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StartseiteInformationen am MorgenErinnerungen an Polizeibrutalität und Rassismus20.01.2015

Martin-Luther-King-Day in den USAErinnerungen an Polizeibrutalität und Rassismus

Am Sonntag war in den USA Martin Luther King Day. Viele Städte feierten den Pastor und Aktivisten mit Festumzügen. In South Los Angeles beteiligten sich an der Kundgebung auch Demonstranten, die unter dem Motto "Black Live Matter" gegen Rassismus und Unterdrückung protestierten - aus aktuellem Anlass.

Von Kerstin Zilm

Martin-Luther-King Parade in Los Angeles (deutschlandradio.de / Kerstin Zilm)
Martin-Luther-King Parade in Los Angeles (deutschlandradio.de / Kerstin Zilm)
Weiterführende Information

Diskriminierung in den USA - "Es ist ein ökonomischer Rassismus"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 29.12.2014)

USA - Schwarze Sportler, weißer Rassismus
(Deutschlandfunk, Sport Aktuell, 01.05.2014)

Ferguson - Umstrittener Polizist quittiert Dienst
(Deutschlandfunk, Aktuell, 30.11.2014)

Ferguson und Cleveland - Schwarz-weiße Bilder von Amerika
(Deutschlandradio Kultur, Kommentar, 29.11.2014)


(Deutschlandfunk, Themen der Woche, 29.11.2014)

20 Grad und Sonnenschein. Mehrere 10.000 Zuschauer am Straßenrand. Sie feuern Bands lokaler Schulen an, schwingen ihre Hüften im Takt, kaufen bei Straßenhändlern Hot Dogs und frittiertes Gebäck. Allerdings: vergitterte Fernster und Türen, vernachlässigte Vorgärten und misstrauische Blicke auf patrouillierende Polizisten sind Zeichen dafür, dass hier in South Los Angeles Kriminalität und Armut nach wie vor zum Alltag gehören - genauso wie Spannung zwischen Bewohnern und Polizei. Im August erschossen Polizisten ein paar hundert Meter südlich einen unbewaffneten jungen Schwarzen.

"Black Lives Matter" -"Schwarze leben zählen" steht auf Schildern einer Gruppe von etwa 60 afroamerikanischen Männern. Sie sind ein scharfer Gegensatz zum bunten Treiben rundherum: schwarze Anzüge, weiße Hemden, ernste Gesichter. Jurastudent Seth Fawler marschiert in der zweiten Reihe.

"Es ist unglaublich zu erkennen, wie wichtig Gesetze sind und wie lässig sie beiseite geschoben werden, wenn es um schwarzes Leben geht. Michael Brown in Furgeson, Eric Garner in New York, Ezell Ford in Los Angeles. Das System funktioniert nicht. Polizisten sollten sich genauso verantworten müssen wie Zivilisten. Ich bin froh, dass diese Forderungen mehr Aufmerksamkeit bekommen und dass ich dazu beitragen kann."

Arbeit und Botschaft von Martin Luther King inspirieren den Studenten. Es frustriert ihn allerdings auch, dass der Kampf gegen Rassismus, Unterdrückung und Polizeibrutalität noch immer geführt werden muss.

"Ein Kampf seit dem Ende der Sklaverei"

"Es ist ja ein Kampf, der tatsächlich mit dem Ende der Sklaverei begann. Dabei wollen wir Schwarzen nur, was alle wollen: Ein besseres Leben für unsere Kinder, Zugang zu guter Bildung und guten Jobs und dass wir uns frei bewegen können, ohne grundlos angehalten und verdächtigt zu werden. Aber: Das ist Amerika und wir sollten das hinkriegen."

Die Parade ist eine bunte Mischung aus Musik- und Militärgruppen sowie lokalen Initiativen - von der Werbung für Blutspenden, AIDS-Hilfe, Obamacare und Steuerhilfe über Kutschen und Cabrios mit lokalen Schönheiten bis zu Wahlkampagnen der Politiker. Dazwischen immer wieder Erinnerungen an Polizeibrutalität und Rassismus.

Auf einem Lastwagen mit dröhnenden Lautsprechern macht eine Gruppe auf die hohe Zahl inhaftierter junger schwarzer Männer aufmerksam.
Eine andere fordert marschierend "Let our children live! Cease fire!" - "Lasst unsere Kinder leben! Feuer einstellen!"

Michael und Deborah verlangen mit Gleichgesinnten eine Volksabstimmung über besseres Trinkwasser für South Los Angeles. Für Michael hat das direkt mit der Tradition von Martin Luther King zu tun.

"Unbedingt! Dafür hat der junge Mann damals gekämpft: Dass wir alle wählen und unsere Meinung sagen können. Alle müssen gleichberechtigt sein! Schwarz, weiß, der ganze Regenbogen! Dass erst nicht alle einverstanden sind, gehört das zum Kampf. Wir müssen danach streben, wenn wir Frieden wollen!"

In Los Angeles leben Menschen aus 140 Ländern

(Kerstin Zilm)Bürger von Los Angeles während einer Protestversammlung nach dem Tod des Afroamerikaners Ezell Ford durch die Schüsse eines Polizisten. (Kerstin Zilm)

Deborah klatscht zustimmend. Die Mittsechzigerin im braunen Kostüm hat Rassentrennung zum ersten Mal erlebt, als sie Verwandte in Louisiana besuchte. In Los Angeles, wuchs sie in einem jüdischen Viertel auf. Ihre Eltern haben afroamerikanische, indische und mexikanische Vorfahren. Bis sie in Südstaaten als Nigger beschimpft wurde und ihre Großmutter ihr einen Baum zeigte, an dem ein schwarzer Junge gehängt wurde, wusste sie nicht, was Rassismus bedeutet.

"Ich kam verbittert aus dem Süden zurück. Diese Schimpfworte! Nicht nur gegen mich, auch gegen Asiaten und andere. Ich habe das nicht ausgehalten und nicht verstanden. Dass nach all dem nun so viele Nationalitäten hier in Los Angeles vertreten sind, ist wunderbar!"

In Los Angeles leben Menschen aus über 140 Ländern. Auch im Festzug sind mehrere Nationen vertreten - eine koreanische Tanztruppe bekommt für ihre bunten Kostüme und filigranen Bewegungen Applaus genauso wie der als Baum verkleidete Künstler "Treeman" aus Venice Beach. Doch die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer ist Schwarz oder hispanoamerikanischer Herkunft. Nur wenige kommen aus anderen Vierteln zur Ehrenparade für den großen schwarzen Bürgerrechtskämpfer nach South Los Angeles.

"Es bleibt viel zu tun"

Direkt gegenüber von Kameras eines lokalen Fernsehsenders schwenkt eine Gruppe Frauen in blauen T-Shirts enthusiastisch Schilder mit der Aufschrift "Black Lives Matter". Sie sind Mitglieder einer Organisation, die sich seit 25 Jahren für Bürgerrechte im Viertel einsetzt. LaRisha Franks erklärt: Die Älteren, die die Bewegung vor 50 Jahren miterlebt haben sind wichtige Mentoren und Zeugen von Geschichte:

"Wer die Nachrichten verfolgt weiß, dass es viel Aufruhr und Frust unter den Jungen gibt. Die ältere Generation lehrt uns die Prinzipien, für die Dr. King stand: Fordere deine Rechte ein, sage Deine Meinung und so weiter. Das Gute ist: Die Bewegung für Grundrechte scheint neuen Schwung zu haben."

Rose Jackson gehört zu dieser älteren Generation. Sie lebte im Südstaat Alabama bis sie mit ihrem Mann nach Kalifornien kam. Die mehrfache Großmutter spricht vielen aus dem Herzen als sie sagt: "Die USA sind weit gekommen was Gleichberechtigung angeht - siehe Barack Obama im Weißen Haus - aber: Es bleibt viel zu tun."

"Wir haben heute die Freiheit und das Recht, unsere Gedanken auszudrücken. Wir sehen, dass wir Führungspositionen erreichen und selbst Entscheidungen beeinflussen können. Es wird Fort- und Rückschritte geben. So ist das Leben. Nur eins ist wichtig: Jeder muss etwas beitragen, muss selbst Teil der Veränderung sein."

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