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Mann des 20. Jahrhunderts

Zwei Biografien Ernst Jüngers erschienen

Ernst Jünger 1998.
Ernst Jünger 1998. (AP Archiv)

In Sachen Ernst Jünger, so könnte man zehn Jahre nach seinem Tod vermuten, sind die Schlachten geschlagen. Geblieben sind das widerspruchsreiche Gesamtwerk und eine epochale Biografie, die nahezu unerschöpflichen Erzählstoff bietet. Diesen Stoff zu bewältigen, haben gleich zwei Autoren versucht. Der eine, Helmuth Kiesel, ist Literaturprofessor in Heidelberg, der andere, Heimo Schwilk, Redakteur bei der "Welt am Sonntag". Klaus Kreimeier hat ihre Jünger-Biografien gelesen.

Heimo Schwilk macht gleich in seinem Vorwort klar, dass er - gegen den liberalistischen und pazifistischen "Zeitgeist", wie er sagt - Jünger als einen Hüter der von Heidegger sogenannten Existentialien, also der wesentlichen Dinge. auf den deutschen Olymp zu heben gedenkt, den freilich kein Nachgeborener mehr besteigen wird:

"Seine Gewissheit, dass das Leben ein Geheimniszustand sei und der Mensch ein wunderbares Wesen in einer durchaus wunderbaren Welt, dieser romantische Grundzug seines Denkens schloss ihn weitgehend von einer Gegenwart aus, die an der Banalisierung unserer Existenz tagaus tagein geschäftig arbeitet. Er verkörperte das Rätsel der deutschen Seele, deren faszinierende Eigenwilligkeit aber durch die deutsche Katastrophe von 1945 für immer ausgelöscht scheint."

Ganz anders, nämlich mit einer Erzählung, eröffnet Helmuth Kiesel seine Biografie: zweimal in seinem Leben, um 1910 und noch einmal 1986, beobachtet Ernst Jünger den Halleyschen Kometen: Dazwischen liegt ein mörderisches Jahrhundert, das mit Optimismus begann und mit dem Ende aller Utopien zur Neige ging.

Gewiss - von dieser Dialektik lassen sich beide Biografen leiten. Kiesel freilich sucht das Denken in Widersprüchen durchzuhalten und auf Jüngers Leben selbst wie auf die schriftstellerische Produktion anzuwenden. Schon das Kriegstagebuch "In Stahlgewittern" habe offenbart, dass die technisierte Materialschlacht der Moderne kein Heldentum im archaischen Sinne mehr dulde. Dennoch versuche Jünger, meint Kiesel, deutlich zu machen

"dass es auch in diesem Krieg, der durch Maschinen und Material dominiert und entschieden wurde, Heldentum gab, und zwar nicht nur Heldentum des Ausharrens und Ertragens oder Erleidens, sondern auch des mutigen Auftretens, des entscheidenden Eingreifens und der kämpferischen Bewährung; und dass dieses Heldentum keineswegs unbekannt und ungerühmt blieb, sondern im Bewußtsein der Truppen vorhanden war."

Unversehens rutscht hier die Sprache in eine Apologie des Heldentums als unhinterfragbarer Größe. Kiesels Methode, die Gegensätze auszuloten, neigt dazu, die beiden Seiten eines Widerspruchs in der Schwebe zu halten: Sie sind gleichermaßen gültig und verleiten letztlich auch den Exegeten zur Gleichgültigkeit. Sehr häufig stößt man in Kiesels Buch in Bezug auf Jüngers Denken auf Wendungen wie "davon mag man halten, was man will": ein intellektuelles Ausweichmanöver, das zum Beispiel kritische Einwände anderer Autoren wie Helmut Lethen oder Klaus Theweleit "nicht rundweg" bestreiten will, sich dann aber auf die Konditionierung der Jüngerschen Positionen durch "zeitgemäße" Strömungen zurückzieht. Jünger werde, so Kiesel, den Totengräbern der Weimarer Republik zugerechnet. Dem sei "schwer zu widersprechen"; die Polemik des militanten Nationalisten gegen die Demokratie sei schließlich nicht zu übersehen.

"Andererseits sollte man deren Bedeutung für den Untergang der Weimarer Republik auch nicht überschätzen. Für beide Vorgänge gab es Faktoren von ganz anderem Gewicht und Akteure von ganz anderer Wirkungskraft. Wenn die 'Macht des Wortes' so groß gewesen wäre, wie Jüngers Kritiker es unterstellen, dann hätten auch die Reden und Schriften der prorepublikanischen Intelligenz, etwa der Brüder Mann, eine ganz andere Wirkung haben und die Republik vor dem Untergang retten müssen."

War es also egal, ob man als Intellektueller für den Untergang der Republik oder ihre Rettung Position bezog? Es zeigt sich: Die Neigung, mit Jünger nun endlich Frieden zu schließen, kann auch politisch-moralische Indolenz und den Verzicht auf präzise Unterscheidung zur Folge haben.

In der Gesamtsicht differieren die Bücher von Schwilk und Kiesel nur in Nuancen, doch an der für Jüngers Biografie so bedeutsamen "Schnittstelle" zwischen Republik und Hitler-Diktatur fallen die Urteile Heimo Schwilks teilweise schärfer aus. Ein Jünger-Artikel für die vom Nationalbolschewisten Ernst Niekisch herausgegebene Zeitschrift "Widerstand" streife, so Schwilk, "die Grenze zum Mordaufruf". Ihm geht es allerdings auch um die These, dass sich sein Olympier schon lange vor 1933 von den Nationalsozialisten abgesetzt und ihren Legalitätskurs bekämpft habe. Sein Hass auf die Massen sei mit dem Faschismus nicht kompatibel gewesen, der sich ja die Mobilisierung der Volksmassen zum Ziel gesetzt habe. Wie zweischneidig solche Argumente sind, erweist sich an der Bewertung von Jüngers Polemik gegen die Rassenideologie und Blut-Metaphorik des Nationalsozialismus. Dazu Heimo Schwilk:

"Blut steht bei Jünger für Mut, Energie und Tatkraft, für die mobilisierende Idee, für die es sich einzusetzen und gegebenenfalls zu sterben gilt. Ohne diese schicksalhafte Verbundenheit, ohne das Gefühl eines gemeinsamen Sendungsbewusstseins, das die deutsche Nation von anderen Nationen wesentlich unterscheidet, sei der Appell an das Blut sinnlos."

Es stellt sich die Frage, wie groß die Differenz zur Blut-Rhetorik Hitlers oder Alfred Rosenbergs tatsächlich war. Jünger schirmte sich gegen den kruden Rassen-Biologismus der Nazis ab, seine Auffassungen machten jedoch kaum weniger irrational und mindestens ebenso martialisch Front gegen die Aufklärung, gegen den ethisch begründeten Vernunftbegriff Kants und gegen die Demokratie.

Intensiv widmen sich beide Autoren einer düsteren Episode aus Jüngers Jahren im besetzten Paris. Als Wachtruppenführer beim Generalstab hatte er hier die Hinrichtung eines Deserteurs zu beaufsichtigen, sein "Pariser Tagebuch" gibt darüber detailliert Auskunft. Kiesel zitiert ausführlich aus diesem Text und summiert die Vorwürfe, die später gegen ihn erhoben wurden: gegen Jüngers Hang zur Selbststilisierung und zur Ästhetisierung der Barbarei. Sodann folgt ein Zitat aus einem vergleichbaren Text von Gottfried Benn und eine Schlussfolgerung in Frageform: Lässt Benns Bericht nicht gerade jene Empathie für das Opfer vermissen, um die Jünger sich bemüht? eine Beweisführung - ebenso umständlich wie methodisch angreifbar. Konziser und entschlossener geht Schwilk an die Sachlage heran. Er stellt knapp das Ereignis dar, zitiert Jünger und fasst lakonisch zusammen:

"Indem Jünger das Erlebte aufschreibt, in Literatur verwandelt, entzieht er sich sogleich wieder der existenziellen Verunsicherung, in die ihn der Blick in den Spiegel gestürzt hat - und legt damit Zeugnis ab für eine Haltung, die sich mit der Moralität der Kunst zufrieden gibt."

Einer Analyse der Sprache Ernst Jüngers enthalten sich beide Autoren sehr weitgehend. Auf diesem Gebiet haben andere dem Künstler ein offenbar unverrückbares Denkmal gemeißelt. Dem gelegentlich geäußerten Verdacht, dass Jüngers elitäre Anmaßung, aber auch seine Ästhetik des Schreckens ebenso wie seine panmystischen Betrachtungen der Natur von Fall zu Fall sprachliche Unfälle, sprich kostbaren Kitsch produziert haben, gehen weder Schwilk noch Kiesel nach.


Helmuth Kiesel: Ernst Jünger - Die Biographie
Siedler Verlag, München 2007
715 Seiten, 24,95 Euro

Heimo Schwilk: Ernst Jünger - Ein Jahrhundertleben
Piper Verlag, München und Zürich 2007
623 Seiten, 24,90 Euro



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