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Seit 07:00 Uhr Nachrichten
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Manifest gegen den Glauben13.03.2006

Manifest gegen den Glauben

Michel Onfray schreibt: "Wir brauchen keinen Gott"

Michel Onfray, Philosoph und Gründer der Université populair in der Normandie, hat sich gegen den Trend zum religiösen Fanatismus auf atheistische Positionen besonnen. Nicht mehr ganz taufrisch mag diese Idee sein, doch mit seinem Manifest: "Wir brauchen keinen Gott" landete er im vergangenen Jahr in Frankreich einen Bestseller. Das Buch ist nun auf Deutsch erschienen.

Von Peter Hölzle

Pilger erwarten die Ankunft des Papstes Benedikt XVI. beim Weltjugendtag 2005 in Köln. (AP)
Pilger erwarten die Ankunft des Papstes Benedikt XVI. beim Weltjugendtag 2005 in Köln. (AP)

"Der Glaube an einen gewalttätigen, eifersüchtigen, intoleranten und streitlustigen einzigen Gott hat deutlich mehr Hass, Leid und Tod hervorgebracht als Frieden", "

schreibt Michel Onfray. Er hat seinem Buch folgerichtig den Titel gegeben: "Wir brauchen keinen Gott" und kündigt und mit dem Untertitel "Warum man jetzt Atheist sein muss" auch an, dass er seinen Standpunkt zu begründen gedenkt. Es ist ein philosophischer Standpunkt; genauer gesagt: der Standpunkt eines kämpferischen Laizisten, dem die Rückkehr der Religionen auf die Weltbühne im Gewand eines neuen Fundamentalismus ein Graus ist und der sie deshalb aus der Position eines atheistischen Aufklärers entschieden bekämpft.

Dabei hat er drei Ziele im Auge: die Demontage der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, ihre Entmystifizierung und schließlich die Analyse der Theokratie, jener Herrschaftsform, in der religiöse und staatliche Ordnung eine Einheit bilden. Unter Demontage versteht Onfray die Bloßlegung einer Grundsubstanz des Hasses und der Unterdrückung, die der Autor in allen drei Weltreligionen erkennt: Hass auf die Intelligenz, die Dogmen anzweifelt, Hass auf das Leben im Diesseits, das vom Jenseits ablenkt, Hass auf den Körper, der nur Ballast für die Seele ist, Hass auf die Frauen und die freie Sexualität, die die Sublimierung hemmen.

Mit der Entmystifizierung macht Onfray Mythen und Fiktionen, die sich um Religionsstifter wie Jesus und Mohammed ranken, als solche kenntlich und legt dar, auf welch schwankendem Grund Glaubenswahrheiten entstünden, deren Anzweiflung gleichwohl schwerwiegende Folgen haben könne. Im Mittelalter drohte der christliche Scheiterhaufen, in der Gegenwart drohte die muslimische Fatwa.

In seiner Analyse der Theokratie schließlich verfolgt der Autor einige der zahllosen Blutspuren, die im Namen eines Glaubens durch die Geschichte gelegt worden seien. Kreuzzüge und andere "heilige" Kriege kommen in den Blick. Inquisition, Kolonialismus, Völkermord und weltweiter Terrorismus werden auf ihre religiösen Wurzeln zurückgeführt. Vor diesem düsteren, ja blutgetränkten Hintergrund plädiert Onfray für eine "postchristliche" Moral:

""Eine Moral, für die der Körper keine Strafe mehr ist, die Erde kein Jammertal, das Leben keine Katastrophe, das Vergnügen keine Sünde, die Frauen kein Fluch, die Intelligenz keine frivole Anmaßung und die Wollust kein Grund zur Verdammnis."

Der Leser reibt sich die Augen. Hat das Gros der westlichen Gesellschaften nicht längst die Fesseln religiöser Bevormundung und Unterdrückung abgestreift? Lebt es nicht längst nach eben dieser Moral der Sinnenlust und des Genusses, die Onfray fordert? Und sind die christlichen Kirchen, die protestantischen, mehr als die katholische, nicht auch durch das Feuer der Aufklärung gegangen, in dem mancher Wunderglaube verbrannte und die Trennung von Staat und Kirche Kontur gewann? Insofern rennt Onfray zumindest mit Teilen seines Buches offene Türen ein.

Zugegeben: Dies gilt nicht für die islamische Welt, wo Unterdrückungsmechanismen im Zeichen des Glaubens bis heute ungebrochen wirken. Gleichwohl kann man sich fragen, warum das Buch in Frankreich letztes Jahr ein Bestseller wurde, denn in seiner das Christentum betreffenden Religionskritik ist es ziemlich antiquiert. Sollte das daran liegen, dass die Franzosen, obwohl nominell überwiegend katholisch, kaum mehr etwas über Religion, geschweige denn Religionskritik, wissen, weil sie in der Staatsschule darüber nichts erfahren? Dann wäre das für französische Bildungspolitiker ein Grund zum Nachdenken, wie sich dieser Mangel beseitigen lässt, ohne die hehren Prinzipien der laizistischen Republik zu verletzen.

Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott
Piper Verlag, München, 2006
320 Seiten
14 Euro

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