Wissenschaft im Brennpunkt / Archiv /

 

Manuskript: Wikipedia und Wissenschaft

Die freie Enzyklopädie mit ihren Forschern

Von Maximilian Schönherr

Die Wikipedia gehört zu den meist aufgerufenen Webseiten der Welt, manche unterstellen ihr ein Wissensmonopol. Die Autoren sind ausschließlich Freiwillige, darunter auch Wissenschaftler. Viele Wissenschaftler tun sich mit dem Schreiben in der Wikipedia schwer, weil sie eine andere Veröffentlichungskultur gewohnt sind. Die Dachorganisation der deutschen Wikipedia, die Wikimedia Deutschland sorgt für Kontakte zu Wissenschaftsorganisationen.

Marcus Cyron: "Der erste Zugang zu Wissen heutzutage geht über Wikipedia. Das setzt sich auch langsam in den Köpfen von vielen Wissenschaftlern durch."

Angelika Mühlbauer: "Wie funktioniert es, dass unterschiedliche Menschen einfach Wissen zusammentragen und dass trotzdem zum Schluss qualitativ hochwertige Inhalte entstehen? Es spricht eigentlich gegen alle Theorien."

Vorsicht, diese Sendung ist unwissenschaftlich! Sie handelt von freiem Wissen, und wie kann freies Wissen Wissenschaft sein? Sie handelt von der Wikipedia und ihrer Wissenschaftlichkeit, zu der es keine Studien gibt. Die Wikipedia ist zu groß geworden, zu unfassbar. Sie scheint vielen so verlässlich, sie steht bei den Internetsuchmaschinen ganz weit oben, manche halten die Autoren für hoch dotiert. Dabei lebt die Wikipedia von Freiwilligen und ein paar Spenden. Heute hat allein die deutsche Wikipedia 1,5 Millionen Artikel, täglich kommen im Schnitt 400 hinzu, davon viele wissenschaftliche. Von den zig Tausenden von Autoren aller Altersgruppen zwischen zehn und 100 sind die meisten Männer. Viele Wissenschaftler darunter. Meist schreiben sie anonym oder pseudonym.

Und Vorsicht, diese Sendung entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Systematik! Sie steht auf tönernen Füßen. Es werden Laien sprechen! Ein Archäologe, der über Wintersport schreibt, eine Geologin, die Neulinge in der Wikipedia betreut – und auch noch Geolina heißt! Kann man das ernst nehmen?

Wolfgang Ernst: "Wikipedia ist ein Wissenskonsumgut. Das ist wie ein gutes Essen, das sich aber auch erschöpft, mit dem Dinner."

Barbara Fischer: "Hallo, ich bin Barbara Fischer, ich arbeite als Kuratorin für Kulturpartnerschaften bei Wikimedia Deutschland. Ich bin Historikerin. Die Wikipedia und andere Wikimedia-Projekte werden natürlich überwiegend von Freiwilligen gemacht, also im digitalen Ehrenamt. Diese Freiwilligen brauchen Unterstützung. Da ist es sinnvoll, so eine hauptamtliche Mitarbeiterschaft zu etablieren. Und weil sie so bedeutungsvoll geworden ist – sie ist das wichtigste Einstiegsportal, wenn ich mich über irgendeinen Fachbegriff informieren möchte – haben wir auch eine Verantwortung."

Marcus Cyron: "Mein Name ist Marcus Cyron. In der Wikipedia beschäftige ich mich vor allem mit den Themenbereichen Archäologie, Geschichte, Altertumswissenschaften, und als Ausgleich auch ein bisschen mit dem Wintersport. Und da ich diesen Bereich – natürlich außer dem Wintersport – studiert habe, halte ich mich dafür auch einigermaßen für prädestiniert."

Schönherr: "Wann hast Du denn zuerst geschrieben, und worüber?"

Cyron: "Das war am 1. Januar 2005. Da habe ich in einer Zeit, als ich mich noch vor allem noch mit Filmsachen beschäftigt habe, eine Filmografie ergänzt, und zwar die zum ostdeutschen Schauspieler und Komiker Rolf Herricht."

Wikipedia: Rolf Herricht (* 5. Oktober 1927 in Magdeburg als Rolf Oskar Ewald Günter Herricht; † 23. August 1981 in Berlin) war ein deutscher Schauspieler, Komiker, Musical- und Schlagersänger.

Artikelstatistik: 108 Autoren, 137 Versionen.


Marcus Cyron: "Und das war so wunderbar, anders als in anderen Plattformen war das Ergebnis sofort sichtbar nach dem Speichern. Und nach einiger Zeit habe ich dann etwas intensiver angefangen, mitzuarbeiten, ein halbes Jahr später war ich dann richtig aktiv und bin seitdem nie wieder weggekommen. Mittlerweile ist es so, dass wir in der Wikipedia diverse Autoren haben, die Mathematik studiert haben, sich aber in der Wikipedia mit Geschichte beschäftigen, sich da ein Fachwissen angeeignet haben, mit dem sie durchaus auch bei einem Historiker sich einen gewissen Respekt erarbeiten konnten, obwohl sie keinen Titel haben. Das muss man mittlerweile immer verstärkter sehen."

Barbara Fischer: "Die Erfahrung zu machen, dass Wissen sich vermehren kann, indem man es teilt, ist etwas, was eigentlich die Wissenschaftler aus ihrer Grunderfahrung her ganz tief in ihren Knochen sitzen haben müssten."

Marcus Cyron: "Diese Art, wie Wissenschaft gemacht wird, ändert sich, und die Zugänglichkeit zur Wissenschaft ändert sich auch. Ich glaube wir haben da wirklich einen Paradigmenwechsel durchs Internet, nicht nur durch Wikipedia, sondern auch durchs Internet. Die Übergänge waren wahrscheinlich schon immer fließend, zwischen den Leuten, die sich das Wissen erarbeitet haben, und den Leuten, die sich mit dem Wissen beschäftigt haben."

Barbara Fischer: "Zum Beispiel jetzt diese Angestrebte Kooperation mit der Leibniz-Gemeinschaft zu dem Forschungsverbund Science 2.0, da war es eigentlich nahe liegend, dass die Leibniz-Gemeinschaft auch auf uns zugegangen ist. Und Mitte Februar gab es einen Kickoff dieses Forschungsverbundes in Hamburg. Da wurde deutlich, dass einerseits das Wikimedia-Movement als solches ein Forschungsobjekt sein wird, und zwar nicht nur der Aspekt der Wissensallmende oder Schwarmintelligenz…"

Wikipedia: Schwarmintelligenz ist ein emergentes Phänomen. Kommunikation und spezifische Handlungen von Individuen können intelligente Verhaltensweisen des betreffenden "Superorganismus", d. h. der sozialen Gemeinschaft, hervorrufen.

Barbara Fischer: "...Social Science, diese Stichworte, sondern auch der Social-Media-Aspekt in der Wikipedia. Viele Wikipedianer sehen natürlich die Wikipedia nicht als ein Social-Media-Projekt. Aber hätte es diese Social-Media-Aspekte nicht, würde die Wikipedia überhaupt nicht erfolgreich sein."

Die Wikimedia Deutschland geht auf wissenschaftliche Organisationen zu, und Wissenschaftler gehen auf die Wikimedia zu – Zum Beispiel, um das Editieren, also das Schreiben in der Wikipedia zu lernen, oder die Kontaktscheu zu überwinden. Weil das häufig vorkommt, gibt es dafür einen Namen Marcus Cyron:

"Grundsätzlich heißt das ganze Wikipedian in Residence. Bei mir war das, dass ich ein halbes Jahr beim Deutschen Archäologischen Institut beschäftigt war. Das hat seine Zentrale in Berlin. Aber es hat als größte Archäologische Institution der Welt auch diverse Außenstellen. Und in vielen davon war ich auch, um den dortigen Mitarbeitern Wikipedia ein bisschen näher zu bringen. In Athen, in Rom, Madrid und in Istanbul."

Barbara Fischer: "Ein Wikipedian in Residence ist quasi ein Botschafter, der vermittelnd zwischen den beiden – ich würde fast schon von Kulturen sprechen wollen – zwischen den beiden Kulturen, hier auf der einen Seite die wissenschaftliche Institution, die bestimmte Dinge erstmal als selbstverständlich hinnimmt, zum Beispiel, dass es natürlich darum geht, möglichst primäre Forschungsergebnisse zu publizieren, dass man die Deutungshoheit über diese Ergebnisse gerne behalten möchte..."

Ein Internetvideo. Diese Veranstaltung heißt WikiAcademy. Der Wikipedia-Autor David Ludwig fordert Wissenschaftler dazu auf, in der Wikipedia zu schreiben.

"Es wurde heute schon mehrfach gesagt, dass die Academy eine Veranstaltung ist, die dem besseren Verständnis der Wissenschaft auf der einen Seite und der Wikipedia auf der anderen Seite dienen soll. Die Frage nach dem Verhältnis von Wikipedia und den Wissenschaften ist so alt wie das Projekt selbst, in gewisser Weise sogar älter."

Als vor gut zehn Jahren Jimmy Wales und Larry Sanger das Vorgängerprojekt der Wikipedia gründeten, die Nupedia, orientierten sie sich relativ stark an den etablierten Publikationsverfahren des akademischen Betriebs. Personen konnten nicht einfach ihre Texte online stellen, sondern sie konnten einen Artikel schreiben, ihn einreichen, der wurde dann begutachtet, und wenn er dann für hinreichend befunden wurde, wurde er eben publiziert. Das Problem war, dass sich diese Nupedia relativ schleppend entwickelte. Und erst, als man sich entschloss, den Autoren die Möglichkeit zu geben, ihre Texte direkt, ohne eine vorherige Kontrolle, ein vorheriges "Review" online zu stellen, begann die Inhalts- und die Popularitätsexplosion, die die Wikipedia zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Es ist daher so, dass das Unterlaufen der akademischen Publikationskriterien der zentrale Grund dafür ist, dass die Wikipedia so populär geworden ist.


Marcus Cyron: "Ich kenne Wissenschaftler, bis hin zum Professorenrang, die sagen, die Diskussionen in der Wikipedia finden sie richtig toll, das bringt sie weiter in ihrem eigenen Wissen. Andere können mit der Diskussion überhaupt nicht umgehen. Für die ist das, ja, eine Art Majestätsbeleidigung, wenn da jemand sie anspricht, der vielleicht ein Schüler ist oder eine IP-Adresse, und man nicht weiß, wer es ist. Die brauchen einen Gegenüber von dem sie wissen, was er gemacht hat, wo er es gemacht hat, wo er schon veröffentlicht hat. Also manche Leute brauchen jemanden, der sich wirklich ausweist, als eine Person, die es wert ist, mit der man redet."

Wikipedia: Diskussion Higgs-Boson.
Doc z: Einleitung: Absatz, Gestrafft: für die Einleitung unpassenden Satz raus.
192.41.134.118: Der Spin des Higgs-Teilchen wurde von den Experimenten am CERN noch nicht verifiziert!
Wikipedia: Diskussion Relativitätstheorie:
Ben-Oni: OK, da Sie etwas beratungsresistent sind, will ich jetzt mal unmissverständlich klar machen, was hier Phase ist. Ihr Argument ist falsch, ich habe erklärt warum und Ihr Unverständnis dieser Erklärung offenbart neben fachlichem Unwissen auch Unwillen durch etwas Denkaufwand Ihren Horizont zu erweitern.

GerhardKr: Ich fürchte, Sie haben noch immer nicht verstanden, was ich sagen will. Das Beispiel der Kausalitätsverletzung ist logisch falsch. Damit sind Sie bisher mit keinem Wort eingegangen! Die Beratungsresistenz liegt also auf Ihrer Seite. Wenn Sie meinen, dass Sie falsche Angaben in Artikeln verteidigen müssen, handeln Sie gegen die Wikipedia! Es werden sich gegebenenfalls Mittel und Wege finden, dies zu beenden.

GerhardKr hat die Wikipedia inzwischen verlassen.

Geolina: "Es gibt ganz nette Leute, überdurchschnittlich viele nette Leute, die alle dieses eine Ziel haben, die Qualität dieser Enzyklopädie irgendwie ein bisschen anzuheben. Und dann hat man eben auch welche, das ist wie im normalen Leben, mit denen kommt man einfach nicht klar. Also man braucht einfach nur einen Edit zu setzen, da weiß man genau, da ist einer hinten dran und achtet genau darauf, ob man einen Fehler macht. Das ist ein bisschen nervig, aber das ist halt wie im normalen Leben auch."

Ziko van Dijk: "Ich bin Ziko van Dijk, ich bin Historiker, komme aus dem Ruhrgebiet und wohne und arbeite seit etwa zehn Jahren in den Niederlanden. Mein Promotionsthema war die neutrale Sprache – eine politische Geschichte des Esperanto-Weltbundes."

Wikipedia: Benutzer Ziko. Erster Beitrag 21. August 2003, 21 Uhr 58. Beiträge insgesamt: über 13.000.

Ziko van Dijk: "Ja, es gibt viele Fachwissenschaftler, die schlechte Erfahrungen mit der Wikipedia gemacht haben. Teilweise weil es nun mal Besserwisser gibt, die es nun mal nicht besser wissen. Teilweise auch, weil Fachwissenschaftler nicht immer intuitiv verstehen, dass die Wikipedia eben doch kein fachwissenschaftliches Werk ist. Ich finde das manchmal auch sehr nervig, wenn jemand wider besseres Wissen auf etwas besteht. Aber was soll ich machen? Ich kann ja jetzt nicht sagen: Ich hab das Fach studiert, das heißt, ich weiß jetzt automatisch alles besser als andere. So geht es ja auch nicht."

Barbara Fischer: "Wir empfehlen allen Institutionen und den Mitarbeitern, sich als Benutzer mit ihren Klarnamen anzumelden. Es ist ganz wesentlich, dass die anderen Benutzer, also die Koautoren eines Artikels, klar vor Augen haben: Aha hier ist jetzt ein Mitarbeiter zum Beispiel des Deutschen Archäologischen Instituts, der an dem Institut in Istanbul arbeitet und im Rahmen der Grabungsarbeiten zu Troja hier anfängt zu editieren. Dabei geht es weniger um die Reputation, also dass derjenige gewichtigere Dinge zu vermelden hätte als jemand anderes, sondern es geht darum, sensibel dafür zu sein, wann könnte es zu einem Interessenkonflikt kommen, wann möchte ich als Grabungsleiter zum Beispiel meine supertollen Forschungsergebnisse auch entsprechend in der Wikipedia, die immerhin 20 Millionen Seitenaufrufe pro Stunde verzeichnet, präsentieren? Kann man ja verstehen, dass man das so möchte, ist aber nicht Sinn und Zweck der Wikipedia. Das heißt, da könnte ein Interessenkonflikt lauern. Und um diesen Interessenkonflikt moderieren zu können, ist es sinnvoll, von Anfang an transparent zu machen: Ich bin Grabungsleiter des Deutschen Archäologischen Instituts und veröffentliche in der Wikipedia unter meinem Namen genau zu diesen Themen, in denen ich auch beruflich tätig bin."


Wolfgang Ernst: "Mein Name ist Wolfgang Ernst. Ich begleite den Lehrstuhl für Medientheorien an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Philosophischen Fakultät, wo wir Medienwissenschaft erforschen und lehren. Im Bezug auf die Zeitlichkeit des Wissens unterscheidet sich Wikipedia natürlich dramatisch von der klassischen Wissensbibliothek oder Enzyklopädie, weil nämlich das permanente Updating des Wissens dazu führt, dass das Vertrauen, dass Wissen auch Gültigkeit hat, auch längere Zeit oder gar Generationen lang Gültigkeit hat, natürlich schrumpft."

Früher war Wissensenzyklopädie synonym mit Brockhaus, Herder, Britannica. In Deutschland zeigt nur noch der Brockhaus Flagge, nach einem Fastbankrott eingefahren ins Imperium von Bertelsmann, Gütersloh. Dort lasse ich mir die Versuche zeigen, gegen die Übermacht der freien Enzyklopädie Wikipedia anzukämpfen: immer noch mit Büchern, vor allem aber übers Internet, mit einigen gut bezahlten Redakteuren und vielen freien, ebenfalls bezahlten Autoren, für eine winzige Zielgruppe, und die muss, um dieses Wissen zu lesen, zahlen.

Ulrike Hönsch: "Mein Name ist Ulrike Hönsch, ich bin Germanistin und Hispanistin und die Redaktionsleiterin der Brockhaus Universallexika im Wissen Media Verlag. Der Brockhaus-Wissensservice ist ein neues Produkt, was zurzeit in der Testphase ist. Das ist ein Zugang für wissenschaftliche Bibliotheken, also für Universitätsbibliotheken. Es wird zurzeit von fast allen Universitäten in Österreich und Deutschland getestet, ob sie sich einen Zugang für ihre internen Netzwerke zulegen wollen. Das ist eben speziell für den wissenschaftlichen Gebrauch gedacht."

Schönherr: "Wenn ich diese Seite ansurfe?"

Hönsch: "Als privater Endkunde würden Sie nichts sehen. Die Wikipedia ist eigentlich mittlerweile eine Ansammlung von sehr, sehr vielen Fachlexika. Die Entwicklung ist schon unterschiedlich."

Schönherr: "Aber den Wikipedia-Artikel über Mali könnte ich ziemlich gut vergleichen."

Hönsch: "Ja, gut. Aber bei dem Mali-Artikel hat das natürlich damit zutun, dass es ein extrem langer und sehr gut strukturierter Länderartikel ist. Aber wenn Sie andere Wikipedia-Artikel nehmen, sind sie natürlich von der Informationstiefe schon wesentlich länger. Also wenn ich einen Wikipedia Artikel lese, da steht nicht das schnelle Nachschlagen im Vordergrund, sondern das sehr intensive und auch durchaus zeitlich lange Lesen."

Schönherr: "Können wir mal suchen? Sind Sie hier online?"

Hönsch: "Ja."

Schönherr: "Wir haben jetzt den Artikel 'Polymerase-Kettenreaktion' aufgerufen. Einer der ältesten Artikel, ich glaube er ist von 2001, als die Wikipedia gegründet wurde. Und er ist ordentlich lang, also der Rollbalken recht deutet an, dass es 20 Seiten zum ausdrucken sein könnten."

Hönsch: "Man sieht das auch schon hier vorne an dem Inhaltsverzeichnis, also wir haben hier letztendlich zehn Kapitel und teilweise bis zu sieben Unterkapiteln."

Schönherr: "Das heißt ganz strukturlos ist die Wikipedia auch nicht. Können wir den Artikel gerade mal, nur die ersten zwei, drei Sätze lesen?"

Wikipedia: Polymerase-Kettenreaktion.

Hönsch: "Moment: Die Polymerase-Kettenreaktion, englisch Polymerase Chain Reaction, PCR, ist eine Methode, um die Erbsubstanz DNA in vitro zu vervielfältigen. Dazu wird ein Enzym verwendet, die DNA-Polymerase."

Schönherr: "Danke reicht schon. Und jetzt sind wir im Brockhaus?"

Hönsch: "Exakt."

Brockhaus Wissen: Polymerase-Kettenreaktion.

Hönsch: "Da lautet die Eingangsdefinition: Polymerase-Kettenreaktion, englische Abkürzung PCR, von englisch Polymerase Chain Reaction, von dem amerikanischen Biochemiker K. B. Mullis entwickelte, molekulargenetische Methode zur Vervielfältigung von DNA Abschnitten."


Schönherr: "Und wer sind Sie?"

Wienecke-Janz: "Detlef Wienecke-Janz, Verlagsleiter Wissen Media, verantwortlich für Brockhaus und Bertelsmann-Lexikon. Sie vergleichen Brockhaus Online mit der Wikipedia. Wir haben keine Enzyklopädie, die alle Themenbereiche so tief abdecken könnte, wie es ein offenes Portal wie Wikipedia machen kann. Wir sehen in unserer Beschränkung den großen Vorteil dieses allgemein bildenden Portals. Weil ansonsten bewegen wir uns in einer Uferlosigkeit. Es ist kein Zufall, dass Wissenschaftler, diesem Portal Wikipedia den Rücken zuwenden, weil einfach manches sehr gut, manches sehr schlecht ist."

Ziko van Dijk: "Es ist auch interessant, weil manche klagen dann darüber, dass die Wikipedia gar keine richtige Enzyklopädie sei, weil die Artikel viel zu lang seien. Das hat damit zu tun, dass sie den Brockhaus gewöhnt sind, und da waren tatsächlich nur kurze Artikel. Wenn man weiter in die Geschichte der Enzyklopädien schaut, ist es völlig normal, dass manche Enzyklopädien ganz bewusst sehr lange Artikel hatten, statt das Wissen auf kleine Unterartikel zu verteilen."

Codc: "Mein Name ist Kai Österreich. (Codc) Ich bin in der Wikipedia aktiv seit 2006/2007, bin in der Redaktion Chemie aktiv, von Beruf Diplom-Chemiker. Die Redaktion Chemie ist ein loser Zusammenhalt von Interessierten, weitgehend auch Fachleuten. Über die Hälfte sind von der Ausbildung her Chemiker, und die meisten sind sogar promovierte Chemiker."

Schönherr: "Wozu braucht man ein Portal?"

Codc: "Die Portale sind geschaffen worden, um Interessengruppen zusammenzufassen. Grundsatzdiskussionen zu führen: Wie werden bestimmte Artikel über die Substanz xy aufgebaut? Die müssen vereinheitlicht sein, und dafür gibt es diese Portale und Redaktionen. Wie ein Artikel aufgebaut wird, was in einem Artikel drin steht, wie die Infoboxen aufgebaut sind, was in die Infoboxen an Informationen reinkommt, und was nicht reinkommt."

Schönherr: "Du schreibst auf Deiner persönlichen Seite in der Wikipedia: Wir haben den Brockhaus und andere Konkurrenten vom Markt gefegt. Wir? Wer ist das?"

Codc: "Wir, also die Wikipedia und die Community."

Schönherr: "Du gehst nachher ins Schiedsgericht, weil du Schiedsrichter bist. Was ist der schlimmste Fall?"

Codc: "Die schlimmsten Fälle sind immer die Leute, die ihren POV, also Point of own view, politisch in irgendwelchen extremen Richtungen in die Artikel bringen wollen."

Schönherr: "Und darum geht’s auch heute?"

Codc: "Das darf ich nicht sagen."

Wikipedia-Leitlinie: Der Neutrale Standpunkt ist eines der vier unveränderlichen Grundprinzipien der Wikipedia. Der Neutrale Standpunkt dient dazu, Themen sachlich darzustellen und den persönlichen Standpunkt des Wikipedia-Autors aus Wikipedia-Artikeln herauszuhalten.

Geolina: "Mein Name ist Geolina, ich schreibe in der Wikipedia seit einigen Jahren und komme aus dem Rheinland. Momentan ,muss ich ganz ehrlich sagen, komme ich eigentlich gar nicht dazu eigene Artikel zu schreiben, weil ich mich momentan auf die Neulinge stürze, deren Artikel so ein bisschen gelöscht werden und bin mehr am Artikelaufbau beteiligt. Es ist wirklich so, dass ich momentan glaube, dass es wichtiger ist, noch andere Leute für die Wikipedia zu gewinnen und zu halten, als an eigenen Artikel zu schreiben. "

Schönherr: "Du bist als Geologin professionell tätig, unter einem natürlich ganz anderen, Deinem realen Namen. Wissen denn Deine Kollegen, dass Du in der Wikipedia schreibst und wer Du da bist?"

Geolina: "Nein, nein."

Angelika Mühlbauer: "Mein Name ist Angelika Mühlbauer. Ich arbeite bei Wikimedia Deutschland im Bereich Forschung und Entwicklung. Render, Reflecting knowledge diversity, ist ein Forschungsprojekt, das von der EU im Forschungsrahmenprogramm unterstützt wird. Und Wikimedia Deutschland ist einer von sieben Partnern. Was natürlich sehr spannend ist, Softwaremethoden, Technologien können einfach direkt an unserem Beispiel Wikipedia getestet werden. Und da haben wir gerade für Themen, die gerade in der deutschen Wikipedia gar nicht so stark gesehen werden und bearbeitet werden, beispielsweise einen spanischen Fußballverein herausgefunden, in ganz vielen Sprachen, in Portugal, in der spanischen und italienischen Sprachversion gab es Änderungen zu diesen Artikeln, aber in der deutschen nicht, und wenn man solche Informationen bereitstellen kann und zeigen: Übrigens da sind Änderungen gemacht worden, überprüf doch mal, ob Dein Artikel wirklich auf dem neuesten Stand ist, das wäre doch ganz toll. Big Data ist das große Thema, was wir seit einem Jahr auch hier bei uns im Hause entwickeln, das ist das Wikidata Projekt."


Lydia Pintscher: "Ich bin Lydia Pintscher und mache Community Communication für Wikidata. Wikidata ist ein neues Wikimedia-Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine zentrale Stelle zu sein, um Daten zu speichern, wie zum Beispiel die Länge eines Flusses, die Einwohnerzahl eines Landes, den Bürgermeister einer Stadt – um das dann unter anderem in allen Wikipedien zur Verfügung zu stellen. Das heißt, wenn z. B das statistische Bundesamt neue Einwohnerzahlen für deutsche Städte ausgibt, ist die Idee, dass in Wikidata die Zahl geupdatet wird und dann in allen Artikeln, die diese Zahlen verwenden, auch automatisch geupdatet wird. Das ganze soll über Sprachgrenzen hinweg funktionieren, sodass eben vor allem kleine Wikipedien, die nicht so viele Autoren haben, um sich um eine große Anzahl von Artikeln zu kümmern, um denen die Arbeit ein bisschen zu erleichtern. Darüber hinaus ist unsere Idee, dass dieser Datenschatz auch von vielen anderen genutzt werden kann. Es wird frei zu Verfügung stehen, und schon jetzt beginnen Leute, sehr coole kleine Tools darauf aufzubauen, die diese Daten verwenden. Dann haben wir natürlich auch sehr umstrittene Daten: Wie viele Einwohner hat denn jetzt zum Beispiel Israel? Dazu gibt es auf der Welt sehr verschiedene Meinungen. Und das ist auch OK so, und Wikidata muss damit umgehen und das repräsentieren können. Eine der Grundideen hinter Wikidata ist, dass es nicht darum geht, die Wahrheit abzubilden, sondern es geht darum, abzubilden, was bestimmte Quellen zu einem Thema sagen."

Ziko van Dijk: "Ja, wenn die allermeisten Leute sich fragen, was ist die Qualität der Wikipedia, dann denken die in erster Linie daran: Stimmt das? Ist das richtig? Und da gab es ja Untersuchungen, und man kann sagen, dass in der Wikipedia ähnlich viele Fehler sind wie in gedruckten Enzyklopädien. Obwohl man das gar nicht mehr vergleichen kann, denn Wikipedia-Artikel sind ja meistens viel länger, da vergleicht man Äpfel und Birnen. Die Richtigkeit des Inhaltes – da kann man auch unterschiedlicher Meinung sein, ja, der Fachmann wird das anders sehen als jemand, der sagt: Na ja, es ist richtig genug für den Laien, der es liest. Aber es gibt noch viele andere Qualitätskriterien für eine Enzyklopädie, und das vergessen die meisten Leute. Ganz wichtig ist natürlich: Ist das Wissen so aufbearbeitet, dass ich schnell dasjenige finde, das ich gesucht habe?"

Und die Frauen?

Barbara Fischer: "Das Editieren in der Wikipedia ist recht zeitaufwändig. Und es ist relativ einsam. Also der direkte soziale Kontakt zu den anderen Editoren ist ja eher nicht gegeben. Das finden wahrscheinlich Männer positiver als Frauen."

Autor:
Den Topf Frauen und Wikipedia und Wissenschaft müssen wir, glaube ich, woanders aufmachen. Das Thema ist riesengroß.

Ziko van Dijk: "Auch von Journalisten erwarte ich was: Da gab es den Fall vor ein paar Jahren, da hat der Vatikan einige neue Kardinäle ernannt. Die Pressestelle hat dann kurze Biografien dieser Kardinäle veröffentlicht. Da standen dann so Sätze drin, wie: Kardinal soundso ist sehr umstritten wegen seiner sehr konservativen Ansichten. Das ist jetzt nichts, was ich vom Vatikan erwarten würde, dass er das über seine eigenen Kardinäle sagt. Man fand schnell heraus, dass der Pressereferent faulerweise aus der Wikipedia abgeschrieben hat."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Wissenschaft im Brennpunkt

DatenschutzGehackte Gene

Wie anonym ist der Bürger im Netz? Die Zeit ist reif, einen Schritt weiterzugehen und zu fragen: Wie anonym sind seine Gene im Netz? Tatsächlich ist die genetische Privatsphäre bislang nur unzureichend geschützt.

GravitationskonstanteDie Schwere der Schwerkraft

Die Konstante G beschreibt die Gravitationskonstante. Bisher ist sie nur auf zwei Nachkommastellen beziffert, genauere Ergebnisse würden ganz neue Möglichkeiten etwa in der Quantengravitation eröffnen - aber Physiker verzweifeln daran.

MedizinethikKleine Geschenke

Ein Arzt untersucht eine Patientin.

Sponsoring in Millionenhöhe ist bei Ärztekongressen keine Seltenheit. Auch Patientengruppen oder Journalisten sind Ziele des Pharmamarketings. Doch die Geschenke der Firmen bergen Risiken. Sie können Therapieentscheidungen beeinflussen oder Ergebnisse von Studien verzerren.