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StartseiteKommentare und Themen der WocheLebenslang, nicht nur für Ratko Mladic25.11.2017

Massaker von SrebrenicaLebenslang, nicht nur für Ratko Mladic

Dass Ex-General Ratko Mladic zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, lindere zwar die große Last der Ungerechtigkeit, kommentiert Gerwald Herter. Dennoch sei er für viele Serben immer noch ein Held. Nur Mladic selbst wäre es möglich gewesen, das durch ein Bekenntnis zu seinen Verbrechen zu ändern - doch der denke nicht daran.

Von Gerwald Herter

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Der serbische Ex-General Ratko Mladic bei der Urteilsverkündung in Den Haag (dpa / ICTY/AP)
Der serbische Ex-General Ratko Mladic bei der Urteilsverkündung in Den Haag: (dpa / ICTY/AP)
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Lebenslang für Ratko Mladic: 22 Jahre nach dem Ende des Krieges in Bosnien ist die große Last der Ungerechtigkeit mit diesem Urteil zwar etwas kleiner geworden. Leider aber wiegt sie immer noch sehr schwer. Die Familien der Ermordeten, vergewaltigte Frauen, Gefolterte, Invalide, auch sie werden bis ans Ende ihres Lebens mit dem zurechtkommen müssen, was in Srebrenica geschah oder in Sarajevo und in vielen anderen Orten wie Gorazde oder Foca. Kriegsverbrecher wie Mladic wüteten dort, und sie wurden daran nicht wirksam gehindert.       

Richter und Staatsanwälte des UN-Tribunals für Jugoslawien haben in vielen, wenngleich nicht allen Verfahren, Arbeit geleistet, die Anerkennung verdient. Im Prozess gegen Ratko Mladic sind sie der Wahrheit so nahe gekommen, wie es irgend möglich war. Doch andererseits waren ihre Mittel begrenzt, das hat sich auch in dieser Woche gezeigt. Der Verteidiger von Mladic hatte dafür gesorgt, dass die Verkündung des Urteils verspätet begann, weil sich sein Mandant noch medizinisch untersuchen ließ.

Aus Gründen, die angeblich mit dessen Gesundheit zusammenhingen, beantragte er den Aufschub des Verfahrens. Der Vorsitzende Richter lehnte das ab. Mladic begann herumzuschreien, wurde deshalb aus dem Gerichtssaal geführt. Wie auf Bestellung folgten Reaktionen aus Belgrad. "Todesurteil" für Mladic, so eine Schlagzeile und es gab viele ähnliche Kommentare.

"Ich bin hier Gott"

Was sollen seine Opfer davon halten? Menschen also, deren Angehörige tatsächlich tot sind, die in der Enklave Srebrenica erleben mussten, wie skrupellos Mladic schon im Sommer 1995 war, als er in die sogenannte "UN-Schutzzone" einmarschierte. Vor den Fernsehkameras ließ er Getränke, Süßigkeiten und Zigaretten an die Menschen verteilen, die in Potocari, den Beistand der niederländischen UN-Soldaten suchten. Als die Kameras nicht mehr liefen, bekamen sie ein völlig anderes Gesicht des Ratko Mladic zu sehen. "Ein Dreck bist Du", sagte er dem niederländischen UN-Kommandanten Karremans und weiter, "Ich bin hier Gott".

Tatsächlich aber verhielt sich Mladic teuflisch. Ein Mann aus der so genannten bosnischen "Delegation", die mit ihm sogenannte "Verhandlungen" führen musste, nahm sich danach sofort das Leben. Er ahnte wohl, was da kommen würde: die Exekution tausender Menschen - vor allem waren es Jungen und Männer, die in den folgenden Tagen, in geradezu industriellem Maßstab ermordet wurden. 

Dass Mladic für so viele Serben, ob in Bosnien oder in Belgrad, immer noch ein Held ist, mag überraschen. Nur ihm selbst wäre es möglich gewesen, das durch ein Bekenntnis zu seinen Verbrechen zu ändern, doch er denkt nicht daran. Im Gegenteil - Mladic will in Berufung gehen.

Mladic ist schuldig, andere sind mitschuldig

Es wäre falsch vom Urteil des Haager Tribunals gegen den Kriegsherren der bosnischen Serben zu viel zu erwarten. Bis vor wenigen Jahren hielt er sich noch unbehelligt in Serbien auf. Mladic war dort weit populärer, als die bosnisch-serbischen Politiker. Der amtierende serbische Präsident Vucic wollte einst Straßen nach Mladic benennen. Nach dem Urteil plädiert er nun dafür, in die Zukunft zu blicken.

So feige die Reaktionen vieler serbischer Politiker und so verbohrt die Reaktionen vieler anderer Serben auch sind: In erster Linie kommt es nicht auf sie an. Es geht schlicht darum, einen Mann zu bestrafen, der ein Massenmörder ist. Den wenigen bosnisch-serbischen Soldaten, die sich seinen Befehlen widersetzten, muss außerdem bestätigt werden, dass sie richtig gehandelt haben. 

Wer will es den überlebenden Opfern verdenken, dass sie noch weitere Rechnungen aufmachen? Mladic und viele andere Kriegsverbrecher sind schuld, doch andere mitschuldig. Die Niederlande haben sich viel Mühe damit gegeben, die Rolle ihrer Blauhelmsoldaten in Srebrenica und Potocari kritisch zu untersuchen. Nicht allein sie haben versagt. Die angeforderten Luftangriffe blieben aus. Die Vertreter der Vereinten Nationen, der Internationalen Gemeinschaft, darunter viele französische Militärs - sie hätten handeln müssen, um das, was in Srebrenica geschah zu verhindern. 

Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter studierte Geschichte und Internationale Beziehungen in München und Straßburg. Tätigkeit im Institut für Zeitgeschichte, freie Mitarbeit bei ARTE und beim ARD-Fernsehen. Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. BR-Korrespondent zunächst in Bonn, dann in Brüssel, anschließend Leiter des ARD-Studios Südosteuropa, später ARD-Terrorismusexperte. Ab 2011 Leiter der Dlf-Redaktion Europa und Außenpolitik in der Abteilung Hintergrund. Seit Juli 2017 Dlf-Sicherheitsexperte.

 

 

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