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Markige Szenarien

Gwynne Dyer: "Schlachtfeld Erde. Klimakriege im 21. Jahrhundert". Klett-Cotta-Verlag

Von Conrad Lay

Der Mensch, der als Klempner des Weltalls die Natur bekämpfen will - diese Vorstellung ist  geradezu rührend.
Der Mensch, der als Klempner des Weltalls die Natur bekämpfen will - diese Vorstellung ist geradezu rührend. (AP)

Der Militärexperte Gwynne Dyer hat sich das Thema Klimawandel vorgenommen - dass mit den Folgen des Klimawandels geopolitische Verwerfungen einhergehen, die letztlich in einem "Klimakrieg" kulminieren könnten, ist seine ebenso verstörende wie naheliegende These.

Im Jahr 2036 ist die EU unter dem Druck der Massenmigration aus den südlichen Staaten der Gemeinschaft nach Norden zusammengebrochen. Der neu gebildeten Nördlichen Union ist es gelungen, ihre Grenzen gegen weitere Flüchtlinge aus dem von Hungersnöten geplagten Mittelmeerraum abzuriegeln. Süditalien wurde größtenteils von Flüchtlingen aus den nordafrikanischen Ländern überrannt. Spanien, Padanien, also Norditalien, und die Türkei hingegen verfügen über Atomwaffen und versuchen, die nordeuropäischen Länder zu zwingen, ihren Reichtum an Nahrungsmitteln mit ihnen zu teilen.

Was sich wie eine Beschreibung aus einem Science-Fiction-Roman anhört, ist in Wahrheit eines der sieben Szenarien, das Gwynne Dyer in seinem Buch "Schlachtfeld Erde" für die Zeit zwischen 2019 und 2050 entwirft. Üblicherweise beschäftigen sich Naturwissenschaftler mit dem Klimawandel: Welche Auswirkungen dieser aber auf das soziale Zusammenleben der Menschen hat, bleibt meist ausgespart. Wer sich allerdings von Berufs wegen mit solchen strategischen Fragen beschäftigen muss, sind die Militärs. Sie haben in den vergangenen Jahren Modelle möglicher Ereignisse entwickelt, aus denen hervorgeht, wie die innere Sicherheit künftig aufgrund von Überschwemmungen, Hungerkatastrophen, Nahrungsmittelknappheit, daraus resultierenden Flüchtlingsströmen und neuen Formen von Terrorismus bedroht ist. Insofern ist der Militärexperte Dyer der richtige Autor, um die bisher öffentlich wenig thematisierten Folgen des Klimawandels durchzubuchstabieren.

Das Militär zeichnet sich vor allem in den Großmächten, die auf eine lange Geschichte zurückblicken, durch einen tiefen Pessimismus aus: Die Erfahrung hat gelehrt, dass sich Menschen und Nationen unter Stress mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht anständig verhalten werden.

Auch Dyers Buch ist durchgängig von diesem Pessimismus bestimmt, und er geht das Thema ziemlich ruppig und ohne große Skrupel an. Es stehe unstrittig fest, dass die Menschen ihre Nachbarn angriffen, bevor sie verhungerten, meint Dyer. Zur Illustration entwirft er ein Szenario, wonach die Gletscher des Himalajas schmelzen, die dort entspringenden Flüsse nach einigen Jahren kaum noch Wasser führen, und es zu einem Grenzstreit zwischen Indien und Pakistan um die verbleibende Wassermenge kommt. Ein durchaus realistischer Konflikt, den Dyer in seiner düsteren Vision zu einem regionalen Atomkrieg ausweitet.

Sein Pessimismus erstreckt sich auch auf die Möglichkeiten der internationalen Staatengemeinschaft, diesen Entwicklungen gegenzusteuern: Im Grunde sieht der Autor den Zeitpunkt für verstrichen an, die Emissionen von Treibhausgasen weltweit entscheidend zu reduzieren, also etwa bis 2030 um 80 Prozent. Auf die internationale Klimadiplomatie könne man nicht setzen. Dyer schreibt:

Wir haben als Gattung den Punkt kritischer Masse erreicht. Wollen alle Menschen auf dem Niveau des westlichen Standards leben, bräuchten wir drei bis vier Planeten.

Mit einem Umsteuern der Politik rechnet Dyer also nicht. Von einer Veränderung des Lebensstils hält er auch nichts. Das Wort "Energieeffizienz" kommt bei ihm genauso wenig vor, wie der Begriff "Energiewende" - das sind für ihn Schlachten der Vergangenheit. Sein Kommentar:

Kommen Sie mir nicht mit 'umgehenden, umfangreichen Emissionseinsparungen', an Klima-Märchen glaube ich nicht.

Es geht bei dem Militärexperten etwas grobschlächtig, bisweilen auch furchterregend zu. In seiner Verzweiflung setzt Dyer auf die Technik, genauer gesagt: auf den Ausbau der Atomenergie und auf Methoden des sogenannten "Geo-Engineering". Dabei handelt es sich um großtechnische Lösungen, um das Klima der Erde vom Weltall aus zu beeinflussen, etwa indem man Ballons mit Schwefelpartikeln hochsteigen lässt, die die Sonnenstrahlen von der Erde abhalten sollen. Dyer weiß zwar, welche Gefahren für die gesamte Menschheit mit solchen Versuchen verbunden wären, aber das hält ihn nicht ab, zu fordern:

Wir müssen für eine Weile den fatalen Job eines Welt-Wartungstechnikers übernehmen.

Der Mensch, der als Klempner des Weltalls die Natur bekämpfen will - diese Vorstellung ist in ihrer Hilflosigkeit geradezu rührend. Aber sie ist nicht anders zu verstehen als ein verzweifelter Aufschrei! Dyer möchte mit seinem Buch "Schlachtfeld Erde" durch markige Szenarien den Leser aufrütteln, und das mag ihm auch gelingen. Immerhin sollte seine Einschätzung nachdenklich stimmen, dass die globale Kooperation angesichts gehäufter Klimakatastrophen zu bröckeln beginnt. Gwynne Dyer hat ein unbequemes Buch geschrieben, er prophezeit uns einen "langen, bitteren Erfahrungsprozess". Sein Buch ist ein Teil davon.

Conrad Lay über Gwynne Dyer: Schlachtfeld Erde. Klimakriege im 21. Jahrhundert. Erschienen bei Klett-Cotta, 383 Seiten zum Preis von 22 Euro und 95 Cent, ISBN 978-3-608-94611-6.

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