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StartseiteHintergrundDas Schicksal der Berber19.11.2013

MarokkoDas Schicksal der Berber

Die marokkanische Tourismusbehörde wirbt mit ihr: der Berber-Kultur. Doch die Regierung tut wenig für die Berber im Land. Das Volk lebt in Armut - viele Dörfer im Gebirge haben weder Strom noch Wasseranschluss. Wer hilft, sind ausländischen Hilfsorganisationen.

Von Alexander Göbel

Ein Mann mit Turban (Marion Trutter)
Die Berber müssen um den Erhalt ihrer Kultur kämpfen (Marion Trutter)

In der Oase Fint, versteckt in der unzugänglichen Steinwüste zwischen Ouarzazate und den mächtigen Gebirgsketten des Atlas, wird Hochzeit gefeiert. Sogar eine doppelte: Rachid und Mohamed werden heiraten. Ihre Bräute sind zwei Mädchen namens Midoua und Fatima. Ihre Eltern haben die Hochzeit arrangiert. Von den Hochzeitspaaren ist jedoch nichts zu sehen: Bis zur Zeremonie spät in der Nacht dürfen sie sich nicht draußen zeigen – und ausländischen Besuchern schon gar nicht. Rabia, die Mutter von Rachid und Mohamed, ist schon ganz aufgeregt.

"Ich bin sehr, sehr glücklich, dass meine Söhne heiraten. Sie machen mich sehr stolz! Ich habe fünf Kinder - drei Töchter und die beiden Söhne – und mit dieser ersten Hochzeit beginnt nun eine neue Zeit. Ich bekomme sozusagen zwei neue Töchter, und die werden mir hier bei der Arbeit viel helfen können, im Haus und auf dem Feld. Und ich freue mich sehr auf die Enkel, die dann hoffentlich bald kommen."

Draußen vor dem Haus sitzen Männer aus dem Dorf, viele von ihnen unrasiert, mit löchriger Kleidung und nur noch wenigen Zähnen. Sie haben sich auf Bastmatten niedergelassen, trinken Tee und reden. Die Gespräche kreisen um die wichtigen Dinge des Lebens: um Ernten, Kinder, Tiere, Krankheiten. Zwei große Rinder wurden geschlachtet, um bei dem Fest alle Gäste sattzubekommen. Rinderfüße, Pansen und andere Eingeweide liegen draußen direkt vor der Eingangstür von Rabias Haus. Kinder spielen mit den Schlachtresten.

Hochzeitsvorbereitungen sind Frauensachen

Drinnen laufen jetzt die Vorbereitungen auf Hochtouren – und die ist bei den Berbern Frauensache. Einige rühren am offenen Holzfeuer in großen Suppentöpfen, andere bauen Türme von Geschirr auf, nutzen die Zeit zum lautstarken Palaver. Hände und Füße der Frauen sind mit Henna bemalt, viele tragen Lidschatten aus geschwefelter Kohle; auf der Stirn oder am Kinn sind traditionelle Tätowierungen zu sehen: geometrische Formen, die auf die Stammeszugehörigkeit verweisen oder Fruchtbarkeit darstellen: mystische Zeichen und Symbole aus einer anderen, fernen Welt. 

"Bei diesen Festen ist es Tradition, dass man das ganze Dorf einlädt: die Nachbarn und auch all diejenigen, die nicht zur Familie gehören. Alle bekommen etwas zu essen und zu trinken. Manchmal gibt es Couscous oder, für die Gäste außerhalb des engsten Kreises, das Schmorgericht Tajine. Morgens bekommen alle Reis mit selbstgemachter Butter - und natürlich Minztee. Wir werden mit allen Familien aus der Oase feiern, das sind insgesamt um die 120 Menschen. Erst essen die Männer, dann ein paar Stunden später die Frauen. Es wird viel getanzt und gesungen. Das Fest wird vier Tage dauern."

Vier Tage, in denen die Menschen in den Dörfern ihre Sorgen vergessen und das Leben feiern. Ein archaisches, beschwerliches Leben, das im Atlas weniger von Festtagen geprägt ist als von harter Arbeit.

Die Wiege der Teppichkunst

Taguengoute, das 500-Seelen-Nest am Fuß der großen Berggipfel des Hohen Atlas, liegt mitten im Nichts – eine Tagesfahrt südlich der Oase Fint. Das Dorf könnte keinen passenderen Namen tragen. Taguengoute heißt im Berberdialekt Tachelhit nichts anderes als "Leg Dich schlafen". Der Ort ist umzingelt von Zweitausendern, die Sonne hält sich hier nicht allzu lange.  Auch hier wird hart gearbeitet, auch hier sind es die Frauen, die das Geld nach Hause bringen. Taguengoute gilt als die Wiege der Teppichkunst der Berber. Arkouia kniet auf dem Boden. 70 Jahre ist sie alt, vielleicht. Mit ihren knochigen Fingern bearbeitet sie Berge frisch geschorener Schafswolle mit einem Kamm.

"Ich muss die Wolle erst mal bürsten, immer wieder von vorne, damit sie sauber wird und geschmeidig und damit wir sie überhaupt zu Wollfäden spinnen können. Die Wolle wird dann gefärbt, und dann arbeiten wir damit am Webstuhl. Irgendwann werden dann Teppiche daraus."

Teppiche gehören zur Kultur der Berber wie Minztee, Schmuck und Musik. Sie sind Schlafunterlage, Wand- oder Bodendekoration, sogar Kleidungsstück – je nach Region. Überall gilt für die Berberteppiche: Mit ihren meist dreieckigen, geometrischen Formen und den Fruchtbarkeitssymbolen verraten sie viel über die uralte Geschichte und die Herkunft der jeweiligen Stämme. Und sie verraten viel über die anstrengende Arbeit:

"Wenn mir junge Frauen helfen und wir uns die Arbeit teilen, dann sind wir schneller. Dann können wir einen mittelgroßen Teppich von zwei, drei Quadratmetern in zwei Wochen schaffen, sofern die Muster nicht zu kompliziert sind. Wenn ich allein arbeite, brauche ich mindestens einen oder zwei Monate."

Naima hat viel bei Arkouia gelernt. Naima ist Ende 20 und sie trägt ihren dreijährigen Sohn auf dem Arm. Ihr Mann hat sie verlassen, als sie schwanger war – das Teppichhandwerk war ihre Rettung.

"Allah, sei Dank habe ich gelernt, wie man Teppiche knüpft. Ich bin stolz darauf, und ich werde uns schon irgendwie durchbringen."

Verfolgung und Unterdrückung

Die Berber gelten als die „Ureinwohner“ Nordafrikas. Bevor die Phönizier, die Römer, die Araber, Vandalen, Franzosen, Spanier und andere Eroberer in die Küstenregionen des Mittelmeers kamen und den abschätzigen Begriff des „Barbaren“ prägten, waren diese sogenannten Berber schon längst da: in Libyen und Ägypten, im Niger, in Mali und vor allem im Maghreb.

Im Königreich Marokko machen die Berber bis heute mehr als zwei Drittel der Bevölkerung aus. Bei den Touristen wirbt Marokko als Urlaubsland überall mit dem Mythos der Berber – ihr Kunsthandwerk ist eine Marke, mit der sich viel Geld verdienen lässt. Doch in Wahrheit hat die Wertschätzung für die Berber ihre Grenzen. Kolonialismus und Arabisierung haben den Berbern sehr zugesetzt. Ihre Kultur und Sprache wurden an den Rand gedrängt. Das galt für die Zeit, als Frankreich und Spanien Marokko als sogenanntes Schutzgebiet unter sich aufgeteilt hatten, und erst recht nach der Unabhängigkeit Marokkos 1956. Das Königreich wurde zum zentralistischen Staat, ethnische Vielfalt galt nicht als Reichtum, sondern als Bedrohung.

"Bis in die 90er Jahre hinein hat es der Staat nicht verstanden, die Berber zu integrieren. Der marokkanische Staat hat sich seit der Unabhängigkeit in den 50er Jahren als jakobinisches Modell entwickelt: eine Gesellschaft, eine Kultur, eine Sprache. Es sollte ein Einheitsstaat sein, der keine Vielfalt akzeptiert, ja: der Vielfalt sogar als Bedrohung empfindet. Es war ein großer Fehler, die Kultur der Berber nicht viel früher zu respektieren und zu integrieren. Denn diese Vielfalt ist historisch ein Wert an sich, sie ist sehr nützlich und wichtig – erst recht für Marokko."

Lange hat es gedauert, bis die marokkanischen Berber, die Imaziren, politisch und gesellschaftlich überhaupt wahrgenommen wurden.

Das Berber-Alphabet wird schriftlich fixiert

Als König Mohammed VI. Ende der 90er-Jahre den marokkanischen Thron bestieg, erkannte er bald: Die ethnische Patchwork-Gesellschaft könnte am Ende Opfer dieser jahrzehntelangen Ignoranz werden und auseinanderfallen - in eine aufgewertete arabische Kultur und eine vernachlässigte Kultur der Berber, deren Aktivisten immer lauter wurden und die blau-grün-gelben Berber-Fahnen schwenkten. Der König reagierte: Das Berber-Alphabet Tifinagh mit seinen uralten, phönizisch anmutenden Zeichen wurde schriftlich fixiert und international anerkannt, die so genannte „Berberität“ Marokkos ist sogar in der neuen Verfassung verankert. Für den Wissenschaftler Ahmed Skounti ist das ein wichtiger Schritt. Denn seiner Meinung nach gibt es keine marokkanische Identität ohne das Bekenntnis zur Identität als Berber.

"Marokkanität und Berberität – das sind für mich zwei Seiten einer Medaille. Mittlerweile haben wir erkannt, dass es sich um ein- und dieselbe Kultur handelt, die sich eben in ganz verschiedenen Sprachen ausdrückt."

Wie in den Nachbarländern haben sich auch die marokkanischen Berber ihre Traditionen ebenso bewahrt wie ihren kämpferischen Stolz als einstige Rebellen gegen die Fremdherrschaft. Selbst im Hohen Atlas, wo viele Stämme heute als bitterarme Bauern ihr Dasein fristen, bezeichnen sich die Berber als „Imaziren“ – als die „freien Menschen“. Es ist eine archaische Welt, die mit der Moderne ringt.

Berber-Architektur: Häuser aus Felsblöcken gehauen

Das mächtige Atlasgebirge: Über allem thront der Toubkal, mit fast 4200 Metern der höchste Berg Westafrikas. Es ist kühl, die Luft ist selbst in den Tälern dünn, Wolken hängen in den Gipfeln und kämpfen mit der Sonne. Ohne Geländewagen geht hier nichts. Im Zickzack führen steile, notdürftig geflickte Schotterpisten über scharfe Kehren den Berg hinauf und dann wieder hinunter. Sechs Stunden südöstlich von Marrakesch liegt Magdaz. Ein von der Welt vergessener Ort auf 2000 Metern Höhe – ganz am Ende der grünbewachsenen Schlucht, durch die der Tessaout-Fluss hindurch rauscht: Endstation. Die dunkelroten Lehmhäuser von Magdaz schmiegen sich eng an die Felswände. Zeugen einer Welt, die sich seit tausend Jahren nur sehr langsam zu bewegen scheint – und trotz aller Stärke doch sehr zerbrechlich ist. Die turmähnlichen Häuser bestehen aus gehauenen Felsblöcken und torché – einer Mischung aus Lehm und Stroh. Die Berber-Architektur kommt ohne Zement und ohne Klimaanlagen aus. Auf wenigen Dächern stehen Satellitenschüsseln – und Solarpaneele.

Männer arbeiten an porös gewordenen Mauern, dichten sie ab, bereiten sie vor auf die schweren Regenfälle im Herbst und auf den ersten Schnee. Im Winter ist Magdaz oft von der Außenwelt abgeschnitten. Frauen schleppen Feuerholz aus dem Wald ins Dorf, tragen Körbe mit Mais, Weizen, Gerste und Okra-Schoten in die Kornspeicher. Magdaz ist mit seinen rund 800 Einwohnern das Zentrum des Stammes der Ait Attik – ihr uraltes Territorium dehnt sich noch auf fünf weitere Dörfer aus. Orte mit magischen Namen wie aus einer anderen Welt: Ait Hamza, Ait Ali n’Ito, Fakhour, Tifticht, Imziln.

Geschichten aus längst vergangenen Tagen

Lahcen Ait Hassou ist der fqih von Magdaz – der Koranlehrer. Er sei Ende 60, sagt der gebrechliche Mann mit den weichen Augen und dem schwarzen Burnus. Doch er sieht aus wie 80. Von seinen Zähnen sind nur noch Stümpfe übrig – was ihn vom Erzählen nicht abhält.

"Die Ait Attik waren Nomaden, die eigentlich aus Syrien stammen. Es war ein sehr zielstrebiger, ein sehr kämpferischer Stamm. Die Mitglieder haben ihre Familien und ihren Besitz immer mit allen Mitteln verteidigt: gegen die Stürme des Winters, gegen die Dürre, aber genauso wie gegen Eindringlinge und Eroberer. Schau Dir die Kornspeicher da drüben an, die Kasbahs, sie haben eingebaute Erker, die als Wachposten dienten. Männer und Frauen gleichermaßen waren als Patrouillen abgestellt. Und wenn Feinde angreifen wollten, wurden sie auch schon mal mit Lanzen beworfen oder mit kochendem Öl übergossen."

Sie lieben Lahcens alte Geschichten und hören andächtig zu - die Männer, die sich jeden Abend zum Sonnenuntergang auf einer Anhöhe versammeln, auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfes. Langsam strömt die kühle Luft von den Gipfeln ins Tal. Die rostbraunen Lehmhäuser von Magdaz werden eingerahmt von den Bergketten – und leuchten jetzt in goldenem Herbstlicht.

Die Idylle trügt

Die Männer blicken ins Tal – die Abendstimmung macht sie noch wortkarger, als sie ohnehin schon sind. Ihr Paradies liegt genau hier: zwischen Himmel und Erde. Zumindest auf den ersten Blick. Uhren gibt es hier nicht. Wozu auch, fragt Mohamed El Nassiri, der Enkel des Bürgermeisters von Magdaz: Es sind die Jahreszeiten, die den Rhythmus des Dorfes bestimmen, die Ernte, die Sonne, der Mond, die Sterne. Oder das Krähen des Hahns, der Ruf des Muezzins, der Tod und die Geburt neuen Lebens.

"Wir leben mit der Natur. Wir sind füreinander da, wir helfen uns gegenseitig. Wenn ich einmal nicht in den Bergen bin, bekomme ich sofort Heimweh. Hier oben ist Frieden."

Doch die Idylle trügt. Mohamed trägt Badelatschen mit löchrigen Socken, dazu einen braunen Burnus, darunter eine blaue Trainingshose. Seine Hände sind schwarz, er kommt gerade von der Walnussernte. Den ganzen Tag hat er mit seinen Söhnen im Tal Nüsse gesammelt und in große Säcke gefüllt. Die Atlasdörfer waren einmal berühmt für ihre Walnüsse. Doch das Geschäft läuft sehr schlecht. 

"Wir haben hier sehr viele Probleme. Wir haben kein fließendes Wasser, keinen Strom, wir sind arm. Manche Familien haben keine zehn Dirham am Tag. Wir haben hier Walnüsse und Mais, wir könnten viel mehr verkaufen, wir könnten viel mehr Vieh züchten, damit sich die Plackerei überhaupt lohnt. Aber wir sitzen auf Mauleseln, und wir leben von der Hand in den Mund. Niemand kann hier etwas sparen. Wir haben nicht das Geld, um Läden aufzubauen, wir haben keine Autos, um unsere Produkte zum Markt bis nach Demnate zu bringen, eine Tagesfahrt von hier. Wir können auch nicht zwei, drei Jahre warten, bis sich eine Viehzucht rentiert. Seit Jahren liegen wir dem Staat in den Ohren, um etwas für uns zu tun – und wenn es nur eine Straße ist. Stattdessen sind es ausländische Hilfsorganisationen, die uns unterstützen."

Tatsächlich sind es französische und spanische Organisationen, die seit Jahren daran arbeiten, endlich Strom- und Wasserleitungen nach Magdaz zu verlegen. Ein Verein aus Bordeaux hat vor ein paar Jahren eine Schule gebaut und auch die erste und einzige Krankenstation: Dort ist eine französische Krankenschwester samt Dolmetscherin für 8000 Menschen zuständig. Krankheiten gibt es viele – nicht nur wegen der Mangelernährung. Bis heute wird in Magdaz der Müll einfach verbrannt, wenn er nicht aus dem Fenster geworfen wird und dann in den Gassen liegen bleibt. Mütter und Kinder sterben oft während der Geburt. Das nächste Krankenhaus ist mit dem transport commun, dem Sammeltaxi, sechs Stunden entfernt – wenn es überhaupt kommt.  Es scheint, als reiche der Mythos der Berber von Magdaz längst nicht mehr über die Bergketten des Tessaout-Tals hinaus. Doch für Mohamed ist der Stolz der Berber ungebrochen. Sie seien damals die besten Krieger im Kampf gegen die Kolonialherren gewesen, erzählt er, schließlich hätten furchtlose Rebellen wie Abd el-Krim al-Khattabi im Rifgebirge noch in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts die Spanier das Fürchten gelehrt. Und als Krieger, setzt Mohamed nach, fühlten sie sich heute noch. Besonders hier in den Bergen. Ganz weit weg von denjenigen, die Marokko heute regieren.

"Wir sind freie Menschen, und das ist es, was einen Berber auszeichnet. Es gibt einen Musiker aus der Kabylei, aus der Berber-Region in Algerien, der hat einmal gesungen: 'Ich bin geboren, um in den Bergen zu leben, um frei zu sein wie ein Tiger.' Genau darum geht es – wir sind Imaziren, wir sind frei, die Berge sind unsere Stufen zum Himmel. Dass meine Kinder im Winter frieren müssen, weil wir kein Geld für Schuhe haben – das macht mich wütend, auch auf diesen Staat. Aber das hält uns nicht davon ab, stolz zu sein."

Was wichtig ist im Leben, fragt sich Mohamed. Besitz? Reichtum? Und was bedeutet eigentlich Glück? Glück, antwortet er, ohne lange zu überlegen, das seien die Berge. Und die Kinder.

 

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