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StartseiteBüchermarktRuhiger Blick auf einen Prager Sommer26.01.2015

Max BrodRuhiger Blick auf einen Prager Sommer

Max Brod war der beste Freund von Franz Kafka. Als Autor aber ist er weitgehend vergessen. Dabei schrieb er in den 20er-Jahren wahre Bestseller. Jetzt liegen zwei weitere Bücher einer Auswahlausgabe seiner Schriften vor. Und darin entführt Brod in die goldenen 20er-Jahre Prags.

Von Tobias Lehmkuhl

Der Schriftsteller Max Brod am 27. Juni 1964 in Prag. (dpa / picture alliance / )
Max Brod am 27. Juni 1964 in Prag. Er wurde 1884 in Prag geboren und starb 1968 in Tel Aviv. (dpa / picture alliance / )
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"Seit vielen Jahren lebe ich in Tel Aviv. Aber es ist mir nie aufgefallen, dass es auch hier Nebelwetter gibt. Erst heute. Vielleicht hat es auch wirklich all die Jahren keinen Nebel gegeben. Dieser Naturerscheinung war ich jedenfalls völlig entwöhnt - in Prag war sie mir natürlich lieb und vertraut gewesen. Hier jedoch, in der weißen Stadt an der blauen See, unter dem fast immer strahlenden Himmel, der sich nur im Winter durch stürzende Regenmassen trübt, hatte ich wirklich schon ganz vergessen, dass so etwas wie Nebel existiert."

1939 war Max Brod nach Palästina emigriert, als einer von gerade einmal zehn tschechischen Juden hatte er eine Einreiseerlaubnis der britischen Behörden erhalten. Hier sollte er noch fast 30 Jahre lang leben, bis zu seinem Tod 1968. Richtig heimisch ist er, der überzeugte Zionist, im neuen Staat Israel allerdings nicht geworden. Prag und seine Nebel blieben ihm immer präsent. Ganze sieben seiner Bücher widmeten sich nach dem Zweiten Weltkrieg, mal mehr, mal weniger romanhaft verkleidet, der eigenen Herkunft. Da mag sich die uns heute so vertraut erscheinende Tel Aviver Gegenwart des Jahres 1948 noch so lautstark in den Vordergrund drängen - ganz gelingt es ihr nicht:

"Die Büros und die Werkstätten arbeiten, die Läden und Cafés sind überfüllt, aus den Kinos strömen Menschenmassen, an der Theaterkasse steht man Schlange. Aber dann liest man in der Zeitung: Da und dort hat es eingeschlagen, in ganz fernen Gassen, einen hat's im Friseurladen getroffen, zwei Frauen auf dem Markt beim Einholen. Sieben Verletzte an einem Tag. Dann wieder tagelang nichts, es wird überhaupt nicht geschossen. Plötzlich klack-klack, stundenlang - aber ins Leere."

So heißt es in "Beinahe ein Vorzugsschüler", dem "Roman eines unauffälligen Menschen". Er handelt von Viktor Freud, einem Schulkameraden, den Brod stets bewundert hat, wie er ernste, bedächtige, klug-abwägende Menschen immer bewundert hat. Denn er spürte, dass sie ihm, dem eigentlichen Vorzugsschüler, dem Überflieger und Hans-Dampf-in-allen-Gassen auf gewisse Weise überlegen waren.

Erinnerung an den Freund Viktor Freud

Romanhaft sind diese Erinnerungen an die kaiserlich-königlichen "Mittelschul-Unterrichtsanstalten" und an Viktor Freud, der in Auschwitz ermordet wurde, jedoch ebenso wenig wie der nun ebenfalls wieder vorliegende "Roman einer Redaktion" wie das Buch "Prager Tagblatt" im Untertitel heißt. Auch wenn Brod hier einen fiktiven Rahmen schafft und anders als in "Beinahe ein Vorzugsschüler" nicht unter eigenem Namen auftritt, handelt es sich doch eher um ein dokumentarisches als um ein fiktives Werk.

"Es war eine übermütige Redaktion, dies Prager Tagblatt, die lustigste, die ich je gesehen habe. Und dabei war ich während meiner Bohème-Zeit als Gast in Pariser, Berliner und Wiener Redaktionen viel herumgekommen. Welch verbissener Berufsernst überall! Etwas Frische und Witz flackerte freilich in jeder dieser Nachrichtenbuden auf, das gehörte ja gewissermaßen zum Métier. Doch anderwärts flackerten die Irrlichter nur geduldeterweise und nebenher. Hier dagegen, im Prager Tagblatt, wurden sie angebaut und gepflegt. Es war eine Irrlichter-Plantage."

Das bemerkenswerteste der drei neu aufgelegten und von Hans-Gerd Koch und Hans Dieter Zimmermann herausgegebenen Werke, ja eins der schönsten Bücher von Max Brod überhaupt ist fraglos "Der Sommer, den man zurückwünscht", ebenfalls ein autobiografisches Erinnerungsbuch, getarnt nur durch einen sehr fadenscheinigen Mantel der Fiktion: Zwar heißt der pubertierende Protagonist eingangs Erwin, immer wieder aber vergisst Brod diesen Umstand und schreibt statt Erwin ich.

Zarte Bande mit einem Dienstmädchen

Dieser Max-Erwin also fährt mit seinem etwas jüngeren Bruder und der Mutter in die Sommerfrische an die Ostsee, nach Misdroy. Der Vater muss zuhause bleiben und Geld verdienen. Er ist ohnehin eine Schattengestalt im Leben des Jungen, ein guter aber schwacher Mensch, der den Neurosen seiner Frau nichts entgegenzusetzen hat. Diese jähzornig und irrational zu nennen ist das Mindeste. Kein Dienstmädchen hält es länger als zwei Wochen bei ihr aus und sie hält es nicht länger mit irgendeinem Dienstmädchen aus. Zwar kennt Erwin beziehungsweise Max das Eskalationsszenario genau, doch gelingt es ihm nicht, die Mädchen vor seiner verrückten, gleichwohl geliebten Mutter zu schützen, auch nicht Zdenka, die mit nach Misdroy genommen wurde, und mit der Erwin zarte Bande knüpft.

"Sie presste ihren Körper mit einer leichten Bewegung an den seinen. Eine unbekannte Wärme umfasste ihn. Ein seltsamer Geruch von welligen, leichten Haaren und Seife war dabei. Es fiel ihm aber nicht ein, seinen Arm um den Rücken des Mädchens zu legen. Doch das ganze Zimmer war ihm mit einem mal fremdartig geworden."

Die Hauptrolle für Erwin spielt gleichwohl sein über alles geliebter Bruder Otto. Ähnlich lebensklug und selbstgewiss ist er Viktor Freud verwandt. Und wie der ehemalige Schulkamerad kommt auch Otto, der reale Otto Brod, in Auschwitz um. "Der Sommer, den man zurückwünscht" ist eine Art Hommage an ihn, allerdings ist sie nicht von schwermütiger Nostalgie geprägt. Vielmehr glänzt die Zeit der Jahrhundertwende noch einmal in goldenen Farben: das Fußball- und Billard-Spiel mit den befreundeten Söhnen der Familie Speyer, die Suche nach Bernsteinen, die Musik der Kurkapelle und der erste Anblick des Meeres.

"In Misdroy angelangt, war denn ihre erste Sorge, das Meer zu begrüßen. Die Mutter war allerdings mit diesem Ritual nicht einverstanden, sie wünschte, dass jeder beim Auspacken tüchtig mithelfe. Aber in diesem Fall hätte auch eine noch stärkere Autorität die Leidenschaft der Kinder nicht bändigen können. Ungestüm eilten sie durch den Kurpark, stürmten den steilen Weg am Kurhaus vorbei zur Strandpromenade empor. Hier, dem grau-hölzernen Herrenbad gegenüber, blieben sie atemlos stehen - da war es wirklich, dieses unglaubliche, durch keine Fantasie in solcher Kraft heraufzubeschwörende Element, ein stählern glänzendes Riesenschild. Diese steil und schrecklich erhobene, geradezu vertikal aufgerichtete Wasserwand in weißflammender Sonne, vor der einem die Augen wehe taten."

So ist dieser Sommer voll von Bildern und Erlebnissen, schönen wie unschönen. Max Brod entfaltet sie mit ruhiger Hand, ohne Dramatik, ohne grelle Effekte. "Der Sommer, den man zurückwünscht" gleicht einer Meditation. Ihre ruhige Kraft strahlt auch auf den heutigen Leser aus.

Buchinfos:
+ Max Brod: "Der Sommer, den man zurückwünscht. Beinahe ein Vorzugsschüler", Wallstein Verlag, Göttingen 2014, 386 Seiten, Preis: 29,90 Euro
+ Max Brod: "Prager Tagblatt", Wallstein Verlag, Göttingen 2014, 432 Seiten, Preis: 29,90 Euro

 

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