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StartseiteDLF-MagazinEin europäischer Deutscher20.02.2014

Martin SchulzEin europäischer Deutscher

In Griechenland kennen sie ihn, in Italien schon lange, und jetzt auch in Israel: Martin Schulz hat sich als Europapolitiker einen Namen gemacht. Und mit der kommenden EU-Wahl will er seinen politischen Aufstieg fortsetzen.

Von Barbara Schmidt-Mattern

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz bei einer Abendveranstaltung (picture alliance / dpa / Olivier Hoslet)
Martin Schulz: von Würselen nach Brüssel (picture alliance / dpa / Olivier Hoslet)
Weiterführende Information

Avi Primor über Martin Schulz: "Eine sehr gute Rede" (Deutschlandfunk, Interview, 13.02.2014)

Nervös? Nein, sagt Martin Schulz, nervös sei er eigentlich nie. Ein letzter Griff in die Keksdose, noch ein Späßchen, und los geht’s. Oben im Krönungssaal des Aachener Rathauses warten Tausend Zuhörer auf ihn - aber was soll da schon schiefgehen? Aachen ist ja nicht Jerusalem.

"Bei meiner Knesset-Rede zum Beispiel, da war ich nicht nervös, da war ich sehr ruhig. Innerlich habe ich immer damit gerechnet, dass irgendwas passiert. "

Also passierte auch was. Zornige israelische Parlamentarier protestierten letzte Woche, weil der Gastredner Schulz als deutschstämmiger Präsident des EU-Parlaments falsche Zahlen über die Wasserversorgung der Palästinenser zitiert hatte. Ein Fehler, der ihn bis nach Aachen verfolgt. Der ihn ärgert und den er gerade erklären will. Aber plötzlich wird es laut draußen, eine Karnevalskapelle spielt vor dem Rathausfenster.

Kurt Beck, der an diesem Vormittag auch in Aachen weilt, kalauert. Und Martin Schulz erlaubt sich einen Moment des Rückzugs. Allein steht er am Fenster und blickt versonnen zu den Karnevalisten auf dem Rathausplatz. Das hier ist seine Heimat - in Würselen, gleich um die Ecke von Aachen, war er mal Bürgermeister.

"Erst seit Ulla Schmidt Ministerin wurde, durftest Du Dich ja zu Aachen bekennen."

Und schon gibt’s wieder Späßchen. Auch auf der Treppe nach oben in den Krönungsaal, wo Martin Schulz gleich über Europas Werte debattieren wird.

Der schnelle Wechsel zwischen Ernst und Humor liegt ihm. Impulsiv und dabei durchaus provokant ist auch der Politikstil des 58-Jährigen. Gemeinerweise hat er die Europäische Union mal mit den Buddenbrooks verglichen: Verfall einer Familie, war sein Stichwort. Dabei ist Schulz geradezu verliebt in die europäische Idee, es hapert nur an der Umsetzung, findet er:

"Aber Leute, begreift eins, weder für die Küche Italiens noch für den Fado in Lissabon, und nicht für die lappländischen Traditionen oder, was weiß ich, hanseatische Kühlheit kriegen unsere Kinder im 21. Jahrhundert Jobs und soziale Sicherheit. "

Wahlkampf mit Köpfen

Da klingt der Wahlkämpfer durch: Am 1. März will sich Martin Schulz in Rom zum Spitzenkandidaten der europäischen Sozialisten aufstellen lassen. Im Frühjahr wird er dann quer durch Europa touren. Mit Botschaften, die jeder versteht.

"Wir werden unsere Ressource Wasser besser verwalten müssen. Was machen wir heute?! Wir normieren Toilettenspülungen und Duschköpfe, um dieses Ziel zu erreichen. Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Da sagen die Leute: Das ist doch nicht normal!"

Klimawandel, Steuerflucht, Jugendarbeitslosigkeit - dafür brauche es eine starke EU, sagt Schulz. Dann schießt er noch vergnügt gegen David Cameron und gegen die AfD, und nach anderthalb Stunden wirkt das Saalpublikum irgendwie geknickt, dass die Zeit schon wieder um ist. Auf der Bühne herrscht hinterher Belagerungszustand. Mittendrin: Martin Schulz.

"Hier hätten Sie’s gerne? Oder da?"

Händeschütteln, Bücher signieren, Fotowünsche erfüllen - Martin Schulz nimmt sich viel Zeit. Ein Großteil seines Fanclubs hier sind indes Parteifreunde, dies ist eine Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Irgendwann geht es dann Richtung Ratskeller. Schulz bestellt Wolfsbarschfilet und kommt ins Erzählen. Gut, dass Europa jetzt endlich mal Wahlkampf mit Köpfen macht, und nicht nur mit Institutionen.

"Kein Mensch geht doch im Bundestagswahlkampf auf die Straße und sagt: Wählen Sie doch den Bundestag, die haben was zu sagen. Also die Personalisierung, der Wettbewerb von Programmen und Köpfen um exekutive Befugnisse ist das Salz in der Suppe der Wahlkämpfe, und das brauchen wir auf europäischer Ebene auch."

Eine Art europäischer Steinbrück

In Italien erkennen die Leute ihn sogar im Supermarkt, erzählt Martin Schulz. Dazu ein Blick, der sagen soll: keine große Sache. Natürlich ist es das doch. Aber sein Understatement ist Ausdruck von Selbstbewusstsein. Daran mangelt es dem gelernten Buchhändler nicht.

"Gerade in Griechenland war ich der erste führende Vertreter einer europäischen Institution, der in dieser Krise den Mut hatte, nach Athen zu fahren."

Schulz - eine Art europäischer Steinbrück, so klingt er jetzt jedenfalls:

"Und ich habe übrigens da auch Klartext geredet, ich hab denen dann nicht nach dem Mund geredet, sondern durchaus gesagt, was ich falsch finde im Land."

Er verschlingt Literatur, schreibt jeden Abend Tagebuch und ist alles andere als ein Aktenfresser. Aber oft eben auch kein Diplomat: In der Schweiz - das ist noch so eine Gemeinsamkeit mit Peer Steinbrück - sind einige gerade ein bisschen sauer auf Martin Schulz, weil er vorab den Volksentscheid zur Zuwanderung kritisch kommentiert hatte. Dann die Sache in der Knesset. Ist seine Nationalität ein Problem im Wahlkampf?

"Ich kann meinem Deutschsein … dem kann man ja nicht entrinnen. Ich will dem ja auch gar nicht entrinnen. Ich mache allerdings auch die Erfahrung, dass ich in anderen Ländern der Europäischen Union, da wo mich die Leute kennen und erkennen, schon sehen, dass ich in erster Linie ein europäischer Deutscher bin."

Letzte Kostprobe seines Selbstbewusstseins: Martin Schulz will nach der Europawahl zum Kommissionspräsidenten aufsteigen, das EU-Parlament wird zum ersten Mal mitreden dürfen:

"Dieses Bild, Angela Merkel entschiede das alleine, ist vielleicht ein bisschen auch die Ursache dafür, dass wir immer eine Debatte über Deutschland haben. Ich werde ja auch im Ausland immer gefragt: Unterstützt Frau Merkel Sie denn? Ich kann dem immer nur entgegenhalten, wenn sie die SPD wählt, ja. Aber ich glaube, das wird sie nicht tun."

Martin Schulz sieht nicht so aus, als ob ihn das deprimiert. Es spornt ihn eher an.

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