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StartseiteWissenschaft im BrennpunktManuskript: Mückenplage21.07.2013

Manuskript: Mückenplage

Mit manipulierten Insekten gegen Dengue

Weltweit gelangten bis heute nur wenige gentechnisch manipulierte Tiere in die Natur, und nun schwärmen im Nordosten Brasiliens Millionen von Dengue-Mücken aus, die ein tödliches Gen vererben. Es soll die Dengue-Mücken-Population dezimieren. Bisher gibt es gegen das Dengue-Virus weder Impfung noch Medikament, mit den Mücken, so die Hoffnung, könnte auch das gefährliche Virus eingedämmt werden.

Von Gudrun Fischer

Ismael Tupiná Santos fährt mit dem Pickup eine Stunde durch die Straßen von Juazeiro und lässt die männlichen Mücken frei. (Gudrun Fischer)
Ismael Tupiná Santos fährt mit dem Pickup eine Stunde durch die Straßen von Juazeiro und lässt die männlichen Mücken frei. (Gudrun Fischer)

An meinen Füßen Plastiküberzieher. Das ist die einzige Sicherheitsmaßnahme, die man von mir verlangt. Zum Glück muss ich keinen Kittel tragen. Es ist heiß – schon morgens zeigt das Thermometer hier in Juazeiro 35 Grad. Alles ist neu und sauber im Eingangsbereich zum Sicherheitslabor der Firma Moscamed. Ich bin nervös - schließlich geht es hier um eine schwere Krankheit. Und um transgene, also gentechnisch veränderte Organismen.

Weltweit gelangten bis heute nur wenige gentechnisch manipulierte Tiere in die Natur. Und nun schwärmen hier im Nordosten Brasiliens seit zwei Jahren Dengue-Mücken aus, die ein tödliches Gen vererben. Es soll die Dengue-Mücken-Population dezimieren. Bisher gibt es gegen das Dengue-Virus weder Impfung noch Medikament, ein Rückgang der Mücken könnte auch das Virus zurückdrängen.

"Ich hatte in São Paulo schon einmal Denguefieber. In einem Wald, während einer Exkursion, stach mich eine Mücke. Mir ging es eine Woche lang schlecht, besonders die ersten zwei Tage waren fürchterlich. Wie eine extrem starke Grippe."

Danilo Carvalho ist Biologe und leitet den Freisetzungsversuch. Wir betreten ein Großlabor. Kühlgeräte brummen. An den Wänden reiht sich ein netzverhüllter Käfig an den anderen. Darin schwirren Tausende der gentechnisch veränderten Dengue-Mücken. Die Weibchen legen jede Woche hunderttausende von Mückeneiern.

Es sind nur 0,8 Gramm, die er aus jedem Käfig holen kann, erklärt Danilo Carvalho. Das ergibt etwa 75.000 Eier. Eine Mitarbeiterin in weißem Kittel schiebt einen Stapel Tabletts, eingehängt in turmhohe Rollregale, durch den Raum. Darauf schwimmen die geschlüpften Mückenlarven. Das gelbe Wasser ist mit dem Antibiotikum Tetrazyklin versetzt. Eine Art Lebenselixier für diese Genmücken, ohne Tetrazyklin sterben sie.

Dengue wird von einem Virus verursacht, von dem es vier Untertypen gibt. Die Dengue-Mücke ist nur der Vektor für das Virus. Weltweit überträgt sie das Virus über ihren Stich jedes Jahr auf 50 bis 100 Millionen Menschen. In Brasilien sterben an Dengue jährlich nur etwa 100 Menschen, doch die sogenannte Knochenbrecherkrankheit ist eine schwere Infektion und schmerzhaft. Danilo Carvalho ist für das Experiment extra aus São Paulo in das 2000 Kilometer nördlich gelegene Juazeiro gezogen.

"Wir haben mit der Freisetzung jetzt schon einen Rückgang der Mückenpopulation um 85 Prozent erreicht! Das ist ein ähnliches Resultat wie bei dem Experiment der Firma Oxitec auf den Kaimaninseln, wo die Mückenpopulation mit Hilfe der gentechnisch veränderten Dengue-Mücke um 80 Prozent zurückging. Hier in Brasilien klappt es noch besser. Wir hoffen, dass im nächsten Versuch die gesamte Mückenpopulation zu Grunde geht."

Gentechnisch veränderte männliche Dengue-Mücken bereit ausgesetzt zu werden. (Gudrun Fischer)Gentechnisch veränderte männliche Dengue-Mücken bereit ausgesetzt zu werden. (Gudrun Fischer)Der Versuch auf den Kaimaninseln in der Karibik, er lief 2009 und 2010. Damals hagelte es Kritik, weil die Firma Oxitec die Freilassung von drei Millionen Mücken geheim hielt. Doch im letzten Jahr wurden die Ergebnisse veröffentlicht, und sie klangen manchen Experten durchaus viel versprechend. Die freigesetzten Männchen befruchteten wilde Mücken-Weibchen und ihre Nachkommen starben schon im Puppenstadium ab. Die Population schrumpfte. Die Biotechnologie-Firma Oxitec liegt vor den Toren der britischen Universitätsstadt Oxford. Der Genetiker Luke Alphey hat sie gegründet und die neue Mücke patentiert. Jetzt sieht er sich fast am Ziel:

"Ich zögere, in diesem frühen Stadium von der globalen Ausrottung der Dengue-Mücke zu sprechen. Doch garantiert steht unserer Mücke eine glänzende Zukunft bevor. Wir haben uns viel Zeit genommen, der Firma Moscamed unsere Technologie zu vermitteln. Sie hat Erfahrung mit der Aufzucht steriler mediterraner Fruchtfliegen, die gegen Plantagenschädlinge eingesetzt werden. Das macht sie zu einem guten Partner für uns."

Mit einer feinen Glasnadel spritzte Luke Alphey vor etwa zehn Jahren ein Stück DNA in die Eier der Dengue-Mücke. Diese neue DNA führt zur unkontrollierten und tödlichen Produktion eines Proteins. Solange sich das Antibiotikum Tetrazyklin an das Erbmolekül heftet, ist es blockiert und die Mücke überlebt. Ihr bleibt gerade einmal genug Zeit, um sich mit ihren wilden Artgenossen zu paaren und das tödliche Gen an die Nachkommen weiterzugeben. Alphey:

"Der ganze Prozess war mühevoll und wenig effizient. Wir mussten in viele Ei-Embryonen DNA injizieren, bis einige Eier die DNA einbauten und wir sie ausbrüten konnten."

Nach der ersten Freisetzung auf den Kaimaninseln suchte die Firma Oxitec nach weiteren Ländern für ihre Experimente. Zuerst war Malaysia einverstanden, begrenzte allerdings Ende 2010 den Versuch auf wenige Tage. In Florida in den USA entschieden sich die Behörden gegen eine Freisetzung. Doch in Brasilien konnte es 2011 losgehen. Die Genetikerin Margareth Capurro von der staatlichen Universität São Paulo ließ sich Oxitecs Mückeneier schicken, startete Vorversuche. Dann stellte sie einen Antrag bei der brasilianischen Biosicherheitskommission und bekam die Genehmigung. Im heißen, trockenen Juazeiro.

Im Labor ist es stickig, alle Fenster sind abgedichtet, die Kühlung surrt leise. Die Mücke, erklärt Danilo Carvalho, heißt auf lateinisch Aedes aegypti, oder auch Stegomia aegypti. Ich unterbreche ihn und zeige besorgt auf ein paar Mückenstiche auf meinem Arm. Carvalho:

"Heute ist Montag und montags werden die Eier aus den Käfigen genommen. Weil es viele Käfige sind, entschlüpft immer mal eine Mücke und sticht. Aber keine Angst, sie übertragen kein Dengue. Unsere Labormücken sind frei von Viren. Auch die wildlebenden draußen tragen nicht alle das Dengue-Virus."

Eigentlich habe ich hier im Labor keine Angst vor einer Dengueinfektion. Mir ist die genveränderte Mücke suspekt. Könnte sie den veränderten Genabschnitt übertragen, frage ich mich?

Gentechnisch veränderte weibliche Mücken sollen nicht in die Natur gelangen. Auch sie tragen das tödliche Gen und müssen daran sterben. Doch ein kleiner Prozentsatz überlebt, das ist aus Vorversuchen bekannt, und könnte Menschen stechen. Deswegen werden nur die männlichen Mücken freigesetzt. Sie stechen nicht, sondern ernähren sich ausschließlich von Blütennektar. In ein paar Tagen werden 100.000 von ihnen benötigt. Der Techniker Marcelo Pinto beugt sich mit einem Schlauch in der Hand über zwei Glasplatten, die aneinander gelehnt in einem Becken stehen. Mit Schrauben stellt er den Spalt immer weiter.

"Hier drehe ich die Schrauben, dann formen die beiden Glasscheiben ein Art V. Das ist wie ein Filter."

Aus einem Becher gießt er die Mückenlarven in den Spalt zwischen den Glasscheiben. Vom Wasser unten heraus gespült werden zunächst die männlichen Larven, die kleiner sind als die weiblichen.

"...assim, lavando os machos e depois as fêmes."

Die männlichen Larven kommen in große Dosen mit Netzdeckel, wo sie sich verpuppen. Die Puppen müssen genau kontrolliert werden, sagt Miriam Brito, die Laborleiterin von Moscamed.

"Wir knöpfen uns neun Dosen á 500 Mücken vor, insgesamt 4.500 männliche Mücken-Puppen. Jede einzelne lege ich unter das Mikroskop. Wenn ich darin weibliche Mücken-Puppen entdecke, muss ich mit der Geschlechtertrennung von vorne beginnen. Akzeptiert sind 0,02 Prozent Weibchen, das heißt ein einziges Weibchen für alle Becher. Wenn ich drei oder vier sehe, sind die Becher mit Weibchen verseucht und alles muss zurück."

Ich suche Aldo Malavasi auf, den Direktor der Firma Moscamed. Der pensionierte Genetiker der Universität von São Paulo sitzt nebenan in einem repräsentativen Büro.

"Unsere Massenzucht macht die Geschlechtertrennung schwierig, das haben Sie ja im Labor gesehen, sie ist noch fehlerhaft. Wir würden die gentechnisch veränderten Weibchen viel lieber gezielt töten als sie nur auszusortieren."

Einige Weibchen können, wenn auch in geringer Zahl, in die Natur gelangen. Auch bis zu fünf Prozent der veränderten Männchen überleben in der Natur. Das zeigte eine Studie, die von der Firma Oxitec vor ein paar Jahren in Auftrag gegeben worden war. Um genaueres zu erfahren, sagt Direktor Aldo Malavasi, solle in naher Zukunft von einer Doktorandin in Zusammenarbeit mit der US-Universität Yale eine Begleitstudie durchgeführt werden - eine freiwillige Leistung der Firma Moscamed. Nach brasilianischem Gesetz sind Begleitstudien bei Freisetzungsversuchen nicht Pflicht. Malavasi:

"Wir haben großes wissenschaftliches Interesse daran, zu schauen, ob dieses Gen wirklich aus der Natur verschwindet, oder ob es sich in der Mückenpopulation hält."

Ich frage den Genetiker nach dem Stich der gentechnisch veränderten weiblichen Mücke. Theoretisch könnte dabei DNA in die menschliche Blutbahn gelangen. Aldo Malavasi zuckt mit den Schultern. In Brasilien würden viele gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut, sagt er.

"Jeden Tag essen Sie eine Reihe gentechnisch veränderter Pflanzen. Sie können dem nicht mehr entkommen."

Der Versuch in Juazeiro war nur ein Anfang, erzählt er weiter. Gerade beginnt ein noch größeres Experiment in der Stadt Jacobina, 250 Kilometer südlich von Juazeiro. Die ganze Stadt soll mit Mücken überzogen werden. Kritiker des Freisetzungsversuchs warnen davor, dass sich der neue Genabschnitt in die verwandte Mückenart Aedes albopictus einkreuzen könnte. Das Weibchen von Aedes albopictus überträgt gleichfalls mit ihrem Stich das Denguefieber. Doch Malavasi winkt ab:

"Die Art Aedes albopictus gibt es nicht in Jacobina."

Einer der Kritiker der Freisetzung der gentechnisch veränderten Dengue-Mücke ist der Biologe José Maria Gusman Ferraz. Er lehrt an der Universität Campinas im Staat São Paulo und sitzt außerdem in der staatlichen Biosicherheitskommission. Diese Kommission, die regelmäßig in der Hauptstadt Brasília tagt, hat den Freisetzungsversuch vor zwei Jahren genehmigt. José Maria Gusman Ferraz hatte gegen die Zulassung des Versuchs in Juazeiro gestimmt. Und jetzt wendet er sich auch gegen die Freisetzung in der Stadt Jacobina. Ferraz reichte zur Begründung ein Gutachten ein. Darin zitiert er eine wissenschaftliche Publikation, die das Vorkommen der Mückenart Aedes albopictus im Nordosten Brasiliens nachweist.

"Die Mücke Aedes albopictus ist in der Region zwar nicht sehr verbreitet, aber sie wird dort angetroffen. Darüber gibt es Literatur, die ich zitiere. Vielleicht hat die Projektleitung sie nicht in dieser Mikro-Region angetroffen. Allerdings wird das nicht belegt. Eine wissenschaftliche Erhebung wäre wichtig gewesen. Verschwindet die Population von Aedes aegypti, besetzt eventuell Albopictus die Nische. Dann wird Denguefieber weiterhin übertragen."

Ferraz bemängelt außerdem, dass nicht erhoben wurde, wie weit das Virus in den Mücken verbreitet ist. Denn viele Mücken bedeuten nicht unbedingt viele Infektionen, sagt er und zitiert für seine Kritik eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2007.

"Die Frage ist ja, ob die Mückenpopulation überhaupt mit dem Virus infiziert ist. Das hätte vorher untersucht werden müssen. Auch dazu gibt es von der Firma keine wissenschaftliche Erhebung."

Ich möchte bei der Freisetzung in Juazeiro dabei sein. Danilo Carvalho begleitet mich in eine Halle. Hier werden die Dosen mit den männlichen Mücken in Styroporkisten gestapelt. Die Kisten kommen auf die Ladefläche eines Pickups, der draußen im Hof wartet. Ein Techniker wird mitfahren, wir steigen auf die Ladefläche.

Im Schneckentempo rollt der Pickup durch die staubigen Straßen des Stadtteils Mandacarú. Der Techniker öffnet die Styroporschachtel einen Spalt. Zu viel Sonne macht die Mücken nervös, sagt Ismael Tupiná Santos:

"Quando chegar a gente vai abrir o isopor, não completo, deixar um pouco tampado por causa do sol, bater para o mosquito ficar agitado e abrir, soltar, só. Um atraz do outro."

Bevor er den Deckel der Dose abzieht, klopft er darauf, um die Tiere aufzuscheuchen. Dann kippt er die Mücken in die Luft. Es ist Mittag, die Straßen unbelebt. Vögel zwitschern, ab und zu bellt ein Hund.""

Eifalle auf dem Grundstück von Gilmar Lourenço dos Santos, Plantagenarbeiterin, Juazeiro. So will Moscamed den Erfolg des Versuchs quantifizieren. (Gudrun Fischer)Eifalle auf dem Grundstück von Gilmar Lourenço dos Santos, Plantagenarbeiterin, Juazeiro. So will Moscamed den Erfolg des Versuchs quantifizieren. (Gudrun Fischer)Juazeiro, eine Großstadt mit etwa 250.000 Menschen, liegt am Fluss São Francisco. Dieser Fluss speist den savannenartigen Nordosten Brasiliens mit Wasser. Es ist eine der ärmsten Regionen des Landes. In der Umgebung liefert der Bewässerungsanbau viel Obst und Gemüse. Doch im Moment herrscht schwere Dürre, seit drei Jahren hat es nicht mehr geregnet. Wasser ist für die Eiablage der Dengue-Mücke unerlässlich. Ich frage mich, wo sie hier Eier legt. Vielleicht dienen ihr dafür die Ufer der Bewässerungskanäle in den Plantagen? Oder die Wassertanks, die auf den Dächern der Häuser stehen? Nach einer Stunde sind die 100.000 Mücken in der Luft. Mehr Mücken sind nicht mehr nötig, um den Stand einer Mückensuppression von 85 Prozent zu halten, erklärt Danilo Carvalho. Wir steigen vom Pick-Up, gehen an den Häusern vorbei, in denen die Mitarbeiter von Moscamed Ei-Fallen verteilt haben: Töpfchen aus Plastik mit ein wenig Wasser am Grund und einem Holzspatel. Auf dem Holzspatel legt das Dengue-Mückenweibchen ihre Eier ab.

#"Este potinho a gente usa para coletar o ovo. Então aqui oh, tem uma palheta onde a fêmea coloca os ovos e a gente deixa a água que atrai a fêmea para colocar ovos. A gente coloca a palheta, troca a armadilha. Tem sujeira mas não tem nenhuma larvinha.""

Nach einer Woche werden die Ei-Fallen wieder abgeholt, erklärt Danilo Carvalho. Keinesfalls sollen sie zu Brutstätten für Dengue-Mücken werden. Insgesamt stehen 340 in den beiden Freisetzungs-Stadtteilen. Zur Kontrolle weitere 60 Ei-Fallen in zwei benachbarten Stadtteilen. Die Eier aus diesen 400 Fallen lieferten die Daten, aus denen 85 Prozent Mückenreduktion berechnet wurden. Gezählt wird unter dem Mikroskop. Gentechnisch manipulierte Eier fluoreszieren. Denn neben dem tödlichen Protein-Gen hat Oxitec ein Fluoreszenz-Gen in die Mücken-DNA eingebaut.

Die lokale Präventionsarbeit gegen die Dengue-Mücke läuft unterdessen weiter wie bisher. Alles andere wäre unethisch. Die städtischen Gesundheitsinspektorinnen entfernen stehendes Wasser aus Blumentöpfen oder herumliegenden Autoreifen und anderen Abfällen. Sie bringen Insektizide und Larvizide aus, wenn sie eine Mücken-Brutstätte entdecken. Diese in allen betroffenen Städten verbreitete Denguekontrolle zeigt Erfolg. Auch im Bundesstaat Rio de Janeiro, wo es zuletzt die meisten Dengueinfektionen Brasiliens gegeben hatte, sind die Todesraten gesunken. In vier Stadtteilen von Rio läuft außerdem ein auf fünf Jahre angelegter Freisetzungsversuch mit einer ganz anderen Dengue-Mücke. Sie ist nicht gentechnisch verändert, sondern wurde mit Wolbachia infiziert. Das Bakterium macht die verschiedenen Aedes-Mücken immun gegen das Dengue-Virus, richtet sich also direkt gegen Dengue. Braucht das Land die genmanipulierte Mücke da überhaupt noch? Welcher Nutzen steht welchen Risiken gegenüber?

Kritiker wie der Biologe José Maria Gusman Ferraz fürchten, dass die freigesetzten Mücken in der Natur länger als gedacht überleben, wenn sie dort auf ihr Lebenselixier, das Antibiotikum Tetrazyklin stoßen. Tetrazyklin wird in der Hühner- und Schweinemast eingesetzt, außerdem ist es ein weit verbreitetes Medikament. Doch Direktor Aldo Malavasi sieht keine Gefahr:

"Die Wahrscheinlichkeit ist gleich null, dass es in der Umgebung Tetrazyklin gibt. Sie haben den Stadtteil doch kennengelernt, die Bevölkerung dort ist extrem arm. Tetrazyklin ist ein teures Antibiotikum, das können sich die Leute nicht leisten."

Doch José Maria Gusman Ferraz vermisste beim Antrag auf Fortsetzung der Freisetzung an die Biosicherheitskommission konkrete Daten:

"Ich habe gefragt, welche Grenzkonzentration an Tetrazyklin in der Umwelt vorhanden sein muss, damit diese Mücke überlebt. Diese Information hatte die Wissenschaftlerin Capurro nicht. Dabei ist das die Basis für eine sichere Freisetzung. Heute finden wir Tetrazyklin in der Umwelt, weil das Antibiotikum in der Tiermast eingesetzt wird. Dort in der Gegend fließen die Abwässer unter freiem Himmel. Wir haben in Brasilien noch nicht überall Abwassersanierung. Über die Fäkalien der Tiere oder auch über den Kot von Menschen, die Hühnerfleisch gegessen haben, kann Tetrazyklin in die Umwelt gelangen. Wenn es dazu keine Zahlen gibt, wird der Freisetzungsversuch fehlerhaft. Die Betreiber entgegneten, dass nur die männliche Mücke frei gesetzt wird, nicht das Weibchen. Da das Männchen keine lebensfähigen Nachkommen zeugt, wäre das Überlebensrisiko minimal. Dieses Argument akzeptierte die Biosicherheitskommission."

Das ist das zentrale Argument, das auch der Erfinder Luke Alphey anführt. Die gentechnisch veränderte Mücke verschwindet nach Ende des Versuchs wegen seines tödlichen Gens sofort und für immer aus der Umgebung, sagt er. Sofern Tetrazyklin in der Umwelt auftaucht, ist das nicht garantiert, hält der Entomologe Mohamed Habib dagegen. Er ist gleichfalls ein Kritiker des Freisetzungsexperiments und gleichfalls Hochschullehrer an der Universität Campinas im Staat São Paulo. Mohamed Habib warnt vor dem unüberschaubaren Generationszyklus der Mücke.

"Das Mückenei kann an einem Kanalufer kleben bleiben. Es trocknet aus und lebt trotzdem weiter. Das nennt sich Diapause, oder Ruhestadium. Die Aedes-Mücke ist ein kompliziertes Insekt. Noch dazu wenn es im trockenen Nordosten lebt. Das Ei kann bei Trockenheit ohne Probleme ein Jahr überdauern. Sobald wieder Wasser da ist, schlüpft innerhalb von drei Tagen die Larve und nach einer Woche, je nach Temperatur, schlüpft die erwachsene Mücke und fliegt."

Die wichtigste Frage wäre: Sind die Dengueinfektionsraten tatsächlich zurückgegangen? Doch die kann der Freisetzungsversuch von Juazeiro nicht beantworten. Dafür liegen die Stadtteile nicht isoliert genug.

Am Gartentor eines einfachen Hauses im Stadtteil Mandacarú bleibe ich stehen, denn ich will wissen, was die Bewohner von der Oxitec-Mücke halten. Durch Klatschen mache ich mich bemerkbar. Eine Frau tritt auf die Veranda. Sie heißt Gilmar Lourenço dos Santos, sagt sie, und habe 25 Jahre auf den Plantagen Tomaten, Zwiebeln und Mango-Früchte geerntet. Gerade holt sie in der Abendschule die siebte Klasse nach. Ich frage, ob sie das Projekt kennt.

"Natürlich kenne ich das Projekt, ich habe sogar zwei Eimerchen mit Wasser hier hängen. Hören Sie, ich finde das eine sehr gute Sache. Diese Mücken, die sie frei setzen, helfen uns sehr. Ich habe hier noch von keinem Dengue-Fall gehört. Aber wir geben auch sehr acht. Wir lassen keine Flaschen oder Schüsseln im Garten liegen. Die städtische Gesundheitsinspektorin kommt einmal im Monat und wir tun alles, was sie verlangt. Wir werfen ein giftiges Pulver in den Abfluss. Ich finde diese Mücke vom Projekt gut, denn sie verhindert, dass die andere Mücke kommt. Leider hatte ich keine Zeit, zur Informationsveranstaltung zu gehen. Deswegen verstehe ich von dieser Mücke nicht viel."

Das Experiment von Juazeiro liefert keine neuen Erkenntnisse im Vergleich zu den Kaimaninseln. Es war im Grunde nur höher skaliert. Jetzt läuft es weiter, ohne dass dafür eine Genehmigung vorliegt. Für den neuen Versuch in der Stadt Jacobina ist endlich eine epidemiologische Begleitforschung vorgesehen. Danilo Carvalho:

"Nicht wir untersuchen das. Wir haben das Gesundheitsamt des Bundesstaats Bahia dafür gewonnen. Damit alles transparent bleibt. Es wäre ja sehr hübsch, wenn ich selber meine Arbeit auswerten könnte und sagen könnte, toll, es klappt alles. In der Stadt Jacobina mit ihren 45.000 Menschen wird jedes Viertel Mücken erhalten, die ganze Stadt wird mit Mücken übersät."

Der Bundesstaat Bahia ist neben der Universität São Paulo und den Firmen Moscamed und Oxitec der vierte Player im Freisetzungsexperiment und hat mit einer Million Euro das gesamte Labor in Juazeiro finanziert.

"Mit der gentechnisch veränderten Aedes-Mücke liefern wir die ideale Lösung für das Dengueproblem in kleinen und mittleren Städten. Aber Sie müssen nicht denken, dass wir nach Gewinn streben. Wir haben mit der Firma Oxitec keine Geschäftsverbindung; wir haben nichts für den Prototyp der Mücke bezahlt."

Aldo Malavasi, Direktor von Moscamed, fühlt sich heute schon bestätigt. Inzwischen denkt er über ein Experiment in einer Millionenstadt nach. Er will tiefer in die Gentechnik-Forschung einsteigen.

"Wir brauchen eine Mückenlinie mit höherer Qualität. Die sich in der Natur besser durchsetzt, die besser fliegt, die ein besseres Ergebnis bei der Befruchtung zeigt und die sich besser züchten lässt. Diese Freisetzung auf dem Landweg ist dann nicht mehr akzeptabel. Wir denken an die Freisetzung aus der Luft. Mit unbemannten Drohnen."

In Jacobina gehen gerade die ersten manipulierten Mücken in die Luft. Bald sollen es vier Millionen pro Woche werden. Nach Ansicht des Entomologen Mohamed Habib ist die Freisetzung in Jacobina genauso wenig seriös wie die in Juazeiro.

"Ein solcher Versuch in einem kontinentalen Gebiet, das ist wissenschaftlich nicht haltbar. Wie soll gezählt werden, wie viele Mücken in das Gebiet hinein fliegen, wie viele hinaus? Auf welcher Basis wird da gerechnet? Es werden Millionen frei gelassen, aber es sind doch schon Millionen anwesend. Wenn der Versuch auf einer Insel durchgeführt würde, oder in einer isolierten Region, dann könnte korrekt gerechnet werden. Die Leute dort sagen, sie haben Millionen Mücken frei gelassen und sie sagen, dass es ein Erfolg war. Aber wenn ich eine Unterdrückung der Population beweisen will, muss ich fünf Jahre warten, ob das so bleibt. Selbst wenn sie die Population um 90 Prozent dezimieren, in einem Monat ist die Population in alter Stärke zurück. Denn ein Weibchen legt 300 Eier."

Der Patentinhaber der gentechnisch veränderten Dengue-Mücke Luke Alphey hofft bald mit Lizenzgebühren oder Serviceleistungen Gewinne zu machen. Und glaubt fest an den Nutzen seiner Mücke im Kampf gegen Dengue. Die Frage, ob ein Ausrotten der Dengue-Mücke das Ökosystem verändert, findet er unzulässig.

"Diese besondere Mücke, das dürfen Sie nicht vergessen, ist nur in einem bestimmten Gebiet von Afrika heimisch. In allen anderen Gebieten, in denen wir mit ihr arbeiten, ist sie invasiv. In Nord- und Südamerika, in Südwestasien, überall wo Dengue vorkommt. Sie wurde erst vor kurzem vom Menschen eingeschleppt und ist nicht Teil des Ökosystems."

"Ägyptische Tigermücke" heißt die Dengue-Mücke im populären Sprachgebrauch. Denn sie hat schwarz-weiß gestreifte Beine und stammt ursprünglich aus Nordafrika. In immer mehr Regionen der Welt, zuletzt auf der portugiesischen Insel Madeira und auch in Kroatien und Südfrankreich tauchte die Dengue-Mücke auf. Im Verlauf der Zeit, sagt Mohamed Habib, übernehmen invasive Arten Aufgaben im neuen Ökosystem.

"Wir haben die Dengue-Mücke seit über 100 Jahren. Sie spricht schon portugiesisch."

Bisher hat noch kein Kritiker das Moscamed-Labor besucht. Die brasilianische Biosicherheitskommission schickt demnächst José Maria Gusman Ferraz in den Nordosten. Der schrieb vor ein paar Wochen an die Ethikkommission der Universität São Paulo und bat sie darum, Stellung zum Mücken-Versuch zu beziehen, da eine Forscherin der Universität daran beteiligt sei. Und weil Tausende Menschen zwischen diesen freigelassenen Mücken leben. Die Antwort steht noch aus.

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