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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteEuropa heute"Man verlangt so viel von uns und gibt uns zu wenig zurück"03.08.2011

"Man verlangt so viel von uns und gibt uns zu wenig zurück"

Serie: "Liebe Ophélie - lieber Karl-Markus". Jugendprotest in Europa. Ein Briefwechsel, Teil 3

Ophélie Latil sieht den Generationenvertrag außer Kraft gesetzt. Die Gegenseitigkeit sei verloren gegangen - und das mache die Jugendlichen wütend. Verlangt werde viel von den Jungen, der Lohn dafür sei jedoch lediglich: Niedriglöhne, unsichere Arbeitsverhältnisse und Perspektivlosigkeit.

Von Ophélie Latil

Portugals Jugend protestiert in Lissabon gegen prekäre Arbeitsverhältnisse. (picture alliance / dpa)
Portugals Jugend protestiert in Lissabon gegen prekäre Arbeitsverhältnisse. (picture alliance / dpa)

Lieber Karl-Markus,

Sie sprechen davon, dass unser heutiges Gesellschaftsmodell von Ihrer Generation geprägt wurde. Ich will nicht die Keule des Klassenkampfes zwischen den verschiedenen Altersgruppen schwingen. Die Elterngeneration zu kritisieren, ist nicht viel besser, als die Generation seiner Kinder zu missachten. Aber ich habe oft gehört, dass wir Jungen arbeiten müssen, um die Renten der Alten zu finanzieren. Dabei wissen wir längst, dass wir selbst niemals eine Rente beziehen werden.

Der Generationenvertrag schien unantastbar und eine Säule der Gesellschaft zu sein. Wir fanden das ganz normal. Wir waren bereit, viel zu geben, in der Erwartung, dafür auch etwas zu bekommen. Zum Beispiel Anerkennung.

Aber in diesem Verhältnis zwischen den Generationen ist die Gegenseitigkeit verloren gegangen – und das macht uns wütend. Man verlangt so viel von uns und gibt uns zu wenig zurück: Niedriglöhne zum Beispiel, unsichere Arbeitsverhältnisse, Perspektivlosigkeit. Aber niemals: Respekt!

Die Baby-Boomer, die selbst ohne Probleme auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst haben, liegen uns heute mit "Blut, Schweiß und Tränen"-Reden à la Churchill in den Ohren. Wenn sie doch ein einziges Mal zugeben würden, dass sie einfach Glück gehabt haben und dass wir es sind, die nun die Folgen ihrer Entscheidungen zu tragen haben.

Für diese Fehlentwicklungen wird heute gerne der Neoliberalismus verantwortlich gemacht, der aber auch nicht einfach vom Himmel gefallen ist. Oder die "Krise", die heute für alles herhalten muss. So muss sich niemand infrage stellen und Verantwortung übernehmen. Das ist nicht ehrlich.
Ich habe gelesen, dass sich in Japan Veteranen angeboten haben, die zerstörten Nuklearreaktoren von Fukushima zu reparieren. Sie haben gesagt: "Wir können nicht verlangen, dass die jungen Menschen die Entscheidungen unserer Generation ausbaden." Berührt Sie das? Mich hat es fast zu Tränen gerührt.

Sie fragen mich: Wer profitiert von dieser unhaltbaren Situation? Langfristig natürlich niemand. Aber kurzfristig profitiert davon unser Wirtschaftsmodell - ein Modell, das offenbar nicht in der Lage ist, sich den Umwälzungen der Gesellschaft anzupassen, wie sich jetzt zeigt.
Denn die Gesellschaft hat sich in den letzten 50 Jahren enorm verändert. Das Bildungsniveau ist enorm gestiegen, die Ungleichheit allerdings auch. Für den Einzelnen wird es immer schwieriger, zurechtzukommen. Und die Solidarität innerhalb der Familien wird immer schwächer.

Wer profitiert, das sind natürlich die großen Unternehmen. Sie planen nicht mehr langfristig, sondern nach dem Prinzip "just in time". Sie nehmen sich alle Rechte heraus, denn Geld und Macht sind in der Hand von einigen Wenigen konzentriert.

Wir haben wirklich geglaubt, dass die Fähigen immer eine Chance haben und dass unsere Stunde noch kommen wird. Deshalb haben wir uns lange den Verhältnissen gebeugt und in Kauf genommen, dass man uns nach dem Studium nur Gelegenheitsjob oder Praktika anbot.

Unsere Meritokratie, die Herrschaft der Fähigen, funktioniert aber nach anderen Regeln: Hier in Frankreich haben nur Präsidentensöhne ein Recht auf Beruf und Karriere, selbst wenn sie nicht studiert haben. Ihr Verdienst ist es, von Beruf Sohn zu sein. Es muss sich vieles ändern – denn selbst, wenn Menschen bereit sind, Ungleichheiten hinzunehmen – Ungerechtigkeiten akzeptieren sie nicht.

Ich grüße Sie herzlich
Ihre Ophélie Latil

Serie "Liebe Ophélie - lieber Karl-Markus". Jugendprotest in Europa. Ein Briefwechsel.

Zu hören wochentäglich vom 1. bis 10. August 2011 im Deutschlandfunk in der Sendung "Europa heute" ab 9:10 Uhr und die Wiederholung um 14:35 Uhr in "Campus & Karriere".

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