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StartseiteEuropa heuteManager machen Mut07.08.2009

Manager machen Mut

Projekt gegen Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz

In der Schweiz ist die Jugendarbeitslosigkeit innerhalb eines Monats um mehr als 70 Prozent gestiegen. Nun sollen Ehrenamtliche aus der Wirtschaft den Karren aus dem Dreck ziehen.

Von Kirstin Hausen

Das Projekt "Speranza" beginnt für die Jugendlichen mit körperlicher Arbeit im Wald.  (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)
Das Projekt "Speranza" beginnt für die Jugendlichen mit körperlicher Arbeit im Wald. (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)

Ein Waldstück im Wallis: Acht Jugendliche schaufeln Geröll aus einem Bach. Merita klagt über Rückenschmerzen.

Aber das lässt der Gemeindearbeiter, der die Gruppe anleitet, nicht gelten. Er klopft dem Mädchen aus dem Kosovo, das seit sieben Jahren in der Schweiz lebt, aufmunternd auf die Schulter. Pause gemacht wird erst um zwölf, solange heißt es: schaufeln. Disziplin und Durchhaltevermögen – das wird bei diesem Arbeitseinsatz gelehrt und deshalb sind die Jugendlichen hier, nicht wegen des Baches. Merita beißt die Zähne zusammen. Sie weiß: dies ist ihre letzte Chance.

"Ich bin 18 un ich hat ka Lehrstelle, was mach i da?"

18 Jahre, kein Schulabschluss, keine Lehrstelle obwohl sie seit zwei Jahren sucht, Merita ist ein typischer Fall für die Stiftung "Speranza", zu deutsch Hoffnung.

"Wir helfen denjenigen, die zwischen Stuhl und Bank gefallen sind, es hat nichts mit arm zu tun. Wir müssen diesen Jugendlichen Perspektiven aufzeigen, die so realistisch sind, dass sie sie packen. Und gleichwohl ist es die Auszeichnung von 'Speranza', dass wir nicht in geschützten Werkstätten arbeiten, sondern immer im ersten Arbeitsmarkt, in der freien Wildbahn (lacht)"

Jörg Sennrich ist Geschäftsführer der Stiftung und in der ganzen Schweiz für sie unterwegs. Auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die die Jugendlichen neun Monate lang betreuen. Jugendliche, die als Schulversager und Problemfälle bereits durch verschiedene Sozialangebote geschleust wurden und denen nun "die Leistungsanforderungen der Wirtschaft aufgezeigt werden sollen", wie es in einem Papier der Stiftung heißt.

"Also, der Ehrenamtliche bringt Zeit mit, Flexibilität, Ausdauer. Er bringt eine breite Erfahrung mit aufgrund seiner Biografie, berufliche Erfahrung und auch menschliche Erfahrung. Wir haben vom Unternehmer, Ökonomen, Personalfachfrau eine ganze Breite."

Das besondere bei "Speranza": es sind keine Sozialarbeiter, sondern Leute aus der Wirtschaft, die den Jugendlichen den Einstieg ins Wirtschaftsleben schmackhaft machen wollen. Sie wissen, wovon sie sprechen und das merken die Jugendlichen. Glaubwürdigkeit steht an erster Stelle bei "Speranza".

"Arbeit muss doch Spaß machen und diese Freude an der Arbeit müssen wir irgendwie vermitteln, irgendwie! Und es gibt nicht das Rezept, es gibt Rezepte."

Das Neun-Monats-Programm bei "Speranza" sieht nach einem Arbeitseinsatz, der an die Grenzen körperlicher Belastbarkeit geht, Kurse vor, die einem firmeninternen Trainee-Programm für talentierte Nachwuchskräfte ähneln: Kommunikation und Marketing, Finanzplanung, Etikette und Stil.

"Wenn wir Tagesseminare haben, dann sind wir in Seminarhäusern, die Jugendlichen sind immer in einem Rahmen, wo sie sich wirtschaftlich verhalten müssen, wir sind Teil der Wirtschaft."

Auf der anderen Seite redet "Speranza" den Unternehmen ins Gewissen, auch Schulabgänger mit schlechten Noten als Lehrlinge einzustellen. Ein Ehrenamtlicher, der diese Aufgabe übernommen hat, ist Ulrich Stutz. Der pensionierte Manager greift dabei auch auf seine persönlichen Netzwerke zurück, macht Lobbyarbeit zugunsten der Jugendlichen.

"Aus dieser Perspektive heraus ist es viel einfacher, den Kontakt zu Unternehmen zu finden, die sich bislang geweigert hatten, sich an der Ausbildung von Jugendlichen zu beteiligen."

So hilft "Speranza" nicht nur Jugendlichen mit schulischen und sozialen Defiziten bei der Integration in den Arbeitsmarkt, sondern auch den Sozialwerken, Kosten zu sparen. Für viele Unternehmer ist das Grund genug, "Speranza" mit Geld oder persönlichem Engagement zu unterstützen. Manche Firmen stellen sogar mehrere Mitarbeiter frei, damit sie als Coaches bei dem Projekt arbeiten können. Dienst am Gemeinwohl, nennt Jörg Sennrich das. Schwierigkeiten, ehrenamtliche Coaches zu finden, hat er jedenfalls nicht.

"Ich bin überzeugt, die Schweiz wäre nicht hier, wenn es das Ehrenamt nicht gäbe."

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