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StartseiteDLF-Magazin"Maschseemafia" aus Hannover15.12.2011

"Maschseemafia" aus Hannover

Freundschaftsdienst für den Ministerpräsidenten

Die Gattin des Unternehmers Egon Geerkens war nicht die Einzige, die Bundespräsident Christian Wulff eine Gefälligkeit erwies. Es reihen sich Carsten Maschmayer oder der ehemalige Air-Berlin-Chef Joachim Hunoldt ein. Politikwissenschaftlerin Teresa Nentwig spricht von "Maschseemafia" in der niedersächsischen Politik.

Von Susanne Schrammar

Ein nachdenklicher Bundespräsident Christian Wulff (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Ein nachdenklicher Bundespräsident Christian Wulff (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Für einen Mann, dessen Vermögen auf knapp 900 Millionen Euro geschätzt wird, fiel die Feier zu seinem 50. Geburtstag geradezu bescheiden aus: In der Villa im hannoverschen Osten gab es Sushi und Spargel, im Garten leuchtete ein kleines Feuerwerk und eine Band spielte Musik aus fünf Jahrzehnten. Doch spätestens die Gästeliste verriet, dass am 8. Mai 2009 einer der einflussreichsten Männer der Republik hier feierte: Carsten Maschmeyer, Gründer des umstrittenen Finanzdienstleisters AWD. An diesem Abend in Hannover tanzte Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Showgeschäft Seite an Seite. Nicht zum ersten Mal: Gerhard Schröder, Scorpion-Sänger Klaus Meine, Guido Westerwelle, der Bruder von Thomas Gottschalk, Ursula von der Leyen, RWE-Chef Jürgen Großmann - und Christian Wulff. Genau wie Altkanzler Schröder ließ es sich der damalige niedersächsische Ministerpräsident auch nicht nehmen, wenige Wochen später dabei zu sein, als Carsten Maschmeyer an der Universität Hildesheim die Ehrendoktorwürde verliehen wurde.

"Carsten Maschmeyer ist jemand, der sich für andere Menschen in besonderer Weise interessiert und zwar ganz unterschiedliche - wir sehen's ja gleich, wer alles da ist, aus Musik, Kultur, Sport, Politik."

Ja, Maschmeyer sei sein Freund, antwortete Wulff dann auf die Frage eines Fernsehteams und ist laut "Bunte" auch sehr stolz darauf, dass er "Maschi" mit der Schauspielerin Veronika Ferres verkuppelt hat. Die freundschaftliche Nähe zu Wirtschaftsgrößen, sie hat dem Bundespräsidenten in der Vergangenheit jedoch auch viel Ärger eingebracht. Der aktuelle Fall des Privatkredits durch die Juweliers-Gattin Edith Geerkens ist nicht die erste Gefälligkeit, die Wulff von seinen Wirtschaftsfreunden spendiert bekommen hat. So verschaffte der damalige Air-Berlin-Chef Joachim Hunoldt Familie Wulff 2009 ein kostenloses Upgrade für den Flug in die Weihnachtsferien. Die eigentlich fälligen 3000 Euro zahlte der niedersächsische Ministerpräsident erst, als der Verstoß gegen das Landesministergesetz publik wurde. Übrigens untergekommen sind die Wulffs während des Weihnachtsurlaubs im Florida-Domizil der Familie Geerkens. Dann frisch zum Bundespräsidenten gekürt, verbrachte der CDU-Politiker mit Frau und Kindern seinen Sommerurlaub 2010 in der 11-Millionen-Euro-Villa von -Carsten Maschmeyer. Zwar will Wulff einen marktüblichen Mietpreis gezahlt haben, doch nicht nur die CDU bekam bei so viel Mangel an Fingerspitzengefühl Magenschmerzen. In Niedersachsen ist so viel Nähe zwischen Politik und Wirtschaft allerdings kein Einzelfall. Man kennt sich - schließlich laufen sich die wichtigsten und reichsten Köpfe des Landes immer wieder über den Weg. Politikwissenschaftlerin Teresa Nentwig vom Göttinger Institut für Demokratieforschung:

"Manchmal spricht man auch von "Maschseemafia" aus Hannover, wo sich einfach Verbindungen herauskristallisiert haben, wo die Leute abends zum Essen gehen. In Braunschweig im Endeffekt war es genauso, da wurde ja auch vom "System Glogowski" schon gesprochen. Da scheint Niedersachsen ganz anfällig für gewesen zu sein."

Stichwort Gerhard Glogowski: Der SPD-Politiker ging mit der kürzesten Amtszeit als Ministerpräsident in die niedersächsische Geschichte ein. Nach nur 13 Monaten musste Glogowski, der 1998 nachgerückt war, als Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde, seinen Stuhl schon wieder räumen. Auf seiner Hochzeitsfeier sieben Monate nach der Ernennung hatten zwei Brauereien und ein Kaffeeröster kostenlos ausgeschenkt, Urlaubsfahrten soll Glogowski als Dienstreisen abgerechnet und sich von der TUI die Hochzeitsreise nach Ägypten bezahlt haben lassen. Bei seiner Rücktrittserklärung von Einsicht jedoch keine Spur.

"Das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten, meine persönliche Integrität und Ehre und auch meine Familie haben unter diesen unberechtigten und unbewiesenen Vorwürfen gelitten."

In der Glogowski-Affäre gehörte Christian Wulff übrigens zu seinen stärksten Kritikern. Sein Vorwurf: Schon der "Schein von Abhängigkeit" sei ein Problem für die Würde des Ministerpräsidentenamtes. Doch während die einen über das Netzwerk von Politik und Wirtschaft stolperten, kamen andere heil davon. Auch Gerhard Schröder pflegt eine besondere Freundschaft zu Carsten Maschmeyer. Der Finanzmogul soll Hunderttausende für den Kanzlerwahlkampf bereitgestellt haben, hat die Rechte an Schröders Memoiren gekauft und nimmt den Altkanzler gern auch mal in seinem Privatjet mit. 1998 - vor der SPD-Kandidatenentscheidung zwischen Schröder und Lafontaine - ließ Maschmeyer landesweit Großanzeigen im Wert von 600.000 Mark schalten. Text: "Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein". Später profitierten Finanzdienstleister wie Maschmeyers AWD in der Ära Schröder von der Einführung der Riesterrente. Ein Schelm, der Böses dabei denkt ... Wulff, Schröder, Glogowski - sie alle eint nicht nur, dass sie die Nähe zu reicher Wirtschaftsprominenz suchen und den damit verbundenen Luxus offenbar auch gern genießen. Sie alle, sagt Politikwissenschaftlerin Teresa Nentwig, stammen zudem aus einfachen Verhältnissen. Arbeiterkind Schröder kämpfte sich auf dem zweiten Bildungsweg in die erste Politliga. Auch Gerhard Glogowski, Sohn des Chauffeurs von Kurt Schumacher und gelernter Werkzeugmacher, wurde nicht mit einem Silberlöffel im Mund geboren.

"Bei Christian Wulff war es eigentlich auch so. Seine Eltern haben sich sehr früh scheiden lassen, er hat sich dann um seine kranke Mutter gekümmert. Über Schülerbafög konnte er dann die Oberstufe besuchen, hat dann mit 'nem Stipendium von der Konrad-Adenauer-Stiftung studiert und ist dann irgendwie auch aufgestiegen. Und wenn die Politiker dann oben angekommen sind, wollen sie auch das haben, was andere vielleicht einfach in die Wiege gelegt bekommen haben. Und dass es dann leicht zu Grenzüberschreitungen kommen kann."

Übrigens: auch Carsten Maschmeyer erzählt gern, dass er aus kleinen Verhältnissen stammt, sich als Sohn einer Alleinerziehenden mit prügelndem Stiefvater ganz nach oben gekämpft hat. Jetzt teilt Maschmeyer seinen Reichtum offenbar gern mit seinen Freunden.

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