• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 07:00 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarktMangel an Ideen und Idealen31.07.2006

Mangel an Ideen und Idealen

Lukas Hammerstein schreibt über die Wandlung der 68er

In seinem Roman "Video" skizziert Lukas Hammerstein die Geschichte der Bundesrepublik zwischen 1979 und 2005. Zugleich stellt er mit seinem Roman die Frage nach den Träumen und Hoffnungen der 68er-Generation.

Von Claus Lüpkes

Studentenproteste 1968. (AP)
Studentenproteste 1968. (AP)

"Piets alte Wohnung, Bonn
Einige Sekunden sieht sie zu, wie ich mit einem Zweitschlüssel hantiere, dann nimmt sie ihn mir ab. Die Tür öffnet sich im Handumdrehen. Warte, sage ich, doch sie steht schon in der Wohnung.
Die Luft, die herausströmt, riecht nach nichts. Auf den ersten Blick wirkt alles aufgeräumt, wie eingefroren in der Zeit, die Piet nicht hier gewesen ist. / Beatrix steht mitten im Raum, sieht sich um, das Schlüsselband mit dem Aufdruck www.bundesregierung.de liegt am Boden hinter ihr, eine rote Schlange auf dem hellen grauen Holz."

Piet Escher, ein legendärer Politiker der Grünen, ist tot, er hat sich umgebracht. Gleich zu Beginn des Romans sucht der Erzähler, sein bester Freund, dessen alte Wohnung auf, zusammen mit seiner Freundin. In insgesamt 14 Kapiteln schildert der Erzähler dann Stationen seiner Freundschaft mit Piet. Stationen, die zugleich Momente der politischen Karriere dieses Freundes sind. Angefangen hatte das alles damals, 1979, in Freiburg:

"11.April 1979
Münster Freiburg
Die Treppen führen steil hinauf, es ist eng, die Luft abgestanden, kalt, das Gefühl der Beklemmung kommt und geht. Wenn sich dann plötzlich der Blick nach draußen öffnet, fällt mich Schwindel an."

Maria, Monika, Thomas, der Erzähler – und Piet: sie sind eine Clique von Studenten - alle um die 20 -, die sich hier in Freiburg kennen gelernt haben. Und fast alle haben sie das Leben noch vor sich.

"Die anderen sind zum Tanzen gegangen, doch wir nutzen die Gelegenheit, auf den Turm zu kommen, Monika, Piet, Maria, Thomas, ich und die anderen. Der Dozent hat den Musiker gefragt, ob er uns hinaufführen möchte, Piet machte sich die Idee sofort zu eigen, als wäre er allein die treibende Kraft."

So wie in dieser Situation erweist sich Piet schon früh als buchstäbliche Führungskraft, als eine charismatische Persönlichkeit, als jemand, der weiß, wie er das, was er will, auch erreicht und weiß, wie man andere für seine Ziele gewinnt, wie man sie führt. Piet Escher will in die Politik, und er entscheidet sich für die Grünen, denn die scheinen ihm die beste Laufbahn zu versprechen. Und tatsächlich macht er in und mit dieser Partei Karriere, übernimmt 1998 schließlich sogar Regierungsverantwortung.

Hammerstein: "Dieses Thema hat sich ein wenig aus dem Stoff insgesamt ergeben. Also erst einmal ist es eine Geschichte, die ich erzählen wollte, und zweitens ist es eben ein Thema: Es handelt eigentlich von Menschen, die idealistisch sich wähnen, die das Gefühl haben idealistisch veranlagt zu sein, aber denen die rechten Ideale fehlen, und in diesem Zusammenhang kam ein realistisch gesinnter Grüner durchaus in Frage als auch ein Bild für eine Generation, die antritt mit großer Sehnsucht nach Missionen, nach Idealen, die aber diese Ideale vielleicht vergeblich sucht."

Längst haben auch die anderen aus der alten Freiburger Clique Karriere gemacht, in Consulting-Konzernen, als Anwälte, als Therapeuten. Sie genießen ein Leben in der Welt der Labels, tragen Anzüge von Dolce und Gabbana, wohnen in teuren Appartements und noblen Hotels und hören angesagte Musik. Äußerlichkeiten, die die innere Leere dieser Menschen ausfüllen sollen, ihren Mangel an Ideen und Idealen:

Hammerstein: "So kann man es sicher beschreiben. Es ist ein Markenfetischismus, der vor allem durch die Ich-Figur vorangetrieben wird, weil er letztlich doch der ist, der das erzählt. Er ist jemand, der auf Marken setzt, ist jemand, der Karriere gemacht und Geld gesucht hat, der sicher versucht, sich an dieser Oberfläche ein wenig festzuhalten. Natürlich kann so etwas ein Ersatz sein, es ist ja auch die Leere unserer momentanen kapitalistisch orientierten Gegenwart, dass Marken sehr, sehr viel Wert darstellen, auch wenn das dann nicht lange hält. Aber es ist eben doch der Versuch, Inhalte zu setzen, indem man zum Beispiel an Marken glaubt oder an Stelle von Idealen wenigstens irgendwelche Dinge zu setzen, die man erreichen kann."

In einer bildstarken Sprache beschreibt der Autor die Außenwelt dieser Aufsteiger - auch über ihre Marken und Moden hinaus - sehr präzise, er bleibt dabei konsequent an der Oberfläche, einer kalten, glatten Oberfläche:

Hammerstein: ""Man könnte sagen, der Ich-Erzähler, der ja doch die Form sehr stark prägt, fokussiert seinen Blick wie in starken Erinnerungsstücken auf Momente der gemeinsamen Geschichte zwischen Piet Escher und ihm und den anderen Figuren. Und er sieht sich das an in einer vorgeblichen Unbeteiligtheit, er versucht, eine gewisse Distanz zu wahren, um das, was dahinter geschehen ist, auszuhalten, um den Verlust, den er erlitten hat, indem der Mann tot ist - sein engster Freund - , aber auch natürlich der Verlust von vergeblichen Idealen, um das irgendwie erträglich zu halten. Er versucht ganz an der Oberfläche, die Dinge zu betrachten, er versucht in einer relativ distanziert kühlen Sprache Bilder zu evozieren, um wahrscheinlich sich nicht allzu sehr anstecken zu lassen von Traurigkeit oder Depression."

Wie das Auge einer Kamera gleitet der Blick des Erzählers über diese Welt - "Video": im Lateinischen heißt das soviel wie "Ich sehe". Außerdem ist dieser Titel auch eine Anspielung auf das Video, das Piet Escher nach seinem jähen Ende als Politiker der Nachwelt hinterlässt und auf dem er seinen endgültigen Abgang in der amerikanischen Wüste inszeniert. Der Erzähler soll ihm als sein Freund dabei helfen:

"Irgendwann fängt Piet zu reden an. Die Ärzte geben ihm höchstens sechs Monate, sagt er, mehr nicht. Er werde nicht darauf warten. Er habe mich kommen lassen, damit ich ihm helfe, auf die leichte Art zu gehen. Ich bin aufgestanden. Er ist verrückt geworden. Ich werde den Teufel tun und ihm beim Sterben helfen. Er will nur mit mir reden.
Er will ein Video machen. Er zeigt auf die Kamera, die auf einem der hinteren Sitze liegt, das Stativ, das an der Notausstiegstür lehnt. Ich baue alles auf, wie er es will. Er liegt auf dem Sofa und überwacht, was ich tue. Seine Hände zittern, als er nach dem großen Messer greift. Hilf mir, sagt er. Ich weiß nicht, was genau er von mir will. Richte das Objektiv auf mich aus. Ich stelle es richtig ein. Drück auf Record. Ich betätige die Aufnahmetaste."

So betätigt sich Hammersteins namenloser Ich-Erzähler selber als eine Art Aufnahmegerät, nicht nur sprachlich: Die insgesamt 14 Kapitel hat der Autor außerdem als 14 Sequenzen angelegt, wie ein Drehbuch.

Hammerstein. "Das sind Erinnerungen des Protagonisten, das sind starke, leuchtende Bilder, in denen sicher viele andere stehen könnten, die eben nicht so stark leuchten. Es ist eigentlich auch so eine Art Ausdruck von der Sichtweise des Protagonisten, der eben betrachtet, der sich doch lange heraushält, oder eigentlich auch immer herausgehalten hat, der sehr starke Wahrnehmungsfähigkeiten besitzt, aber eben diese Wahrnehmungsfähigkeit auch einsetzt, um die Dinge sich vom Leib zu halten. Und das, was dann herantritt an den Leser genauso wie an den Protagonisten, an den Ich-Erzähler, sind quasi stark leuchtende Bilder, auch Erregungszustände, starke, stärkste Erinnerungen, derer sich er sich nicht erwehren kann. Das sind dann die Momente, wo die Distanz ein wenig aufbricht und etwas wirklich fasslich wird."

Dabei verzichtet Lukas Hammerstein allerdings auf die herkömmliche Chronologie und den erforderlichen Spannungsbogen von Film und Fernsehen: So wie er schon am Anfang das Ende seiner zentralen Figur, des Piet Escher, vorwegnimmt - dessen Freitod -, verzichtet er auch auf eine gradlinige Anordnung, Abfolge der Schlüsselerlebnisse, -szenen. Die sind stattdessen so angelegt, wie sie die Erinnerung des Erzählers offensichtlich hergibt. Es ist ein Ansatz, die Abläufe unseres Bewusstseins literarisch umzusetzen. So versucht Hammerstein, seine eigenen Erwartungen von zeitgemäßer Literatur umzusetzen, sprachlich wie inhaltlich:

Hammerstein: "Ich glaube, dass man sicher nicht darum herum kommt, die Veränderungen in der Wahrnehmung, wie wir sie erleben in der digitalen Welt, auch ein wenig aufzunehmen in der Literatur. Ich bin sicher, dass man nicht einfach straight durcherzählen kann, auch wenn die Geschichten und Erzählungen natürlich bleiben und vielleicht auch wieder wichtiger werden als sie mal waren. Ich denke, dass wir thematisch um eine Auseinandersetzung, sagen wir mal, mit dem Kapitalismus, mit dem siegreichen System, nicht herumkommen werden und natürlich auch nicht mit der Auflösung aller Grenzen unter dem Stichwort Globalisierung und Migration. Ich denke, dass die Möglichkeit, in abgeschlossenen Bildern wie in archaischen Welten zu erzählen, nicht mehr so gegeben sein wird."

Mit seinem Roman "Video" schreibt Lukas Hammerstein nicht nur die Geschichte einer Generation - seiner Generation -, die der Nach-68er. Er skizziert eine ganze Epoche: die Bundesrepublik zwischen 1979 und 2005. Zugleich stellt er mit seinem Roman die Frage nach den Träumen und Hoffnungen seiner Generation. Die Frage nach dem, was geblieben ist von ihren Vorstellungen vom Leben, von der Gesellschaft - und vor allem von der Politik.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk