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StartseiteKultur heutePariser Schau bringt Fotografie und Bildhauerei zusammen09.04.2014

"Mapplethorpe Rodin"Pariser Schau bringt Fotografie und Bildhauerei zusammen

Auf den ersten Blick könnten zwei Künstler kaum weiter voneinander eintfernt sein: der New Yorker Fotograf Robert Mapplethorpe, der 1989 an Aids starb, und der französische Bildhauer Auguste Rodin. Doch im Musée Rodin finden ihre Werke jetzt auf überraschende Weise zusammen.

Von Kathrin Hondl

Schwarz-Weiß-Aufnahme der Skulptur "Der Denker" aus dem Jahre 1904 des berühmten französischen Bildhauers, Grafikers und Malers Auguste Rodin (12.11.1840 - 17.11.1917). (dpa)
Die Skulptur "Der Denker" von Auguste Rodin (dpa)

Weiter entfernt voneinander könnten zwei Künstler kaum sein: Robert Mapplethorpe – der 1989 an Aids gestorbene, düstere New Yorker Fotograf, der exzessiv lebte und in seinen Bildern oft Sexpraktiken der härteren Art zeigte – und der französische Bildhauer Auguste Rodin, mit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Zeitalter der modernen Skulptur und Plastik begann.

Dass die Werke der beiden jetzt im Musée Rodin zusammenfinden, ist auf den ersten Blick überraschend. Doch Robert Mapplethorpe war ein Fotograf mit bildhauerischen Ambitionen. "Ich sehe die Dinge wie Skulpturen, wie Formen im Raum", sagte er. Mit den Mitteln der Fotografie wollte auch er Skulpturen schaffen, immer auf der Suche "nach der perfekten Form".

"Ein Teil von Mapplethorpes Werk ist sehr schön, sagt Judith Benhamou-Huet, eine der Kuratorinnen der Pariser Ausstellung. Er benutzt eine klassizistische Formensprache. Wenn er zum Beispiel einen nackten hockenden Mann von allen Seiten fotografiert. Um die Struktur dieser sehr schönen Fotografien zu verstehen, muss man sie mit Skulpturen konfrontieren."

Und so sind nun im Musée Rodin Mapplethorpes Bilder des kauernden nackten Manns neben Rodins Skulptur der "femme accroupie", einer kauernden, nackten Frau zu sehen. Die Ähnlichkeit ist frappierend. Ein anderes Aktfoto, "Michael Reed", zeigt einen muskulösen Männerkörper schräg von hinten. Das Licht ist so dirigiert, dass Arme und Kopf des Mannes im schwarzen Hintergrund verschwinden – und er aussieht wie Rodins berühmte Bronzefigur "Der schreitende Mann".

Überzeugende ästhetische Analogien 

Die Ausstellung präsentiert viele solcher Gegenüberstellungen, die die Wahlverwandtschaft dieser so unterschiedlichen Künstler demonstrieren sollen. So benutzten Mapplethorpe und Rodin zum Beispiel beide oft Stoffe, um ihre Figuren zu verhüllen und zu theatralisieren. Mapplethorpe fotografierte und filmte Patti Smith beim Verhüllungsspiel mit weißen Vorhängen. Rodin wiederum verwendete drapierte Stoffe für die Skulpturengruppe "Die Bürger von Calais" oder seine berühmten Balzac-Statuen.

Die ästhetischen Analogien überzeugen. Umso mehr überrascht aber, dass Robert Mapplethorpe nie über das Werk von Rodin oder dessen Bedeutung für seine eigene Arbeit gesprochen hat.

"Mapplethorpe war kein großer Theoretiker, sagt Judith Benhamou-Huet. Er sprach nicht viel über Vorbilder, auf die er sich bezog. Wir wissen also nicht, ob Rodin ihn tatsächlich beeindruckt hat."

Grenzen der Wahlverwandtschaft

Je genauer man dann schaut – auf die unglaublich perfekt inszenierten und ausgeleuchteten Körper der makellos retouchierten Fotografien von Mapplethorpe einerseits und andererseits auf die Skulpturen und Plastiken von Rodin, an denen die Spuren seiner bildhauerischen Arbeit sichtbar geblieben sind und die deshalb bewusst unfertig wirken – desto mehr fallen dann doch grundsätzliche Unterschiede zwischen den beiden Künstlern auf.

Hélène Marraud ist Konservatorin am Musée Rodin und hat die Ausstellung mitkuratiert:

"Mapplethorpe sagt selbst, dass er die pure, die perfekte Form sucht. Bei Rodin ist es das Gegenteil – er kultiviert regelrecht die Spuren, die Spachtel oder Gußformen hinterlassen. Mapplethorpe tilgt solche Spuren. Die Annäherung funktioniert wunderbar auf ästhetischer Ebene, aber der Unterschied ist doch: Rodin steht auf der Seite des Lebens, er feiert das Leben geradezu, während Mapplethorpe eine gewisse morbide Faszination für den Tod hat."

Sowohl Rodin als auch Mapplethorpe waren zweifellos beeinflusst von den Bildhauern der Renaissance, allen voran von Michelangelo.

Mapplethorpes Bilder aber zelebrieren eine klassizistische Kälte, die mit Rodins dynamischer – manche sagen auch "impressionistischer" Bildhauerei wenig gemein hat. Es ist, als ob die menschlichen Körper auf Mapplethorpes Bildern zu Skulpturen erstarrt seien – während die Bronzen von Rodin manchmal wirken, als könnten sie sich bewegen.

Die Grenzen der Wahlverwandtschaft machen das Zusammentreffen von Fotografie und Bildhauerei aber nicht uninteressanter – im Gegenteil. Die Ausstellung ermöglicht einen frischen Blick auf beide Künstler: Mapplethorpe, der skandalumwitterte Underground-Fotograf offenbart sich als Klassiker, und das kunsthistorische Urgestein Rodin einmal mehr als Vorreiter der Moderne.

Die Ausstellung "Mapplethorpe Rodin" ist im Pariser Musée Rodin noch bis zum 21. September 2014 zu sehen.

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