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StartseiteBüchermarktGlutvoll auflodernder Sex-Appeal11.02.2015

Marlene DietrichGlutvoll auflodernder Sex-Appeal

Mit einer kleinen Sensation hat der Zsolnay-Verlag vor Kurzem die literarische Öffentlichkeit überrascht: mit einem biografischen Porträt Marlene Dietrichs, das Alfred Polgar, einer der brillantesten Autoren der Wiener Moderne, Mitte der 30er-Jahre zu Papier gebracht hat.

Von Günter Kaindlstorfer

Die Schauspielerin Marlene Dietrich als Lola-Lola in einer Szene des Ufa-Films "Der blaue Engel" von 1929 (dpa / picture alliance )
Die Schauspielerin Marlene Dietrich als Lola-Lola in dem Ufa-Film "Der blaue Engel" von 1929 (dpa / picture alliance )
Weiterführende Information

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So hat Marlene Dietrich die halbe Welt um den Finger gewickelt: als "femme fatale" mit Berliner Zungenschlag, halb Glamourvamp, halb kumpelhaftes Gör von nebenan. Auch Alfred Polgar, Edelfeder der Wiener Moderne, ist der knisternden Intensität der Dietrich von der ersten Sekunde an verfallen, wie Polgars Biograf Ulrich Weinzierl deutlich macht:

"Er war sicher in sie verliebt, aber das ist jetzt nicht weiter aufregend gewesen. Er hat sie bewundert, er war begeistert von ihrem Können und ihrem Aussehen. 1927 hat er sie zum ersten Mal auf der Bühne gesehen, in Wien, in einem nicht wirklich bedeutenden Kriminalstück namens „Broadway", da spielte sie ein Tanzgirl, „Ruby", aber das war in Wien eine Art Durchbruch für die Dietrich. Er war bezaubert von ihr, aber von ihrer Seite her reichte es natürlich nicht."

Von Anfang an fasziniert

Erotisch vermochte der um dreißig Jahre ältere Polgar bei Marlene Dietrich nicht zu landen, für eine Freundschaft, präziser: Für eine intensive, von gegenseitiger Wertschätzung getragene Bekanntschaft reichte es allemal, erst recht, nachdem der Schriftsteller seinen Lebensmittelpunkt Ende der 20er-Jahre von Wien nach Berlin verlegt hat. Man trifft sich mit Kortner und anderen Bühnengrößen in der Bar des "Hotels Eden" am Bahnhof Zoo, Polgar eignet der Diva Bücher zu, man korrespondiert miteinander. Dietrichs Markenzeichen, das organische Nebeneinander von glutvoll aufloderndem Sex-Appeal und kühler Unbeteiligtheit, fasziniert den Dichter von Anfang an:

"Das Gesicht der Dietrich fesselt durch die eigenartige, fremdartige Harmonie seiner Linien. Kein glattes Wohlbild der Züge, wie es das vom Durchschnittsgeschmack als "schön" bewertete, zu Zwecken der kosmetischen Reklame taugliche Gesicht kennzeichnet. In Marlenes deutschestem Gesicht sind slawische Züge, ist Strenges und Zartes, Energie und Weichheit. Hohe, durchmodellierte Stirne, kräftige Backenknochen über der leicht gehöhlten schattigen Mulde der Wangen. Von Ekstase bis zur vollkommenen Gleichgültigkeit ist dieses Gesicht jeder Expression, vom Hochmut bis zur Demut jedes Charakters, von Teufelei bis zur engelhaften Güte fähig."

Slawische Züge

Alfred Polgar war Marlene Dietrich verfallen, wohl auch in amouröser Hinsicht, die Dietrich schätzte vor allem den SCHRIFTSTELLER Polgar, wie des Autors Biograf Ulrich Weinzierl betont:

"Polgar gehörte zu Marlene Dietrichs Lieblingsautoren. Sie hat bewundert seine Kritiken und Feuilletons bewundert, und es gibt eine ganze Reihe von Bänden Polgars, die er ihr gewidmet hat."

Nach der Machtergreifung der Nazis - Marlene Dietrich hat Hollywood schon Anfang der Dreißiger im Sturm erobert - flieht Alfred Polgar zunächst nach Wien und später nach Frankreich. Es geht ihm dreckig, wie den meisten Emigranten: kein Geld, kaum Veröffentlichungsmöglichkeiten und die ständige, berechtigte Angst vor einer deutschen Invasion. In dieser Situation wird Marlene Dietrich, über die Vermittlung eines gemeinsamen Schweizer Freundes, von den USA aus für Polgar tätig.

"Sie hat sofort einen Scheck auf 500 Dollar ausgestellt und geschickt, das sind immerhin heute zwölf- oder dreizehntausend Schweizer Franken."

Biografie wird nicht publiziert

Eine noble Geste. Marlene Dietrich, Antifaschistin bis in die letzte blondierte Haarspitze hinein, hat Alfred Polgar wie vielen anderen Exilanten immer wieder unter die Arme gegriffen: mit Geld, mit Kontakten, mit Protektion. Polgar revanchiert sich auf seine Weise. 1937 nimmt der Schriftsteller eine Dietrich-Biografie in Angriff, eine Auftragsarbeit des Wiener Verlags Wilhelm Frick. Allein, der Text, 1938 vollendet, wird nie publiziert. Nach dem "Anschluss" Österreichs und Polgars Flucht nach Frankreich und später in die USA findet sich kein Verlag mehr, der das Projekt realisieren würde. Erst heute, ein Dreivierteljahrhundert nach ihrem Entstehen, erblickt Polgars Monografie das Licht der Öffentlichkeit. Herausgeber Ulrich Weinzierl:

"Dieser Text ist einerseits eine poetische Analyse des Phänomens Marlene Dietrich, andererseits ist es selbstverständlich eine Hommage: Alfred Polgar hat Marlene Dietrich bewundert, er war fasziniert von ihr."

Hommage an Marlene Dietrich

Knapp siebzig Druckseiten umfasst Polgars Marlene-Hommage, der längste Text, den der „Meister der kurzen Form" je zu Papier gebracht hat. Polgar glänzt auch in diesem Auftragswerk als stilistischer Elegant.

"Marlene filmt. Sie filmt die elegante Verführerin, deren Lieblingsspaziergang der über Leichen ist, den Vampir, abgekürzt: Vamp, auf schwellende Kissen hingeschlängelt à la serpent, der Gentlemen das Blut oder zumindest das Geld aussaugt, kurz die so unwiderstehliche wie kalte und böse Frau, bei deren Anblick das Männerherz an das Frackhemd klopft wie das Schicksal an die Pforte."

Während der Arbeit an seiner Biografie hat Alfred Polgar die Dietrich zwei Mal zu längeren Interviews getroffen, wie er in seiner Biografie berichtet, zum Beispiel im Sommer 1937 in St. Gilgen am Wolfgangsee, wo sich die Diva zusammen mit ihrem Mann, der Liebhaberin ihres Mannes und ihrem eigenen Liebhaber Douglas Fairbanks jr. für einige Wochen in der rustikalen Pension „Schweizerhaus" eingemietet hat. Marlene Dietrich brachte im Kuhstall ihres St. Gilgener Vermieters nicht nur mit eigenen Händen ein Kalb zur Welt, wie Polgar bewundernd reportiert, die Aktrice soll im sommerlichen Salzkammergut auch als zupackende Köchin reüssiert haben.

"Sie hat tatsächlich fabelhaft gekocht, und sie hat alle Leute, die sie kannte, gern BEKOCHT. Sie hat auch gern diverse Wohnungen irgendwo aufgeräumt, einfach, weil sie einen Sauberkeitsfimmel hatte. Aber natürlich war sie in Bezug auf ihre engste Familie - ihre Tochter Maria, ihren Mann und dessen Geliebte - sehr anstrengend. Sie war vielleicht auch schrecklich."

Idealisiertes, positives Bild

Mag sein. In Polgars Hommage ist davon mit keinem Wort die Rede. Es ist ein idealisiertes, ein durch und durch positives Bild, das der Wiener Schriftsteller von Deutschlands größter Diva zeichnet. Nicht der Schatten eines Makels fällt auf die göttliche Marlene. Dabei hat sich Polgar, wie Herausgeber Ulrich Weinzierl in seinem Nachwort berichtet, bei der Abfassung des Manuskripts von Herzen gequält, durfte er der spendablen Mäzenin biografisch doch keinesfalls in den Rücken fallen, zumindest glaubte er das. "Eine bittre, schwere Arbeit" sei das Schreiben des Marlene-Buchs, hat Polgar des öfteren geklagt, er müsse sein "obstipiertes Hirn" immer wieder dazu nötigen, "unter Krampferscheinungen Geeignetes von sich zu geben".

Dass Alfred Polgar sich mitunter in die Gefilde höheren Tratsches vorwagt, mag die Krampferscheinungen in des Dichters Gehirn noch verschlimmert haben:

"Es ist unrichtig, dass Marlene, um abzunehmen, sich nicht nur das Essen, sondern auch den Schlaf versagt. Sie schläft. Viel und gern. Unter den Kopfkissen, die sie benützt, befindet sich ein gutes Gewissen. Das nimmt sie auch auf alle ihre Reisen mit. Es stimmt, dass sie Luftbäder für ein wichtiges Mittel der Hautpflege hält. Ebenso das Frottieren der Haut mit Bürsten und Frottiertuch. Auf das "make up" legt sie großen Wert, besorgt aber das meiste der kosmetischen Arbeit an sich mit eigener Hand."

Geistvoll, ironisch und voll federnder Leichtigkeit - so kommt Alfred Polgars feuilletonistische Hommage an Marlene Dietrich daher. Mit der Entdeckung dieses Manuskripts wird man die Biografie der Dietrich nicht umschreiben müssen – einige faszinierende neue Facetten, vor allem im Hinblick auf die Frühzeit der Diva, fügt Polgars poetische Huldigung dem Bild der Dietrich allerdings durchaus hinzu.

Alfred Polgar: "Marlene - Bild einer berühmten Zeitgenossin"
Hrsg. von Ulrich Weinzierl, Zsolnay-Verlag, Wien, 156 Seiten, EUR 18,40.

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