel sitzt den Arabern und den Muslimen schlechthin wie ein Pfeil im Fleisch.

Armbrüster: Aber, Herr Abdullah, wären die Reaktionen anders, wenn das ein deutscher Film wäre, finanziert mit Mitteln aus der deutschen Filmförderung?

Abdullah: Nein, das wäre nicht anders. Das kommt nur erschwerend hinzu. Sie wären nicht anders. Das kommt nur erschwerend hinzu.

Armbrüster: Das heißt, würden Sie dann dafür plädieren, dass man bei solchen Satirefilmen mit zweierlei Maß misst, dass sozusagen Jesus-Satiren ruhig erlaubt sind, aber dass man von Mohammed-Satiren oder Karikaturen oder solchen Filmen besser die Finger lässt?

Abdullah: Nein, das ist ja das Gegenteil. Es war ja Riesenunruhe in der Bundesrepublik, das hat man ja kaum zur Kenntnis genommen, als diese Karikatur über Jesus in der Zeitung war. Das hat ja ein Riesenmaß von Presseerklärungen gegeben der islamischen Verbände.

Armbrüster: Aber meiner Erinnerung nach ist niemand verletzt worden bei Ausschreitungen deswegen?

Abdullah: Nein, nein. Ich wollte das im Prinzip nur sagen. Die Muslime haben sich dagegen gewehrt. Sie sagen, Jesus, den verehren wir auch. Wir wollen nicht, dass er so dargestellt wird.

Armbrüster: Aber die Frage steht im Raum: Müssen wir bei solchen Satiren mit zweierlei Maß messen?

Abdullah: Wissen Sie, mit zweierlei Maß messen, das ist so eine Sache. Ich habe eine bestimmte Grenze auch in meiner journalistischen Arbeit. Ich habe eine bestimmte Grenze dort, wo ich andere verletzen würde. Meine Freiheit hört ja dort auf, wo des anderen Freiheit anfängt. Wir überschreiten, wir neigen dazu. Der Journalismus in Deutschland ist auch etwas anders geworden, als er früher mal war. Wir neigen einfach dazu, Grenzen zu überschreiten. Man sollte, was Menschen heilig ist, nicht unbedingt treten. Man kann Kritik üben, aber nicht unbedingt treten.

Armbrüster: …, sagt Salim Abdullah, Direktor beim Zentralinstitut Islam-Archiv Deutschland. Besten Dank, Herr Abdullah, für das Gespräch.

Abdullah: Bitte schön.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

"Keine Aussicht auf Frieden in Syrien"

Zerstörte Gebäude und Fahrzeuge in der Nähe von Aleppo

Eine Lösung im Konflikt zwischen dem Assad-Regime und Oppositionellen sei nicht "ansatzweise" zu erkennen, sagte Jochen Hippler im DLF. Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher der Uni Duisburg ergänzte, dass die Opposition in Teilen gewaltsamer sei als die Assad-Truppen. Das habe Assad in Syrien gestärkt.

Waffenlieferungen in den Irak "Dort findet Völkermord statt"

Der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose.

Natürlich seien mit den geplanten Waffenlieferungen in den Nordirak Fragezeichen verbunden, sagte SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose im Deutschlandfunk. Aber im Augenblick sei es nun einmal so, dass die dortige Situation ohne den Widerstand der Kurden unerträglich werde.

Schwarze in Ferguson"Gefühl, nicht repräsentiert zu sein, trägt zur Eruption bei"

Ein Demonstrant in Ferguson

In Ferguson leben zu zwei Dritteln dunkelhäutige Menschen, alle wichtigen öffentlichen Ämter befänden sich aber in der Hand von Weißen. Das sei ein Grund für die Unruhen, sagte Christoph von Marshall, langjähriger USA-Korrespondent von "Der Tagespiegel", im DLF.

 

Interview der Woche

Ukraine"Wir brauchen militärische Hilfe"

Der ukrainische Außenminster Pawel Klimkin, sprechend, eine gelb-blaue Fahne im Hintergrund.

Der ukrainische Außenminister Pawel Klimkin bittet die EU und die NATO um mehr Engagement in der Ostukraine. Sowohl militärische als auch politische Hilfe sei dringend notwendig, um die Lage in der Region in den Griff zu bekommen, sagte er im Interview der Woche im DLF. Ziel sei es, den Menschen dort ein normales Leben zurückzugeben.

Roland Jahn"Keine Gleichsetzung von NSA und Stasi"

Der Leiter der Stasiunterlagenbehörde Roland Jahn vor dem ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen am 16. März 2011. Ein Tag zuvor war Jahn in sein neues Amt eingeführt worden.

Die Stasi-Akten seien ein Aufruf an alle in der Demokratie, dafür zu sorgen, dass Geheimdienste nicht außer Kontrolle gerieten, sagte Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen im "Interview der Woche" des Deutschlandfunks. Einen Vergleich von NSA und Staatssicherheit lehnt er aber ab.

100. Jahrestag: Deutsche Kriegserklärung an FrankreichGrosser: Kein deutsch-französischer Motor mehr in der EU

Alfred Grosser

Der Politikwissenschaftler Alfred Grosser lobte im DLF die Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs in Frankreich und Deutschland, vermisst aber frischen Wind in den gegenwärtigen Beziehungen beider Länder. Scharf verurteilte Grosser die Identifizierung jüdischer Verbände in Deutschland und Frankreich mit Israel.