Samstag, 18.11.2017
StartseiteCampus & KarriereEine Rede, die die Wissenschaft veränderte07.11.2017

Max Weber Eine Rede, die die Wissenschaft veränderte

Ob in der Ökonomie, in der Soziologie oder in den Kulturwissenschaften: Den Universalgelehrten Max Weber kennt heute fast jeder Studierende. Seine Arbeiten sind nach wie vor feste Größen auf den Literaturlisten etlicher Seminare. Wirklich berühmt machte ihn jedoch sein Vortrag "Wissenschaft als Beruf" 1917 in München.

Von Lukaus Meyer-Blankenburg

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Studenten tummeln sich im Foyer der LMU München, Vogelperspektive (imago/stock&people/HRSchulz)
Auch die Studierenden von heute an der LMU München kennen noch Max Weber und dessen berühmte Rede von 1917: "Wissenschaftals Beruf" (imago/stock&people/HRSchulz)
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"Ich bin Theresa Vollmer, bin 27 Jahre alt und Soziologin, und es ist tatsächlich so, wie Weber sagt: Ich mache Wissenschaft der Wissenschaft wegen."

"Mein Name ist Robert Skwirblies, ich bin 37 Jahre alt, und ich bin zurzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin. Und der ideale Wissenschaftler ist, denke ich, jemand, der die Balance findet zwischen dem in sich selbst ruhen – also ein konsolidiertes, mit viel Sachwissen stabilisiertes Weltbild hat, das aber eben nicht absolut gesetzt wird."

Neugierig, aber nicht allwissend – so sehen sich junge Wissenschaftler wie Vollmer und Skwirblies heute. Und so verstand auch Max Weber die Aufgabe des modernen Wissenschaftlers. In seinem Vortrag "Wissenschaft als Beruf" beschrieb Weber, was ein Wissenschaftler sein sollte – und was nicht. Seine Thesen waren bahnbrechend. Denn Weber stellte fest:

Der Soziologe Max Weber (imago / ZUMA / Keystone)Der Soziologe Max Weber (imago / ZUMA / Keystone)

"Dass Wissenschaft heute ein fachlich betriebener Beruf ist im Dienst der Selbstbesinnung und der Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge, und nicht eine (…) Offenbarungen spendende Gnadengabe von (…) Propheten oder ein Bestandteil des Nachdenkens von (…) Philosophen über den Sinn der Welt – das freilich ist eine unentrinnbare Gegebenheit unserer historischen Situation."

Wissenschaft als persönliche Richtschnur

"Es war die Zeit des Endes des Ersten Weltkrieges, der Katastrophe, des Zusammenbruchs des Kaiserreiches und viele erwarteten von den Wissenschaften Orientierung und Erklärung, wie das persönliche und das politische Leben weitergehen sollten."

Der Oldenburger Ideenhistoriker, Professor Matthias Bormuth, hat pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum eine Neuauflage von Webers Rede veröffentlicht.

"Das heißt: Die Versuchung des Wissenschaftlers zum Katheder-Propheten zu werden, wie das Weber nannte, war sehr hoch. Und Weber wollte diese Erwartung auf Sinnstiftung durch die Wissenschaften in Politik und privatem Leben ernüchtern."

Das Werkzeug zum eigenen Denken

Viele Studierende erhofften sich von den Akademikern Ratschläge in Sachen Lebensführung. Ein Wunsch, den es auch heute noch gibt, wie die Soziologin Theresa Vollmer beobachtet.

"An der Stelle muss man auch ein bisschen entromantisieren und sagen: so, wir liefern euch jetzt nicht die objektive Wirklichkeit, sondern wir liefern euch bloß das Werkzeug zu reflektieren und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln."

Die Kulturwissenschaftlerin Mareike Vennen, 35 Jahre, ergänzt:

"Ich glaube, Wissenschaft kann oder sollte keine Handlungsanweisung im konkreten Sinne einer zum Beispiel moralischen oder wissenschaftlichen Anleitung sein."

"Ich sehe Weber schon fast als historischen Text, weil wir heute doch mit Situationen konfrontiert sind, gerade in der Wissenschaft, die sich sehr stark unterscheiden. Das Anträge schreiben, das Drittmittel einwerben, das sich um die Außenwirkung kümmern, das sich immer rechtfertigen müssen, das ist ne große Bürde (…) Und dass eben Wissenschaft an sich keine unbedingte Rechtfertigung ist, sondern man immer stärker fragt: ja, wozu ist das gut, was hat man davon, was gewinnt man davon, was ist der Mehrwert und natürlich: was kann man davon zu Geld machen?"

Heute hätte Webers Rede andere Schwerpunkte

Der ökonomische Rechtfertigungsdruck hat zugenommen – ebenso wie die Bürokratie. Weber würde diese Aspekte heute kritisieren, sagt der Ideenhistoriker Bormuth:

"Ich glaube, die heutige Rede würde wesentlich stärker die Schattenseiten eines Versuches, wissenschaftliches Leben bürokratisch einzufassen, zu kontrollieren, in den Blick nehmen und sagen, wir brauchen mehr Freiräume für diejenigen, die wirklich zum Beruf der Wissenschaft entschieden sind, damit sie ihre Kreativität umsetzen können."

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