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Startseite@mediasresDie AfD kommt zu gut weg 21.09.2017

Marina WeisbandDie AfD kommt zu gut weg

Medien müssen Rechtspopulisten gar nicht "entlarven", meint unsere Kolumnistin Marina Weisband. Statt die Themen der AfD in den Mittelpunkt jeder Debatte zu rücken, sollte man der Partei besser Fragen zu Bildung oder Umwelt stellen.

Von Marina Weisband

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Die Moderatoren, BR-Chefredakteur Christian Nitsche (l) und WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich (2.v.l.), stehen zusammen mit den Parteivertretern und Spitzenkandidaten (l-r) Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke, Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen, Joachim Herrmann (CSU), bayerischer Innenminister, Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP, und Alice Weidel (AfD) in einem Fernsehstudio in Berlin beim sogenannten "TV-Fünfkampf" der kleineren Parteien. (dpa / Bernd von Jutrczenka)
Unter den "kleinen" Parteien setzt die AfD die meisten Themen (dpa / Bernd von Jutrczenka)
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Sind in letzter Zeit alle völlig verrückt geworden?

Die AfD steht nach letzten Umfragen - ich hasse Umfragen - bei 10-12 Prozent. Und alle schreiben: "Wie konnte es dazu kommen?" Ich möchte ein Puzzlestückchen zum Gebäude der Theorien hinzufügen. Am Montag handelten vier der vier Schlagzeilen auf der Startseite von welt.de von der AfD. Auf Spiegel online waren es drei Artikel von vieren.

Seit Meuthen sich im Juli darüber aufgeregt hat, dass die AfD nicht in genug Talkshows vorkommt, setzt man wieder nach jeder "provokanten" Äußerung AfD-Gesichter in die Runden. Etwa gleichzeitig gingen auch die Umfragewerte wieder nach oben.

Völlige Realitätsverzerrung

Auch das Thema, mit dem die AfD völlig offensichtlich punktet, die sogenannte Flüchtlingskrise, nimmt einen übermäßigen Raum in der Medienlandschaft ein. Das Kanzlerduell verbrachte über 30 Minuten allein mit diesem Themenkomlex. Die Themen Bildung oder Digitalisierung, hingegen, kamen gar nicht zur Sprache.

Böswillig könnte man sagen, dass sich Aufreger gut verkaufen. Das Thema ist emotional und Emotionen generieren Klicks. Ich unterstelle den Redakteurinnen allerdings, dass es nicht darum geht. Man muss ja über das berichten, was für die Menschen zurzeit relevant ist. Worüber sie reden.

Aber hier erzeugt man auch einen Zirkelschluss. Die Menschen reden über das, was sie die ganze Zeit in den Medien hören. Wir haben völlige Realitätsverzerrung. Immerhin sprechen wir hier von etwa 1,2 Millionen Geflohenen, also 1,5 Prozent der Bevölkerung.

Die Themen, die über 40 Prozent der Bevölkerung betreffen, beispielsweise Armut, oder 100 Prozent, wie Bildung oder Hebammen, sind keineswegs proportional repräsentiert.

Es bringt nichts, sie zu entlarven

Journalistinnen sagen, es ist nicht schlimm, der AfD eine Bühne zu geben - sie werden sich darauf selbst entlarven. Aber das ist das Problem mit der AfD. Es bringt nichts, sie zu entlarven. Sie schüren Hass und sie sagen menschenverachtende Dinge. Und ihre Wähler wollen sie nicht trotzdem wählen - sondern deswegen.

Natürlich ist es nicht die Aufgabe der Medien, die Rechtspopulisten klein zu halten, indem man sie totschweigt. Sicher, eine Partei, die bei 12 Prozent in Umfragen steht, sollte, muss eingeladen werden. Aber warum lässt man sie immer zu dem einen Thema reden, mit dem sie Menschen ködern? Warum stellen wir ihnen so selten Fragen zur Umwelt, oder zu Bildung, oder dazu, wie sie mit Armut und Hartz IV umgehen wollen? Ohne dass sie darauf ausweichen, dass alles besser wird, wenn weniger Muslime da sind? Wenn diese Partei in irgendwas zu entlarven ist, dann darin, dass ihr Programm den Menschen schadet, die sich durch ein isoliertes, abgeschlossenes und weißes Deutschland soziale Gerechtigkeit erhoffen.

Positive Zukunftskonzepte fehlen

Und warum fällt die Öffentlichkeit immer wieder auf den dummen Trick herein, irgendwas möglichst Gehässiges und Provokantes zu sagen, um wieder in allen Schlagzeilen zu sein?

Die Krise in der Demokratie und auch der Aufstieg der AfD haben damit zu tun, dass keine Partei mehr positive Zukunftskonzepte präsentieren kann. Und das ist sicher auch eine Verfehlung der großen Parteien. Aber wenn man Bildung gar nicht anspricht und die ganze Zeit über Geflohene redet - vielleicht ist dann die Presse auch mit Schuld?

Ich halte mich normalerweise sehr vorsichtig zurück damit, Journalistinnen ihren Job zu erklären. Ich habe das nicht studiert und ich finde auch nicht, dass sie dafür verantwortlich sind, politisches Agenda-Setting zu betreiben. Aber - der Krieg ist seit 72 Jahren vorbei. Brauchen wir wirklich wieder eine Partei, die eine Minderheit für alles Übel der Welt verantwortlich macht? Im Parlament?

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