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StartseiteBüchermarkt"Schwarze Hefte" mit braunen Flecken20.03.2014

Martin Heidegger"Schwarze Hefte" mit braunen Flecken

Wie lange bewegte sich Martin Heidegger im Fahrwasser der nationalsozialistischen Bewegung? Schwamm er nur mit? Oder ist er der Philosoph des Nationalsozialismus par excellence? - Das sind die Fragen, die sich nach der Publikation der ersten drei Bände der "Schwarzen Hefte" deutlicher als je zuvor stellen.

Von Ruthard Stäblein

Undatierte Aufnahme des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889-1976). (picture alliance / dpa)
Undatierte Aufnahme des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889-1976). (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

Philosophie | Antisemitismus-Debatte um Martin Heidegger (Deutschlandfunk, Kultur heute, 23.01.2014)

"Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Die Gefahr ist nicht er selbst - sondern daß er verharmlost wird in eine Predigt des Wahren, Guten und Schönen (so an einem Schulungsabend)."

Das schreibt der deutsche Philosoph, der so gerne als Schwarzwaldbub in die Ecke gestellt wird, in Schönschrift in eines seiner 32 Wachstuchhefte. Heidegger empört sich darüber, dass sich die Nazis auf Goethe und Schiller berufen und ihm die bürgerlichen Werte des Abendlandes vorhalten.

"Natürlich ist das eine Überbietung, er war noch mehr als ein Radikaler."

So formuliert es sein französischer Übersetzer und Herausgeber Francois Fédier. Martin Heidegger wird im April 1933 Rektor der Freiburger Universität. Einen Monat später hält er seine feierlich-fürchterliche Rede: "Die Selbstbehauptung der deutschen Universität". Er will die deutsche Studentenschaft in die deutsche Volksgemeinschaft einbinden und auf den Führer einschwören. Ein Jahr später gibt Heidegger enttäuscht sein Rektorat auf. In den "Schwarzen Heften" schreibt er, deutlicher als bisher bekannt, den Grund für die Abwendung auf:

"'Die Selbstbehauptung der deutschen Universität' oder - das kleine Zwischenspiel eines großen Irrtums.

Denn seit Jahrzehnten hat sich vorbereitet, was in sein Ziel will:

Die Naturwissenschaften werden völlig technisiert.

Die Geisteswissenschaften werden zu politisch-weltanschaulichen Instrumenten.

Die Medizin wird auch als biologische zur Technik.

...

Und die Universität? - (...) eine traurige Gelegenheit für zu spät gekommene Wichtigtuer."

Heidegger bekennt sich also zu seinem Irrtum des Rektorats, und er begründet seine erste Kritik an den Nationalsozialisten damit, dass sie die Universität auf die Technik und die Biologie ausrichten. Statt einer radikalen Umkehr und einem erhofften Neuanfang der Geschichte, die bei den vorsokratischen griechischen Denkern ansetzen sollte, setzten die Nazis nun auf bürgerliche Werte und auf moderne Technik. Sein deutscher Herausgeber Peter Trawny kommentiert das so:

"Als er gesehen hat, dass diese Revolution mitnichten so radikal realisiert worden ist, von den Nazis, wie er meinte, da hat er doch relativ schnell sich zurückgezogen.

Mit anderen Worten: Die revolutionäre Dynamik der Nationalsozialisten war ihm nicht revolutionär und nicht radikal genug."

Heidegger wollte die Nationalsozialisten gleichsam links überholen, oder besser gesagt, er formulierte in eben diesen "Schwarzen Heften" eine Fundamentalkritik an der Ideologie und an der Herrschaftsweise der Nationalsozialisten:

"Die Technik und ihre Zwillingsschwester - die 'Organisation' - beide (sind) das Gegenläufige zu allem 'Organischen' - treiben ihrem Wesen nach auf ihr eigenes Ende, die Aushöhlung durch sich selbst zu. (...) Wir rüsten im Sinne der Technik und der Organisation (in einem gesagt: wir rüsten für die Machenschaft).

...

Auf das Ende zu rüsten auch jene, die etwa das Volk 'biologisch' - züchterisch aufzüchten wollen."

Hier ist es gefallen, das Wort, das sich wie ein roter Faden durch die Schwarzen Hefte zieht: die Machenschaft. Heidegger versteht darunter die Ausrichtung der Welt auf die rationale Zweckmäßigkeit. Dieses Vernunftdenken, diese "Metaphysik", die sich als "Meta" über die Physis, also über das Sein erhebt, und sich über die Natur erhaben fühlt, hat schon bei den Griechen eingesetzt. Seitdem sich der Mensch in den Mittelpunkt der Welt gerückt hat, mit der Neuzeit, wird es deutlicher. Seitdem der Franzose Descartes gesagt hat: "Ich denke, also bin ich", behauptet sich das Subjekt als Herrscher über die Welt. Und seit der Moderne formiert sich diese "Machenschaft" als Fortschritt durch Technik.

In Heideggers Sprache ausgedrückt. Man vergisst, die Frage nach dem Sein zu stellen und lässt sich von dem Seienden bestimmen. Auch die Nazis mit ihrer Blut-und-Boden-Ideologie bezieht Heidegger in den "Schwarzen Heften" in diese fundamentale Kritik mit ein:

"Wenn der Mensch sich als Subjektum setzt, (...) wenn das Biologische nur auf das Blutmäßige als das eigentlich Vorhandene 'konzentriert' wird (...) wie aber soll (dann) von hier aus auch nur die Ahnung einen Anklang finden, daß der Mensch sich verwandeln könne und müsse und daß dies Verwandlung aus dem Seyn selbst kommen müsse."

Von den Nationalsozialisten erwartet Heidegger zunehmend seit 1934 keine radikale Umkehr mehr, keine Verwandlung des Menschen. Er verschiebt die Revolution, den neuen Anfang auf die ferne Zukunft, auf die Ankunft eines kommenden Gottes, den man "erharren" müsste.

Aber Heidegger zählt zu den "Machenschaften" neben den Nationalsozialisten, die ihre Macht nur durch Technik, Organisation und Rassezucht ausüben wollen, auch das Judentum. Durch die Fähigkeit zum Rechnerischen, allgemeiner zum rationalen Berechnen, durch ihre Berechnung, sind die Juden die Antreiber der Moderne, der Machenschaften:

"Die zeitweilige Machtsteigerung des Judentums hat darin ihren Grund, daß die Metaphysik des Abendlandes, zumal in ihrer neuzeitlichen Entfaltung, die Ansatzstelle bot für das Sichbreitmachen einer sonst leeren Rationalität und Rechenfähigkeit. ... Je ursprünglicher und anfänglicher die künftigen Entscheidungen werden, umso unzugänglicher bleiben sie dieser 'Rasse'."

Diese Stelle aus den "Schwarzen Heften" bezieht sich auf Edmund Husserl. Husserl war der Lehrer von Heidegger. Er verschaffte ihm die Professur in Marburg. Heidegger ließ den Juden Husserl 1933 fallen wie eine heiße Kartoffel. Der Herausgeber Peter Trawny kommentiert die Stelle:

"Wir kennen den rechnenden, den schachernden Juden, der hinter´s Geld her ist. Diese Stereotypen werden aufgenommen, aber philosophisch transformiert. Es geht um die Frage nach dem sogenannten rechnenden Denken. Heidegger ist der Auffassung, dass es der Geistesart der Juden entspricht. Und hier verrechnet er Husserl auch unter diesem rechnenden Denken. Offensichtlich da auch in Verbindung mit der jüdischen Herkunft Husserls."

Antisemitische Schmiererei an einem geschlossenen Geschäft während der Nazi-Diktatur (dpa / picture alliance)Antisemitische Schmiererei an einem geschlossenen Geschäft während der Nazi-Diktatur (dpa / picture alliance)

Nun lassen sich in den "Schwarzen Heften" noch deutlichere antisemitische Äußerungen von Heidegger finden:

"Das Weltjudentum, aufgestachelt durch die aus Deutschland hinausgelassenen Emigranten, ist überall unfaßbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkes zu opfern."

Peter Trawny, der Herausgeber der "Schwarzen Hefte" erklärt die Stelle:

"Ich behaupte nun, dass der Antisemitismus von Heidegger durch diese 'Protokolle der Weisen von Zion' beeinflusst ist. Das ist die Quelle des modernen Antisemitismus. Hitler, Rosenberg haben das kommentiert, obgleich alle wussten, es handelt sich um eine Fälschung. Ich behaupte auch nicht, das Heidegger das gelesen hat. Er muss es auch nicht gelesen haben. Die antisemitische Propaganda des NS war voll davon, dass es dort in Manhattan eine anonyme Geldmacht gibt, die alles kontrolliert."

Während sich der französische Übersetzer Francois Fédier gegen den direkten Einfluss der "Protokolle von Zion" auf seinen Meisterdenker verwahrt, wird der französische Heidegger-Kritiker Emmanuel Faye noch deutlicher:

"In den 'Schwarzen Heften' sehen wir, dass Heidegger die Verantwortung für den 2. Weltkrieg dem Weltjudentum zuweist. Das ist nun eine beunruhigende Auffassung. Man ahnte kaum, dass Heidegger so weit gehen könnte in der 'Verjudung' des Weltkriegs. Es ist dasselbe Phantasma wie bei den Hitleranhängern."

Über diese Gleichsetzung von Heidegger mit Hitler ist der französische Übersetzer Francois Fédier entsetzt. Er zitiert aus den "Schwarzen Heften" eine Gegenstelle:

"Anmerkung für Esel: Mit Antisemitismus hat die Bemerkung nichts zu tun. Dieser - Antisemitismus - ist so töricht und so verwerflich wie das blutige und vor allem unblutige Vorgehen des Christentums gegen die Heiden. Da muss man ein wenig arbeiten, aber dafür sind die Esel nicht gut genug geeignet."

So sucht jeder in den "Schwarzen Heften", was ihm passt. Dabei fällt auf, dass die deutschen Kritiker bisher fast nur die wenigen, eindeutig antisemitischen Äußerungen heraus geklaubt haben. Das kommt einem so vor, wie das pubertäre Suchen nach Stellen in Romanen von Henry Miller. Man sucht nach den erotischen Passagen und überblättert den Rest. Sicherlich gibt es in den "Schwarzen Heften" eindeutige, grauenerregende Zitate, in denen der Antisemitismus für eine Fundamentalkritik an der abendländischen Metaphysik benutzt wird. Sicherlich ist das verwerflich, ja geradezu obszön, wie Heidegger rassistische Ressentiments bedient, gegen den rechnenden Juden. Aber muss man daraus den Schluss von Wolfram Eilenberger ziehen:

"Es gibt eine systematische, es gibt eine philosophische Nähe Heideggers zum Antisemitismus, und das ist ein neues und wichtiges Ereignis nicht nur in der Heidegger-Forschung, sondern auch in der Philosophie des 20. Jahrhunderts."

Der Herausgeber des Philosophiemagazins fordert gar, man müsse die großen Nachfolger Heideggers, die Philosophen Emmanuel Lévinas und Jacques Derrida, selbst Heideggers Geliebte Hannah Arendt, alles jüdische Denker, neu lesen, denn sie seien von Heideggers Fundamentalkritik der abendländischen Metaphysik infiziert.

Und die beruhe auf seinem Antisemitismus. Diese Bewertung ist nicht zu halten. Der Antisemitismus taucht zwar zwischen 1938 und 1950 in den "Schwarzen Heften" auf, aber nicht im weiteren Werk, wie der Herausgeber Peter Trawny versichert. Heideggers Kritik an den "Machenschaften", zu denen er das Judentum zählt, kulminiert in der Kritik an der Technik. Diese Kritik entwickelt er in den 50er Jahren weiter. Insbesondere in seinem Aufsatz: "Die Technik und die Kehre". Dort findet er über die Kunst einen Zugang zur Technik. Diesen Weg bahnt er in den "Schwarzen Heften" bereits an.

Seine fundamentale Kritik an der Selbstermächtigung des abendländischen Subjekts braucht keinen Antisemitismus, um weiter zu bestehen. Die "Schwarzen Hefte" offenbaren eine antisemitische Einstellung, sie enthalten braune Stellen, die einen deutlichen Schatten auf die Person von Heidegger werfen. Aber es handelt sich eher um ein Fragezeichen und keinesfalls um den Schlusspunkt seines Werks. Als Abschluss der Gesamtausgabe sind die "Schwarzen Hefte" aber völlig ungeeignet. Sie sind fragwürdig und enthalten doch Fragen, die uns bis heute bewegen. Und Fragen ist bekanntlich nach Heidegger die Frömmigkeit des Denkens.

 

Martin Heidegger: Gesamtausgabe. IV. Abteilung: Hinweise und Aufzeichnungen.

Band 94. Überlegungen II-VI (Schwarze Hefte 1931-1938)
536 Seiten. 58,- Euro.

Band 95. Überlegungen VII-XI (Schwarze Hefte 1938/39)
456 Seiten 48,00 Euro

Band 96 Überlegungen VII-XI (Schwarze Hefte 1939-1941)
456 Seiten 48,00 Euro

Herausgegeben von Peter Trawny
Verlag Vittorio Klostermann 2014

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